Heiße Bronze in Eifeler Erde

Glockenguss für die Luzia-Kapelle in Kerschenbach

Josef Schmitz, Ripsdorf

Ein seltenes Ereignis hat die Kerschenbacher Bevölkerung anlässlich des zweitägigen Kapellenfestes 2009 erlebt. Glockengießer Hermann Schmitt ermöglichte es, die Gussarbeiten für zwei Glocken nicht in Brockscheid vorzunehmen, sondern unter freiem Himmel vor Ort im Oberen Kylltal.

In der spätgotischen Luzia-Kapelle aus dem 16. Jahrhundert in Kerschenbach durften die Glocken nicht mehr läuten, weil das Bistum "das Läuten wegen Einsturzgefahr des Glockenstuhles" verbot, berichtete Ortsbürgermeister Walter Schneider. Die Renovierung sollte 12.000 betragen, aber das Geld war nicht da. "Diese Situation ist sehr angespannt, denn exakt "null Euro" sind in der Kasse", bestätigte Pfarrer Siegfried May. Beim Luzia-Fest kamen als Startkapital Spenden zusammen. Erhebliche Eigenleistungen erbrachten die Kerschenbacher und das Bistum spendierte 2.500 Euro. Die Glocken selbst seien auch nicht mehr zu gebrauchen, berichtete der Pfarrer. Sie sind aus Stahl, aufgehängt im Zweiten Weltkrieg, als viele Bronzeglocken aus den Kirchen entfernt und in der Rüstungsindustrie verarbeitet wurden. Für neue Glocken fanden sich einheimische Spender bereit. "Fest gemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt, heute muss die Glocke werden" frei nach dem bei Schülern berüchtigten Glockengießer-Epos von Schiller, konnten die Kerschenbacher einzelne Vorgänge verfolgen. "Es ist schon etwas Besonderes, wenn Glocken für die Luzia-Kapelle öffentlich gegossen werden", äußerte sich der Ortsbürgermeister. Schon vor Jahrhunderten zogen die

Glockenspender Paul Schneider (rechts) und seine Mitstreiter brachten die Glocken erstmals zum Klingen

Glockengießer vornehmlich aus den Ardennen über Land und boten ihre handwerklichen Fähigkeiten in den Städten und Dörfern an. Über 50 Jahre übt Seniorchef Hermann Schmitt, der seit 1976 einen Betrieb in Brockscheid besitzt, mit seinen Söhnen dieses seltene Handwerk aus. Die Szenerie in Kerschenbach an einem Samstagnachmittag im Juli 2009 erinnerte an ein mittelalterliches Spektakel. Viele Gläubige der Pfarrei und aus Stadtkyll sowie den umliegenden Orten wollten Zeugen dieses außergewöhnlichen Ereignisses sein. Geduldig beobachteten sie die vielzähligen Arbeitsschritte der Glockengießer und verkürzten sich die Wartezeiten mit gelegentlichen Abstechern zu Essensstand, Kuchentheke oder Getränke-Ausschank, häufig verbunden beim Glockengießer, wie denn so der Stand der Dinge sei und ob alles gut gehe. Hermann Schmitt freute sich über das große Interesse, beantwortete geduldig alle Fragen der Zuschauer und erklärte auch zwischendurch am Mikrophon viele Einzelheiten des Arbeitsprozesses, der verarbeitenden Rohstoffe und der eingesetzten Handwerkszeuge, die seit Menschengedenken bekannt sind.

Als der Glockengießer Schmitt den Auftrag von der Kerschenbacher Kapellengemeinde erhielt, überlegte er sich, wie ein Glockenguss außerhalb der Brockscheider Werkstatt erfolgen könnte, denn er musste auf jeden Fall das Metall mit der Fachbezeichnung "GWZ 12" (78 Prozent Kupfer und 22 Prozent Zinn) in einem gebauten Ofen aus Schamottsteinen und innen liegenden Grafit-Tiegeln auf 1.200 Grad erhitzen. Für die Schmelze sorgte ein bereitgestellter Ölbrenner.

Zuerst entsteht die Glockenrippe, einem Brett, auf dem der Glockengießer das Profil der späteren Glocke berechnet und aufzeichnet. Nicht nur Größe, Form und Gewicht der zu gießenden Glocke, sondern auch der gewünschte Ton wird mit der Rippe festgelegt. In die ausgehobene Grube kam zuerst der Glockenkern, die Form der so genannten falschen Glocke und als drittes Formteil der Glockenmantel. Durch einen Kanal aus Ziegelsteinen und Lehm floss später die kochende "Glockenspeise" in die Form. Stets kontrollierte der Meister den Schmelzprozess und zog die Schlacke und hoch gekochte Schmutzpartikel von dem

Die flüssige Glockenbronze füllen die Gesellen unter Aufsicht des Glockengießers Hermann Schmitt (links) in die Erdform

brodelnden Metallbrei. Pfarrer Siegfried May sprach das Segensgebet. Danach hoben die Gesellen den Ofendeckel ab und der Chef sagte: "In Gottes Namen". Viel hängt für ihn von den wenigen Minuten ab, in denen die weißglühende flüssige Bronze kunstgerecht über eine Erdrinne in die Form geleitet wird, denn ein einziger unglücklicher Zufall, schon etwas zurückgebliebene Feuchtigkeit, kann die Form sprengen und aller Fleiß von über vier Wochen Arbeit zunichte machen. "Der eigentliche Guss der Glocke dauert eben mal zehn Minuten", erwähnte der Seniorchef Schmitt. Er ist schon seit 50 Jahren im Beruf und immer noch bei jedem Guss aufgeregt, bis die Glocke in voller Schönheit aus dem ummantelten Lehm ge-

schlagen und einen Tag später, sonntags, aus dem Erdloch mittels Bagger gehoben wurde. Pfarrer Siegfried May und der ehemalige Stadtkyller Pastor Joachim Waldorf (jetzt in St. Paulinus Trier) durften die Glocken vom Lehm befreien. Sie klingen in F und A. Die neuen Glocken, gespendet von Petra und Paul Schneider sowie der Familie Diederichs, sind Teil der laufenden Renovierungsarbeiten an der Luzia-Kapelle und ersetzen die Stahlglocken. Das Kirchlein erhielt auch einen neuen Glockenstuhl und elektrisches Läutewerk. Nun erklingen sie wieder vom Kirchturm entsprechend dem Vers des Dichters Schiller: "Freude dieser Gemeinde bedeute, Friede sei ihr erst Geläute".