Was eine leere Mayonaisen-Plastikflasche bewirken kann

von Johanna Krämer, Bodenbach

Franziska stand vor ihrem Kühlschrank und suchte nach der Plastikflasche mit der Mayonnaise. Es war Samstag, und die Familie hatte sie bedrängt, doch zum Abendessen Kartoffelsalat zu machen. Besonders ihre beiden halbwüchsigen Söhne Jonas und Finn aßen das leckere Gericht nur zu gern. Kartoffelsalat mit Würstchen waren einfach der Hit. Aber die Mayonnaise war alle. Deswegen extra zehn Kilometer bis in die Stadt zu fahren ... das wäre doch reine Verschwendung von Ressourcen! Und ach ja, außerdem hatten die meisten Supermärkte am Samstagnachmittag geschlossen. Dann gab es eben keinen Kartoffelsalat! Das stieß allerdings bei der Familie auf Widerstand. Der Große schaltete schnell: „Mama, die Oma machte die Mayonnaise immer selbst. Das kannst du doch auch." — „Und außerdem ist es viel umweltfreundlicher", wusste der Kleinere der beiden Jungen auch schon.

Franziska überlegte. Im Internet würde sie gewiss ein gutes Rezept finden. Aber wo war ihr Handy? Sie fand es nicht gleich, und als sie es gefunden hatte, war das WLAN weg. Ach ja, der Router hatte einen Knacks weg, und ihr Mann hatte eine neue Fritzbox bestellt. Also suchte Franziska nach einem Kochbuch. Sie fand tatsächlich eins im Bücherregal in der zweiten Reihe. Es stammte noch von ihrer Großmutter und war alt und abgegriffen, als ob es über lange Jahre im täglichen Gebrauch gewesen sei. Rasch fand sie ein Rezept, dazu ein paar Zeilen, über die sie doch ein wenig lächeln musste. Da hieß es: „In manchen alten Kochbüchern wird die Rührdauer einer guten Mayonnaise mit einer Stunde angegeben. Aber die Herstellung benötigt nur zehn Minuten, wenn Sie die Grundregeln beachten: Das Öl nur langsam und tropfenweise zu den Eiern rühren. Öl und Eier dürfen nicht zu kalt sein, sondern müssen Zimmertemperatur haben." Eine Stunde Rühren, dachte sie, die müssen früher ja Zeit gehabt haben! Aber, dachte sie weiter, früher waren die meisten Frauen auch nicht berufstätig, sondern für Kinder, Haus und Küche zuständig.

Also, jetzt aber das Rezept . sie las halblaut weiter: „2 Eidotter, gut V l Öl, eine Messerspitze Senf, Salz, Pfeffer, 1 Esslöffel Essig oder Zitronensaft. Die Eidotter werden mit einem kleinen Soßenbesen in einer Porzellanschüssel schaumig geschlagen. Unter beständigem Rühren kommt das Öl hinzu, zuerst nur tropfenweise, dann mit ganz dünnem Strahl, bis alles Öl aufgebraucht ist. Fleißig rühren, damit die Soße nicht gerinnt. Zum Schluss geben Sie noch eine Messerspitze Senf hinzu, eine Prise Pfeffer, einen Esslöffel Essig oder etwas Zitronensaft." Darauf folgte noch eine Reihe von Hinweisen, zum Beispiel wie man eine rote Mayonnaise macht, eine grüne oder eine aus hartgekochten Eiern, auch Tatarsoße genannt.

Sie legte das Buch beiseite und fand, das Rezept dürfte wohl nicht allzu schwierig sein. Die Mayonnaise geriet, und sie war ein wenig stolz auf sich.

Später blätterte sie noch einmal in dem Kochbuch und fand eine Reihe von Rezepten, die wirklich sehr arbeitsintensiv waren. Fisch und Lamm-, Kalb-, Rind- und Schweinefleisch auf mannigfaltige Art zuzubereiten, nahm teilweise Stunden in Anspruch. Alle nur denkbaren Arten von Gemüse und Salaten, selbst gefertigte Klöße und Knödel, vielerlei Suppen, Desserts oder Kuchen, Marmeladen oder Gelees ... Es fehlte an Rezeptvorschlägen einfach nichts in diesem Kochbuch. Vielleicht sollte sie sich bei der nächsten Wochenplanung doch einmal ein paar Tipps herauslesen. Und Mayonnaise würde sie gewiss noch öfter selbst herstellen. Aber so komplizierte Rezepte für jeden Tag? Immerhin war sie berufstätig, da blieb so manches auf der Strecke. Aber interessant war es doch. Und wahrscheinlich auch billiger, wenn man alles selbst machte. Nachdenklich schaute sie auf ihre Multifunktions-küchenmaschine, die ihr gute Dienste tat und Zeit und Arbeit sparte. So etwas gab es zu der Zeit nicht, als das Kochbuch der Großmutter gedruckt worden war.

Ziemlich am Ende des Buches stieß sie auf die Seiten mit Rezepten fürs Bowlenbrauen. Bowle, dachte sie, das war doch zu Zeiten meiner Eltern modern. Als Kind wollte ich immer mal gern probieren, aber es wurde mir verwehrt wegen des Alkohols. Und später war Bowle dann verpönt. Dabei habe Waldmeisterbowle im 16. und 17. Jahrhundert sogar als Arznei Verwendung gefunden, las sie.

Beim Abendessen behaupteten die Söhne übereinstimmend, die Mayonnaise schmecke viel besser als die fertig gekaufte. Als Franziska von den Rezepten aus dem alten Kochbuch erzählte, hörte ihre Familie aufmerksam zu und regte an, doch ab und zu mal „wie früher" zu kochen. „Na ja", meinte sie, „wenn Ihr mir alle helft, dann ist das ein guter Vorschlag."

Irgendwie kam man auch auf die Umwelt und den sinnvollen Gebrauch der Ressourcen zu sprechen. „Ich wundere mich manchmal, wie viele gelbe Säcke mit Plastikabfall wir haben. Wir sollten einmal überlegen, wie man Kunststoffverpackung sparen kann."

„In der Stadt gibt es einen neuen Laden, der nennt sich ,Unverpackt'", wusste Finn, der Ältere der Söhne, von einer Beobachtung auf seinem Schulweg zu berichten. Franziska hatte ihn auch schon gesehen, aber sie war noch nicht in diesem Laden gewesen. „In unserem Supermarkt gibt es eine Abteilung mit unverpacktem Obst, Gemüse und Salaten, da hole ich uns doch sowieso schon die frischen Sachen", meinte sie. „Daneben gibt es aber immer noch vieles, was in Plastik verpackt ist. Wenn man genau darüber nachdenkt, macht manches überhaupt keinen Sinn. Wozu sind zum Beispiel Salatgurken eingeschweißt?", fragte sie sich.

Tatsächlich sind viele Dinge des täglichen Gebrauchs und Verbrauchs immer noch in Plastik eingepackt. Beim Kleiderkauf zum Beispiel hat man zwar inzwischen schon auf Plastiktüten verzichtet, aber das ist nur ein winzig kleiner Teil vom Ganzen. Paul, der Vater, wusste aus Erzählungen seines Großvaters von den sogenannten „Tante-EmmaLäden", wo Mehl und Zucker, Nudeln und Reis abgewogen und in Spitztüten aus Papier verpackt wurden. Auch Wurst und Käse wurde ausschließlich vom Stück geschnitten und in Papier verpackt. „Und Bonbons kaufte man einzeln", erzählte er, „die waren lose in Glasbehältern aufbewahrt. Eine dicke Himbeere kostete zwei Pfennig."

„Morgen schaue ich mir den Unverpackt-La-den an. Bin gespannt, was so alles angeboten wird. Vielleicht sogar Himbeerbonbons", meinte Franziska.

Und das tat sie auch. Sie sah, dass Getreidearten, Reis, Nudeln, Müsli, Haferflocken, Bohnen, Linsen und viele andere trockene Lebensmittel in Glasbehältern bereitstanden. Man konnte seinen eigenen Deckeltopf mitbringen, in den die gewünschte Menge abgewogen wurde. Vorratsdosen zum Ausleihen wurden ebenfalls angeboten. Und das war noch längst nicht alles an „unverpackten" Lebensmitteln. Sie bemerkte auch, dass sie nicht die einzige Kundin war. Franziska lieh sich zwei Vorratsdosen und kaufte Reis und Nudeln ein.

Zu Hause fiel ihr ein, dass sie ja noch die Betten abziehen und die Bettbezüge waschen wollte. Mit vollgefülltem Waschkorb ging sie in die Waschküche im Keller und räumte die Wäsche ein, fügte Waschpulver hinzu und schaltete die Maschine ein. In zweieinhalb Stunden würde die Maschine ihr strahlend reine Wäsche zurückgeben, die dann in den Trockner käme. Also wenige Handreichungen für eine Arbeit, die früher - ohne diese Elektrogeräte - mindestens einen ganzen Tag in Anspruch genommen hatte. Sie erinnerte sich daran, wie ihre eigene Mutter von den mühevollen Waschtagen erzählte, die sie selbst als Kind miterlebt hatte. Man musste wohl abwägen, was sinnvoll und was unsinnig war bei der Überlegung, was man für die Umwelt tun könne. Vielleicht auf den Trockner verzichten und die Wäsche draußen aufhängen, so wie früher, meinte sie so für sich.

Bis weit in die1960er-Jahre wurden die Babys noch mit Stoffwindeln gewickelt, über die dann diese unsäglichen, sperrigen Gummihosen gezogen wurden. Franziska wusste, dass manche der jungen Mütter auch wieder waschbare Windeln für ihre Kinder benutzen — der Umwelt zuliebe. Aber diese Art des Windelns unterscheidet sich wesentlich von der aus früheren Jahrzehnten. Die modernen Windelsysteme bestehen aus mehreren Lagen, die zusammenpassen und das Kind trocken halten. Ihr fiel ein, dass eine junge Frau aus ihrem Bekanntenkreis diese neuen Windelsysteme bei ihrem ersten Kind verwendet hatte. Das Baby wäre nicht ein einziges Mal wundgelegen, hatte sie später stolz ihren Freundinnen verkündet. Dann wurde sie wieder schwanger und bekam ... Vierlinge. Da war es freilich vorbei mit den umweltfreundlichen Windeln.

Ich denke, man kann manches ändern und manches eben nicht. Das Rad kann man nicht zurückdrehen, aber manches kann man wieder aufgreifen und „reaktivieren" wie zum Beispiel Marmeladen und Gelees selbst herstellen, was übrigens wieder total in ist. Und Stricken und Häkeln ist bei manchen auch wieder sehr beliebt.

Eigentlich macht das Recyceln, also die Wiederaufbereitung von Kunststoffen, nur Sinn, wenn dabei etwas herauskommt, was die Menschen wieder verwenden können, sonst bringt das ganze System nichts. Hartplastik kann man vernünftig aufarbeiten, auch Folien vielleicht, aber keine Mischkunststoffe, die aus Verbundstoffen bestehen und vielleicht sogar geruchsbelastet sind. Und es bringt gar nichts, wenn man die Kunststoffabfälle in andere Länder verschickt und sich die Industrie damit ein gutes Gewissen macht. Der Müll ist ja weg ...