Niederkyll -

ein Weiler mit langer Geschichte

Hubert Ritzen , Stadtkyll

»Niederkyll, die kleine Stadt, die nur sieben Häuser hat«, so spotteten wir als Kinder über die kleine Ansiedlung, die sich so friedlich an den Berghang des Kylltales lehnt. Heute gewahrt man den Weiler auf halber Strecke zwischen Stadtkyll und Glaadt am linken Ufer der Kyll kaum noch, da ein holzverarbeitender Betrieb die Blicke ablenkt. Schaut der Passant genauer hin, bemerkt er auf einer Anhöhe eine Kapelle und die wenigen in ihrer Nähe befindlichen Häuser. Im Lauf der Geschichte gehörte Niederkyll - im Volksmund »Neerkyll« genannt - stets zur Gemeinde

Stadtkyll. Eine Brücke verbindet seit ältesten Zeiten den Weiler mit der B 421.

Römische Spuren?

Der Volksmund erzählt, dass die Geschichte Niederkylls bis in die römische Zeit zurückreiche.

»Ganz in der Nähe führte hier die alte Römerstraße vorbei, wodurch es sich erklärt, dass in früherer Zeit öfters Münzen gefunden wurden. Die Sage weiß zu erzählen, dass auf dem Felsen, wo jetzt die uralte Kapelle steht, ein Opferstein gestanden habe, auf dem die vorüberziehenden römischen Legionen dem Kriegsgotte Mars ihre Opfer darbrachten. Auch sollen Mauern jener alten heidnischen Opferstätte noch heute die Fundamente des uralten, viereckigen niedrigen Turmes der Kapelle bilden.«'

Zur Klarstellung muss an dieser Stelle festgestellt werden, dass die erwähnte Römerstraße nicht diejenige sein kann, die von Trier nach Köln führte, deren Verlauf innerhalb der Ortsgemeinde Jünkerath bis nach Esch gesichert ist.2 Wenn eine Römerstraße Niederkyll berührt haben soll, kann es sich nur um eine Querverbindung - möglicherweise von Belgien kommend -gehandelt haben. Merkwürdigerweise befindet sich an dem Ostgiebel der Kapelle ein eingemauertes Brustbild eines Mannes. Unverkennbar trägt die Büste römische Züge. Schannat-Bärsch beschreiben die Skulptur folgendermaßen: »Der Kopf ist unbedeckt, die Haare scheinen kraus gewesen zu sein; die Stirn ist hoch, die Nase aber, welche wahrscheinlich den wohlgeformten Gesichtszügen entsprach, ist größtenteils zerstört. Der Hals war kurz, die Bekleidung scheint eine faltenreiche Toga gewesen zu sein. Der rechte Arm fehlt und die Stelle, wo sich derselbe wahrscheinlich befand, ist ganz eben behauen.«3

Der Pfarrer und Heimatforscher Bartholomäus Cremer aus Hallschlag schreibt zur Deutung des Brustbildes: »Dieses berühmte römische Brustbild habe ich ausführlich beschrieben, und da diese Beschreibung in den Jahrbüchern der Rheinischen Alterthumsfreunde veröffentlicht werden wird, so überhebe ich mich hier der speziellen Angaben über dasselbe. Nur sei im Vorbeigehen gesagt, dass ich dasselbe für einen Jupiter Imperator der Römer halte, solche Zeusbilder waren bei den Römern nicht selten.«4.

Als die Kapelle um 1600 erbaut wurde, haben die Maurer die Skulptur einfach eingemauert, wie man es von vielen Beispielen her kennt.5 Nun sind an der Deutung des Brustbildes, das den römischen Gottesvater Jupiter oder den Kriegsgott Mars darstellen soll, Zweifel angebracht. Jupiter ist immer mit

Grundriss der Niederkyller Kapelle

Aus: Wackenroder E., Kunstdenkmäler des Kreises Prüm, S. 194

einem Vollbart und Mars meist mit Helm oder Rüstung abgebildet. Andere Heimatforscher glauben, es handele sich um die Überreste eines römischen Grabsteines. Auch hier bestehen Zweifel, da es sich bei den meisten römischen Grabstätten um Urnengräber handelt, die nicht mit Skulpturen oberirdisch geschmückt waren.6 Sei wie es sei, jedenfalls ließ der vorletzte Pfarrer den Kieselsteinkopf beim Verputzen der Kapelle weiß überstreichen.

Erste Erwähnung

Die erste urkundliche Erwähnung Niederkylls geht auf das Jahr 1345 zurück, als die Herren von Blankenheim, Arnold I. und Gerhard V. Stadtkyll, Kerschenbach, Schönfeld, Reuth, Neuendorf, Glaadt, Linzfeld und Niederkyll dem König Johann von Böhmen als Graf von Luxemburg für 2 000 Schildgulden zum Lehen übertrugen. Die Gebrüder versprachen dem König, ihn gegen feindliche Übergriffe zu unterstützen und ihre Burg und Stadt »Kyle« jederzeit zu öffnen (= Offenhausrecht). Johann versprach seinerseits, Stadtkyll stets zu schützen. Im Jahre 1479 verpfändete Hennecken Sticher von Gauwe seine Güter zu Niederlinzfeld in dem »Gericht zo Kylle« für 20 Oberländische Gulden an Hennecken von »Neer-Kyll« und Johann von Velden.7 Die Wüstung Linzfeld bestand wahrscheinlich aus zwei Siedlungsbereichen. Der Hof Niederlinzfeld lag vermutlich zwischen Niederkyll und Glaadt, da ältere Niederkyller noch zu berichten wussten, dass ihr Vieh in Kellergewölben eingebrochen sei. Das Dorf Linzfeld existierte in der Dahlemer Gemarkung »Auf den Höfen« in der unmittelbaren Nähe der Stadtkyller Gemarkung »Auf dem Gericht«. An den sanften Hängen, die sich vom heutigen Hubertushof in Richtung Eisenbahnstrecke Köln-Trier erstrecken, finden sich noch die Grundrisse von Linzfelder Gebäuden." Veröffentlichungen, die die Wüstung Linzfeld jenseits der B 421 lokalisieren wollen, sind definitiv falsch!

Niederkyll - früherer Stadt-kyller Pfarrort?

Mehr als nur eine Spekulation ist der Umstand, dass die Kapelle zu Niederkyll früher die »Pfarrkirche« von Stadtkyll gewesen sein soll.9 Eine alte Handschrift mit Angaben über die Güter zu Stadtkyll

offenbart: »Die capel zu nyder Kill gehert in die pfahr statt kill. Warauff nyder kill ihr begrabnuß auffaasigem Kirchhoff haben, welcher Kirchhoff mit Einer mauwer umbringet, weil solch capel von alterß die pfahr kirch geweßen, so sein statt killer pfahr genoßen selbige capel in Bew schuldig zu halten.«

Pfarrer Henseler, der von 1902 bis 1911 in Stadtkyll

Holzplastiken über dem linken Nebenaltar: Pieta, hl. Erasmus und hl. Elisabeth, aus: Wackenroder E., Kunstdenkmäler des Kreises Prüm, S. 194

tätig war, versucht die Vermutung zu beweisen, indem er mehrere Fakten anführt.10 Um 1900 fand man auf dem kleinen - mit Linden umsäumten - Friedhof hinter der Kapelle viele alte Gräber mit einer großen Anzahl von Totengebeinen. Nur eine Pfarrkirche hatte das Recht, die Pfarrkinder auf dem sie umgebenden Kirchhof zu beerdigen (= Beerdigungsprivileg). Henseler schreibt: »Es ist sicher, daß auf dieser uralten Begräbnisstätte weit mehr Tote begraben wurden, als jemals in dem kleinen Orte Niederkyll allein gelebt haben.« Im Liber valoris (= Güterverzeichnis des Bistums Köln) erscheint Stadtkyll 1310 zwar als Pfarrort, also zu einem Zeitpunkt, als das Pfarrnetz bereits ausgebildet war. Trotzdem hat Niederkyll die Pfarrrechte besessen, wie die gleich anzuführenden Privilegien beweisen sollen, an denen in späteren Jahrhunderten unantastbar festgehalten wurde. Nachdem Graf Johann I. 1505 eine Kirche in Stadtkyll erbauen ließ, erhob man sie 1508 zur Pfarrkirche. Niederkyll erscheint im Jahre 1758 im Stadtkyller Pfarrsprengel zusammen mit Schönfeld und drei Häusern in Glaadt (»filialis de Stat-Kill«)".

Was sind nun die Beweise für die Annahme, dass Niederkyll bis 1508 die Stadtkyller Pfarrkirche darstellte? Noch 1709 zog die Fronleichnamsprozession »über den Kuckertsberg nacher Niederkyll, allwo gemäß alter Observanz das Hohe Ambt und Predigt gehalten wird«." Somit besaß die Kapelle in Nieder-kyll ein besonderes Vorrecht. Bei schlechter Witterung oder Erkrankung des Pfarrers wurde der Prozessionsweg abgekürzt, bis man später den Prozessionsweg wegen des »beschwerlichen Wegs« ganz veränderte und Niederkyll aussparte. Der Pfarrer musste sich aber verpflichten, an anderen Feiertagen das »Hohe Ambt« in der Niederkyller Kapelle zu halten. 1753 weihte man die Kapelle dem hl. Hubertus. An seinem Fest (3. 11.) hielt man das Hochamt »auß Ursach, weilen vor diesem die pfahrkirch zu Niederkyll gewesen. Und der hl. Hubertus titularis patronus, an welchem fest ein zeitlicher Pastor entweder durch sich oder einen ändern verbunden ist, das Hohe Ambt sambt der Predigt in der Capell Niederkyll zu halten, undt anzuordnen, dass die leuth Gelegenheit zur beichte haben, weilen dieses Fest mit vollkommendem Ablaß privilegiert.«" Nach dem Hochamt kehrten der Pfarrer und sein Küster zum Mittagsmahl »bey den Pfahrkindern zu Niederkyll ein«, wobei von Jahr zu Jahr die Gastfamilie abwechselte. Das Hubertusfest wird in Niederkyll traditionell bis heute gepflegt. »Dann versuchen alle weggezogenen Verwandten zu kommen, so dass sich hundert Messebesucher in die Kirche drängen. Der Pfarrer segnet nach altem Brauch Brot (Rosinenwecken), Salz und Wasser, wovon sich jeder Teilnehmer etwas mit nach Hause nimmt zum Verzehr.«

Außerdem hielt der Stadtkyl-ler Pfarrer am Sonntag nach St. Ursula, Pfingstmontag und dem Fest Maria Empfängnis das Hochamt. Jedoch wurde scheinbar das Hochamt von den Stadtkyllern nicht im gewünschten Maß angenommen. Sie blieben meistenteils zu Hause und gaben sich mit der Frühmesse zufrieden. Nicht immer verlief das religiöse Leben der Niederkyller mit der Pfarrei Stadtkyll komplikationslos. Im Jahre 1705, als Niederkyll aus fünf Häusern bestand, entwickelte sich ein Streit, weil die Niederkyller keinen Beitrag zur Frühmesse leisten wollten. Die gräfliche Kanzlei in Gerolstein bestimmte wegen »ihrer Entlegenheit«, dass die Frühmesse im Sommer nicht vor fünf Uhr und im Winter nicht vor sieben Uhr beginnen soll. Aber die Niederkyller weigerten sich, etwas zu zahlen und ließen sich durch den Schultheißen und Gerichtsboten pfänden. Karger Lohn und vielfältige Arbeit prägten das Leben der Frühmesser, die nicht selten als Küster und Lehrer angestellt waren. Bis 1720 dauerte schließlich der Streit, als Graf Franz Georg verfügte, die Niederkyller Bittsteller nicht weiter zu belasten. Dieses Dekret verlas das Stadtkyller Herrengeding. Die Stadtkyller erklärten, die Niederkyller hätten dem ersten Frühmesser nichts geleistet, dem zweiten hätten sie, weil er sich bereit erklärt hatte, alle Quatember und alle Monate eine hl. Messe in Niederkyll zu lesen, ein Fass Korn zu liefern oder stattdessen 18 Petermännchen15 zu bezahlen.

In den nachfolgenden Jahrzehnten erhielt der Stadtkyller Pfarrer von den fünf Häusern als Pfarrzehnt von jeder Ehe 24 Pfund Brot und zwei Fass Hafer.

Die Hubertus Kapelle

Malerisch auf einer Anhöhe gelegen, gewahrt man die um 1600 erbaute Hubertus-Kapelle. Der spätgotische Bruchsteinbau besitzt einen fast quadratischen Chor (4,40 Meter x 4,50 Meter). Das Satteldach des Chores ist von dem des Langhauses abgesetzt. An der Nordwestecke des Kapellenschiffes (6,18 Meter x 7 Meter) schließt sich ein niedriger Turm an. 1753 wurde die ausgesparte Südwestecke in das Langhaus aufgenommen, so dass die Länge des Langschiffes auf 9,38 Meter anwuchs. So bilden »die beiden Baukörper eine kompakte Gruppe, die der gedrungene Turm mit seiner Spitze über dem flachen Zeltdach charaktervoll überhöht. Dicke Mauern und derbe Formen geben der Kirche ihr urwüchsiges Erscheinungsbild.«17 Im Chor existieren noch alte Spitzbogenfenster. Alle anderen Fenster stammen aus den Jahren 17 50 und 1890. Betritt man die Kapelle durch die rundbogige niedrige Tür neben dem Turm an der Nordseite, gewahrt man sofort einen mächtigen, achteckigen Holzpfeiler, auf dem die flache Decke des Schiffes ruht. Der Pfeiler gliedert den Raum in zwei Schiffe und stützt dabei den Langbalkenab. Der Chor besitzt ein Kreuzgewölbe, wobei die Gewölberippen auf Dreiviertelsäulen mit Schaft ruhen. Für den Kirchenarchitekturkenner schreibt Wackenroder: »Die späten Grate stoßen auf die Kopffläche der zylindrischen Säulenschäfte auf, deren hohe Sockel rechteckige Form haben. Der Triumphbogen ist steil spitzbogig, das Kämpferprofil besteht aus Anlauf und gerader, nicht herumgeführter Plinthe. Die Leibung des Bogens ist etwas zurückgesetzt.«1" Der Hochaltar, ein rechteckiger Säulenbau aus Holz, stammt aus dem Jahre 1755 und nimmt fast den gesamten Chorraum ein. Ein Ölgemälde stellt den Pfarrpatron, den hl. Hubertus, dar, wie er als Jäger im Walde vor einem Hirsch niederkniet, über dessen Geweih ein Kreuz im Strahlenkranz schwebt. Zwei gemauerte Nebenaltäre schmücken das zweischiffige Kapelleninnere. Über dem linken Seitenaltar sind farbige Holzplastiken des hl. Erasmus und der hl. Elisabeth und eine eindrucksvolle Pieta angebracht. Die Pieta stammt aus dem 15. Jahrhundert.

»Maria, mit feingesäumten Gewändern und kunstvoll gefaltetem Kopfluch bekleidet, starrt mit aufgerissenen Augen und hochgezogenen Brauen ins Leere. Sie hält den steifen toten Sohn fast aufrecht auf dem Schoß. Sein weißer, nackter Leib, ausgezehrt und dürr, verkörpert gotisch expressiv seine durchlittenen Qualen. Die beiden Heiligen Erasmus und Elisabeth, Arbeiten aus dem 16. Jahrhundert, wirken daneben ruhig und beschaulich. Ihre Gesichtszüge sind entspannt, unangestrengt zeigen sie in steifer Haltung und Kleidung ihre Symbole vor, Brot und Bischofsstab.«" Über dem rechten Seitenaltar befinden sich die farblich restaurierten Figuren der Madonna mit Kind, des hl. Isidor und der hl. Barbara. Vom 14. Jahrhundert an ist die hl. Barbara eine der beliebtesten und am häufigsten dargestellten Heiligen. Ihre Attribute sind ein Kelch und ein Palmzweig. Vom 15. Jahrhundert an gehört sie zu den 14 Nothelfern. Auch bei Unwetter und Feuer wurde sie angerufen. Seit dem 18. Jahrhundert ist sie die Patronin der Bergleute. Der hl. Isidor verkörpert den Patron der Bauern. Eine weitere Kostbarkeit befindet sich im linken Teil des Chores: das gusseiserne Nothelferkreuz. Das Kreuz ist verwandt mit den Grabkreuzen von Gransdorf und Eisenschmitt, wo es zwischen 1575 und 1725 gegossen wurde. Erzdiözesanbaumeister Heinrich Renard aus Köln hatte diese Grabkreuze untersucht und die Ergebnisse schriftlich festgehalten.20 Er schreibt: Es lockte mich, »auch den Jünkerather Bezirk zu durchforschen. Leider konnte ich dieser Aufgabe nur einen Tag widmen, dessen Ergebnis mich aber insofern befriedigte, als ich in dem kleinen, ungemein malerisch auf einem nicht sehr hohen aus der Kyll aufsteigenden Fels erbauten Kirchlein zu Niederkyll, dessen Besuch sich wegen des von einer kräftigen spätgotischen Holzsäule interessant gegliederten und manches hübsche Ausstattungsstück umschließenden Innenraumes lohnt, ein recht schönes gusseisernes Grabkreuz fand. Glücklicherweise haben die Bewohner des nur wenige Wohnstätten umfassenden Ortes, die, wie der Augenschein zeigt, ihr kleines Gotteshaus pietätvoll behüten und unterhalten, das Kreuz durch kräftige Klammern auf der Innenwand des Chores befestigt, und damit vor der Gier des Sammlers und des Händlers gesichert. Das Kreuz besitzt ziemlich große Abmessungen, denn es mißt in dem von 6 Apostelfiguren bekrönten Querbalken 77 cm. Das obere Ende des Kreuzstammes scheint abgebrochen zu sein. Den Mittelpunkt des Ganzen bildet die Darstellung des hl. Sebastian im Martyrium, auf dem sich auch die darunter befindliche, in gotischen Minuskeln geschriebene Anrufung zu beziehen scheint [...]. Die Verwandtschaft mit den in Eisenschmitt gegossenen Kreuzen von Gransdorf kann nicht bestritten werden, das älteste der letzteren ist aber jedenfalls jünger als das Niederkyller Kreuz und wir haben daher eine über die Werke des ganzen Bezirkes sich erstreckende Stileinheit, die durch die Modellhersteller herbeigeführt oder gefördert wurde, anzunehmen. Die Bildwerke des Niederkyller Kreuzes zeigen zum Teil die lebhafte Körperbewegung einerfrüheren, sich an die Hochgotik anschließenden Epoche, die Gewandung ist fast durchgängig strenger, als es in der späteren Zeit üblich wurde, gezeichnet; die Köpfe und der Haarwuchs sind sorgsam und geschickt durchgearbeitet. Den beiden ersten nicht zu deutenden Apostelfiguren folgen der hl. Petrus, St. Johannes Ev., St. Jakobus-Major und St. Thomas. Der Gießer scheint nicht [...] in offener Form gegossen zu haben, denn die Apostelfiguren besitzen im oberen über den Querbalken hinausragenden Teil nicht die Dicke des letzteren. Ob die Rückseite mit Inschrift oder Bildwerk geschmückt ist, konnte ich wegen der Befestigung auf der Mauer nicht feststellen.«21 Die von Renard nicht entzifferbare Schrift unter der Sebastian-Darstellung lautet: »LEVE MORE (= Mutter) BEDT VOR MICH«.

Bei den Figuren handelt es sich um Nothelferdarstellungen und nicht um Apostelfiguren. Wackenroder schreibt: »Die sechs Nothelferfiguren auf dem Balken (zwei ohne Köpfe) sind bis zu den Knien auf dem Balken befestigt und wie die Einzelfigur einer hl. Katharina in Hochrelief ausgeführt. Besonders diese Figur zeigt noch ganz gotischen Charakter im Faltenwurf, bei den anderen Figuren kommt das mehr in der Haltung zum Ausdruck.«"

Kreuzwegstationen aus Terracotta erhielt die Kapelle 1961, geschenkt von der Ratinger St. Peter und Paul-Kirche. 1990 entdeckte man bei Renovierungsarbeiten überstrichene Fresken, die die vier Evangelisten darstellen.

Der Niederkyller Halfenhof

Die Familie Heuken besaß seit dem 15. Jahrhundert einen Erblehnhof, der von Zeit zu Zeit vom Gerolsteiner Grafen verpachtet wurde. Bei diesem Hof handelt es sich um den »Halfenhof«, der heute noch im Besitz der Familie Königs ist. Das alte Hofhaus stand näher zur Kapelle, da, wo sich heute der Neubau der Familie Königs befindet. Das jetzige Hofhaus wurde vom Urgroßvater der Familie 1854 erbaut. Großbauern, die einen grundherrlichen Hof pachteten, trugen die Bezeichnung »Halfen«. Halfen, auch Halbmann oder Halbwinner genannt, bewirtschafteten den übertragenen Hof zum halben Ertrag. »Schneidhalfen« hießen die Weidelandpächter. Der Grundherr stellte das Inventar und teilweise das Saatgut zur Verfügung. Nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) war der Niederkyller Halfenhof heruntergewirtschaftet und verfallen, so dass Graf Carl Ferdinand diesen dem Balthasar Klöcker im Jahre 1695 übertrug.23 Der Graf beklagt zunächst, dass er vom Hof keinen Nutzen mehr habe, da er jetzt »bauloß (= baufällig) und nit wohl darin zu wohnen ist, sondern auch die dazu all gehörige Ländereyen, wießen, Feschen; Garten mehrentheils unbeba-wet undt wuest liggen undt unbeobachtet geblieben.« Der neue Pächter war verpflichtet, jedes Jahr am Martinstag acht Malter Hafer und am l. Mai 16 Albus sowie einen »Maihammel« abzugeben. Weiterhin war am Ende eines jeden Jahres »ein feistes Schwein von 225 Pfund ahn die Waagh zu brinen undt gleich anderen Hoßeuthen bei lieferung der schwein als dann auch die Mahlzeit haben. Item eine Moselfahrt thun oder dafür fünf Reichsthaler bezahlen.« Am Gerolsteiner oder Bettinger Schloss war außerdem mehrmals im Jahr Wachdienst zu verrichten. Gräfliche Jäger oder Fischer mussten samt ihren Hunden beköstigt werden, wenn sie sich in der Niederkyller Gegend aufhielten. In Kriegszeiten sollte der Pächter nach Stadtkyll fliehen, um sich dort an der Stadtwache zu beteiligen.

Das Hofhaus mit Scheune und Stallungen musste auf Kosten des Pächters aufgebaut werden »undt in solchen Standt stellen, daß Wir nichts darwi-der zu sagen, noch zu sprechen haben [...] undt unseren Hof zu Niederkyll in seinen Marken, Pfählen, Zäunen und Hagen fleißig und getrewlich zu unterhalten undt zu beobachten.« Nichts sollte versetzt oder vertauscht werden. Falls Widrigkeiten wie Hagelschlag, Misswuchs und Windschlag die Ernte vernichten oder durchziehende Soldaten die Frucht auf dem Felde abmähen sollten, dann sollte der Oberamtmann den Schaden besichtigen, damit ein Nachlass geschehen konnte. Sollte ein Feuer den Hof vernichten, dann musste der Pächter mit eigenen Mitteln den Wieder-

 

aufbau betreiben. Oftmals kam es zwischen benachbarten Dörfern wegen des Weidgangs oder der Holznutzung zu Grenzstreitigkeiten. So auch zwischen Stadtkyll und Glaadt. 1669 und 1690 regelten die Grafen Salentin Ernst von Blankenheim und Carl Ferdinand von Gerolstein diese Grenzprobleme. Aber alle landesherrlichen Pachtverträge und Absprachen verloren ihre Gültigkeit, als die Franzosen das mittelalterliche Feudalsystem durch ihre Gesetze »ad Acta« legten. Als die französische Herrschaft unter Napoleon dem Zusammenbruch nahe war, hatte die Eifel unter Truppendurchmärschen zu leiden. Am 17. Mai 1814 kündigte der Kreisdirektor in Prüm den Durchmarsch von russischen Truppen an. Bürgermeister Dick von Stadtkyll hatte für Marschverpflegung zu sorgen und richtete folgende Bitte auch an die »Gemeinde« Niederkyll:

»Daher werden Sie die gemessenste Maasregeln ergreifen, um alle vorräthig Fourage zusammen zu schaffen und das Heu und Stroh in Rationen, ein jedes zu 15 Pfund binden und an einen sichern Orth zusammen zu schaffen. Auch müssen Sie allerhand gemüs und das nöthige Schlachtvieh in Bereitschaß stellen, um auch die sehr unangenehme böse Folgen in betreff den Lebensmittel vom Halse zu halten. Jeder Schöffe ist ersucht und eingeladen, bey Ankunfl dieser Truppen, jedem Bewohner nach Maasgabe seiner Einquartierung die gehörige

Rationen Fleisch, Brod und Fourage nebst Branntwein auszuteilen.« Die Eifel fiel 1815 an Preußen, das neue Verwaltungsbereiche in Form von Regierungsbezirken, Kreisen und Bürgermeistereien schuf. Niederkyll fiel mit Stadtkyll an den Regierungsbezirk Trier im Landkreis Prüm. Im 19. Jahrhundert sind vor allem die Höfe Leinen, Dick, Dahmen und Königs zu nennen. Ein Testament aus dem Jahre 1867 besagt, dass der Besitzer des »Görres-Hofes«, Christian Leinen, den sieben Kindern seines Bruders Nikolaus Leinen in Glaadt das gesamte Vermögen »schenkte«. Mitglieder der Familie Leinen waren um die Jahrhundertwende als tüchtige Nagelschmiede bekannt.

Der Bahnbau

Zu einem einschneidenden Ereignis für Niederkyll entwickelte sich der Bau der Nebenbahnstrecke Jünkerath -Bütgenbachim Jahre 1912. Die Bahnstrecke führt heute noch in unmittelbarer Nähe des Weilers vorbei. Bereits 1910 lief das Enteignungsverfahren durch den Bezirksausschuss Trier an. »Die Anordnung der Dringlichkeit der Enteignung oder dauernden Beschränkung ist gerechtfertigt, weil eine möglichste Beschleunigung des Bahnbaus im öffentlichen Interesse geboten erscheint.« Kurz vor Ausbruch des l. Weltkrieges hatte die aus militärischen Gründen gebaute Strecke natürlich höchste Priorität. Die Bahngleise trennten nun die Niederkyller Höfe in nordöstlicher Richtung von ihren zu bewirtschaftenden Ackerflächen, so dass nun eine hohe Bahnbrücke gebaut werden musste. Um die Niederkyller Brücken rankt sich aber die folgende Geschichte. »Nach der gescheiterten Rundstedt-Offensive (l 944/45) kappten Pioniertrupps hinter den zurückkehrenden Soldaten die Nachschublinien, um den anrückenden amerikanischen Einheiten das Vorwärtskommen zu erschweren. Dabei sprengten sie sämtliche Brücken. In Niederkyll war ein solcher Trupp im Haus der Familie Knörr einquartiert. Die Bohrlöcher in der Kyllbrücke und in der Bahnbrücke oberhalb des Ortes - beim Haus der Familie - waren bereits angesetzt und mit Sprengpulver gefüllt. Nach der Zerstörung wäre der Ort von seiner einzigen Verbindung nach Stadtkyll abgeschnitten gewesen, und die Bauern hätten ihre Felder nicht mehr bestellen können, da sämtliches Land jenseits der Bahnlinie Jünkerath-Losheim lag. Während nun die Amerikaner immer näher kamen, entschloss sich Peter Knörr zu einer riskanten Rettungsaktion. Am Vorabend der Sprengung setzte er die Soldaten mit Hilfe von Alkohol und gutem Essen weitgehend außer Gefecht. Zwischendurch verschwand er mehrfach, mit einer Gießkanne bewaffnet, hinaus in die Dunkelheit und füllte die Bohrlöcher mit Wasser auf. Als schließlich Kriegslärm das Vorrücken der amerikanischen Truppen ankündigte, zündeten die deutschen Pioniere sämtliche Lunten und rückten umgehend ab. Die Explosionen blieben aus - dank der Vorarbeit von Peter Knörr, die ihn sein Leben hätten kosten können. Doch die Pioniere erwischten ihn nicht: Kyll- und Bahnbrücke waren gerettet.«

Die Spuren des 2. Weltkrieges

Auch wenn Niederkyll keine direkten Schäden durch Be-schuss erlitt, so traf das grausame Soldatenschicksal, im 1. Weltkrieg noch als »Heldentod« bezeichnet, zwei Niederkyller Familien besonders hart. Die Familien Hubert Dick und Matthias Königs verloren jeweils drei Söhne. Insgesamt kamen neun junge Niederkyller nicht mehr aus dem Kriege heim. H. Delvos schreibt. »Die Namen der Gefallenen bleiben Zeugen einer schrecklichen Vergangenheit und zeigen deutlich, welch großes Leid der letzte Krieg den wenigen Familien des kleinen Ortes gebracht hat.«

Niederkyll heute

Heute gehört Niederkyll durch die Verwaltungsreform 1970 mit Stadtkyll zum Kreis Daun. Das frühere Sägewerk Hermes hat sich in den letzten Jahren zu dem größten Holzverarbeitungsbetrieb des Kreises Daun entwickelt. Im Betrieb sind 40 Mitarbeiter beschäftigt. Der alte Halfenhof Königs existiert heute noch als großer Haupterwerbsbetrieb. Ansonsten hat die Landwirtschaft - wie in fast allen Eifeldörfern - den Stellenwert früherer Jahre verloren.

Anmerkungen:

1 Henseler A., Niederkyll in Sage und Geschichte. In: Trierische Chronik, Trier 1911, S. 171; vgl. auch; Delvos H., Geschichtliches und Überliefertes. In: JB Kreis Prüm 1968, S. 36/37

2 Pitzen H., Die Römerstraße bei Jünkerath. In: Chronik Jünkerath-Glaadt, S. 38-40. Lehrer Delvos schreibt in seinem Beitrag: »Erklärt wird diese Tatsache, dass die römische Heerstraße Trier-Köln über Oos und Jünkerath an Niederkyll vorbeiführte.«

3 Schannat/Bärsch, Eiflia illustrata (Nachdruck), Osnabrück 1982, S. 221

4 Cremer B., Geschichtliche Nachrichten über die Bürgermeisterei Stadtkyll im Kreise Prüm, Prüm 1854, S. 22

5 In der Glaadter Burgstraße ist in einem Haus ein von der Glaadter Burg stammendes Mascaron eingemauert; vgl. Pitzen H., Ein Mascaron in Glaadt. In: JB Kreis Daun 1993, S. 91

6 Die römischen Begräbnisstätten der Jünkerather Straßensiedlung »Icorigium« wurden erst 1961 gefunden. Der Begräbnisplatz brachte keine Skulpturen zutage, im Gegensatz zur Ausgrabung der Siedlung, die eine Fülle von steinernen Überresten hervorbrachte.

7 Schannat/Bärsch, a.a.O., S. 217

8 Aussage von Ferdinand Müller und Hermann Klinkhammer, beide aus Dahlem

9 Cremer B., a. a. 0., S. 22

10 Henseler A., a.a.O., S. 171-173

11 Status modernus Archi-Dioe-cesis Coloniensis, abgedruckt in Binterim J./Mooren H., Die alte und neue Erzdiözese Köln, Mainz 1828, S. 208

12 Pfarrakten

13 Pfarrakten

14 Lehmann-Brauns E., Klein aber fein. In: JB Kreis Daun 1995, S. 260

15 Silbermünze mit dem Bild des hl. Petrus

16 HenselerA., a.a.O., S. 173; vgl. auch Oster P., Geschichte der Pfarreien der Dekanate Prüm-Waxweiler, Trier 1927, S. 907

17 Lehmann-Brauns E., a. a. 0., S. 261

18 Wackenroder E., Die Kunstdenkmäler des Kreises Prüm, 1927,5. 194

19 Lehmann-Brauns E., a. a. 0., S. 262

20 Renard H., Ein mittelalterlicher Grabkreuzgießer der Eifel. In: Mitteilungen des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und Heimatschutz, Jg. 11, Heft 2, Juli 1917

21 Renard H., a. a. 0., S. 98/99

22 Wackenroder E., a.a.O., S. 194/195

23 Originalpachtbrief wurde von Ferdinand Müller, Dahlem,

zur Verfügung gestellt. Der Text ist ebenfalls bei Delvos H., a.a.O., S. 40/41 sowie HenselerA., a.a.O., S. 174-176 abgedruckt, Delvos H., a.a.O., S. 42

24 1100, 1250, 1675, Stadtkyll 2000. Das Heft zum vierfachen Jubiläum, S. 39

25 Delvos H., a.a.O., S. 42. Mein Dank für die Bereitstellung von Bild- und Quellenmaterial gilt Frau Katharina Königs, Nie-derkyll, Herrn Ferdinand Müller, Dahlem und Herrn Alois Knörr, Stadtkyll.