von Hartmut Flothmann, Schalkenmehren
Bevor die Corona-Pandemie uns einschränkte, saßen wir gerne mit Nachbarn bei Kaffee und Kuchen zusammen, und es bedurfte manchmal nur eines Stichwortes, um die Vergangenheit im Maardorf Schalkenmehren hervorzuholen. Da wir alle in die Jahre gekommen sind, lag es nahe, an die Nachkriegszeit und darüber hinaus zu erinnern, in denen der Armut im Dorf mit Hausfleiß und Nachbarschaftshilfe begegnet wurde. Geld war knapp, die Lebensweise sparsam und Selbstversorgung das Gebot der Stunde. Wer einen Garten hatte, legte einen Nutzgarten an, so auch die von mir ausgewählte Zeitzeugin aus Schalkenmehren. Ihr bedeutete der Garten alles. Sie pflanzte Kartoffeln, Möhren, Salate, Kohlsorten sowie Beeren und Kräuter. Nichts an Gemüse musste eingekauft werden. Saisonal Einwecken und Einkochen war die übliche Folge: Äpfel, Birnen, Pflaumen, Zwetschgen, Erbsen und Bohnen. Wer würde sich nicht an die zahlreichen Einmachgläser im Keller erinnern? Der Garten in der Straße „Im Aul" diente der Selbstversorgung über Jahrzehnte, weil Hausfleiß und Sparsamkeit verinnerlicht wurden, auch als es nicht mehr erforderlich schien.
Alter Apfelbaum am Schalkenmehrener Maarsee -125 Jahre im Familienbesitz.
Im traditionellen Bauerngarten fehlte es auch nicht an Blumenstauden wie etwa Malven und Pfingstrosen. Mit Sträußen wurde der Altar in der Kirche geschmückt und die Blütenblätter an Fronleichnam im Freien zu dekorativen Mustern von den Frauen der Gemeinde ausgelegt.
Das Obst stammte häufig von Streuobstwiesen, die sorgfältig instand gehalten wurden. Fallobst wurde ebenfalls verwertet. Heute dagegen sieht man oft das Obst am Boden verrotten. Es gibt jedoch inzwischen vielerorts Initiativen, das Bewusstsein für Streuobstwiesen wieder zu erwecken. Obstbäume im Privatbesitz blieben über Generationen der Familie erhalten.
Die Bewässerung der Gärten erfolgte über verschiedene Laufbrunnen im Dorf. Sie zwangen dazu, per Gießkanne mit Wasser sorgsam umzugehen, eine Tradition, die sich bis heute überwiegend erhalten hat.
Heute ist die Selbstversorgung mit Kräutern, Obst und Gemüse wieder sehr populär, sogar im städtischen Bereich. Selbst wenn nur ein Balkon vorhanden ist, steht dem nichts im Wege.
Nutzgarten „Im Aul" in Schalkenmehren.
Die Leinen- und Heimweberei wurde seit den 1920er Jahren zu einer zusätzlichen Einnahmequelle und machte das Weben, Knüpfen und Nähen besonders populär im Dorf. Gut nähen zu können war auch zur Selbstversorgung wichtig. Der Bedarf an Handarbeitserzeugnissen war groß. Wer einmal Kleidungsstücke selbst gestrickt oder gehäkelt, Löcher an Socken oder Hosen gestopft hatte, blieb auch später dabei. Diese Fähigkeiten, die früher aus der Not geboren waren, werden heute wieder geschätzt. Meine Frau hat sich ihre Freude an der Handarbeiten bewahrt und webt in Schalkenmehren schöne, strapazierfähige Tücher, die sie in Stolen, Ponchos, Decken und Kissen für Familie, Verwandte und Freunde verwandelt. In Corona-Zeiten wird besonders gerne wieder zu Stricknadeln gegriffen. Auf zahlreichen Plattformen im Internet stellen sich Strickzirkel vor, die gemeinsam Ideen und Vorschläge erarbeiten und diskutieren, beraten und Vorlagemuster anbieten. Sie schätzen am Handarbeiten am meisten, mit eigenen Händen ohne Hast und Hetze abseits des Konsumstroms etwas zu erschaffen und damit die Zeit sinnvoll zu nutzen.
Tradition und Beispiele aus der Vergangenheit bieten uns also gute Voraussetzungen, um Nachhaltigkeit zu fördern, um Umwelt und Klima, ja unsere Erde, zu schützen. Als wir uns 1988 aus ethischen Gründen dafür entschieden, vegetarisch zu leben, war das noch sehr erklärungsbedürftig. Heute liegt unsere Haltung schon eher im Trend, weil das Bewusstsein wächst, dass weniger Fleischkonsum auch zum Klimaschutz beiträgt.
Ich hoffe, das Heimatjahrbuch wird viele gute Beispiele zutage fördern, wie wir unseren Alltag nachhaltiger gestalten können. Ich bin da zuversichtlich, denn beim täglichen Einkauf sehe ich, dass Einkaufstaschen wieder zum Erscheinungsbild gehören. Der Einwegplastikbeutel ist auf dem Rückzug.