Steinernes Denkmal für kaiserliches Denken

100 Jahre Erlöserkirche Gerolstein

Udo Hombach, Köln

1913 wurde die Erlöserkirche in Gerolstein als letzte deutsche Kaiserkirche in Dienst gestellt; Wilhelm II. verstand es, sich und seine Dynastie mit symbolträchtigen und prunkvollen Kirchen zu schmücken. Das waren in Berlin neben dem Dom drei „Gedächtnis"-Kirchen, in Bad Homburg die Erlöserkirche sowie Kirchen in Metz, Straßburg, Madrid und Rom. Oft entstanden diese Gotteshäuser an historisch bedeutsamen Orten, die auf römische und mittelalterliche Geschichte verweisen. War Berlin das Zentrum der kirchenbaulichen Diplomatie der Preußenkönige, so schloss diese seit Friedrich Wilhelm IV. auch schon Ambitionen in Jerusalem mit ein: Schinkel hatte die Grabeskirche neu entstehen lassen sollen! Das zentrale Bauwerk wurde 1898 die Erlöserkirche, die nicht nur in unmittelbarer Nähe zur konstantinschen Grabeskirche, sondern auch dort errichtet wurde, wo Karl der Große bereits eine Kirche hatte bauen lassen. Mit der Erlöserkirche und der Himmelfahrtkirche in der Auguste-Victoria-Stiftung auf dem Ölberg - und vorher schon mit der Weihnachtskirche in Bethlehem - wurde dem Protestantismus an den heiligsten Stätten der Christenheit erstmals eine dauerhafte Bleibe gegeben. Und durch den Mariendom auf dem Berg Zion konnte sich Wilhelm II. auch seinen katholischen Untertanen als huldvoller Souverän zeigen. Diese Erfolge werden in Gerolstein mit mehreren Mosaikbildern gefeiert. Aber nicht nur dieser Tatbestand macht die Eifelkirche zu einer Besonderheit. Sie ist

eines der schönsten Beispiele für wilhelmi-nisch-historistische Baukunst: Der Anklang an vorrömische Kirchenarchitektur im Vorderen Orient, die überaus reiche Mosaisierung und das bedeutungsträchtige Bildprogramm machen sie zu einem opulenten Zeugnis hohen-zollernscher Religiosität. Hier hat sich kaiserliches Denken ein steinernes Denkmal gesetzt. Allerdings: Ohne die entschiedene Mitwirkung von Ernst Freiherr von Mirbach, dem einflussreichen Adjutanten des Kaiserpaares, und ohne „seine" Erlöserkapelle für die katholische Gemeinde in Mirbach wäre auch die Gerolsteiner Kirche nicht entstanden. Die Mirbacher Kirche und zwei Medaillons in Gerolstein sind Gesten der Verbundenheit des Berliner Hofs mit den Katholiken.

Die Einweihung erfolgte am 15. Oktober 1913, dem Geburtstag Friedrich Wilhelms IV.; Wilhelm II. war erfolgreich in die Fußstapfen seines Großonkels getreten!