Addiere römische Zahlbuchstaben

Zwei Chronogramme des Johann Michael Baur aus Auel

Peter May, Koblenz

Im Jahr 2008 wurde bei Renovierungsarbeiten unerwartet eine barock-zeitliche Bauinschrift in der Form eines Chronogramms freigelegt, die zusammen mit einem weiteren, bereits bekannten Chronogramm des selben

Bauherrn hier vorgestellt wer-1 den soll .

Verfasser der beiden Inschriften ist Johann Michael Baur, der im 18. Jahrhundert

in dem Eifeldorf Auel (Gemeinde Steffeln, Verbandsgemeinde Obere Kyll, Landkreis Vulkaneifel) gelebt und gewirkt hat. J. M. Baur wurde am 7. Februar 1707 als Spross einer Bauernfamilie im Kellers-Haus in Auel (Hausname „Kellisch“, heutige HausAnschrift: Am Tieferbach

2 8) geboren . Da sein Vater

schon früh verstarb, musste

Johann Michael Baur ein be-

gonnenes Theologiestudium abbrechen und trat in Luxemburg in den Militärdienst ein. Später wurde er Adjutant des Generals und Grafen Su-peri in den Türkenkriegen. Nachdem der Graf Superi in einem Gefecht gefallen war, heiratete Baur dessen Witwe und zog mit ihr nach Temes-var im ungarischen Banat (auch Temeschburg, heute Timisoara in Rumänien). Bereits ein halbes Jahr nach der Heirat starb die Gräfin dort im Jahr 1752 und vermachte Baur ihre sämtlichen Güter. Baur verkaufte dieselben und kehrte mit einem beträchtlichen Geldvermögen in seine Heimat zurück. Eine Urkunde aus dem Jahr 1785 bezeichnet ihn als „Hochw. Hochgelehrter Herr Joann Michael Baur aus Auel, graff-schafft Gerolstein gebürtig, ehemalig kayserl. königlicher Oberlieutenant dess löblichen Baaden-Badisch Infanterie Regiments“. Der Bauernsohn Johann Michael Baur scheint nach 25 Jahren Militärdienst

kein Interesse an einer Soldatenlaufbahn mehr gehabt zu haben, denn er verzichtete auf die ihm angetragene Beförderung zum General nebst Erhebung in den Adelsstand. Statt dessen nahm er sein früheres Studium wieder auf und wurde 1755 zum Priester geweiht. Bei seinen Studien an der Universität Trier und am Priesterseminar in Köln dürfte er die LateinKenntnisse erworben haben, die sich in seinen späteren Gründungsinschriften wieder finden.

Bis zu seinem Tode am 9.5.1779 wirkte Baur als Pfarrer in seinem Heimatort Auel. Während dieser Zeit verwandte er einen großen Teil seines Vermögens für verschiedene Baumaßnahmen. Ende der 1750er Jahre ließ er die kleine Mutter-Gottes-Ka-pelle in Auel auf das Doppelte vergrößern und mit neuen Altären ausstatten. Außerdem erneuerte er sein elterliches Wohnhaus von Grund auf. Hiervon kündet noch die Inschrift am Türsturz über dem Hauseingang des KellersHauses. Sie lautet: „AN 17 IHS 55 NO / RV 1955 E-JM“. Ein weiteres Denkmal, das auf das Wirken J. M. Baurs in Auel und seine Entstehungszeit verweist, ist die sandsteinerne, vollplastische Figur des Heiligen Johannes von Nepomuk, welche in der Ortsmitte von Auel auf der Straßenbrücke über den Tieferbach steht (zurzeit wegen Straßenbauarbeiten abgebaut). Die handwerklich geschickte Steinmetzarbeit stammt vermutlich aus den

Werkstätten des Nachbardorfs Oberbettingen. Auf der linken Seite des Denkmalsockels ließ der Stifter der Heiligenfigur folgende Worte einhauen: „HANC STA-TUAM FUNDA / TOR IOH. MICH. BAUR / EREXIT IN LOCO QUI / DICITUR IO-HANNESBRU-EKE / SUPRA VICUM ANNO DOMINI“ Die in lateinischer Sprache verfasste Inschrift kann übersetzt werden mit: „Dieses Standbild errichtete der Stifter Johann Michael Baur an der Stelle, die Johannesbrücke genannt wird oberhalb des Dorfes im Jahre des Herren“. Beim Betrachten der originalen Inschrift (vgl. Abb. 1) fällt auf, dass einzelne Buchstaben größer sind als der übrige Text. Es sind römische Zahlzeichen, die für sich allein genommen und in der richtigen Reihenfolge angeordnet eine Jahreszahl ergeben. Derartige Inschriften, die neben dem wörtlichen Sinn noch ein verklausuliertes Datum enthalten, werden „Chronogramm“ genannt. Chronogramme waren in der griechisch-römischen Antike noch nicht bekannt. Sie kamen erst im Mittelalter auf und waren besonders in der Barockzeit (etwa 1600 - 1770)

als Widmungsinschriften und Epitaphe beliebt. Die an der Aueler Nepomuk-Statue groß hervorgehobenen Buchstaben vervollständigen die Inschrift, indem sie das Jahr der Errichtung des Standbildes verkünden: MDCCLXIII, also 1763. Die weiteren, später an der Statue angebrachten Inschriften seien der Vollständigkeit halber hier kurz erwähnt. Auf der Frontseite des Sockels ist der Name des weithin verehrten Brückenheiligen genannt: „S. Johannes / v. Nepomuk“. Auf der rechten Sockelseite ist - in deutscher Sprache - vermerkt: „Vom Verfall errettet an / hiesiger Stelle errichtet / aus milden Gaben / im Jahre 1881“. Die jüngste Begebenheit ist auf der Rückseite des Sockels eingehauen: „AM 17.8.1951 DURCH EIN

HOLZAUTO ZERSTÖRT / 1952 WIEDER ERRICHTET“. Zur wechselvollen Geschichte der Heiligenfigur ist noch anzumerken, dass sie ursprünglich nicht an ihrem heutigen Standort auf der TieferbachBrücke in der Mitte des Dorfes gestanden hat, sondern etwa einen halben Kilometer bach-aufwärts supra vicum an der „kl. steinerne brücke so hinter Kellers Hauss über Müllen Bach errichtet“, also an der Brücke, die heute noch bei der Steffeler Mühle über den Tieferbach führt. Vermutlich stiftete Baur nicht nur die Steinfigur des Brückenheiligen, sondern ließ die Brücke insgesamt erneuern oder ausbauen; hierauf verweist die testamentarische Verfügung Baurs, dass die Aueler Kirche als seine Universalerbin nebst dem Pfarrhaus auch die „Brücken hinter Kellers Haus“ instand halten soll. Gegen Ende seines Lebens begründete J. M. Baur aus seinem immer noch beträchtlichen Vermögen eine Studienstiftung (Stipendium) und ein Beneficium. Die Studienstiftung, ausgestattet mit 1.500 Talern, stellte die finanziellen Mittel dafür bereit, dass ein Mitglied der Familie Baur - Johann Michael hatte selbst keine Nachkommen - oder ersatzweise jemand aus seinem Heimatdorf Auel, notfalls auch ein Ortsfremder, ein Studium an einer höheren Schule aufnehmen konnte. Baur sorgte somit, wenn auch durchaus in eigennütziger Absicht für seine Familie, für eine Bildungsmöglichkeit, wie sie seinerzeit in den Eifeldör-

fern eher selten gewesen sein dürfte. Die zweite Stiftung, die hier mehr interessiert, ist das Beneficium, welches mit 3.000 Talern dotiert war. Die aus dem Kapital gezogenen Zinsen waren bestimmt für die Anstellung eines Geistlichen, der dafür im Gegenzuge in Auel residieren und

3 Seelsorge betreiben musste .

Baur wollte hiermit offenbar sicherstellen, dass das Dorf auch nach seinem Tode dauerhaft einen eigenen Pfarrer hatte; zuvor musste sich Auel mit den Pfarrgenossen des benachbarten Dorfs Steffeln einen Geistlichen „teilen“. In der Stiftungsurkunde vom 8.12.1778 legte Baur fest, dass zu dem Beneficium auch das von ihm neu errichtete Haus nebst Stallungen und Garten gehören solle. Der Zeitpunkt der Errichtung des Benefiziaten-Hauses, welches Baur bis zu seinem Tode selbst bewohnte, war bisher in der einschlägigen Literatur (De Lorenzi 1887) nur ungenau und unzutreffend mit „1660“ - gemeint war wohl 1760 - umrissen. Die im Jahr 2008 wieder entdeckte Bauinschrift gibt nunmehr hierzu einen zweifelsfreien Anhaltspunkt.

Das ehemalige Pfarrhaus in Auel (Haus-Anschrift: Am Tieferbach 5), das J. M. Baur neu erbauen ließ, trägt heute im Dorf den Hausnamen „Schmotz“ - benannt nach der Schmiede, die zu späterer Zeit in einem Nebengebäude des Pfarrhauses eingerichtet worden war. Schon von seiner äußeren Gestalt her unterscheidet sich das Ge-

bäude von den anderen Bauernhäusern im Ort, die in der Regel in der Bauform des sogenannten Trierer Hauses errichtet waren. Es ist ein repräsentativer, drei-geschossiger Wohnbau in Bruchstein mit Krüppelwalmdach und großen Fensteröffnungen. Zusammen mit den Wirtschaftsgebäuden, die sich hufeisenförmig um den Hof gruppieren, bildet es eine stattliche Anlage. In der jüngsten Vergangenheit ist das Haus nach mehreren Besitzerwechseln und Leerstand ziemlich herunter gekommen. Im Jahr 2008 begann der neue Eigentümer mit einer grundlegenden Sanierung des alten Gebäudes, wobei auch jüngere Anbauten entfernt wurden. Beim Abriss einer Treppenüberdachung trat an den alten, originalen Gesimsen über der Hauseingangstür eine Baugründungsinschrift in Form eines Chro-nogramms zutage (Abb. 2). Die Inschrift, ebenfalls von J. M. Baur in lateinischer Sprache verfasst, zeigt, obwohl kürzer, formale und inhaltliche Ähnlichkeiten zu dem oben beschriebenen Chro-nogramm an der Nepomuk-Statue. Sie ist überdies in metrischer Versform gehalten, und zwar als sogenannter Hexameter (eine Textzeile mit sechs betonten Silben). Dies deutet an, dass Baur nicht nur in lateinischer Sprache, sondern auch in den Stilen der Dichtkunst bewandert war. Sicherlich wollte Baur durch die Verwendung eines Versmaßes zusätzlich seinen Bildungsstand ausdrücken. Das Chronogramm lautet:

„AEDES HAS FECIT MICHAEL BAVR SVRGERE IN ANNO“

und kann nach freundlicher Mitteilung von Herrn Dr. Rüdiger Fuchs von der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz, wenn auch etwas holprig, übersetzt werden mit: „Diese Gebäude ließ Michael Baur sich errichten im Jahr“. Die groß hervor gehobenen Buchstaben nennen in richtiger Reihenfolge sodann das Baujahr des Hauses: MDCCLVVIII = 1763. Es fällt sofort auf, das es dasselbe Jahr ist wie das der Errichtung der Nepomuk-Statue. Zusammen mit der Erneuerung der Kirche, des Elternhauses und vermutlich auch der Brücke kann man von einem regelrechten Bauprogramm Baurs zwischen 1755 und 1763 sprechen. Das durch glückliche Fü-

gungen erworbene Vermögen hat Baur zum Nutzen seiner Familie und seiner Heimatgemeinde verwendet. Leider ist das Stiftungskapital durch die Wechselfälle der Geschichte verloren gegangen. Geblieben sind aber die steinernen Zeugnisse vom Wirken Johann Michael Baurs. Sie zu erhalten und zu schützen, sollte gleichermaßen Ehre wie Verpflichtung für künftige Generationen sein.

Anmerkungen

1 Dieser Beitrag ist in leicht geänderter Fassung erschienen in den Landeskundlichen Vierteljahresblättern, Jahrgang 55, Heft 1, Trier 2009.

2 Der Autor ist mit Johann Michael Baur weitläufig verwandtschaftlich verbunden. Der Vater von Johann Michael Baur, Paul Baur aus Scheuern, ist einer meiner Ur-ur-ur-ur-ur-ur-Großväter. Johann Michael Baurs Großvater mütterlicherseits ist Bartholomäus Keller aus dem dem gleichnamigen Stammhaus „Kellisch“ in Auel, in welchem meine Mutter, Frau Gertrud

May, geborene Mies aufgewachsen ist. Ich selbst habe meine Kinder- und Jugendzeit in unmittelbarer Nachbarschaft des von J. M. Baur erbauten Wohnhauses mit dem vorzustellenden Chronogramm verbracht. 3 Nutznießer der Baurschen Stiftung, die sogenannten Benefiziaten, waren: Johann Mergen (1779 - 1796 und 1820

- 1828), Johann Peter Michels, Martin Munkler (1829 - 1843), Philip Spoo (1842 - 1859), Johann Allard (1867 -1869), Nikolaus Thewes (1869 - 1873), Johann Baptist Dohm (Verwalter 1881

- 1882) und Dechant Schmitz (Verwalter 1884 - 1885).

Literatur

Philipp de Lorenzi, Beiträge zur Geschichte sämtlicher Pfarreien der Diözese Trier I (Trier, 1887), S. 473 Peter Oster, Geschichte der Pfarreien der Diözese Trier III (Trier, 1927), S. 565 Schannat-Bärsch, Eiflia Illustrata III,2,1 (Aachen, Leipzig, Brüssel, 1854), S. 121 Eva-Maria May, Die Stiftung der Kirche in Auel, Heimatjahrbuch Kreis Daun 1986, S. 129

Ernst Wackenroder, Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz, Kreis Daun, S. 22 Testament des Johann Michael Baur vom 8.12.1778, Herzog von Croy´sches Archiv zu Dülmen, Grafschaft Manderscheid-Blankenheim, Best. Nr. 6,35/1