»Millie«, du tust mir leid

Brief an ungeborene Kinder

Alois Mayer, Daun

Die Zahl 2000 hat schon etwas Verführerisches und Magisches. Obwohl jeder Denkende weiß, dass am 1. 1. 2000 kein neues Jahrtausend anbricht - das tut es erst am 1. 1. 2001 - erfassen dennoch viele teilweise an Hysterie grenzende Gefühle: die Wende zum neuen Jahr muss mit dem größten Feuerwerk, der tollsten Party, dem exklusivsten Urlaub begangen werden. Kein Problem. Allen sei es gegönnt. Doch wenn die Wende zum neuen Jahr auf Kosten noch nicht geborener Kinder geplant wird, sind zum mindesten Bedenken angebracht. So war das beherrschende Thema der Presse und Medien Mitte April 1999: Wo und wer bringt als erste pünktlich am 1. 1. 2000 um 0.01 Uhr das Jahrtausendbaby zur Welt? Ganz plötzlich schien die Welt »verrückt« geworden zu sein. Meldungen über diese scheinbar planbare Situation verdrängten sogar den Kosovo-Krieg mit seinen entsetzlichen Folgen. Wie bei einem Preisrennen ging es zu. Wetten wurden angenommen, welches Land den Sieger stellen wird. Preise wurden hochgelobt, und um es den kinderwilligen Paaren möglichst leicht zu machen, errechnete man für sie den besten Zeugungstermin, auch wenn dabei keine Einheitlichkeit feststellbar war. Deutsche Babys sollten zwischen dem 8. und 10. April, britische am besten am 17. März, französische am 1. April gezeugt werden. Die Amerikaner, sonst immer die ersten, schlössen sich den Deutschen an und bestimmten den 9. April als den Zeugungstag. Damit die Rechnung aber auch später aufgeht, erwähnte man auch schon mal vorsorglich, dass es ja wehenauslösende Medikamente gäbe oder zum Kaiserschnitt geschritten werden könnte.

Um aber zeugungsfaule Ehepaare in die rechte Animation zu bringen, boten touristische Unternehmen und andere Interessensgruppen kostenlose Hotelzimmer mit bestimmten Videofilmen oder Potenzmittel an. Das geschäftstüchtige Amerika verschenkte zwar nichts, warb aber mit dem extrem preisgünstigen »Millennium-Empfängnisset« für 20 Dollar. Bereits jetzt schon verdienen angehende Eltern an den Fernsehrechten und der Live-Übertragung ihrer Jahrtausendgeburt. Und da es Probleme mit der Zeitverschiebung gibt, ist es nicht mehr als folgerichtig, wenn gebärfreudige Mütter das Angebot jener kleinen Südpazifik-Insel annehmen, unbedingt auf ihr zu entbinden. Es gibt zwar kein Krankenhaus dort, dafür ist jene Insel aber der erste Ort, an dem die Sonne am 1.1. 2000 aufgeht.

Der Name für das Neugeborene steht schon fest, wurde patentgeschützt und lautet auf »Millie«. Den muss dann das Kind ein Leben lang tragen. Das scheint den Eltern aber gleich zu sein, bekommen sie doch von einer kanadischen Firma zwei Millionen Dollar inklusive das Universitätsstipendium. Hoffentlich wird Millie die Hauptschule schaffen!

Krisenstäbe auf der ganzen Welt tagen schon, um sich der Flut der zu gebärenden Kinder zu stellen, deren Eltern sich den halben April 1999 im Bett tummelten, um ja den Anschluss nicht zu verlieren. Urlaube und freie Wochenenden für Hebammen, Ärzte und Krankenschwestern zur Neujahrswende wurden bereits gestrichen, medizinische Vorräte gehortet. Bei all dem Kommerz, bei all den »verrückten Medien und Eltern«, vergessen wurde das Kind. Wie verkraften sie es, wenn sie nicht pünktlich kommen und zu dem erhofften Wohlstand beitragen? Sind sie dann Versager? Sind sie schuld an der Enttäuschung der Eltern oder deren Zeugungsstress? Wie entwickelt sich deren Charakter im Bewusstsein, dass sie nicht aus Liebe und Freude am Kind gezeugt wurden, sondern nur als Quelle erhofften Profits? Ob sie dennoch glücklich werden, wenn sie nicht der »Millie-Star« sind? Ich danke meinen Eltern, denen jene Gedanken nie gekommen sind, die mir und meinen Geschwistern aber ihr Leben lang bewiesen, dass wir angenommen und geliebt wurden, dass sie ohne Eitelkeit, Profitdenken und Öffentlichkeitsgier uns das Leben, fürs Leben und auch über das Jahr 2000 hinaus dem Leben gegeben haben. Und all den Kindern, die nach 0.01 des Jahres 2000 geboren werden, wünsche ich die Erkenntnis, dass das Leben auch mit dem Makel, kein Jahrtausendkind zu sein, lebenswert ist und von ganz anderen Kräften geleitet wird, als dies uns quotengeile Medien und kommerzfanatische Geldsäcke einreden wollen.