Zeltlager an der oberen Kyll

Heilpädagogische Initiative der Kinderhilfe Düsseldorf

Günther Heerwagen, Birgel

Noch ehe die Autofahrer von Birgel Richtung Gerolstein die sogenannte »Römerstraße« benutzen konnten, suchte sich Franz Bößer (Bildhauer und Sozialpädagoge) für ein heilpädagogisches Zeltlager der städtischen Kinderhilfe Düsseldorf (früher sagte man Waisenhaus) einen Zeltplatz, der seinen auf lange Sicht angelegten erzieherischen Zwecken und Idealen dienen sollte.

Er fand ihn an der Stelle, wo man seit fast fünfzehn Jahren im Juli - August die weißen Zelte finden kann; direkt an der Kyll, auf einer großen Wiese, am Waldrand. Bis zu dreißig Kinder mit Pferden, Ziegen, Hühnern, Enten bilden jedes Jahr eine von vielen Einheimischen wohlwollend begrüßte Gemeinschaft. Bößers Gruppen bestehen seit den Anfängen aus Jungen und Mädchen im Alter von 4 bis 18 Jahren und die Kinder dürfen so lange mitfahren, bis sie der Heimaufsicht entwachsen sind. Sie lernen hier die Natur, den Zeltplatz und die Eifel schätzen und lieben und sie haben mit den Jahren eine Bindung gerade zu ihrem Zeltplatz entwickelt, der die schönsten Tage ihres jungen Lebens ermöglicht hat. Zeltlager gibt es viele, doch was ist der Unterschied? Franz Bößer hat keinen Anordnungsplan. Er bietet Anregungen und ganz von selbst greifen einige Kinder die Hilfe auf, andere ziehen aus Rivalitätsdenken unbewußt nach. Und jedes Jahr kann auf die Erfahrungen der Vorjahre zurückgegriffen werden, kontinuierlich lernen die jüngeren von den Älteren und die Großen entwickeln weiter. 1983 erreichte der Hüttenbau am Kyllufer eine Perfektion, die darin gipfelte, daß fast jede Hütte im Inneren einen aus Ziegelsteinen gebauten Ofen enthielt, dessen Feuerstelle so klein war, daß sie gerade ausreicht, die Hütte etwas zu erwärmen. Der Drang aller Kinder zu zündeln und ein möglichst großes Feuer zu entfachen ist im Laufe der Jahre durch Selbsterkenntnis soweit pädagogisch gelenkt, daß sie erkannt haben, daß ein großes Feuer mehr Brennstoff erfordert, aber nicht so lange anhaltend brennt. Sie bescheiden sich mit der nützlichen Glut, die meisterhaft beherrscht, nun gezügelt die Hütte wärmen kann.

Abenteuerspiele sind unnötig. Das Leben im Lager ist Abenteuer genug. Da gilt es eine Brücke über die Kyll zu bauen, da ist Material für die Hütten (mit Genehmigung des Forstamts) aus dem Wald zu holen, da ist langes Gras zu schneiden, auf der ehemaligen Birgler Müllkippe Tonrohre und Ziegelsteine und anderes Baumaterial zu Fuß zu holen. Es wird gewebt, mit Kyllton getöpfert, die Umgegend erwandert; es werden Blumen gesteckt und Strohpuppen gebastelt. Und eines Tages ist es so weit! Am Tag der Selbstverpflegung sollen die Kinder, ausgerüstet mit Geld, ihre Lebensmittel in Lissendorf selbst einkaufen. Die Hütten erfüllt Leben, die Öfen rauchen und nun wird auch in den Hütten gegessen und gewohnt. Ab und zu kommen Franz Bößer und seine Mitarbeiter und kosten die stolz angebotenen Proben der Küchenkunst; Pizza auf einem Stück Blech, Spiegeleier auf einem heißen Stein, Pellkartoffeln aus der Asche. Hierbei lernen die Kinder nicht nur Kochen, sie lernen auch die Arbeit zu würdigen, die Einkaufen, Nachhausetragen und Essenbereiten bedeutet, für Heimkinder sonst nicht zu erwerbende Kenntnisse. Zum Glück gibt es aber an den anderen Tagen von den Lagerleitern selbst bereitetes Essen, welches am immer blumen-geschmückten großen Tisch eingenommen wird. Essen soll nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern auch etwas fürs Auge sein. Leckeres Essen macht auch die Unbillen des Wetters erträglich und nur einmal mußte man vom Zeltplatz wegen eines plötzlich auftretenden Hochwassers weichen.

1983 war der Aufenthalt nicht ungetrübt. Interessen von Angelverein und Jagdpächter standen den Kindern als »Störer« entgegen. Doch auch 1984 waren die Zelte wieder zu sehen, dank Fürsprache einiger Bürger und der Unterstützung des Landrats. Zwar waren einige Auflagen des Umweltschutzes zu beachten, aber dies war immer das Ziel des Organisators, den Kindern einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur zu vermitteln. Wenn das Lager geräumt war, konnte der Eigentümer der Wiese immer sagen, daß alles sauber hinterlassen wurde und bereits im September haben Pestwurz und Brennesseln alle Lücken im Uferbereich geschlossen. Und dreißig junge Menschen im fernen Düsseldorf hoffen auf die Wiederkehr zu froher Erholung im Zeltlager an der Kyll.