Kuhhirte Serwas

Seine Liebe galt Mensch und Tier

Peter Jakobs, Simmern

 

Man hätte die Uhr darauf einstellen können, am frühen Vormittag und frühen Nachmittag, immer zur gleichen Zeit schallte das Horn des Gemeindekuhhirten Anton Serwas durch den Eifelort Niederbettingen.

Seine Aufgabe, das Rindvieh des ganzen Dorfes zu hüten, nahm er viele Jahre wahr. Aus der Reihe seiner Vorgänger und Nachfolger ragt Anton Serwas mit Abstand hervor; er war bei Mensch und Tier gleichermaßen beliebt.

Die Langschläfer des Ortes wurden gegen 8.00 Uhr am Morgen vom Hornsignal des Kuhhirten aus dem Schlaf geweckt, das Vieh im Stall reagierte unruhig. Frauen und Mädchen, die den Melkvorgang per Hand noch nicht abgeschlossen hatten, mußten sich beeilen, Kühe und Kälber wurden losgebunden und gingen zur Straße.

Alles verlief genau nach Plan. Die Herde von nahezu 80 Tieren war vormittags an der »Alten Kyll« und da mußte die Bahnstrecke Trier-Köln überquert werden. Dann blieb das Vieh auf den Gemeindewiesen, doch nicht nach Gutdünken, Stück für Stück wurde ihm freigegeben. Gegen Mittag begab sich die Herde auf den Heimweg. Da war dem Hirten sein hervorragend ausgebildeter Hund eine große Hilfe. Den Mittag verbrachten die Tiere in den Stallungen. Die zweite Runde begann gegen halb fünf. Wieder ertönte das Hörn, diesmal führte der Weg in die andere Richtung, auf die »Hasselbach«. Nach 3 bis 4 Stunden intensiver Weide ging das Vieh unter Geleit von Hirt und Hund in die Heimatställe. Auswärtige Besucher, Städter und später die »Einquartierten« kamen aus dem Staunen nicht heraus, daß die Tiere aus eigenem Antrieb ihren Stall wiederfanden. Es war selten, daß eine Kuh sich in einen fremden Stall verirrte.

Am Micheltstag im September war es dann soweit, da wurde die ganze Flur für die Gemeindekuhherde freigegeben.

Verwöhnt waren die Tiere in der Gemeinde Niederbettingen nicht, die Kost war oft mehr als mager. Vornehmlich nach langer Trockenheit boten die beiden Gemeindewiesen längere Zeit kaun noch Graswuchs und man hatte den Eindruck, daß der Austrieb mehr der Geselligkeit diente. Es blieb den Besitzern der Tiere nichts anderes übrig, als am Abend im Stall eine Fütterung mit Klee oder Gras vorzunehmen, wollte man auch nur eine geringe Milchleistung erzielen, und auf die war man angewiesen.

Anton Serwas war das, was die Bibel schon den »guten Hirten« nennt. Er liebte das Vieh und seine Arbeit, zeigte große Verbundenheit mit den Tieren. Jedes Tier kannte er mit Namen und ebenso seinen Besitzer. Er wußte um gute und weniger gute Tugenden der Rindviehcher und machte die Besitzer auf alles aufmerksam. So, wenn die Kuh besser im Stall bliebe, da sie wohl »stierig« sei. In all den Jahren ist es nicht vorgekommen, daß eine Kuh oder ein Kalb in einen Autounfall verwikkelt wurde, obwohl während Auf- und Abtriebs der langen Herde die Dorfstraße längere Zeit blockiert war. Gute Verbindungen hatte er auch mit dem Schrankenwärter der Bahn, der informierte ihn über den richtigen Zeitpunkt der Überquerung der Bahnstrecke. Da ist es nie zu einem Unfall gekommen.

Über das, was man heute Honorar oder Lebensqualität nennt, habe ich mir im vorliegenden Falle Gedanken gemacht und Nachforschungen angestellt. Anton Serwas war eine kluger und bescheidener Mann. Einen besseren Hirten für die Gemeindeherde hätte man nicht finden können, in der Zeit seiner Nachfolger wurde er schmerzlich vermißt. Er füllte seine Aufgabe mit Stolz aus, er war eben der »Kuhhirte der Gemeinde« und seine Abwahl oder Verdrängung hätte er kaum überwunden. Wie kam es nun Jahr für Jahr zu der von ihm geliebten Aufgabe?

Anton Serwas, der Kuhhirte von Niederbettingen.

Vor Beginn der Weidesaison machte er der Gemeinde ein Pauschalangebot, das sich auf DM 500.- DM 600.- für die ganze Zeit belief. Die Hälfte des Betrages war am Jakobstag, also am 25. Juli fällig. In den ersten Jahren seiner Tätigkeit kassierte der Kuhhirte selbst, später bekam er sein Honorar von der Amtskasse Hillesheim, die es dann auf die Tierhalter per Steuerzettel umlegte. Verpflegt wurde Anton Serwas in der Zeit seiner Tätigkeit von denTierhaltern und zwar war er soviel Tage bei den Bauern in Kost, wie man anzahlmässig Vieh bei seiner Herde hatte. Auch der Hund wechselte in dieser Art ständig in der Unterhaltung. Wir Kinder hatten es gerne, wenn der «Köhert« (Kuhhirte) bei uns zu Gast war, dann lauschten wir den interessanten Gesprächen. Zu Hause hatte Anton Serwas eine Großfamilie zu betreuen, er hatte fünf Kinder und war mit Sicherheit nicht auf Rosen gebettet. In den ersten Jahren seiner Hütertätigkeit war Anton Serwas im Winter bei Notstandsarbeiten eingesetzt, das half über die Runden zu kommen. Später erhielt er Arbeitslosengeld und wartete mit Sehnsucht auf den Tag des ersten Austriebs.

Anton Serwas starb im März 1951 kaum sechzigjährig.