Sangeslust oder Sangesfrust?

Haben Gesangvereine noch eine Zukunft?

Friedbert Wißkirchen, Daun

Das Sprichwort: »Singe wem Gesang gegeben!« stimmt schon lange nicht mehr. Die menschliche Stimme gilt zwar als das herrlichste Musikinstrument. Aber noch nicht einmal mehr in den eigenen vier Wänden, geschweige denn im Familienkreis, wird gesungen. Kürzlich habe ich an einer Weihnachtsfeier eines Vereins teilgenommen; etwa 20 Kinder des Vereins intonierten mit ihren Instrumenten Weihnachtslieder, es wurde zum Mitsingen aufgerufen. Nur wenige der Kleinsten und Erwachsenen haben mitgesungen, manche Eltern (als Vorbild) sangen nicht mit, sondern unterhielten sich derweil und störten den Vortrag. Singen ist auf dem Tiefststand angekommen. Bei den Vereinen ist eine deutliche Überalterung festzustellen, Kinder- oder Jugendchöre bilden die Ausnahme. Von hundert musikfreudigen Musikschülern spielt jeder vierte Klavier, jeder fünfte Querflöte und jeder achte Gitarre. Aber nur einer von 100 nutzt seine eigene Stimme als Instrument und macht eine Gesangsausbildung.

Woran liegt es? Vielfach wird die Dauerberieselung in unserer Mediengesellschaft als Grund ausgemacht. Aber daran liegt es nicht allein. In den Männerchören ist die Chorliteratur oft so »antiquiert«, dass junge Leute nicht mehr angesprochen werden. Kinder- und Jugendliche, die vielleicht noch in einem Jugendchor begeistert gesungen haben, finden nicht den Übergang. Noch schlimmer ist es in den Kirchenchören. Geistliche Chorliteratur ist für junge Menschen »out«, junge Leute wollen doch nicht in den »Dunstkreis« der Kirche und des »Halleluja-Vereins« - wie Kirchenchöre oft genannt werden - geraten.

- Die Situation an den Schulen -

Die Situation an den Schulen ist unterschiedlich. In der Grundschule wird noch gesungen, es hängt aber häufig von der Sangeslust des Lehrers ab. Manchmal findet sich noch ein engagierter Musiklehrer, der die 6 - 10-jährigen in einem Chor zusammenfasst und mit moderner Chorliteratur begeistert. Kleine Kinder singen gern, man muss nur ihr Interesse wecken. An den Haupt- und Realschulen, in den Gymnasien ist das gemeinschaftliche Singen bis auf wenige Ausnahmen Fehlanzeige. Musiktheorie, Besprechung klassischer Werke haben absoluten Vorrang, denn es muss ja Wissen und Wissenswertes vermittelt werden. Musiktheorie lässt sich auch besser für Tests und Noten verwenden. Ein Weg wäre, zumindest in den unteren Klassen nach Herzenslust zu singen und auf eine Benotung zu verzichten, um die Freude an der Musik zu wecken. Auch die Musikschule bietet alle möglichen Instrumentenkurse an, Gesang oder Chor scheint wenig Interesse zu finden. Wenn es so weitergeht, dann erleben unsere Kinder und Enkelkinder Chöre und Volkslieder nur noch im Fernsehen, denn unsere Laienchöre sterben aus. Musik und Gesang gehören zu einem positiven Lebensgefühl - auch wenn Sie nur noch aus dem Lautsprecher kommen? Dem muss entgegengewirkt werden. Wie? Ein Patentrezept gibt es nicht.

In den Kindertagesstätten, den Schulen und Musikschulen muss Gesang wieder alltäglich werden. Kooperationen zwischen Schulen und Chören wären ein Weg, Nachwuchspflege zu betreiben. Modernere Chorliteratur, Dirigenten und Chorleiter die Neues wagen, können mit zu einer Verbesserung beitragen. Es muss vermittelt werden, dass Singen in der Gruppe Spaß macht. Mit jungen Leuten kann man auch Oldies wie »Yesterday« oder »My way«, Rock, Pop, Gospels und Schlager singen und durch Aktionen neben den Proben und Auftritten einen Gesangverein attraktiver gestalten. Jugend sucht nicht unbedingt Erwachsenenchöre - aber wer in jungen Jahren gesungen hat, der kann auch in reiferen Jahren eher für das aktive Mitmachen im Chor gewonnen werden.

Aber auch zu Hause wäre es hilfreich, wenn Vater oder Mutter nicht nur das Kassettendeck, den Discplayer oder das Radio bedienten, sondern mit ihren Kindern singen würden.