Unsere Großmutter, die Hebamme

von Maria Gassen, Sarmersbach

Unsere Großmutter war Hebamme und von ihr können wir Ausdauer und Durchhaltevermögen in schwierigen Zeiten lernen. Ich schreibe ihre Geschichte und die ihres Umfeldes in der Zeit der Corona-Pan-demie auf, in der auch wieder Familien an ihre Grenzen stoßen oder in Existenznöte geraten. Diese Begebenheiten, hauptsächlich von unserer Mutter Regina an ihre Kinder weitererzählt, kamen mir wieder in den Sinn, als rundum die Geburtshilfestationen der Krankenhäuser geschlossen wurden.

Als Regina ein Jahr alt war, beschloss ihre Mutter, den Beruf der Hebamme zu erlernen. In der näheren Umgebung gab es keine junge Frau, die diese wichtige Tätigkeit ausübte. Es war im Jahr 1926, eine Zeit, in der fast alle Frauen ihre Kinder zuhause zur Welt brachten. Es herrschten ärmliche Verhältnisse zwischen den beiden Weltkriegen und kaum ein Eifelbewohner war krankenversichert. Eine Entbindung im Krankenhaus kam also nur in besonderen Notfällen infrage und stellte die Familien vor große finanzielle Probleme. Oft mussten dann die Bauern ein oder mehrere Stück Vieh verkaufen, um die Rechnung des Krankenhauses begleichen zu können. Ein geringerer Viehbestand bedeutete wiederum weniger Wirtschaftlichkeit für die ohnehin kleinen Höfe. Manchmal wurde auch ein Stück Land verkauft oder überschrieben mit den gleichen negativen Folgen.

Unser Großvater „ Hanni" war mit dem Ent-schluss seiner Frau einverstanden, wohl auch, weil durch den Zuverdienst etwas zusätzliches Bargeld ins Haus kommen würde. Die kleine Tochter wurde zu ihrer Großmutter und den noch ledigen Tanten und Onkeln nach Kradenbach gebracht und war dort gut versorgt.

Anfang 1927 fuhr die Höffjes Ann mit dem Zug nach Elberfeld, heute ein Stadtteil von Wuppertal, und begann ihre eineinhalbjährige Ausbildung. Während dieser Zeit durfte die 26jährige kein einziges Mal nach Hause fahren. Ob das seitens der Klinik eine Vorsichtsmaßnahme war? Denn wäre die Anna schwanger geworden, hätte sie ihren Plan aufgeben müssen. Für ihre Arbeit in der Klinik erhielt sie keinen Lohn, im Gegenteil, es musste Lehrgeld gezahlt werden.

Nun könnte man annehmen, der Staat wäre hier eingesprungen, um auch auf dem Land eine flächendeckende Versorgung der Schwangeren zu gewährleisten, aber das war nicht der Fall.

Um das Lehrgeld aufzubringen, blieb auch hier keine andere Möglichkeit, als die im landwirtschaftlichen Betrieb gezüchteten Tiere auf dem Viehmarkt in Daun zu verkaufen. Nicht immer boten die Händler dem Hanni den Betrag, den er sich ausgerechnet hatte. Dann versuchte er zu bluffen, als sei der Verkauf nicht besonders dringlich: „Wenn Ihr mir das Geld nicht gebt, dann nehme ich das Vieh wieder mit nach Hause". Diese Aussage war ziemlich riskant, denn das Lehrgeld musste pünktlich gezahlt werden, sonst hätte die Anna ohne Abschluss nachhause fahren müssen.

1928, nach bestandenem Examen kam nun der Tag, an dem die frisch gebackene Hebamme allein die Verantwortung übernehmen musste. Kein Arzt oder erfahrene Hebamme im Hintergrund, die sie zu Hilfe holen konnte und ausgerechnet eine Erstgebärende mit schwieriger Geburt. Aber alles ging gut aus und so wurde der Radius größer, in dem sie zu den Frauen gerufen wurde. Da ein Telefonanschluss für einen Privathaushalt einfach zu teuer war, musste sie anderweitig erreicht werden. Zwei Männer, meist der werdende Vater und ein Nachbar, machten sich zu Fuß auf den Weg, um die Hebamme zu holen. Nun war Eile geboten. Bis zu einer Stunde brauchte man für die holprige Strecke, oft natürlich auch in der Dunkelheit, von Petroleum-Laternen nur spärlich beleuchtet. Die Männer trugen abwechselnd den Koffer mit den nötigen, damals recht einfachen Geräten. War nun die Geburt abgeschlossen, Mutter und Kind wohlauf, machte Anna sich übermüdet auf den Heimweg. Sehr ängstlich war sie wohl nicht auf ihren einsamen Touren. Wenn ihr etwas verdächtig erschien, ist sie mutig darauf zugegangen und es stellte sich meist als harmlos heraus. Zu dieser Zeit und noch bis in die 1960er Jahre galt die medizinische Lehre, die Wöchnerin müsse neun Tage im Bett bleiben. So machte sich die Hebamme an den folgenden Tagen wieder zu Fuß auf den Weg, um die Pflege zu übernehmen. Ein Fahrrad wollte sie nicht mehr benutzen, nachdem sie mit einem solchen Gefährt einmal schwer gestürzt war. Die Winter waren viel strenger, als wir sie heute erleben und setzten oft schon im November ein. Eines Morgens lag besonders viel Schnee und es gab hohe Verwehungen. Später zu Hause erzählte die Anna: „Hätte ich längere Beine, wäre ich noch tiefer eingesunken".

Sie kämpfte sich von der einsam gelegenen Pfarrkirche Hilgerath hinunter bis nach Beinhausen zum Bürgermeister Jakob Blum.

Der rief schnell ein paar Männer zusammen und die schaufelten einen Pfad den steilen Hang hinauf bis nach Boxberg. So konnten Mutter und Kind trotz aller Widrigkeiten versorgt werden.

Der Hebamme stand in den 1930er Jahren für ihre Arbeit bei der Geburt und Nachbetreuung ein Betrag von 20 Reichsmark zu. Es ist aber vorgekommen, das Kind war da, nicht aber die 20 RM.

So holte Tochter Regina z.B. mal bei einer Familie täglich einen Liter Milch ab und so wurde die Rechnung beglichen.

Regina wurde öfters von neugierigen Kindern gefragt, was denn in dem Hebammenkoffer drin sei, doch sie konnte ihnen keine Auskunft geben. Sie hatte sich nicht getraut, heimlich in den Koffer zu schauen und ihre Mutter auch nie danach gefragt. Auch die größeren Kinder wurden in der Schule oder zu Hause nicht aufgeklärt und bei Fragen, woher die „Ditzjen" kommen, wurden ihnen im wahrsten Sinne des Wortes Ammenmärchen erzählt.

Manches Mal kam Regina aus der Schule nach Hause und die Tür war verschlossen. Der Vater war mit dem jüngeren Sohn auf dem Feld oder der Wiese bei der Arbeit. Das war für Regina eine bedrückende Situation im Vergleich mit den anderen Kindern, bei denen bereits das Essen auf dem Tisch stand. So bat sie oft ihre Mutter, einfach nicht mehr mitzugehen, wenn sie gerufen würde. Aber es dauerte nicht lange, da hörte sie nachts wieder die Wanderstöcke der Männer „ In der Holl" ( Im Hohlweg) klappern und alles blieb wie gehabt.

1937 war für unser kleines Dorf ein kinderreiches Jahr. Zehn Kindern half die „He-wann" allein in Sarmersbach auf die Welt, bevor sie selbst noch eins bekam.

Im September 1939 begann der schlimme 2. Weltkrieg. Regina war mit vierzehn Jahren gerade aus der Volksschule entlassen, da wurde ihr Vater für vier Monate zum Arbeitsdienst eingezogen. Er war in Birresborn in einer Metzgerei eingesetzt, wo die Soldaten auf dem Durchzug zur Westfront ihre Fleischration erhielten. War nun die Hebamme dienstlich im Einsatz, hatte Regina Haushalt und Vieh sowie das knapp zwei Jahre alte Schwesterchen zu versorgen. Dass der 9jährige Bruder nach der Schule mithelfen musste, war hier selbstverständlich.

So gäbe es noch viel zu berichten, z. B. Als der Krieg schon fast verloren war und die deutschen Soldaten sich auf dem Rückzug von der Westfront befanden. Auch im Höff-jes — Haus waren sie einquartiert und breiteten abends ihr Strohlager in der Wohnstube aus. Das kleine Schlafzimmer von Anna und Hanni lag dahinter. Klopfte es nun nachts an Tür oder Fenster und die Hebamme wurde gerufen, musste sie sich erst mal den Weg zwischen den schlafenden Soldaten bahnen, um nach draußen zu kommen.

Im Laufe der Jahre hatte die Gesundheit der Anna gelitten, sicherlich auch durch die mühsamen langen Wege bei oft durchnässter Kleidung. Sie verkleinerte nun ihren Einsatzbereich, denn die nächste Generation junger Frauen hatte jetzt nach Kriegsende die Möglichkeit, Hebamme zu werden.