Deisselt, mein Deisselt Gedanken zu Deudesfeld

Gisela Bender. Deudesfeld

An schönen Frühlingstagen, wenn das Wetter zu schön war, um hinter den dicken Mauern des Schulhauses zu sitzen, setzte unser Lehrer des öfteren eine Wanderung auf den Stundenplan.

Für die 60 Schülerinnen und Schüler unserer Dorfschule war die Freude dann jedesmal groß. Mit lautem Juchei strömten alle, große und kleine, von der ersten bis zur achten Klasse ins Freie. Draußen gab der Lehrer kurze Anweisungen, die Größeren hatten mit auf die Kleinen aufzupassen; dann ging es diszipliniert, aber fröhlich schwatzend zum Dorf hinaus. Immer wieder blieb der Lehrer stehen und zeigte auf Pflanzen oder Blumen, alle standen dann darum und mussten sagen, um welche Pflanze es sich hier handelte. Im Wald wurde Rast gemacht, die dazu genutzt wurde, um Tanne, Fichte oder Buche an ihren Rinden zu erkennen. Sogar das Alter konnte, wer gut aufgepasst hatte, dann schätzen. Oben auf dem Berg, von wo man den schönsten Blick auf das Dorf hat, setzten wir uns im Kreis zusammen. Dieses schöne Dörfchen. Mittendrin ragte groß und stark die Kirche heraus. Bis hier oben klang die Geschäftigkeit des Dorfes herauf. Vielerlei Geräusche, - eine Kreissäge quälte sich schrill durch das Holz. Hier und da brüllte eine Kuh. Wohltuend tönten die Hammerschläge auf dem Amboss von der Schmiede herauf. In diesem oder jenem Eck bellte ein Hund, und von überall krähten die Hähne, sich über alle Geräusche behauptend hinweg. Rings um das Dorf herum ackerten die Bauern, und es waren außer dem Lehrer und dem Pastor alle auf ihren Feldern. Die Frühjahrsbestellung war in vollem Gange. Gemächlich zogen die Gespanne nebeneinander Furche um Furche. Hin und wieder wurde eine Verschnaufpause gemacht. mit dem einen oder anderen Nachbarn ein Schwätzchen gehalten. Das gab dem Bauern und seinem Gespann dann wieder neuen Antrieb.

Alles hatte seine Ordnung, dem zur Linken ging es gleichwohl wie dem zur Rechten, ihre Welt war im Gleichgewicht bei diesem schönen Wetter.

Wir Kinder erkannten von hier oben nicht nur unsere Häuser, sondern ebenso unsere Felder und Gespanne. Unter jedem Dach, auf das wir

herunterblickten, wohnten Leute, die wir kannten. Oft spielten wir, wenn wir hier saßen »Häuserraten«. Man nannte Personen, Vater, Mutter, ein Sohn, eine Tochter, dann musste geraten werden, welche Familie im Dorf das war. Dieses Spiel wurde nie langweilig, musste man ja, um mitzukommen, alle Familien im Dorf gedanklich durchgehen, nur so hatte man stets alle im Kopf. Es gab nicht viel, was der eine nicht vom anderen wusste, das ganze Dorf war eine Großfamilie. An allen großen und kleinen Ereignisse nahmen alle teil. Mehr als vier Jahrzehnte sind seither vergangen, und es zieht mich an jenen Ort zurück. Rastend verweile ich und lausche auf die in der Erinnerung lebendiggebliebenen Geräusche des Dorfes.

So angestrengt ich auch lausche, es brüllt keine Kuh, es kräht kein Hahn und die Hammerschläge aus der Schmiede sind auch verstummt.

Es ist Frühjahr. Wo bleibt die Frühjahrsbestellung? Ich schaue über die Feldflur, kein Gespann zur Rechten, keins zur Linken. Einsam zieht ein einzelner Traktor seine Furchen für die Frühjahrssaat.

Ich sehe die Häuser, gehe in Gedanken mit, wer da wohnt; verschiedene Hausbesitzer kenne ich nicht mehr. Die Schule, längst wird sie anderweitig genutzt. Deudesfeld ist unser Dorf geblieben, wir haben uns verändert, wir alle wollten kein Schmied und kein Bauer sein.

Wenigstens die Kirche, die haben wir noch im Dorf gelassen.