Meine Großmutter war Näherin

von Tamara Retterath, Lirstal.


Mein Vater, Ernst Retterath (geb. 1940) erinnert sich an seine Großmutter (geb. 1885), die als Schneiderin ihren Lebensunterhalt verdiente. Die Geschichte wird aus seiner Sicht erzählt:

Großmutter und Mutter von Ernst Retterath


Meine Großmutter war verarmt. Einst besaß sie mit ihrem Mann zusammen einen selbstständigen Betrieb, ein gut gehendes Sägewerk. Doch 1914 kam ihr Ehemann durch einen schrecklichen Unfall in seinem Betrieb ums Leben. Nun stand sie mit ihrer zweijährigen Tochter alleine da. Weil sie sich nicht zutraute, den Betrieb alleine weiterzuführen und sie mit der Betreuung ihres Kleinkindes beschäftigt war, setzte sie einen Verwalter ein, der seine Arbeit anfangs gut machte.

Doch nach ein paar Jahren wurde festgestellt, dass dieser Verwalter sehr viel Geld unterschlagen hatte. Schon damals lieferte man die gesägten Hölzer ins Ausland. Der Verwalter gab dann öfter vor, das gelieferte Holz sei im Ausland verworfen worden, das hieß, es sei wegen mangelnder Qualität beim Käufer nicht akzeptiert worden. In einem solchen Fall lohnte es sich von den Kosten her nicht mehr, das Holz wieder nach Deutschland zurückzutransportieren, sondern es wurde im Ausland günstigst notverkauft. Ein Rücktransport wäre dann teurer geworden, als das Holz wert sei.

In Wirklichkeit „verkimmelte" (verkaufte) der Verwalter das tatsächlich hochwertige Holz auf seine Rechnung im Ausland. Die Ehefrau dieses Verwalters machte meine Großmutter schließlich darauf aufmerksam, dass ihr Mann nicht ehrlich sei. Doch es war schon zu spät, der Betrieb musste Konkurs anmelden und meine Großmutter besaß plötzlich nichts mehr.

Sie verlor neben dem Sägewerksbetrieb auch ihr Wohnhaus und ihre von ihren Vorfahren ererbten landwirtschaftlichen Grundstücke. Sie stammte von ihren Eltern her aus einem landwirtschaftlichen Betrieb mit mehreren Kindern. Die vorhandenen Acker- und Wiesenflächen waren schon unter den Geschwistern und ihr aufgeteilt. Selbst ihr von ihren Eltern ererbtes Vermögen, diese kleinen Immobilien, gingen ihr durch den Konkurs verloren.

Den elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb führten ein unverheirateter Bruder und eine unverheiratete Schwester, die selbst keine Kinder hatten, mit der noch lebenden Mutter. Hierhin ist meine Großmutter dann notgedrungen wieder zurückgekehrt und war dankbar, dass sie aufgenommen wurde.

Gemeinsam betrieben sie dann die Landwirtschaft mit Viehhaltung weiter. Das war eine unschöne Situation, denn die Geschwister besaßen Felder und sonstige landwirtschaftliche Flächen, und sie selbst war mittellos.

Da fing sie mit der Schneiderei an. Ich weiß nicht, ob sie das als Lehrberuf gelernt hat. Aber Handarbeiten wie Stricken, Sticken, Häkeln und Nähen lernten die Mädchen früher bereits als Kind in der Schule. Wahrscheinlich hat sie sich die Schneiderei autodidaktisch angeeignet und perfektioniert. Auf jeden Fall begann sie damit, selbständig Näharbeiten anzubieten. Damals gab es noch keine Kleidung von der Stange, so dass es üblich war, sich Kleider schneidern zu lassen.

Es sprach sich schnell herum, dass in der Gegend eine Schneiderin für wenig Geld Näharbeiten entgegennahm. Da kamen Frauen aus den umliegenden Ortschaften, die sich Kleider, Röcke, Blusen und Mäntel nähen ließen. Sie besaß eine Nähmaschine, daran kann ich mich noch gut erinnern, von der Firma PfafF. Damals wurden die Nähmaschinen noch nicht elektrisch, sondern mittels Fußpedal angetrieben.

Ihre Hauptsaison hatte meine Großmutter in den Zeiten vor den Feiertagen, wenn die Leute neue Kleider bei ihr in Auftrag gaben. Viel nähte sie auch im Winter, da dann in der Landwirtschaft weniger zu tun war.

Weil ihr kein eigener Nähraum zur Verfügung stand - früher wohnten die Dorfleute ohnehin meist beengt, führte sie die Näharbeiten im Wohnzimmer durch.

Auch das Maßnehmen und die Anprobe fand im Wohnzimmer statt. Als Kleinkind lief man hin und her durch die Zimmer und sah die Frauen schon mal in ihren Unterröcken, wenn Maß genommen wurde oder mit Nadeln die Stoffe abgesteckt wurden. War die Kleidung genäht, mussten die Kunden nochmal kommen, um ein weiteres Mal anzuprobieren, ob alles passte. Manchmal wurde zuletzt noch eine Kleinigkeit geändert.

Schnittbögen ließ sie sich von Verlagen schicken. Sie schnitt sich aber von den Schnittbögen nicht für jedes Kleid einen Bogen aus, sondern legte unter den Schnittbogen ein Blatt Papier und fuhr auf dem Bogen entlang der Schnittlinien mit einem Zahnrädchen nach. Nahm man nun den Schnittbogen weg, so konnte man auf dem Blatt genau die Linie sehen, die man für den Schnitt benötigte. Auf diese Weise konnte man die Schnittbögen mehrmals verwenden.

Ich erinnere mich daran, dass früher auch Kataloge per Post ankamen, in denen kleine rechteckige Stoffmuster in der Größe zehn mal fünf Zentimeter eingeklebt waren. So konnte man genau sehen und fühlen, wie die Stoffe beschaffen waren.

Meine Großmutter hatte so viele Aufträge, dass sie sie kaum bewältigen konnte. Kunden aus dem Umkreis von zehn Kilometern kamen zu ihr. Sie musste und wollte ja auch noch in der Landwirtschaft mithelfen, wo auch jede Hand gebraucht wurde. Deshalb mussten die Näharbeiten, die dringlich waren, vielfach in den Abendstunden durchgeführt werden. Oft nähte sie bis tief in die Nacht.

In den Kriegsjahren, als Mangel herrschte, brachten die Leute ihren Stoff selbst mit. Alte Kleidung wurde manchmal wieder aufgetrennt, um sie zu neuen Stücken zu verarbeiten. Meine Großmutter hatte viel Fantasie. Aus jedem Stück Stoff wusste sie, was daraus entstehen könnte. Auch an Fastnacht nähte sie viele Kostüme für Maskenbälle. Für mich stellte sie einmal ein wunderschönes Indianerkostüm her, mit gigantischem Federschmuck und allem Pipapo.

Aus einem alten Militärmantel schneiderte sie mir Hosen. Einmal fabrizierte sie für mich ein wundervolles Trachtenensemble aus Hose und Jacke. Aus Stoffen, die von den Amerikanern im Zweiten Weltkrieg zurückgelassen worden waren (zum Beispiel gelbe Stoffbahnen zur Orientierung bei Hubschrauberlandungen), nähte sie Röcke für meine Schwester. Damals waren für Kinder Matrosenkragen Mode, die sie ebenfalls schneiderte. Einmal entwarf und nähte sie ein Hochzeitskleid; der Pastor sprach sie sogar darauf an und lobte sie dafür, dass sie ein ganz tolles Kleid geschaffen habe. Aus der Zeit, als ich Schulkind war, erinnere ich mich, dass sie mich immer bat, den Faden in die Nadel an der Nähmaschine einzufädeln, weil sie im Alter nicht mehr so gut sehen konnte. Manchmal probierte sie es selbst vergeblich mehrere Minuten lang. Dann half ich ihr, den Faden durch das Nadelöhr zu führen.

Als sie im Alter - wahrscheinlich wegen nachlassender Sehkraft und Fingerfertigkeit - nicht mehr nähen konnte und ihre selbstständige Schneidertätigkeit aufgeben musste, half sie intensiv im Ackerbau mit. Ich sehe sie heute noch vor mir, wie sie in der Erntezeit arbeitete, bis ihr der Schweiß das Gesicht herunterlief. Sie wollte ja beweisen, dass sie nicht umsonst bei den Geschwistern wohnen wollte. Da strengte sie sich sehr an und war auch stolz darauf, dass sie ihre Arbeit so gut bewältigte.

Zusätzlich ging meine Großmutter jeden Tag zu Fuß in den zwei Kilometer entfernten Nachbarort in die Pfarrkirche - und das bei Wind und Wetter. Die Messe fand morgens um sieben Uhr statt, im Winter um halb acht. Da die Leute laut damaliger Religionsauslegung nüchtern sein mussten, bevor sie die Kommunion empfingen, machte sie sich ohne zu frühstücken auf den Weg.

So erinnere ich mich mit Bewunderung an meine Großmutter, die sich durch ihren tragischen Schicksalsschlag nicht unterkriegen ließ und trotz aller Widrigkeiten ihr Leben meisterte.