Muss man das Rad neu erfinden?

von Melina Mauren, Britta Sarnes, Renate Steffend, Daun, eingereicht von Gabriele Bußmann, Daun

Ich war neulich nochmal bei Oma und Opa. Bald ist mein Geburtstag und bevor ich einfach „Irgendwas“ geschenkt bekomme, nehme ich das mal selbst in die Hand. Als ich erzählt habe, dass ich einen Plattenspieler von „Lenco“ will und mir dafür Geld wünsche, war erstmal Stille. Da dachte ich schon: „Toll, das wird hier nix in diesem Jahr.“.Dabei waren beide nur ganz überrascht und sprachlos. Opa hat gefragt, warum ich mir denn so ein altes Ding wünsche. Ich habe ihnen dann mal erklärt, dass Plattenspieler jetzt „retro“ sind, also wieder cool. „Na gut, dann bekommst du eben Geld dafür.

Teuer sind die Spieler dann aber schon geworden.“, meinte Opa. Oma hat Opa vorwurfsvoll angeschaut und meinte „He, wir hatten doch auch immer einen. Weißt du das nicht mehr? Der liegt noch auf dem Speicher!“. Nach kurzem Überlegen ist es Opa wohl wieder eingefallen. Seine Augen haben sogar richtig geleuchtet.

Ich wollte aber nicht den alten Kram, der bestimmt nicht funktioniert und ewig auf dem Speicher steht. Das hat Opas Ehrgeiz geweckt. Er stand schnurstracks auf und sagte: „Dann gucken wir uns das Teil eben jetzt mal an.“ Auf dem Speicher war ich baff: Der Plattenspieler sah fast genauso aus, wie der, den ich mir kaufen wollte. Nur halt etwas staubig und älter. „Hast du auch noch Platten, Opa?“, denn jetzt hatte auch ich den Ehrgeiz, das Ding ans Laufen zu kriegen. Zwei Minuten später lag ein riesiger Stapel mit Schallplatten vor mir. Opa kramte etwas darin herum und zog eine Platte heraus. Auf dem Cover war die rote Zunge der Rolling Stones gedruckt. Die kennt ja jeder. „Hey cool, das hast du nicht wirklich damals gehört, oder? Die sind eigentlich echt gut.“. „Na siehst du. Nicht alles, was alt ist, ist auch uncool. Früher bin ich sogar mal auf einem Konzert der Stones gewesen.“, schwärmte Opa stolz.


Als wir die Platte abspielten, hat man leider kaum etwas gehört. Die Musik war ganz leise. Irgendwas musste kaputt sein. Opa wollte direkt alles auseinanderschrauben. Das war mir zu riskant. Am Ende weiß er nicht mehr, wie es zusammengebautwerden soll. Mit etwas Überredungskunst habe ich ihn davon abgebracht und wir sind in einen örtlichen Elektrohandel gefahren. Leider sind wir dort auf weniger Begeisterung für unseren Fund gestoßen. Der Verkäufer meinte, dass es sich nicht mehr lohnt, den Plattenspieler zu reparieren und er neue, bessere Modelle vorrätig hat. Als er merkte, dass wir nichts Neues wollen, hat er uns einen Tipp gegeben. Es gibt einmal im Monat so einen Treff von Leuten in Daun beim Roten Kreuz, wo man sich gegenseitig hilft, alte Dinge zu reparieren; ReparaturCafé oder so ähnlich. Da könnte man es ja mal versuchen. Im Mitteilungsblatt standen die Öffnungszeiten. Opa und ich haben uns dann dort verabredet. Ein Mann hat uns freundlich empfangen und meinte sogar, dass er in letzter Zeit schon einige Plattenspieler auseinandergenommen hat. Er hat unseren dann aufgeschraubt. Das Gehäuse muss nur mit vier Schrauben gelöst werden und man kommt an alles dran. Er hat sofort gesehen, wo das Problem lag. Danach fachsimpelten mein Opa und er noch über die „hochtechnisierten Geräte von Heute“, die keiner mehr vor Ort öffnen könne. Es müsse alles neu gekauft werden und Altes käme immer häufiger zum Elektroschrott. Schade, eigentlich! Es kann doch ganz einfach sein, wie bei meinem Plattenspieler. Opa und er haben sich noch über alle möglichen Dinge unterhalten, die man früher wohl so hatte. Es gab wohl neulich mal eine Haarschneidemaschine zu reparieren. Früher hatte nur einer im ganzen Dorf so eine. Die Männer haben sich damals regelmäßig getroffen, um sich gegenseitig die Haare zu schneiden. Und eine ihrer Geschichte war bestimmt erfunden. Da wollten sie mir einen Bären aufbinden, glaube ich. Nur samstags wurde früher gebadet, in einer Zinkwanne in der Küche. Alle Geschwister haben sich nacheinander im selben Wasser gewaschen, der Älteste zuerst. Der war der Glücklichste im sauberen Wasser. Mein Opa hat erzählt, obwohl er der Jüngste ist, war er nicht immer der Letzte in der Wanne. Er hat immer wieder eine Möglichkeit gefunden, seinen älteren Bruder auszutricksen und aufzuhalten, sodass er selbst nicht als Letzter ins dreckige, lauwarme Wasser musste. Die Geschichte kam mir komisch vor. Alle im selben Wasser und der letzte dann im dreckigen, kalten Wasser und dann nur einmal in der Woche? Das kann ja nur ein Märchen sein!

Für mehr Anekdoten reichte die Zeit dann nicht mehr. Der Mann hatte echt was drauf im Reparieren und es ging schnell. Damit hatte ich dann schon mein Geburtstagsgeschenk von Oma und Opa. Ich brauche nur einen neuen Verstärker. Dann kann ich mir zum Geburtstag sogar noch was anderes wünschen.

Zurück bei Oma haben wir ihr von dem ganzen Tag erzählt und im Hintergrund liefen die Rolling Stones auf dem reparierten Plattenspieler. Ich habe mich richtig wohl gefühlt. Es war ein toller Tag. Ich habe meinen Opa von einer ganz anderen Seite kennengelernt und nicht nur, was seinen Musikgeschmack betrifft.

Ein Beitrag des Pflegestützpunktes Daun-Kelberg in Zusammenarbeit mit dem Netz- werk Demenz Vulkaneifel.