Römische Vergangenheit neu entdeckt

An der Straße der Römer: das Kastell Icorigium

Erwin Holzer, Feusdorf

Die kleine Reisegruppe, die schon einige Tage auf der breiten Römerstraße von Au-gusta Treverorum (Trier) nach Colonia Agrippina (Köln) unterwegs ist und dabei die Vici Beda (Bitburg) und Ausava (Oos) passiert hat, ist froh, als sie in der beginnenden Abenddämmerung die hohen, mit Kalkstein verkleideten Torbauten und Türme des Kastells Icorigium (Jünkerath) erblickt, die sich über den feuchten Flussauen der Kyll erheben. Der Tuchhändler Gaius Secundinius, der in seinem leichten Reisewagen die kleine Kolonne anführt, klopft seinem Wagenlenker zufrieden auf die Schulter und winkt den vierrädrigen, hoch mit gut verschnürten Tuchballen beladenen Ochsenkarren zu, schneller zu fahren.

Im Kastell Icorigium erwartet die müden Reisenden auf halber Strecke zwischen der Kaiserresidenz Augusta Treverorum und ihrem Ziel Colonia Agrippina ein sicheres und angenehmes Nachtquartier. Dies ist für die mit den wertvollen Waren der weithin bekannten Händlerfamilie Secundinius beladene Kolonne eine große Erleichterung. Auch wenn sich die Provinz Germania unter der Herrschaft des großen Constantinus von den verheerenden Germaneneinfälle des vergangenen Jahrhunderts wieder gut erholt hat und viele kleine und größere Siedlungen und Villen das Tal der Kyll bevölkern, schläft es sich im Schutz der dreizehn Türme des Kastells doch besser.

Auf etwa anderthalb Hektar finden die Reisenden hier gute Herbergen, aber auch Schmiede, Wagner, Sattler und andere Handwerker, die die Reiseausrüstung überprüfen und reparieren können, und Händler, bei denen sich der Reiseproviant ergänzen lässt. Der Wagenzug von Gaius Secundinius wird hier einen Tag Rast machen. Der pfiffige Händler wird den örtlichen Villenbesitzern und Händlern einige der feinen Tuche der Secundinier verkaufen und sich seinerseits mit einer Ladung der handlichen Eisenbarren versorgen, die in der Umgebung von Ico-rigium erzeugt werden und auf den Märkten von Colonia Agrippina und Augusta Tre-verorum hoch geschätzt sind.

In Icorigium wird sich dann ein Teil der Wagen unter Leitung von Lucius, dem Neffen des Gaius, von der Gruppe trennen und auf der in östlicher Richtung abzweigenden Nebenstraße nach Confluentes reisen, um die dort ansässigen Kunden der Familie zu beliefern. Der Rest der Kolonne wird unter Leitung von Gaius Secundinius über Marcomagus nach Colonia Agrip-pina weiterziehen, um dort ihre Waren zu verkaufen und auf dem Rückweg feine Glaswaren und Töpfereierzeugnisse in die Kaiserresidenz Au-gusta Treverorum zu bringen. Doch zunächst einmal sind die Händler und Fuhrleute damit zufrieden, in Icorigium rasten und ausruhen zu können.

Das Kastell Icorigium, in dem unsere kleine Reisegruppe auf ihrem anstrengenden Weg Schutz und Rast findet, wurde in der 1. Hälfte des 4. Jahrhunderts n. Chr., in der Zeit Konstantins des Großen, an der wichtigen Römerstraße, die Köln und die Kaiserresidenz Trier verband, errichtet. An diesem Knotenpunkt, an dem von der römischen Hauptstraße eine Reihe von Nebenstraßen, u.a. eine wichtige Route zum Rheinhafen Andernach, abzweigten, hatte sich zuvor schon ein römisches Straßendorf, ein „Vi-cus“ befunden. In der Nähe lagen eine ganze Reihe römischer Villen (z.B. in Glaadt, Duppach und Birgel) und Siedlungen (u.a. in Esch).

Seit den Germaneneinfällen in der 2. Hälfte des 3. Jahrhunderts bedurfte das einst für Jahrhunderte relativ sichere, durch den Limes geschützte Hinterland eigener Befestigungsanlagen. Immer wieder überfielen marodierende Stämme von jenseits des Rheins die römischen Villen und Siedlungen, die verlockende Beute boten. Auch der Vicus Icorigium teilte dieses Schicksal, bis er in der Zeit Konstantins befestigt wurde.

Er erhielt eine massive Ringmauer mit 13 Rundtürmen, für die auch Teile älterer Bauten („Spoli-en“) verwendet wurden. Eine Zeitlang blühte das Land zwischen Trier und Köln unter der Herrschaft energischer Kaiser wieder auf. Nach Konstantin dem Großen und seiner Mutter, der Augusta Helena, residierten noch viele andere der meist schnell wechselnden Herrscher zeitweise in Trier, um von hier aus -zunächst mit Erfolg- die unruhige Rheingrenze zu kontrollieren.

Die Kaiser und ihre hohen Beamten und Militärs errichteten hier gerne in der Nähe der gut ausbauten und unterhaltenen Straßen ihre Villen und Jagdhäuser. Im 5. Jahrhundert ging dann aber doch die ein halbes Jahrtausend währende Herrschaft der Römer zu Ende. Die Römer konnten den anstürmenden Germanenstämmen nicht mehr länger standhalten und wurden endgültig aus dem Rheinland verdrängt. Colonia Agrippina fiel um die Mitte des 5. Jahrhunderts an die Franken, Trier etwas später. In dieser Zeit wurde auch das Kastell Icorigium aufgegeben und blieb lange Zeit verlassen.

Die Ruinen dienten den umliegenden Siedlungen und der nahegelegenen Eisenhütte über Jahrhunderte als willkommener Steinbruch, wieder und wieder wurden sie auch von Schatzsuchern heimgesucht, die in den Resten des Kastells und den umliegenden Grabmälern noch römisches Gold und Kostbarkeiten vermuteten. Der Name Icorigium blieb zwar auf den römischen Straßenkarten, die wie die berühmten Tabula Peutinge-riania die Zeiten überdauerten, der Ort selbst geriet jedoch in Vergessenheit.

Als das Kastell wiederentdeckt und in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts im Zuge des Eisenbahnbaus mit mehreren Notgrabungen erforscht wurde, fanden sich aber trotzdem noch zahlreiche interessante Fundstücke, die heute meist in den Archiven des Rheinischen Landesmuseums Trier liegen; der Grundriss des Kastells, einige von ihm umschlossene Bauten und umliegende Grabanlagen konnten nachgewiesen werden. Die heutige Straße „Am Rö-merwall“ folgt weitgehend dem Grundriss des alten Kastells. Bei Kanalarbeiten Ende des 20. Jahrhunderts kamen hier nochmals imposante Fundamente der Festungsanlage zutage, die allerdings nicht erhalten wurden. Einige der herausgerissenen Steinquader wurden an Ort und Stelle belassen und aufeinander geschichtet.

So weisen sie als letzte Zeugen an Ort und Stelle auf das einst so eindrucksvolle Römerkastell hin. Im Rahmen des KonstantinJahres wird durch das Landesmuseum Trier eine Hinweistafel erarbeitet und am Römerwall aufgestellt, um so auf die Geschichte dieses interessanten Denkmals an der Straße der Römer aufmerksam zu machen. Es gilt, die römische Vergangenheit neu zu entdecken!