von Hans Grafen, Darscheid
Heute bin ich Opa, damals im Jahr 1959 war ich Kind. Der Erholungsort Daun hatte noch nicht den Segen der großen wirtschaftlichen Entwicklung bekommen, es war noch eine ländliche Idylle. Wir Kinder konnten wirklich da spielen, wo es Spaß machte. Ob nun im Winter eine rasante Schlittenfahrt vom Burgberg hinunter über die Burgfriedstraße und den Arensberg (die heutige Treppe gab's noch nicht) bis zur heutigen Bäckerei Thul, oder aber im Sommer eine Floßfahrt auf der Lieser. Natürlich war das Floß selbst gebaut. Ein für uns idealer „Spielplatz" war das Wiesen- und Waldgebiet im Bereich der heutigen Kaserne. Zu erreichen war unser „Wild-West-Territorium" über einen landwirtschaftlichen Nutzweg an der Brotfabrik vorbei. Der Weg war gesäumt von Hecken und Buschwerk sowie Haselnuss-sträuchern, zahlreichen Weidenbüschen und Bäumen. Hier fanden wir immer ausreichend Rohmaterial zur Herstellung von Pfeilen und Bogen. Der Weg führte an zwei Fischteichen vorbei, die hinter Dickicht versteckt waren.
Wo heute der Sportplatz der Kaserne ist, war meist der Startpunkt abenteuerlicher Spiele. Bauer Düx aus Daun hatte hier eine „Alm", bestehend aus einem Wohngebäude sowie Stall und Scheune, das Sommerquartier für seine Rinder und Pferde. Schön war es für uns als 8-10-Jährige zu erleben, wie die Rindviecher durch den Knall unserer Knallplättchen-Pistolen wild über die Weide sprangen. Die „Alm" war für heutige Begriffe sehr nostalgisch gebaut. Auf einem Bruchsteinsockel befand sich ein massives Holzhaus, im Eingangsbereich befand sich eine große Veranda.
Die Soldaten der ersten Stunde in Daun erinnern sich bestimmt noch an dieses Haus. Hier hatten sie sich nämlich beim Beziehen der Kaserne einen „Uffz-Keller" eingerichtet. Irgendwann nach einer durchzechten Nacht ist das Gebäude einem Brand zum Opfer gefallen.
Eines Tages war die ländliche Ruhe auf der „Alm" vorbei, schwere Baumaschinen, Raupen, Bagger und LKW durchwühlten das Gelände. Eine Kaserne sollte gebaut werden, unser Spieltrieb verlagerte sich schnell auf den neuen Abenteuerspielplatz Großbaustelle. Die riesigen Maschinen mit mannshohen Reifen waren die neue Attraktion. Aber nicht nur wir mussten uns auf die neue Lage einstellen, sondern auch das Vieh von Bauer Düx. Es war an einem Sonntag im Sommer, ich verbrachte mit einigen Spielkameraden den Nachmittag auf der Baustelle, als wir plötzlich eine wild umherlaufende Kuhherde im Baustellengelände sahen. Es konnte sich nur um die Kühe von Bauer Düx handeln, also wurde kurz beraten was zu tun war. Im Laufschritt begab sich einer von uns Richtung Kampbüschel zum Bauer Düx, um diesen zu informieren. Die übrigen versuchten die Kühe aus der Baustelle zu bekommen. Dies dauerte eine ganze Weile. Bauer Düx war mittlerweile am Ort des Geschehens eingetroffen, und mit vereinten Kräften gelang es uns, das Vieh wieder einzufangen. Wir dachten bereits daran, nach Hause zu gehen, als Bauer Düx feststellte, dass noch eine Kuh fehlte. Das veranlasste uns zu einer erneuten Suche. Schließlich fanden wir die Kuh in einem Baggerloch, aus dem sie alleine nicht mehr rauskam. Nun musste auch noch ein Traktor her, mit dessen Hilfe es schließlich gelang , die Kuh zu bergen.
Die Baustelle machte in der Folgezeit sehr schnell Fortschritte, bald sah man die uns riesig vorkommenden Bunkerbauwerke. Mit der Baustelle kam auch ein Zustrom von Bauarbeitern nach Daun, von denern einige auch ihre Familien mitbrachten. Der Sohn eines Vorarbeiters war in unserem Alter und folglich auch bei uns in der Schule. Wenn wir nachmittags spielten, hatte er oft einen Baustellenhelm an, den er von seinem Vater bekommen hatte. Wir waren dadurch ganz erpicht darauf, auch einen solchen Helm zu bekommen. Also lag die Frage nah, ob er uns so ein Ding besorgen könnte. Tags darauf kam er mit der Info, uns am Nachmittag an der Baustelle zu treffen, denn dort habe sein Vater noch Helme. Wir trafen uns zu fünft an der Baustelle, die mittlerweile durch einen Bauzaun gesichert war und von Baupolizei bewacht wurde. Diese Hürde war für uns natürlich nicht das Problem, und so gingen wir siegessicher zu einem Bauwagen, wo der Vater unseres Spielkameraden sein sollte. Dort sagte man uns, dieser sei gerade in einem naheliegenden Bunkerbauwerk, und zeigte uns den Weg. Vom Eingang aus sah man in etwa 10—12 Meter des Inneren eine Lampe leuchten, die wir zielstrebig ansteuerten. Wir waren noch nicht ganz bei der Lampe angekommen, da ging diese aus und die Außentür knallte zu. In völliger Dunkelheit überkam uns eine Todesangst. Gegenseitig unsere Namen schreiend, über Baumaterial und Werkzeug stolpernd, liefen wir zur Tür. Aber es dauerte bestimmt 10 Minuten, bis diese schwere Tür von außen geöffnet wurde. Raus aus dem Bunker und weg von der Baustelle war ein Gedanke. Diese Lektion wirkte noch lange nach. Unser Interesse an der Baustelle kühlte sich merklich ab. Tage später erfuhren wir, dass diese Lektion dazu dienen sollte — auch aus Sicherheitsgründen — die Baustelle nicht als Spielplatz zu nutzen. Irgendwann kamen dann die ersten Soldaten in die fertig gestellte Kaserne, von denen später auch ich einer wurde. Heute, als Pensionär und Opa, bin ich froh, meinen Enkelkindern von dieser unbeschwerten Kindheit vor nun gut 60 Jahren erzählen zu können, eine Welt, die ganz ohne Soziale Medien, elektronische Spiele, Wegwerfprodukte und unsinnige WhatsApp-Nachrichten auskam, und die auch heute noch in guter und nachhaltiger Erinnerung ist.