Meine Oma, eine ganz besondere Frau

von Helga Salz, Jünkerath

Das alte Kinderlied von der Oma, die im Hühnerstall Motorrad fährt, kennt wohl jeder.

Als ich letztes Jahr zufällig eine neue, umgedichtete Version im Radio hörte, zweifelte ich zuerst ungläubig an meinem Gehör: Ein Kinderchor sang einen Text, in dem die Oma der Kleinen als umweltzerstörend und verschwenderisch dargestellt wurde, in einer - wie mir schien - sehr lieblosen Fassung. Sogleich kamen mir die vielen guten Erfahrungen und Erlebnisse mit meiner eigenen Oma in den Sinn, an die ich mich auch noch Jahrzehnte später gern erinnere.

Sie selbst hatte es nie leicht gehabt. Zwei Weltkriege hatten ihr Leben geprägt, mit allen persönlichen Verlusten, mit den Schrecknissen und Entbehrungen dieser Jahre. Nachdem sie im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges ihr Haus in Köln verloren hatte, fand sie mit ihrem fast neunzigjährigen Vater eine Bleibe in einem alten Eifler Bauernhaus im Brohltal. Auch meine Familie wurde nach einem Luftangriff obdachlos, und so nahm unsere Oma meine Eltern und uns Kinder trotz eigener räumlicher Enge selbstlos bei sich auf.

Als meine Eltern und die drei jüngeren Geschwister in Köln wieder ein notdürftiges Obdach gefunden hatten, durfte ich als die Älteste von uns Vieren bei der Oma bleiben. So hatte sie nun neben ihrem Vater auch noch eine Zehnjährige zu versorgen. Wir drei - Urgroßvater, Großmutter und ich - lebten sehr bescheiden in dem kleinen Fachwerkhaus, das nur über eine einzige Feuerstelle verfügte. Alle Räume außer der Küche, die auch als Wohnraum diente, blieben auch an eisigen Tagen kalt. Für unseren Herd durfte ich im Hof das Brennholz hacken und danach ordentlich aufstapeln. Mein Uropa und die Oma waren nicht mehr kräftig genug für diese Arbeiten, mir dagegen machten sie großes Vergnügen. Aus heutiger Sicht denke ich zwar mit Bedenken an die möglichen Verletzungsrisiken, das alles war mir damals nicht bewusst. Es musste ja sein! In unserem Garten am Dorfrand ernteten wir Salat und Gemüse, aber auch mannshohe Tabakpflanzen, die Urgroßvater, nachdem sie getrocknet und zerkrümelt waren, genüsslich in der Pfeife rauchte. Dabei produzierte er dichte Qualmwolken, die wir zwar nicht sehr schätzten, ihm aber sein Vergnügen auch nicht nehmen wollten.

Er war stolz, der letzte noch lebende Kölner Pferdebahnschaffner zu sein und erzählte gern seine Geschichten aus dieser längst vergangenen Zeit, bevor die Zugpferde von der „Elektrischen", wie er die neumodischen Straßenbahnen nannte, verdrängt wurden. Meine Oma unterrichtete die Mädchen der kleinen Dorfschule einmal wöchentlich in praktischen Handarbeiten. Ich war eher ungeschickt, doch ich hoffte, sie würde mir trotzdem eine gute Zeugnisnote geben, aber - weit gefehlt: Sie beurteilte meine wenig überzeugenden Leistungen gerecht und ohne mich zu bevorzugen, die anderen waren einfach besser!

Sie selbst war eine sehr geschickte Näherin. In vielen Bauernhäusern im Ort und in den umliegenden Dörfern fertigte sie Neues und besserte Schadhaftes aus. Ihre Spezialität war es, alte Hemden durch neue Kragen wieder tragbar zu machen: Sie schnitt aus dem unteren Rückenteil ein Rechteck, nähte daraus einen ansehnlichen Kragen und ersetzte das nun fehlende Stück Stoff durch ein anderes - es durfte dann auch mal geblümt oder kariert sein: Man nahm, was die Truhe hergab, und: Man sah es ja nicht!

Ach, sie kochte so gut ! Wurde zur Herbstzeit auf einem Bauernhof geschlachtet, brachte uns immer jemand eine Kanne mit Wurstbrühe oder ein „Heinzelmännchen", so nannte man eine Blutwurst mit nahrhaften Speckwürfeln. Das ergab einige kräftige Mahlzeiten, für die wir sehr dankbar waren. Die Winter der Nachkriegszeit waren besonders hart und kalt. An einem frostigen Morgen fanden wir unsere im Keller gelagerten Kartoffeln erfroren und nicht mehr zu gebrauchen. In dem Schlafstübchen, das ich mit Oma teilte, glitzerten morgens die Wände über unseren Köpfen: Die Atemluft war in der Nacht gefroren...

Irgendwann musste die Oma mich loslassen -und ich sie! Meine Familie in Köln hatte das Glück, zu ihrem einzigen Dachstübchen ein zweites zu bekommen - für nunmehr sechs Bewohner! Oft schrieb ich Briefe an meine Oma in Brenk; sie hat alle aufbewahrt.

Und so denke ich noch einmal an den zuvor erwähnten Kinderchor: Ich wünsche den jungen Menschen eine Großmutter, an die sie sich - wie ich - liebevoll und mit großem Respekt erinnern. Danke, Oma ...