Was ist Heimat?

Winfried von Landenberg, Mürlenbach

An einem verschneiten Nachmittag sitzt der Landwirt Josef mit seinem Enkel Nico im Wohnzimmer am Kamin seines Bauernhauses im Gerolsteiner Stadtteil Hinterhausen. Der sechsjährige Enkel bedrängt den Opa, damit dieser ihm eine Geschichte vorliest, was der alte Mann auch sehr gerne tut. Mit dem Kleinen auf dem Schoß fängt der Opa auf der warmen Ofenbank an vorzulesen. Es ist eine der üblichen Geschichten aus einem Kinderbuch. In dieser Geschichte ist auch von heimatlosen Kindern die Rede. Da fragt der kleine Nico: „Opa, was ist das, heimatlos"? Dieser legt das Kinderbuch zur Seite, zieht die Stirn in Falten und sagt: „Na, weißt du Nico, das ist nicht so einfach zu erklären." Der Großvater überlegt und sinniert, was eigentlich Heimat ausmacht, während der Kleine mit seinem Teddybär spielt und ihn erwartungsvoll anschaut. Dem alten Mann kommen folgende Gedanken in den Sinn. Es gibt Menschen, die immer nur an einem Ort leben, und diese denken dann, dass nur dies ihr Zuhause, also ihre Heimat ist. Ob sie sich da aber wohlfühlen, ist so eine Sache. Oftmals sind die Leute in ihrem Ort aber auch ganz unglücklich. Sie haben keine Freunde oder Kollegen oder sondern sich von anderen ab. Sie können mit keinem reden, wenn sie Probleme haben, und sind dann auf sich allein gestellt. Dann sind diese Menschen nicht glücklich, auch wenn sie zu Hause leben. Es gibt aber auch viele Leute, die aus ihren Dörfern und Städten in die ferne weite Welt ausgewandert sind oder anderswo eine neue Arbeit und Freunde gefunden haben. Bei diesen Freunden fühlen sie sich wohl und betrachten das neue Land als ihre Heimat. Es kommt nämlich nicht darauf an, ob man in seinem Dorf oder in seiner Stadt bleibt, sondern man muss sich da auch wohlfühlen. Wo dich die Menschen verstehen, wo du dich nicht verstellen musst, wo Leute sind, die du magst und die dich mögen, da bist du daheim. Heimat entsteht, wenn man die Fähigkeit hat, sich wohlzufühlen dort, wo man ist. Wer das nicht kann, ist niemals daheim - selbst wenn er seinen Geburtsort nie verlassen hat. Heimat kann man sich machen. Egal, wo das ist. Heimat, das kann vieles sein. Sie hat keine feste Bedeutung und man kann sie auch nicht greifen. Für den einen ist sie der Ort, an dem er aufgewachsen ist, für andere vielmehr ein Gefühl, eine schöne Erinnerung aus der Kindheit. Heimat bedeutet für jeden Menschen wohl etwas anderes. Das Gefühl von Heimat schenkt uns Kraft für die bösen und guten Überraschungen, die das Leben für uns bereithält. Man kann sie mit einem sicheren Hafen vergleichen, in den man immer wieder gerne zurückkehrt. Eigentlich ist sie in meinem Kopf und in meiner Seele. Als der Opa aus seinen Gedanken erwacht, weiß er immer noch nicht, wie er seinem kleinen Enkel den Begriff Heimat erklären soll. Da kommt ihm eine Idee. „Nico, wie fühlst du dich denn, wenn ich die hier am warmen Kamin Geschichten erzähle oder dir etwas vorlese?" „Opa, das habe ich gerne und ich bin auch gerne hier bei dir. Es ist dann so heimelig und kuschelig warm. Und du kannst auch gut Geschichten erzählen." „Siehst du, Nico - das ist Heimat".