Ein Streifzug durch die Geschichte des Konsumierens und Konservierens mit Aline Kottmann-Rexerodt
von Brigitte Bettscheider, Kelberg-Zermüllen
Als Aline Kottmann-Rexerodt im Heimatjahrbuch 2020 die Seite mit dem Schwerpunktthema für diese Ausgabe entdeckt, ist sie gleich Feuer und Flamme. Doch stellen wir die 78-Jährige zunächst vor: Sie lebt in dem ehemaligen landwirtschaftlichen Anwesen, das ihre aus Krefeld kommenden Eltern Anfang der 1970er Jahre in dem Kelberger Ortsteil Zermüllen gekauft hatten. Den Platz, den seinerzeit die achtköpfige Familie benötigte, kann sie heute gut selbst brauchen. Denn zeitlebens blieb sie Sammlerin, seit sie als Kind mit einem winzigen Kaffeeservice den Grundstock für eine heute aus Dutzenden von Puppenhäusern bestehende Miniaturwelt mit unzählbaren Bewohnern, Möbeln und Haushaltsgegenständen legte.
Sie sammelte, als sie als junge Frau in Wiesbaden Inneneinrichtung erlernte und später in Antiquitätengeschäften in München und Krefeld arbeitete. Sie stöberte in ihrer Freizeit auf Flohmärkten und in Nachlässen, während sie von 1973 bis 2006 ein Geschäft für Sammler- und Kinderspielzeug in Mayen führte. Seit 2007 ist ihre PuppenstubenSammlung unter dem Titel „Gespielte Wirklichkeit" nach Vereinbarung in Zermüllen zu besichtigen.
Dass sie von dem Schwerpunktthema dieses Heimatjahrbuchs auf Anhieb so angetan war, hat also mit ihrer Sammelleidenschaft und ihrem Interesse an Antiquarischem aller Art zu tun. So nimmt sie eine Kinderfibel aus der direkten Nachkriegszeit zur Hand und deutet auf die Seite mit „B". Entsprechend dem Merksatz „Beate und Bert werfen den Ball gegen den Birnbaum" ist die Buchseite mit einer Birne illustriert.
Bei Aline Kottmann-Rexerodt ruft die Zeichnung die Erinnerung an etwas wach, das ihr vor vielen Jahren die Mutter einer Freundin erzählte — dass nämlich in so kalten Gegenden wie der Eifel die Kultivierung von Birnbäumen viel älter ist als die von Apfelbäumen. Erst die Obst- und Gartenbauvereine, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierten, machten robuste Apfelsorten hierzulande heimisch. Bis dahin spielte die Birne die Hauptrolle.
In dem Zusammenhang kommt unweigerlich die Sprache auf den „Birrebunnes", den traditionellen Eifeler Birnenkuchen mit Hefeteig, getrockneten Birnen und Rübenkraut als Hauptzutaten. Zwar ist er weitest-gehend von den Kaffeetafeln verschwunden. Doch bei Backfesten, wie sie zum Beispiel in Darscheid oder in Demerath noch veranstaltet werden, ist er stets der Besucherlieblingskuchen. Auch stand der „Birrebunnes" schon im Mittelpunkt einer Fernsehsendung des SWR: Im Januar 2017 backten ihn die „Re-zeptsucherin" Susanne Nett und die beiden Daunerinnen Erika Annen und Ute Dup-pich nach überliefertem Rezept vor laufender Kamera. Bleibt in dem Zusammenhang noch der unweit der Eifel im Ahrtal gelegene „Birnen-Rundwanderweg" mit mehr als 30 verschiedenen Sorten auf der acht Kilometer langen Strecke zwischen den Dörfern Ringen und Lantershofen zu empfehlen.
Unter all den einstigen Gebrauchsgütern, die Aline Kottmann-Rexerodt im Laufe ihres Lebens zusammengetragen hat, ist ein Henkeltopf aus Keramik. Doch nicht der Topf an sich war es, dem sie auf einem Flohmarkt auf den ersten Blick den Gedanken „Dich muss ich haben!" zuwarf. Es war die Tatsache, dass das angeschlagene Gefäß auf besondere Weise repariert worden war — von einem „Rastelbinder" nämlich, auch „Topfflechter" oder „Hafenbinder" genannt, jenem Vertreter von so gut wie ausgestorbenen Berufen wie Flickschuster, Scherenschleifer, Kesselflicker. Denn was bis weit ins 20. Jahrhundert hinein selbstverständlich war — einen Gebrauchsgegenstand nach Beschädigung, technischem Defekt oder dem Verschleiß ersetzbarer Teile wieder instand zu setzen, kommt heute kaum noch jemand in den Sinn. Übersteigen doch die Reparaturkosten häufig den Wert des Objekts; sind Gebrauchsgüter doch aufgrund des überreichen Angebots leicht durch neue zu ersetzen; und wird es zudem immer schwieriger, einen entsprechenden Handwerks- oder Dienstleistungsbetrieb zu finden. Die an Aline Kottmann-Rexerodts Fundstück ausgeführte Reparatur deutet auf die grundsätzlich andere Einstellung der Menschen gegenüber Alltagsobjekten, gerade wenn sie beschädigt waren, im Gegensatz zu heute hin. Ob aus Armut oder Sparsamkeit, es wurde versucht, die Gebrauchsdauer des Gefäßes zu verlängern. Dazu umwand der „Rastelbinder" den Topf kunstvoll mit einem Drahtgeflecht. Was übrigens — so hat es die Sammlerin aus Zermüllen recherchiert — oftmals auch wegen des intensiven Gebrauchs sozusagen prophylaktisch bereits vor dem Verkauf an den Töpferorten erfolgte.
Was aus ihrem Fundus auch zum Thema „Konsumgeschichte" passt, sind historische Kochbücher. Davon besitzt sie Dutzende. Ihr Ältestes ist Sophia Juliana Weilerins „Augsburgisches Kochbuch" aus dem Jahr 1796. Es enthält Hunderte von Rezepten für Suppen, Fleischgerichte, „Eyer-, Milch-, Mehl- und andere Nebenspeisen". In dem Kapitel „Süß und sauer eingemachte Sachen" findet sich unter Nummer 769 eine Anleitung für eingemachte Walnüsse, eine alte, fast vergessene Spezialität, die aber heute wieder von Sterneköchen „scheibchenweise zu Desserts" empfohlen wird. Wir drucken das Rezept hier in der originalen Schreibweise ab.
„Die Nüsse werden um Johannis, wann sie noch weich sind, abgenommen, und in jede Nuß wird 4 bis 8mal mit einer Spicknadel oder Spinnadel gestochen. Dann legt man sie in ein Geschirr, wo sie viel Platz haben, in frisches Wasser. Alle Tage gießt man es ab und gießt wieder anderes frisches daran. So läßt man sie 9 bis 10 Tage liegen. Dann setzt man sie mit frischem Wasser in einer messingenen Pfanne aufs Feuer, läßt sie 2 bis 3 Wall aufthun und gießt sie ab; tut sie 1 bis 2 Stunden in ein Sieb zum abtrocknen und steckt geschnittenen Zimmet und Nägelein in die Löcher. Dann nimmt man zu 50 Nüssen ohngefähr anderthalb Pfund Zucker, läutert ihn mit Rosenwasser, bis er so dick ist, daß er Fäden zieht; thut die Nüsse in ein Geschirr und gießt den Zucker darüber. So läßt man sie 2 Tage stehen. Dann gießt man den Zucker ab, thut noch ein Stücklein Zucker dazu und läßt ihn noch einmal aufkochen, und dieses wiederholt man noch etliche Male. So oft man den Zucker aufkocht, muß ein Stücklein frischer dazu gethan werden. Will man die Nüsse weich haben: so läßt man sie eine Viertelstunde in dem Zucker mitkochen."
Mit neun mal 13 Zentimetern hat ein Bändchen mit dem Titel „Neues Kochbuch für die Puppenküche" das kleinste Format in Aline Kottmann-Rexerodts Sammlung. Es ist im Jahr 1894 erschienen und wird als „nützliche Gabe für junge Mädchen" angepriesen. Nach den Worten der Herausgeberin Eleonore Horn enthält es „eine reiche Samm- & lung solcher Rezepte, welche bei einfacher und billiger Zusammensetzung die kleinen Köchinnen spielend für ihren späteren Beruf 12 als Hausfrauen vorbereiten." Was darunter zu verstehen ist? Lassen wir drei Rezepte für sich sprechen.
Kartoffelsuppe:
Nachdem gut abgeschälte, geschnittene und abgewaschene Kartoffeln im Wasser weich gekocht sind, gieße man das Wasser ab und zerrühre die Kartoffeln mit einem Stückchen Butter und etwas Salz gut, gieße alsdann wieder heißes Wasser darauf und lasse alles noch einmal aufkochen.
Milch-Grieß:
In siedende Milch schütte den Grieß unter stetem Umrühren hinein, lasse ihn kochen, bis er gut gequollen ist, thue alsdann ein Stückchen Butter hinzu und lasse ihn damit aufkochen. Auf einen Teller aufgegeben, streue Zucker und Zimt darauf.
Limonade:
In ein Glas frisches Brunnenwasser drücke man den Saft einer halben Citrone, thue so viel Zucker hinein, daß es nicht zu sauer, aber auch nicht zu süß schmeckt und rühre dieses gut um.
Aus etwa derselben Zeit (1882) stammt der Band „Das häusliche Glück". Darin geht es um mehr als um Koch- und Backrezepte, worauf der Untertitel hinweist: „Vollständiger Haushaltungsunterricht nebst Anleitung zum Kochen für Arbeiterfrauen. Zugleich ein nützliches Hilfsbuch für alle Frauen und Mädchen, die billig und gut haushalten lernen wollen." Dazu gehört auch ein Kapitel über Kleidung, die „standesgemäß und der Gesundheit entsprechend" sein soll und „anständig", was mit „sauber, wohlgeordnet und bescheiden" erklärt wird. Als besonders nützlich und wichtig wird das Stopfen und Flicken von Kleidung und Wäsche beschrieben:
„Die meisten Sachen halten dadurch noch einmal so lange aus und werden stets in Stand gehalten. Es muß aber jede kleine Beschädigung an einem Stücke sogleich ausgebessert werden; denn wenn das verzögert oder versäumt wird, ist in vielen Fällen der Fehler nicht mehr gut zu machen und die Sache nicht mehr zu brauchen."
Wer sich mit der Geschichte des Konsumierens und Konservierens beschäftigt, kommt an Johann Carl Weck (1841-1914) nicht vorbei. Er ist der Namensgeber des Verbs „einwecken", das im Duden als Synonym für „einkochen, einmachen, eindünsten" steht. Doch war er nicht der Erfinder des 1892 patentierten Einkoch-Verfahrens mit den heute noch legendären Weck-Gläsern, zu denen Glasdeckel, Dichtgummi, metallener Verschlussmechanismus und Einkochtopf gehörten. Erfinder war der Chemiker Dr. Rudolf Rempel; ihm hatte Weck das Patent abgekauft und sodann sehr erfolgreich für eine Verbreitung gesorgt. Im Besitz von Aline Kottmann-Rexerodt sind eine Ausgabe des „Frischhaltungskochbuchs" der Firma Weck aus dem Jahr 1916, etliche Broschüren des Unternehmens, auch Zeitschriftenartikel. Und sie verbindet eine Kindheitserinnerung aus den 1950er Jahren mit Weck-Gläsern. Ihr Urgroßvater führte ein Schreibwarengeschäft und war auf einer Messe auf den Stand der Firma Weck aufmerksam geworden. „Da orderte er kurzerhand das ganze Sortiment und stellte sie zur Haupternte- und Einmachzeit im Schaufenster des Schreibwarengeschäfts aus", erzählt sie — „wahrscheinlich ergänzt um die entsprechende Fachliteratur", vermutet sie. Das „Weck-Schaufenster" habe zusätzliche Kundschaft angezogen, und so sei es Jahr für Jahr beibehalten worden, weiß sie noch.
In dem nunmehr 105 Jahre alten WeckKochbuch werden die „Hilfsmittel" vorgestellt und „Anweisungen" für das Frischhalten von Speisen von A wie Aprikosen bis Z wie Zuckergurken gegeben. Im Stil der Zeit heißt es im Vorwort über die Hausfrau:
„Sie spart Zeit, indem sie auf Vorrat kocht für Tage, an denen sie abwesend sein muß oder mehr als sonst in Anspruch genommen ist. Sie bereitet Speisen auf Vorrat, um sie auf Ausflüge mitzunehmen oder mitzugeben. Sie empfindet Freude und Genugtuung, wenn sie ihre herrlichen Vorräte überblickt, und hört sich von den Gästen, denen sie die Schätze zeigt, mit berechtigtem Stolz als tüchtig preisen. Diese Vorteile sichert sie sich mit leichter Mühe. Sie empfindet die Arbeit, die notwendig ist, kaum als Anstrengung. So einfach, so bequem ist alles eingerichtet."
Die Geschichte des „Einweckens" im Sinne des Wortschöpfers Johann Carl Weck wird übrigens auch in der Gegenwart noch weitergeschrieben: in dem zweimonatlich erscheinenden Magazin „Weck Landjournal". Auf den werkseigenen Seiten finden sich dann auch die Neuerungen im Sortiment. Allein in der Ausgabe von Januar/Februar 2021 sind es vier: Gugelhupf-, Quadro-, Zylinder-und Schmuckgläser.
„Leckerbissen" heißt ein weiteres Buch aus der Sammlung von Aline Kottmann-Re-xerodt. Die Zeitschrift „Brigitte" brachte es 1956 auf den Markt. Was darin nach Ansicht der Verfasserin Sybille Schall auf einen „gut geführten Küchenzettel" gehört, mag auch heute noch Gültigkeit haben: keine Verschwendung mit Fett, täglich ein Rohkostgericht, Verwendung frischer Kräuter, knappe Soßen, Eier und Aufschnitt in Maßen, möglichst kurze Garzeiten - „und ansonsten all das, was Ihnen schmeckt, was Ihnen, Ihrer Schönheit, Ihrer Gesundheit und Ihren Esspartnern bekommt!" In dem Kapitel „Eine Liebeserklärung an die Konserve" wird eine Lanze für die Blechdose als besonders bequeme Zubereitungsund Aufbewahrungsart gebrochen. Das war wichtig für berufstätige Frauen. Denn seinerzeit hätten die Ehemänner noch deren Arbeitsverhältnis kündigen können, wenn etwa das Essen nicht pünktlich auf den Tisch gekommen wäre.
Mit dem Blick auf den ersten deutschen Fernsehkoch (ab 1953) beschließen wir den Streifzug durch die Welt der Koch- und Konservierungsbücher aus Aline Kottmann-Rexerodts Sammlung. „Es liegt mir auf der Zunge" war das Motto und der Kochbuchtitel von Clemens Wilmenrod (1906-1967), der nicht Koch, sondern Schauspieler war. Und der als der Erfinder des Toast Hawaii gilt und die Pute als Weihnachtsfestbraten in Deutschland sowie den Rumtopf populär gemacht haben soll.