von Hiltrud Theisen, Hörschhausen
Es war 1945, kurz nach dem Krieg, und bei Familie Kaiser stand mal wieder eine Hausschlachtung an. Diesmal sollten zwei Schweine geschlachtet werden, denn die Vorräte an Fleisch für ihre sechsköpfige Familie gingen zu Ende. Alles war alleine Frau Kaisers Aufgabe, denn ihr Mann war noch nicht aus dem Krieg zurück. Der Metzger kam also wie üblich zu ihnen nach Hause und schlachtete die beiden Schweine in ihrem Hof. Anschließend wurden die Tiere jeweils in zwei Längshälften geteilt und aufgehängt.
Zu damaliger Zeit musste eine Schlachtung bei der Behörde angemeldet werden. Das Gebiet gehörte zur französichen Besatzungszone und es war üblich, dass ein Teil des Fleisches beschlagnahmt und abgegeben werden musste. Frau Kaiser hatte allerdings nur ein Schwein angemeldet, denn sechs hungrige Mäuler für mindestens ein Jahr mit Fleisch zu versorgen, war keine leichte Aufgabe. Sollten doch die Franzosen sehen, wo sie blieben! Alle Schweinehälften wurden wegen der hohen Temperaturen auf dem Hof in den kühlen Keller gebracht.
Frau Kaiser wartete und wartete nun auf die Besichtigung. Die Nachbarin kam und meldete, dass die Franzosen im Dorf unterwegs seien. Hektisch wurden dann zwei Tierhälften wieder draußen auf die Leiter gehängt. Zwei Franzosen kamen, begleitet und geführt von dem ehemaligen „ Bauernführer". Die Kommission sah sich das Schlachtergebnis genau an und genehmigte, dass Frau Kaiser das ganze Schwein behalten durfte. Frau Kaiser war sehr erleichtert und die Männer gingen wieder. Der Begleiter aber drehte sich plötzlich um, kam wieder zurück und sagte zu Frau Kaiser leise und lächelnd nur einen Satz: „Anna du hast aber ein extra schönes Schwein geschlachtet, das hatte ja zwei „Schwänzja"!"