Der kleine Beck

Franz-Josef Ferber, Daun

 

Hager von Gestalt, aschfahles Gesicht, große Augen, struppiges Haar und stets Tropfen an der etwas kräftigen Nase. So habe ich diesen jungen Soldaten in Erinnerung, der bei uns einquartiert war und den alle den »kleinen Beck« nannten. Er war noch ein Kind, der Ärmste in der Kompanie, für das Leben noch nicht reif. Als Werkzeug in diesem teuflischen Krieg taugte er nichts, stammte aus gutem Hause, aus dem Hannover'schen, ein Muttersöhnchen. Das sah man ihm schon von weitem an. Aus der Geborgenheit seines Elternhauses herausgerissen, unvorbereitet auf dieses scheußliche Leben, konnte er den Lebenskampf nicht bestehen. Schnell avancierte er zum Kompanietrottel. Hier wurde ihm so allerhand beigebracht, wovon er bisher nichts ahnte. Seine Augen weiteten sich, als die Kameraden ihm erzählten, daß die menschliche Existenz nichts, aber auch gar nichts mit dem Klapperstorch zu tun habe. Den Glauben an den Nikolaus hatten ihm, so erzählte er im Beisein von uns Kindern, seine Eltern bereits geraubt. Damals sei er schon fast achtzehn Jahre alt gewesen.

Der kleine Beck war unserer Familie sehr zugetan, unser bescheidenes Heim war ihm ein Ersatzzuhause, vorübergehend. Er stellte sich neben den Herd, wenn die Mutter Kartoffelkuchen buk, klatschte unaufhörlich in die Hände und sang: »Reibekuchen ess' ich gern . . .«. Natürlich bekam er sein Quantum mit. Für diesen Liebesdienst revanchierte er sich, indem er uns Kinder aus dem großen Suppentopf mitessen ließ, den er für sich und seine Kameraden aus der Feldküche geholt hatte. Die Suppe hatte allerdings meist eine ganz und gar unappetitliche Zugabe: Tropfen von Beck's feuchter Nase.

Aber auch andere Dinge brachte der kleine Beck in unser Haus: Kopfläuse und Orden. Die Läuse waren echt, sie verbreiteten sich in Windeseile auf unseren Häuptern. Die Orden waren ebenfalls echt, es fehlten nur die passenden Papiere dazu, denn sie waren nicht für den Beck bestimmt. Man hatte sich mit dem armen Kerl einen üblen Scherz erlaubt. In »Zeduschens Stuft« wurde Beck zwecks Beförderung beordert. Irgend ein Soldat hatte sich eine Offiziersuniform angezogen und sich, um sein Gesicht zu verbergen, vor den Spiegel gestellt. In dieser Pose verkündete er dem Soldaten Beck seine Beförderung. Der war überglücklich, eilte, wie befohlen, spornstreichs zur »Kloppecka Marie«, der Dorfnäherin, und ließ sich die Ordenszeichen an Brust und Arm nähen. Danach zeigte er sich stolz unserer Familie und seinen Kameraden, die bei uns saßen. Reinhold, der Saarländer, konnte das nicht mitansehen. Er hatte Mitleid mit dem armen Teufel und deshalb klärte er ihn auf. Für Beck brach fast eine Welt zusammen. Tränen rannen über seine bleichen Wangen, niedergeschlagen saß er da. Der Nutznießer der gemeinen Streiche war ich. Beck riß die Orden von seiner Jacke und schenkte sie mir; sie waren ein willkommenes Spielzeug.

Im Herbst kam für die Soldaten plötzlich der Befehl zum Ausrücken. Es ging zur Westfront. Die Ardennenoffensive stand bevor. Der kleine Beck war wieder mal einer der zahlreichen Verlierer. Diesmal gings um alles. In der ersten Schlacht traf ihn eine feindliche Kugel, tödlich. Die Nachricht überbrachte uns Reinhold, der auf dem Rückzug, körperlich und seelisch total entkräftet, eine Nacht in unserem Hause verbrachte.

Von den vielen deutschen Soldaten, die in unserem Dorf einquartiert waren, werde ich einen nie vergessen: den kleinen Beck. In Wehmut denke ich oft an ihn.