Robert Gitzen, Trier-Pfalzel
Allein die Betrachtung der Ortsnamen und deren Verteilung ermöglicht einen überraschend klaren Blick auf die frühe Besiedlungsgeschichte unserer Landschaft. Es gibt im Kreis vier zusammengehörige Gruppen von Ortsnamentypen, die räumlich und zeitlich klar voneinander zu unterscheiden sind. Es gibt so gut wie keine Ausreißer aus dem historischen System.
1. Altbesiedlung vor der fränkischen Landnahme
1.1 Keltische Siedlungen
(2. Hälfte 1. Jahrtausend v. Chr.)
Das sind in unserem Raum Siedlungen aus der Hunsrück-Eifel-Kultur mit den Hauptfundorten Mehren und Schalkenmehren. Erkennbar sind diese Orte an Abwandlungen der keltischen Endung „-iacum" (=Gutshof, Wohnort) wie -ich, -ach oder -eich: Duppach, Bücheich/ Niedereich/Dietzenlei, Stroheich, Schalkenmehren liegen jeweils 2 bis 3 Kilometer von einer späteren Römerstraße entfernt, was bedeutet, dass bereits die keltische Zivilisation ein Straßennetz unterhielt, das von den Römern lediglich ergänzt und ausgebaut wurde.
1.2 Römische oder Romanische Siedlungen (50 v. Chr. bis 4. Jahrhundert)
Wir finden zuerst natürlich die Stationen an den Römerstraßen: Ormont, Jünkerath, Steffeln, Oos, Daun. Eine zweite Gruppe stellen die Weiler-Namen dar, die in römischer Zeit aber noch lediglich Einzelhöfe bezeichnet haben.
1.3 Altgermanische Siedlungen
(2. Jahrhundert v. Chr. bis 1. Jh. n. Chr.)
Bereits zur Zeit der keltischen Hunsrück-Eifelkultur hat es in der Eifel germanische Siedlungszellen gegeben. Im Vulkaneifelkreis gehört hierzu der Bereich der mittleren Kyll mit Densborn (denisbure), Mürlenbach (mor-
le) und Birresborn (birgisburias); hierzu muss auch noch St. Thomas mit dem alten Namen Erlesbure gezählt werden. Diese Ortsnamenendungen stammen nicht von Quellen oder Bächen, wie es bei den Bach- oder Born-Typen der Fall ist, sondern vom altgermanischen Bur, was mit Hof oder Wohnsitz zu übersetzen ist. Möglicherweise sind auch Eigelbach, Michelbach, Müllenborn oder Kalenborn, deren alte Namensformen wir nicht kennen, dieser Schicht zuzuordnen.
Auch der Kult auf dem Pelmer Juddekirchhof dürfte eher germanische als keltische Wurzeln gehabt haben. Es besteht aber auch eine dritte Möglichkeit zwischen keltischer und germanischer Siedlung, nämlich die einer älteren Volksgruppe. Die von Caesar ausgerotteten Euburonen der Nordeifel haben bis in unser Gebiet gesiedelt. Ihre Volkszugehörigkeit ist ebenso wie die der Caerosen um Prüm nicht zu bestimmen. Möglicherweise gehörten sie vorkeltischen und vorgermanischen, den Illyrern oder Venetern nahestehenden Volksgruppen an.
2. Siedlungsphase der fränkischen Landnahme
ab dem 5. Jahrhundert 2.1 Orte mit den Endungen -heim und -weiler
Sie dürften bereits romanische, wenn nicht sogar keltische oder germanische Ursprünge haben und sind von den eindringenden Franken als Siedlungsorte übernommen, bewohnt und umbenannt worden. Weiler-Namen kommen überwiegend vom römischen Begriff villare (=wohnen), viele Orte mit Heim-Namen haben eine römische Villa als Ursprung. Die Weilernamen gibt es nur im Bereich der Römerstraßen Pelm/Walsweiler - Kirchweiler/Hinterweiler - Dockweiler.
Heim-Namen gibt es im Kreis nur in der Gegend zwischen Hillesheim, Hohenfels, dessen Mundartname Huwwelzem noch an die alte
Heim-Endung erinnert und Pelm (Pellinheym). Einen weiteren Schwerpunkt mit Heim-Namen gibt es jenseits der Kreisgrenze im ehemaligen Carosgau um Prüm.
2.2 Orte mit den Endungen -ingen und -dorf (5. bis 7. Jahrhundert)
Es handelt sich eher um fränkische Gründungen aus der Landnahmezeit. Ingen-Namen beziehen sich immer auf einen Personennamen und die Zugehörigkeit der Bewohner zu einem Herrn oder Anführer. So bezeichnet Bewingen, mit altem Namen Boppingen oder Boppingas die Leute des Boppo. Dorf- und Ingennamen finden wir entlang der Kyll von Feusdorf über Gönnersdorf, Lissendorf, Ober- und Niederbettingen, Bewingen, Lissingen. Hierzu sind noch Berlingen und Essingen zu zählen
3. Karolingische Landesausbauphase (8. bis 9. Jahrhundert)
Mit der steigenden Bevölkerung unter der karolingischen Herrschaft, bei relativem Wohlstand der Landbevölkerung, reichten die Weide- und Ackerflächen im altbesiedelten Gebiet nicht mehr aus. Man mied zwar weiterhin die zusammenhängenden Waldgebiete, aber unter Aufsuchen der Bachläufe und Quellen, die für die Viehhaltung unentbehrlich sind, wagte man sich in unwegsameres Gelände vor. Bezeichnenderweise enden alle diese Namen auf -bach oder -born. Hier ist zunächst zu nennen die Strecke Eigelbach - Müllenborn - Kalenborn, die aber durchaus auch eine Fortsetzung der altgermanischen Zelle Densborn - Birresborn sein kann.
Aber beginnend mit Weidenbach im Südwesten öffnet sich über Weiersbach und Steinborn, Schönbach und Sarmersbach ein Fächer, in dem es fast nur Bach- und Bornnamen gibt. Diese Zone reicht bis zur Ahr. Im Süden findet die Bach- und Bornzone eine Fortsetzung ab Neidenbach, wo sie sich in einem Bogen nach Nordwesten bis an die südbelgische Grenze fortsetzt. Zu dieser Gruppe muss man auch die auf -feld endenden Ortsnamen des Hinterbüschs zählen.
Diese Namen bezeichnen ein neuangelegtes Ackergelände = Feld in vorher unbebautem Gebiet.
4. Hochmittelalterliche Rodungsphase
Weiterer wirtschaftlicher Aufschwung verbunden mit einer Bevölkerungszunahme im 10. und 11. Jahrhundert erfordern eine weitere Ausdehnung des Siedlungsraums. Man dringt in die großen Waldgebiete und unwegsameren Mittelgebirgszonen vor und schafft Acker-und Weideland durch großflächig angelegte Rodungen. Federführend bei dieser Pionierleistung sind die großen Klöster, in erster Linie die Reichsabtei Prüm, aber im Norden und Osten auch Himmerod und Steinfeld. Im Kreis Daun ist eigentlich nur das südöstliche Gebiet betroffen. Typische Rodungsnamen auf -roth und -rath (=Rodung) und -scheid (=Wald) erscheinen gehäuft um Daun, Boverath, Darscheid, Ulmen (auch ein Waldname?), Strotzbüsch, Manderscheid, Brock-, Tett- und Trittscheid. Aber nördlich der Bach/Born-Zone beginnt ein größeres Rodungsgebiet, das sich von Heyroth und Welcherath bis an die Linie Münstereifel - Bad Neuenahr nach Norden zieht. Östlich von Prüm und nördlich des Bitburger Gutlandes gibt es fast nur Scheid-Orte. Auch im Altsiedelgebiet an der Kyll findet eine Erweiterung der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche durch Waldrodungen statt. Dies drückt sich hier jedoch nur in den Flurnamen wie Reisrod oder Seiderath bei Pelm aus, weil die dazugehörigen Siedlungen bereits vorhanden waren. Lediglich die Ortsnamen Roth und Neroth bilden Ausnahmen.
Mit der Zeit der Rodungen ist die Besiedlung des Kreisgebietes weitgehend abgeschlossen. Im späten 13. und im 14. Jahrhundert ist die Bevölkerung durch Seuchen, Hungersnöte und die Ausbeutung durch die grundbesitzenden Adelshäuser eher rückläufig. Einige Siedlungen werden später wieder aufgegeben. Wüstungen sind nachgewiesen u.a. bei Rockeskyll, Walsdorf und am Totenmaar. So gut wie alle Ortsnamen können in das zeitliche und räumliche Schema eingeordnet werden. Namen auf -burg können auf eine Befestigung aus allen Zeiten, von der Antike bis ins Hochmittelalter hindeuten. Nohn und Birgel sind eher römischen Ursprungs, die wenigen verbliebenen Orte sind auf Grund ihrer Lage in der Umgebung zuzuordnen.
Fazit:
Der Kreis Daun ist ein Ausgangspunkt und Zentrum für die Besiedlung der gesamten Eifel, wenn man von dem schmalen Streifen entlang Rhein und Mosel, dem Maifeld und der Kulturlandschaft zwischen Trier und Bitburg absieht. Älteste Spuren hat bereits die Hunsrück-Eifel-Kultur um die Dietzenlei und um Mehren/Steiningen hinterlassen. Eine vorrömische germanische Siedlungszelle existierte an der Kyll zwischen St. Thomas und Sarresdorf. Römische Siedlungen finden sich entlang der römischen Straßen, die sich oft mit altkeltischen Wegen decken. Frühfränkischer Siedlungsschwerpunkt ist die Obere Kyll und der Einzugsbereich der Kasselburg. Der karo-
lingische Landesausbau findet statt in einem Streifen von Weidenbach aus nach Nordosten. Im Mittelalter wurde das südöstliche Kreisgebiet gerodet und besiedelt. Im Bereich der mittleren Kyll von Jünkerath bis Densborn, von der Kasselburg bis zum Ernstberg hat es eine erstaunliche Siedlungskontinuität vom frühen ersten vorchristlichen Jahrtausend bis heute gegeben. Es dürfte in Deutschland nur wenige Regionen geben mit ähnlich vielschichtigem geschichtlichen Hintergrund. Dies ist für uns heute hier Lebenden weder Grund für Stolz oder Lokalpatriotismus, noch fordert es unsere besondere Verantwortung, es ist einfach nur eine Tatsache, die uns zum Nachdenken anregen sollte.