Man kann nie wissen ...

Christa Feltgen, Kerpen

Es ist gleich, um welche Gegend es sich handelt - die niederrheinischen Dörfer um den Wallfahrsort Kevelaer herum - die Voreifel zwischen Köln und Laacher See oder das Einzugsgebiet von Prüm, Trier oder Echternach - wenn man liest, was Menschen von ihren Erlebnissen auf Fußwallfahrten aufgeschrieben haben, so stößt man dabei überraschend oft auf Geschichten aus dem zwischenmenschlichen Bereich. Wobei ich nicht gesagt haben will, dass eine Wallfahrt etwa einem Heiratsmarkt geglichen hätte. Schließlich steht hier die Gläubigkeit an erster Stelle.

Wenn der liebe Gott aber die Reise ganz besonders gesegnet hat, weil besondere Menschen sich dabei näher kennen gelernt haben, war das schon ein liebevolles Geschenk von ihm. Wenn man im ganzen Rheinland Freunde hat, die auch in ihrer Mundart schreiben, bekommt man in dieser Hinsicht viel zu lesen.Da gibt es zum Beispiel eine entzückende Ballade aus der Nähe von Kevelaer, in der beschrieben wird, wie ein ganzes Dorf zusammen auf Wallfahrt geht.

Morgens im frischen Frühlingsgrün sind alle noch bester Laune. Nach dem Gottesdienst und den Einkäufen, die man in der Stadt so nahe an der Grenze unbedingt machen musste, lässt man sich im Wirtshaus nieder, um sich bei einem Köppken Kaffee an den mitgebrachten Butterbroten zu laben. Und dann kommt der lange Heimweg - und es fängt an zu regnen. Und der Träger des Wallfahrer-Kreuzes, ein älterer Junggeselle, dem das Bier in der Mittagswärme ein bisschen zu gut geschmeckt hat, muss immer öfter den Herrgott ermahnen, sich da oben gehörig festzuhalten, wenn ihm die Chausseebäume in die Quere geraten wollten.

Das wiederum erweckt das Mitleid einer stattlichen Witwe, die schon eine Weile hinter dem Träger her geht, um ihn mit ihrem großen alten Schirm ein wenig vor dem Regen zu schützen. Gemeinsam schaffen sie den Rest des Weges dann schließlich auch noch, und als sich die beiden dann bei ihr zu Hause bei einem „Aufgesetzten“ von den Strapazen erholen, kann man getrost davon ausgehen, dass dies nicht das Ende der Geschichte gewesen ist.

Oft werden überall im Rheinland Erinnerungen an solche Fahrten aufgeschrieben. Meist findet man sie bei den jeweiligen Dorffesten in heiterer Form wieder. Dass dies keine Art von höherer Literatur ist, weiß der jeweilige Verfasser genau. Er will nur seinen Nachbarn mit diesen Erinnerungen eine kleine Freude machen. Etwa unter dem Motto: „Weil es im Heu geschah, nannten wir sie Heula-lia!“.

Die Diskrepanz zwischen der innigen, kaum zu begreifenden Frömmigkeit an solchen Wallfahrtsorten und den Geschichten, die in Wirklichkeit dahinter stecken, war ja schon immer ein Nährboden für den Volkswitz. Sie hat aber noch niemanden von der nächsten Wallfahrt abgehalten. Daneben existieren Geschichten, wie bei Clara Viebig etwa, die zwar in altväterlicher Weise geschrieben wurden, in ihrer Schlichtheit aber sehr zu Herzen gehen, weil sie danach fragen, wie Gott sich in den Lebensweg von Männern und Frauen oft unbemerkt einschaltet.

Gründe für eine Wallfahrt gibt es so viele, wie es Menschen gibt. Im Vordergrund standen natürlich immer das gemeinsame Gebet und der Wunsch, etwas für einen bestimmten Menschen oder den ganzen Heimatort zu tun. Dazu konnte man die Möglichkeit ergreifen, Bekannte aus der Umgebung besser kennen zu lernen, die man sonst nur selten sah. An solchen außergewöhnlichen Tagen kommen bei Vielen bestimmte Liebenswürdigkeiten, aber auch Unarten zum Vorschein, die sonst im Verborgenen geblüht hätten. Das Wissen darüber kann einer ganzen Dorfgemeinschaft zugutekommen.

Von solchen liebgewordenen Unternehmungen lässt der Mensch nicht mehr so leicht ab. Das haben wir gesehen, als wir noch in Steffeln gewohnt haben. In der Pfingst-zeit hielt jedes Jahr vor unserer Tür ein großer Bauernwagen – wahrscheinlich aus der Voreifel – und entließ seine Insassen auf den Weg zur Kapelle auf Wahlhausen. Diese kleine Prozession war so anheimelnd, dass es uns jedes Mal Leid tat, wenn die Menschen unter einer ganzen Wolke von Regenschirmen Schutz suchen mussten, weil das Wetter wieder einmal so schlecht war, wie im Vorjahr.

Wir haben aber nie ein unzufriedenes Gesicht unter den Gläubigen gesehen. Irgendwo auf ihrer Wallfahrt werden auch sie für ihre Mühen belohnt worden sein, und sei es nur durch ein paar Sonnenstrahlen oben auf dem Berg, die ihnen die Schönheit der Eifel so richtig vor Augen geführt haben. Unter unseren niederrheinischen Freunden trifft sich eine Gruppe zum Teil schon älterer Menschen aus der Krefelder Gegend jedes Jahr im Frühsommer in Waldkönigen, um von dort aus zu Fuß nach Trier zu pilgern. Diese Wanderung scheint ihnen sehr gut zu tun, wenn sie auch manchmal in Erklärungsnot kommen, was denn nun der Hauptgrund dafür sei.

Gebete, bei denen man nicht gestört wird, Naturerlebnisse oder das Treffen mit Menschen aus einer anderen Region. Diese Ablenkungen von den täglichen Problemen befähigen die Teilnehmer sicher dazu, ihren Mitmenschen in Zukunft mit viel Liebe und Geduld zu begegnen.