von Alois Krämer, Bodenbach
Das Thema dieses Heimatjahrbuchs ist — so habe ich es verstanden — die Rückbesinnung auf fast verloren gegangene Werte und auf den Trend, nachhaltiger, bewusster und ressourcenschonender zu leben, z.B. Kinder wieder in waschbare Windeln zu hüllen, Einkaufsnetze zu benutzen anstatt Plastiktüten und Glasflaschen anstatt Plastikflaschen. Es gibt Milchtankstellen und „Unverpackt-Lä-den". Das sind nur einige wenige Beispiele und weitere aufzuzählen, ist leicht. Und es hat alles seinen Sinn — der Schutz unseres Planeten ist sehr wichtig. Dennoch ist es mir ein Bedürfnis - abweichend von der, oder vielmehr angelehnt an die Themenstellung - einige weitergehende Überlegungen anzustellen, die möglicherweise sogar im Philosophischen anzusiedeln sind.
Von „Opa und Oma lernen" (oder von den Eltern oder von Onkel und Tante), ja, das war in meiner Kindheit auf dem Land in der Nachkriegszeit neben der mehr als unzureichenden Bildung, die uns in der achtklassi-gen Volksschule geboten wurde, die einzige Möglichkeit, sich fit fürs Leben zu machen. Das geistige Kapital und Know-how auf den kleinen Höfen - klein waren die Höfe allermeist - wurde von der älteren Generation an die jüngere weitergegeben und blieb so erhalten.
Ich erinnere mich noch zu gut daran. Als „fortgegebenes Kind" wuchs ich bei Onkel und Tante auf, da ihnen der ersehnte Hoferbe vom Schicksal verweigert wurde, und sie mich kurzerhand als ein Kind aus der Verwandtschaft in Pflege nahmen. Das war einfach damals, kein Jugendamt und keine sonstige Behörde kümmerte sich darum. Das Kind zog um und fertig! Nein, es soll keine Bitterkeit aus meinen Erinnerungen klingen, obwohl es sich jetzt im vorgerückten Alter manchmal so anfühlen könnte. Aber es war doch so: Kinder wurden nicht gefragt. Sie hatten zu parieren!
Also war mein Lebensweg quasi vorbestimmt. Schon früh in den Fünfzigerjahren nahm mich der Onkel sozusagen „in die Lehre". Ich weiß, dass ich ihn schon während der frühesten Kinderzeit zum Pflügen und Eggen aufs Feld begleitete, während mein Bruder, der ja im Rheinland aufwuchs, mit seinen Kameraden auf dem Fußballplatz „abhing". Noch heute habe ich die mageren Äcker vor Augen, auf denen die Steine jedes Jahr aufs Neue „wuchsen" und von mir in Körben eingesammelt werden mussten. Man erklärte mir, dass dies notwendig sei, damit beim Mähen die Sense nicht stumpf oder beschädigt werden würde. Das war eine Sklavenarbeit, das kann sich kein Mensch vorstellen! Vor meinen Augen erstreckte sich zum Beispiel ein solches, steiniges Haferfeld wie eine riesige Landschaft, die schier kein Ende nahm. Und das ist nur ein Beispiel für die „Kinderarbeit", die — nicht nur ich — auf den Feldern leisten musste.
Vor dem Frühstück ging es in den Stall, dem Onkel beim Ausmisten helfen — und am Schluss den Stallgang fegen. Die Tante kam herein, um die Kühe zu melken. Dann rasch das Frühstück, die Bücher und Hefte zusammengepackt und ab in die Dorfschule! Wie war das noch mit den Rechenaufgaben? Die hatte man abends noch machen wollen, war aber zu müde dazu. Das gab eine schlechte Note oder – davor hatten die Kinder alle Respekt – ein paar Hiebe mit der Weidenrute des Lehrers.
Nachmittags war das Heu einzuholen. Ich schirrte das Pferd an, klettert dazu auf die Abtrennung zwischen den Boxen und stülpte dem Ross das Kummet über den Kopf. Dann ging es hinaus ins Heu. Ich stand oft vorm beim Pferd, hielt es am Kopf. Die Frauen rechten das Heu nach, später half ich dabei. Zu Hause versorgte ich das Pferd. Aber noch hatte ich keinen Feierabend! Die Kühe waren heimzuholen, und dann wieder Stallarbeit! Ich musste Futter herunterwerfen, denn der Onkel kletterte nicht mehr gern, war nicht mehr schwindelfrei. Unkrautjäten auf den Feldern war ebenfalls Arbeit von Frauen und Kindern. Das Hüten der Kühe oblag den Kindern, die Schulaufgaben wurden dabei gemacht - und manches Mal auch nicht. Es kontrollierte ja niemand, es schien keinen zu interessieren. Die Kinder wurden zu Hause als billige Arbeitskräfte gebraucht. Jeden Tag waren andere Arbeiten zu verrichten, dabei achtete der Onkel darauf, dass ich möglichst viel von der bäuerlichen Arbeit lernte und ihm abnahm. Er war ein kranker Mann, das war mir nicht immer bewusst. Innerlich lehnte ich mich dagegen auf, immer mehr in seine Rolle hineinzuwachsen.
Ich habe im Jahr 2005 einmal einen Beitrag geschrieben über die „Jahreszeiten im Lebenskreis“ und mir minutiös vor Augen geführt, was für Arbeiten das Jahr über in Haus, Stall und Feld erledigt werden mussten. Das waren Sechzigstundenwochen für jeden der Familienangehörigen.
Dann folgten die Sechzigerjahre. Die EWG hatte eine gemeinsame Marktordnung geschaffen. Es gab Festpreise, aber es gab auch Überschüsse und Butter- und Getreideberge. Doch mein Onkel war immer noch nicht so recht zufrieden.
Für Schule und Bildung blieb nur sehr wenig Zeit. Zum Beispiel waren Aufsätze zu schreiben. Worüber? Über Wallfahrtsorte in der Eifel. Wie kam der Lehrer auf so ein Thema? Vom Pfarrer inspiriert? Das interessierte mich nun mal überhaupt nicht! Wann hatte ich das letzte Buch gelesen? Unsere Wünsche und Bedürfnisse wurden von den Erwachsenen unterdrückt, bewusst oder unbewusst, ich weiß es nicht. Ich will dem Onkel nichts Böses unterstellen, aber er zeigte nicht viel Verständnis für die Wünsche und Träume eines Kindes.
Und dann war die Schulzeit zu Ende und die Berufswahl stand an. Was nun? Der Onkel hatte sich inzwischen seine Gedanken gemacht. Er wollte den Bauernbetrieb unter allen Umständen weiterführen. Es ist irgendwie nicht zu begreifen, dass mein Onkel trotz aller Schufterei und seines schlechten Gesundheitszustandes immer noch am Hof festhielt. Fünf oder sechs Kühe besaß er. Bargeld war knapp, war immer knapp gewesen und daran würde sich auch nichts ändern. Er wollte sich dennoch einen Traktor anschaffen und eine Mähmaschine und vielleicht einen Selbstbinder und glaubte, er hätte es dann geschafft.
Der Onkel wirkte suggestiv auf mich ein. Ich dürfe ihn doch nicht im Stich lassen! Und natürlich habe ihn nicht im Stich gelassen! Also nickte ich und blieb. Es war ja auch meine Heimat, eine andere kannte ich nicht. Also machte ich mich auf, mit vierzehn Jahren nahm mich ein Verwandter mit zu einer Straßenbaufirma, und ich lernte, wie man Straßen und Wege baut. Jede Woche eine volle Lohntüte, die lieferte ich ab und war noch stolz darauf.
Die Arbeit auf dem Hof geht weiter wie zuvor, zusätzlich zu meinem Hauptberuf. Ich fahre den Traktor aufs Feld, pflüge und säe, mähe und ernte und sehe vor lauter Arbeit keinen Feierabend. Sonntagsmorgens gehe ich mit den anderen Jungs in die Kneipe zum Frühschoppen. Etwas will man doch vom Leben haben! Ein Hobby kann ich mir jetzt erlauben: Meine Trompete, die ist manchmal mein Trost. Und dann stirbt der Onkel. Doch ich bin im bäuerlichen Dasein so verwoben, dass ich trotz allem immer so weiter wurstele. Mein Leben verharrt auf einem Fleck, nichts ändert sich. Die Welt ist so klein! Erst in den Siebzigerjahren löse ich mich von dem Gedanken, den Hof weiterführen zu müssen. Dann bin ich frei — aber habe ich noch eine Chance?
Ein Resümee ziehe ich: Ich habe viel gelernt im Leben, bin ein halber Bauer gewesen und ein ganzer Straßenbauer. Habe von „Opa und Oma" gelernt. Ich will nicht hadern, aber im Ernst: Ich wünsche, ich hätte in der Jugend mehr Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben.
Also: Ist es immer richtig, von „Opa und Oma" zu lernen?