„Einen alten Baum verpflanzt man nicht"

Oswald Weber, Gerolstein-Büscheich

Dieser allgemein bekannte Ausspruch wird ergänzt durch: „denn es kann sein, dass er das nicht überlebt". Dies gilt im übertragenen Sinne auch für uns Menschen. Wer als alter Mensch zeitlebens mit seiner Heimat tief verwurzelt war, diese - aus welchen Gründen auch immer - verlassen muss, der wird sich in seiner neuen Umgebung nur schwer oder gar nicht zurechtfinden. Viele werden krank vor Heimweh. Ein Beispiel hierfür gab es in jüngerer Vergangenheit auch bei uns in Büscheich. Hier lebte der Schneidermeister Nikolaus Müller fast 80 Jahre lang in seinem Elternhaus. Mit seiner Ehefrau betrieb er eine kleine Schneiderei und ein Lebensmittelgeschäft. Nikolaus Müller und seine Frau waren umgängliche, freundliche Menschen und so war das Geschäft ein beliebter Treffpunkt für die Dorfbevölkerung. Die Älteren im Dorf nannten sie „Schnegger Nikla on Tant Len", für uns Jüngere waren sie „Onkel Nikla und Tant Len", was ihre Beliebtheit unterstrich. Sie gehörten zum „Inventar" des Dorfes. Neben seiner beruflichen Tätigkeit hat Nikolaus Müller seinem Heimatdorf Büscheich über viele Jahre in verschiedenen Funktionen treu und immer bescheiden gedient. Im Jahre 1901 geboren, übernahm er schon mit 15 Jahren mitten im Ersten Weltkrieg den Küsterdienst in der Filialkirche Büscheich. Diesen Dienst übte er in tiefster christlicher Überzeugung bis 1980, also rund 65 Jahre lang, aus. Überliefert ist, dass bei seinem 60-jährigen Küsterjubiläum vor allem sein „schlichtes Dienen", seine stets bescheidene, freundliche und hilfsbereite Art und seine große Heimatverbundenheit hervorgehoben wurden. Er war immer da, niemand konnte sich einen Gottesdienst in der Büscheicher Kirche ohne Nikolaus Müller vorstellen. In seiner gutmütigen Art war er auch ein verständnisvoller Freund der Generationen von Messdienern. Er machte auch schon mal einen Spaß wie den folgenden mit: Mein Freund Rudi Hoffmann und ich waren zum Messdienen eingeteilt. Beim Läuten auf der Empore („Ducksaal") kam uns spontan die glorreiche Idee, den Küster mal kurz an ein Holzgestell festzubinden. Wegen des hierbei entstehenden Lärms hatten wir die Ankunft des bekannt strengen Pastors Thome überhört. Der war wenig amüsiert und sperrte uns für ein halbes Jahr vom Messdienen aus. Schnell war uns klar, dass in diese Zeit auch die Haussammlung der Messdiener am Oster-samstag fiel. Der Ausschluss davon war für uns die größte Strafe. Der Küster erreichte jedoch eine Verkürzung der Sperre, so dass wir wieder dienen und am Ostersamstag mit sammeln durften. Onkel Nikla wusste, wie wichtig das in der damals schlechten Zeit für uns war. Aber auch sonst durften wir bei ihm Fehler machen, zum Beispiel die teils schwierigen lateinischen Stufengebete schon mal sehr undeutlich vortragen. Neben diesem aufwändigen kirchlichen Ehrenamt war Nikolaus Müller auch für die Zivilgemeinde Büscheich ehrenamtlich tätig. Rund 20 Jahre saß er im Gemeinderat und vom 18. November 1960 bis zum 26. Mai 1966 war er Bürgermeister der damals noch selbständigen Gemeinde Büscheich. Auch in diesen Funktionen war Nikolaus Müller überaus geschätzt und geachtet. Dabei wollte er eigentlich nie im Mittelpunkt stehen. Auf tragische Weise änderte sich dann im Alter sein Leben. Fast 80-jährig musste er sein Wohnhaus in Büscheich verlassen. Für eine kurze Zeit konnte er bei seiner Schwester Maria wohnen und damit vorerst in Büscheich bleiben. Anfang des Jahres 1981 nahm ihn dann sein ältester Sohn Paul, Priester in Saarbrücken, zu sich. Am 9. Januar 1981 wurde Nikolaus Müller in Büscheich in einem würdigen Rahmen verabschiedet. Von allen Rednern wurde betont, wie außergewöhnlich beliebt und geschätzt Nikolaus Müller vor allem bei der Dorfbevölkerung von Büscheich und Niedereich war. Typisch für sein bescheidenes Wesen war seine abschließende Antwort auf all die lobenden Worte: „Leute, lasst die Kirche im Dorf." Wie schwer ihm der Abschied aus seiner geliebten Heimat wirklich fiel, wollte er sich auf keinen Fall anmerken lassen. In den folgenden Wochen und Monaten hielt er mit Briefen gelegentlich Kontakt mit seinen ehemaligen Nachbarn in Büscheich. Er bedankte sich für die stets gute Nachbarschaft und hoffte auf eine „baldige Wiederkehr nach Büscheich". Stets betonte er auch, wie gut er an seinem neuen Wohnort Saarbrücken im Haushalt seines Sohnes versorgt und umsorgt werde. Im Frühjahr 1981 erfüllte sein Sohn ihm mit einem Besuch in Rom noch einen Herzenswunsch. In einem Brief zeigte er sich begeistert über eine „großartige besondere Stadt der ganzen Christenheit mit Zeugnissen aus dem alten und neuen Testament". Bald jedoch war in den folgenden Schreiben zwischen den Zeilen schon eine gewisse Wehmut zu spüren. Am 17. April 1981, in der Nacht zu Karfreitag, brannte sein ehemaliges Wohnhaus in Büscheich ab. Alle, die Nikolaus Müller kannten, waren erleichtert, dass er das nicht vor Ort miterleben musste. Viel zu schnell wurde dann der eingangs erwähnte Ausspruch vom alten Baum, den man nicht mehr verpflanzt, bittere Wahrheit. Nikolaus Müller starb am 31. August 1981 in Saarbrücken. Seine letzte Ruhestätte fand er wenige Tage später unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Friedhof seines geliebten Heimatdorfes Büscheich -dort, wo er als Küster so viele Verstorbene auf ihrem letzten Gang begleitet hatte. Nur einige Wochen vor seinem überraschenden Tod hatte er auch dem damaligen Bürgermeister der Stadt Gerolstein, Hans-Günter Geiser, einen Brief geschrieben. Auch hier versicherte er, dass es ihm an nichts fehle, mit der einzigen Einschränkung, dass er seine Heimat vermisse. Diesen Brief hat Bürgermeister Geiser bei der Beisetzung auf dem Friedhof vorgelesen. Kaum einer der vielen Anwesenden konnte seine Tränen zurückhalten. Im offiziellen Nachruf stellte Bürgermeister Geiser mit zur Person Nikolaus Müller passen den Worten das stets verantwortungsbewusste Handeln des Verstorbenen heraus. „Sein Leben war stilles, bescheidenes Dienen. Büscheich hat einen guten Menschen verloren." Wir in Büscheich sind überzeugt, dass er den Verlust seiner Heimat auf Dauer nicht verwinden konnte. Nikolaus Müller war ein Beispiel für Heimatverbundenheit, für Heimatliebe. Am Ende jedoch siegte wohl das Heimweh. Nachdem die Ruine des abgebrannten Hauses beseitigt war, hat die Gemeinde Büscheich auf der frei gewordenen Fläche ihren Dorfplatz angelegt. Zur Erinnerung an Nikolaus Müller erhielt der Platz den Namen „Nikla-Müller-Platz". Für alle sichtbar, ist dieser Name auf einem dort liegenden, von der nahen Dietzenley geholten alten Mühlstein verankert.