von Uli Diederichs, Manderscheid
Meine Kindheit habe ich in (Unter-)Daun verbracht. In der Nähe von Lieser, Bahnhof und Firmerich. Wunderschöne Spielplätze in freier Natur!
Es war am Übergang der 1950er zu den 1960er Jahren. Einer Zeit, in der alles noch sehr schlicht war. Kaum ein Haus besaß eine Heizung oder hatte ein Auto vor der Tür stehen. Nicht in jedem Haushalt stand ein Fernsehgerät oder eine Waschmaschine. Doch alle hatten — wieder - ein Dach über dem Kopf. Und genug zu essen. Davon handelt meine Erzählung.
Wie alle in unserer Nachbarschaft, besaßen auch wir einen Nutzgarten. Dort wurde so gesät und gepflanzt, dass er das ganze Jahr Essbares hervorbrachte. Unter der Erde Kartoffeln, Möhren, Schwarzwurzeln, Radieschen ..., über der Erde Bohnen, Erd-und Johannisbeeren, Rhabarber, Salat ... Es herrschte alljährlich ein regelrechter Wettbewerb zwischen den benachbarten Gartenbesitzern, wer die größten Kartoffeln hatte, den prächtigsten Salatkopf, die dicksten Bohnen. Nach der Ernte wurden die Dinge, die aufgrund ihrer Menge nicht direkt verzehrt werden konnten, haltbar gemacht. Die Kartoffeln kamen in einem dunklen Keller in eine Schütte; auch die Möhren, die in einem Sandbett zugedeckt wurden. Und vieles andere wurde eingemacht. Denn es gab noch wenige Gefriermöglichkeiten.
In unserem Garten standen ein großer Pflaumenbaum und an der Hauswand ein Spalierbirnbaum. Ich habe noch immer den Duft von frischem Pflaumenkuchen in der Nase. Und auf der Zunge den Geschmack der süßen Birnen. Ich erinnere mich noch gut und gerne daran, wie meine Oma und meine Mutter Obst und Gemüse eingemacht haben. Obst wurde zu diesem Zweck entkernt, geschnitten und in Einmachgläser gefüllt. Diese fassten einen Liter und wurden so weit mit Wasser gefüllt, dass der Inhalt bedeckt war. Dann wurde der Einmachring - ein flacher, etwa ein Zentimeter breiter roter Gummi - auf den ebenso breiten Rand des Einmachglases gelegt und auf diesen ein passgenauer Glasdeckel, der von einem Spannbügel aus Draht festgedrückt wurde. Immer sechs Gläser wurden in einen großen Topf gestellt, der so weit mit Wasser gefüllt wurde, dass es bis kurz unter die Glasdeckel reichte. Das Ganze kam dann auf den Herd. Weil dieser Topf jedoch viel zu wuchtig für die größte Platte unseres neuen Elektroherdes war, wurde sein Vorgänger, der mittlerweile in den Keller gewandert war, angefeuert - mit Holz und Briketts. Wenn sich nach einigen Stunden des Kochens durch Hitze und Druck ein Vakuum in den Gläsern gebildet hatte, war das Werk vollendet. Nach dem Abkühlen wurden die Gläser in eine hölzerne Stellage im Vorratskeller geräumt.
Und sie kamen nur zu besonderen Anlässen wieder zum Vorschein: meist sonn- und feiertags (Weihnachten, Ostern, Kommunion, Geburtstage) oder wenn Besuch kam. Mit einer Ausnahme! Dann nämlich, wenn aus einem Glas das Vakuum gewichen war. Um das festzustellen, ging meine Oma ungefähr ein Mal in der Woche in den Vorratskeller und klopfte mit dem Nagel eines Zeigefingers auf jeden Glasdeckel. Am Klang konnte sie hören, ob das Vakuum noch vorhanden war. Heller Ton – das Glas war noch verschlossen, dumpfer Ton – das Glas war offen. Dann musste es “leider“ mit nach oben, denn ansonsten wäre der wertvolle Inhalt verschimmelt. Das wollte natürlich niemand.
Weil es viel zu selten vorkam, dass ein Glas undicht wurde, habe ich (andere Kinder auch) den Prozess ab und zu heimlich beschleunigt. Brauchte man doch nur so lange am Einmachgummi zu ziehen, bis ein leises Zischen zu hören war. Dann war das Vakuum Vergangenheit!
Einmal kam meine Oma mit einem Glas nach oben in die Küche und beklagte sich bei meiner Mutter: „De Unmachjummis seijn hautsedaach och nimi dat, wat se freja es woaren. Die Dinga jenn daouernd undischt!“
Um dem Schaden doch noch etwas Gutes abzugewinnen, kochte meine Mutter dann Grießpudding, über den wir Kinder reichlich von den leckeren Einmachpflaumen oder -birnen mit ihrem süßen Saft schaufelten. Viele Jahre später, als ich schon erwachsen war, erzählte meine Mutter meinen Kindern davon. Und auch, dass sie – und alle Mütter und Großmütter – gewusst haben, auf welchem Weg dem Vakuum nachgeholfen worden war. Denn früher hätten sie es als Kinder genauso gemacht.
Als ich vor einiger Zeit in einem Haushaltswarengeschäft Einmachgläser mit Einmachringen entdeckte, nahm ich gleich einen Zwölfer-Karton mit. Im Spätsommer erntete ich die Pflaumen in meinem Garten. Einen Teil davon habe ich eingekocht. Die Gläser waren fest verschlossen.
Eines Sonntags im Dezember vernahm ich aus der Küche ein deutliches Zischen. Eines meiner Kinder war zu Besuch und hatte sich an früher erinnert. Zufällig war auch ein Vanillepudding fertig …