von Margret Krämer, Gerolstein-Michelbach
Meine Großmutter mütterlicherseits, Maria (*1896), verbrachte ihre Kindheitsjahre noch gemeinsam mit ihrer Großmutter, Magdalena (*1833), unter einem Dach. In vielen Belangen sollte ihr Leben in ähnlichen Bahnen verlaufen, wie das der Magdalena. Zeitlebens lebte man hier in Michelbach, pflegte Haus und Garten, versorgte die Hühner und ackerte von morgens bis abends mit den Männern auf dem Feld. Hier und da war man es gewohnt verspottet zu werden — über irgendetwas mussten die Leute doch „dat Moul schworde" (über etwas herziehen) — aber dies war allemal besser, als mit unnützem Neid und Missgunst übersäht zu werden. Trotz so mancher Streitereien im Haus und im Dorf, am Ende des Tages überwiegte der Wille zum Miteinander und zur Kooperation. Eine Tatsache, die wohl ein Stückweit der Enge des Tales geschuldet gewesen sein mag. Aus eigener Erfahrung wusste man nur zu gut: Alleine kam man zwar schneller voran, doch nur gemeinsam kam man weit(er).
Als Magdalena geboren wurde, war es noch nicht so lange her, dass zunächst der Franzose und dann der Preuße alles ringsum vermessen und mit einem Lineal feinsäuberlich auf Papier notiert hatte. Und das nur, weil „sei do ouwe" (die da oben) alles so genau wissen wollten. Für sie hier im Dorf hätten „sei loa" (die da) sich nicht all die Mühe machen müssen, war doch jedem bekannt, wo was warum war. So liegt zum Beispiel im Osten der Gemarkung Michelbach, dort wo die Sonne aufgeht, selbstverständlich die Flur ,Auf Breimel". Hier wurde meistens Hafer angebaut, aus dessen „Mel" (Mehl) man morgens den Haferbrei kochte. Und dort wo die Sonne untergeht, im Westen, da liegt natürlich die Flur „Im Kaulenfeld". Die „Kaul", das wusste nun wirklich jedes Kind, bedeutet nicht nur Grube, sondern auch Kugel. Eine Kugel so rund wie der Kohlkopf. Jeder im Dorf hatte einen Garten; entweder direkt am Haus gelegen, „In der Gassenbach" oder „In der Hammelsbach". Doch Kohl wurde in jenen Zeiten nicht im eigenen Garten angepflanzt, sondern draußen auf dem Feld, denn es wurden Unmengen gebraucht, um gesund über den Winter zu kommen. Bekanntlich „as de Wonter lank" (dauert der Winter lange) und daher musste jedes Kohlfeld groß sein, damit letztlich die fein gehobelten Kohlköpfe in möglichst vielen prall gefüllten Tonfässern zu „Kappes" (Sauerkraut) vergoren werden konnten.
Die ersten Wintermonate waren dabei vergleichsweise noch recht gute Monate. Eine im November oder Dezember durchgeführte Hausschlachtung bedeutete nicht nur für jeden viel Arbeit, sondern auch volle Töpfe. In richtig guten Jahren duftete das Haus noch sehr lange nach köstlich geräuchertem Speck, und im Eintopf hatte es Fleisch am Knochen. In schlechten Jahren zog sich der Winter erbarmungslos in die Länge, und die Frühjahrmonate entpuppten sich - trotz saftig sprießendem Löwenzahn, kräftigen Brennesselen und nimmermüdem Giersch — als recht karge Monate. Wenn die Kartoffeln anfingen „us zo schloun" (zu keimen) und ungenießbar, sprich giftig, wurden, da war die Zeit der „Schrompreskouche, Deppes-kouche un jestampte Kappes" (Reibekuchen, Reibekuchenteig mit Speck als Kuchen im Ofen ausgebacken, gekochte Kartoffeln zusammen mit gekochtem Sauerkraut zerstampft) vorbei. Dann war man dankbar und froh noch eine warme Sauerkrautsuppe auf den Tisch stellen zu können. Zur Suppe gab es ein Stück Brot. Für ein gutes Sauerteigbrot brauchte es nicht viele Zutaten: Roggenmehl, Wasser, Salz, Wärme und Zeit, sehr viel Zeit. Doch so ein Sauerteig, der konnte — je nach Wetterlage — so seine Launen haben, und der Holzofen, na ja, da musste man stets auf der Hut sein, damit er nicht anfing ein Eigenleben zu führen. Der Roggen fürs Brotbacken, der wurde nicht nur auf den eigenen Feldern und auf den zugewiesenen, gemeinschaftlich bewirtschafteten Gemeindeflächen angebaut, sondern auch von der Mühle vor Ort oder von einer der Mühlen in der Nachbargemeinde Birresborn zermahlen. Bevor man so einen Laib Brot anschnitt, zog man mit dem Messer selbstverständlich ein Kreuz darüber. Mit dieser Geste sprach man nicht nur seine Dankbarkeit, sondern auch seine Erleichterung darüber aus, dass man auch diesmal wieder etwas Gutes aus dem Holzbackofen hatte ziehen dürfen.
Von Magdalena lernte Maria auch, dass dieses „nixnotzische Unkrout" (unnütze Unkraut) im Garten einst von Napoleons zerlumpten Soldaten in die Region geschleppt wurde, nur um die Leute zu plagen („dat verflochte Franzousekrout" - das verfluchte Franzosenkraut) und dass — nicht anders wie bei den Leuten im Dorf — sich im Garten nicht jedes Gemüse miteinander „verston dät" (vertragen tun). So mögen Lauch und Zwiebeln die Möhren sehr, doch mit Bohnen und Erbsen als Nachbarn, da tun es sich die beiden halt unwahrscheinlich schwer. „Dat as halt enfach mol sou" - Das ist halt einfach mal so. Und während Maria den Geschichten ihrer Großmutter zuhörte, ihr bei den Arbeiten im Haus und im Garten zur Hand ging und von ihr lernte, wie man backt, kocht, spinnt, strickt und näht, da hat sie wohl einen Satz sehr häufig gehört: „Do dat jod äsamere"" - Tu das gut „ä-sa-mere".
Ein Wort für „äsamere" mag man auf den ersten Blick im Hochdeutsch nicht finden. Vielmehr verdient es eine Umschreibung: Etwas wie seine Mutter(natur) in Ehren halten; auf etwas gut achtgeben; etwas gut versorgen, damit man lange etwas davon hat; etwas nachhaltig machen. Und dieses „etwas" kann vieles sein, ein Tuch, ein Schmuckstück, ein Werkzeug, ein (Geheim-) Rezept, ein Buch, ein Sovielesmehr. Sich für „äsamere" zu entscheiden, bedeutet sich nicht gegen etwas, sondern sich bewusst für etwas zu entscheiden. „Äsamere" ermutigt zum Bewahren und fordert zum eigenen Handeln auf. Wohl nicht umsonst versteckt sich im Wort „begreifen" das Wort „reifen". Zuweilen reift wohl erst mit dem Alter die Erkenntnis, dass nicht jeder Schatz glänzen muss, um für einen wertvoll zu sein. Ein Schatz ist schlichtweg und oftmals „nur" etwas, das einem wahrhaftig gut tut; etwas, das sich lohnt zu „äsamere".
Seit den Zeiten meiner Großmutter und Ur-Ur-Großmutter hat sich vieles gewandelt. Die Dorfbewohner sind nun bald fast seit einem halben Jahrhundert Gerolsteiner Stadtbürger und können der Enge des Tales auf exzellent ausgebauten Straßen rasant entfliehen; die Holzbacköfen sind aus den Häusern genauso verschwunden wie die Getreidemühlen aus den Dörfern; die Flurstücke „Auf Breimel" und „Im Kaulenfeld" dienen nur noch als Wildacker; und die vielen kleinen Gärten „In der Gassenbach" und „In der Hammelsbach" sind nur noch auf den Flurkarten klar zu erkennen. Jedoch Lauch und Zwiebeln mögen weiterhin weder Erbsen noch Bohnen als Nachbarn, und neben einigen Häusern findet man immer noch kleine, liebevoll gepflegte Zier-, Kräuter- und Gemüsegärten.
Das Wort „äsamere" hört man jedoch nur noch sehr selten. Stattdessen wird in sämtlichen Medien das Thema „Nachhaltigkeit" — gefühlt wie eine Endlosschleife rauf und runter und immer wieder aufs Neue - diskutiert und interpretiert. Was früher ein selbstverständliches und notwendiges Handeln war und mitunter auch Verzicht bedeutete, wird heute von den Verlockungen bequemerer und preisgünstigerer Alternativen mit Leichtigkeit in den Schatten gedrängt. Während man sich PS-stark in die immer enger werdenden Parknischen der Billigdiscounter drängt, bemerkt die Eine oder der Andere konsterniert das unaufhörliche Sterben der regionalen Handwerksbetriebe, das Aussterben der Dörfer im Allgemeinen und das Zerbröseln der Dorfgemeinschaften im Besonderen. Ist in der Heimat immer weniger los, dann wird die fortschreitende Leere — früher oder später — mit einem Gefühl der Heimatlosigkeit ausgefüllt. Unsere Ahnen würden uns hier wohl den Rat geben: „Ma mos scho äsamere, wat enem weschtesch as".
Und wie steht es mit dem verfluchten Franzosenkraut? Trotz all dem unermüdlichen Verfluchen, Rupfen und Zupfen unserer Mütter, Großmütter und Ur-Ur-Großmütter gedeiht dieses Kraut weiterhin sehr hartnäckig und sehr nachhaltig in den hiesigen Gärten. Jedoch, wie wir heute wissen, handelt es sich bei diesem Kraut nicht um „Unkrout" (Unkraut), sondern um Galin-soga parviflora; ein sehr vitales und wertvolles Heilkraut, das ursprünglich aus Peru stammt. Es wird nicht nur von Hühnern und Vögeln sehr gerne vernascht, sondern es kann sich durchaus auch für die Liebhaber von Smoothies lohnen, es ab und zu mal zu ernten, anstatt es stets nur mühevoll zu zupfen. Dass die Natur dieses Kraut „äsamert" hat, ist wirklich eine ganz feine Sache.