von Gabi Schmidt, Mehren
Es war im Jahre 1987. Mein Ehemann, mein Sohn und ich waren für einige Tage im August zu Besuch bei meinen Schwiegereltern in der Pfalz. In dem großen Garten, den meine Schwiegermutter mit ihren 80 Jahren fast ganz alleine bewirtschaftete, gab es immer etwas zu tun. Mein Schwiegervater war nur für die Kartoffeln zuständig. Schon früh am Morgen ging er auf Kartoffelkäferjagd. Und nicht selten wurden wir geweckt und durften uns ebenfalls an der Jagd beteiligen, aber mit geringer Beute. Pestizide waren kein Thema, es wurde im Garten alles organisch gedüngt.
An einem Freitagmorgen erhielten wir den Auftrag Zwetschen zu pflücken. Bewaffnet mit einer Leiter, Eimern und eingesprüht gegen Mückenstiche machten wir uns auf den Weg zu der „Zwetschenwiese". Als wir dort eintrafen, war die halbe Bauertsgasse (so hieß die Straße, in der meine Schwiegereltern wohnten) schon fleißig bei der Arbeit. „Na, ihr Langschläfer", wurden wir gehänselt. „s' Gaby kann wieder nach Hause gehen. Das hier ist Arbeit für uns Männer. Die Arbeit für die Frauen kommt noch", meinten einige Männer. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und so machte ich mich wieder auf den Heimweg, gespannt was mich dort erwartete. Meine liebe Schwiegermutter war mit dem Spülen großer Einmachgläser beschäftigt. Ich half ihr bei der Arbeit und wollte wissen, wofür sie so viele Gläser benötigte. Ich hatte keine Ahnung. „Das wirst du sehen, wenn es soweit ist", meinte sie schmunzelnd. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was sie mit all diesen Gläsern vorhatte. Am anderen Tag sollte ich eines Besseren belehrt werden.
Mit lautem Gegröle trudelten die Männer mit Unmengen von Zwetschen ein. Nun begann die Arbeit der Frauen. Sie setzten sich zusammen, wuschen das Obst und anschließend ging es ans Entsteinen, unter anderem mit einem Entsteiner, der mit schien, als stamme er noch aus der Vorzeit. Er funktionierte einwandfrei, das hätte ich nicht gedacht. So kann man sich irren. Jahre später erbte ich dieses gute Stück. Einige Frauen entsteinten aber per Hand, was in einem Wahnsinnstempo erfolgte. Ich versuchte es auch, doch mit dieser Geschwindigkeit konnte ich nicht mithalten. Meine Schwiegermutter lachte und meinte: „Lass mal gut sein. Du bekommst davon ganz braune Hände." Aber ich hielt eisern durch, obwohl mein Rücken vom langen Sitzen schmerzte. Als alle Zwetschen verarbeitet waren, kamen sie in einen großen Kessel, der im Keller meiner Schwiegereltern stand und noch von unten befeuert wurde. Mit Unmengen von Zimtstangen, Sternanis, braunem Würfelkandis, Einmachzucker und Weinessig wurde gewürzt. Das Ganze musste leise vor sich hin köcheln. Und immer wurde umgerührt, sonst wäre das Kompott angebrannt. Dann kamen die Männer wieder zum Einsatz. Abwechselnd rührten sie das Kompott - die ganze Nacht hindurch. Natürlich war das eine Gaudi! Es wurde geplaudert, gesungen, gelacht und wie konnte es anders sein, hier und da ein Schoppen „Pälzer Woi" gesuffelt. Doch das gehörte auch dazu. Am frühen Samstagmorgen trafen sich die Frauen wieder. Nun kamen die Einmachgläser zu ihrem Einsatz. Das Zwetschenkom-pott wurde hineingefüllt und mit Einmachhaut, welche in Alkohol getaucht wurde, verschlossen. Ich weiß nicht mehr, wie viele Gläser die Frauen füllten. Aber es waren sehr, sehr viele. Die Gläser wurden an alle, die mitgeholfen hatten, gerecht aufgeteilt. Ich bekam auch einige, worüber ich mich sehr freute. Übrigens nennt man das Zwetschen-kompott in der Pfalz Latwerg.
Fast hätte ich vergessen zu erwähnen, dass ein Reporter der Tageszeitung „Der Pfälzische Merkur" erschien und über dieses Ereignis ausführlich berichtete, mit Fotos, was meinen Schwiegervater mit Freude und Stolz erfüllte.
Als wir wieder zu Hause in der Eifel waren, machte ich mich sofort an die Arbeit und wollte das Kompott nachkochen. Ich hatte ja von meiner Schwiegermutter und den anderen Frauen an diesem Wochenende viel gelernt. Und an Zwetschen fehlte es auch nicht. Doch das Kompott für einen 3-Per-sonenhaushalt hat ja ganz andere Voraussetzungen. Im Backofen habe ich es bei minimaler Temperatur über Nacht vor sich hin köcheln lassen, zwischendurch immer mal wieder umgerührt, damit es nicht anbrannte. So schlug ich mir die Nacht um die Ohren - ganz allein. Meine Familie schlief tief und fest. Am anderen Morgen präsentierte ich ganz stolz mein Kompott. Es schmeckte ganz gut. Doch das Pfälzer Latwerg war besser. Allein dadurch, weil es in einer großen Menge hergestellt wurde. Es blieb bei diesem einen Mal, der Aufwand war dann doch zu groß. Über das Einkochen von Beeren und Früchten, Herstellung von Obstsäften, Sirup und vielerlei Sorten Marmelade verbunden mit der Gartenarbeit lernte ich viel von meinen Schwiegereltern, die auf den Ertrag aus ihrem Garten das ganze Jahr hindurch zurückgreifen konnten. Für den Winter lagerte mein Schwiegervater im Keller Gemüse, Obst und Kartoffeln ein. In der heutigen Zeit bekommt man ja das ganze Jahr über frisches Gemüse, Salat, Obst zu kaufen. Alles was das Herz begehrt. Doch ist es nicht viel schöner, wenn mein sein eigenes Gemüse oder Obst im Garten ernten kann?