von Evi Linnerth, Gerolstein
Gerade habe ich eine aufgerissene Naht im Lieblings-T-Shirt meiner Enkeltochter geflickt - nicht nur, weil man in Corona-Zei-ten nicht so leicht ein neues kaufen kann, sondern wegen der Nachhaltigkeit und weil es eben ein Lieblingsstück ist. Beim Nähen schlichen sich dann Erinnerungen ein... Wann und wie habe ich das eigentlich gelernt? Ach, ist das lange her!
Angefangen hat es mit der Häkelnadel — vor ungefähr 65 Jahren: eine Luftmasche nach der anderen, immer hatte ich zu wenig Finger, um alles festzuhalten. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie viel Geduld meine Tante und meine Mutter aufbrachten, bis der erste im Ganzen gehäkelte Lappen fertiggestellt war. Es folgten dann Näharbeiten als „Probeläppchen" mit Vorderstichen, Kreuzstichen, Zick-Zack-Stichen, Hexenstichen und etliche mehr. Auch Stopfen wurde trainiert, denn Strümpfe mit Löchern wurden nicht einfach weggeworfen. Das Annähen von Knöpfen und — wirklich nicht einfach — Knopflöcher nähen wurde fleißig geübt. Mit Näharbeiten für die geliebten Puppen wurden die Fertigkeiten angewandt. Röckchen, Blüschen und Jäckchen, die von Tante und Mutter gearbeitet worden waren, habe ich heute noch. Meine Werke dagegen waren wohl das Aufheben nicht wert.
Ab 1960 besuchte ich ein „Mädchengymnasium", und natürlich war das Fach „Handarbeiten" Pflichtprogramm. Als erstes wieder: Näh- und Stickstiche. Dann: Socken stricken, was mir weniger lag. Eine Socke kriegte ich mit Mühe fertig, die andere strickte meine liebe Tante. Ob die Handarbeitslehrerin das gemerkt hat, weiß ich nicht mehr. Wir durften auch mit der Nähmaschine nähen. Eine „Klammerschürze" mit verschiedenen Stoffmustern, gefüllt mit Wäscheklammern, hängt immer noch bei mir im Keller. Auch Kissenbezüge nähen kann ich seitdem.
Später lernten meine Schwester und ich unter Anleitung unserer Mutter, die „Weißzeugnäherin" gewesen war. (Diese begabten Frauen konnten mit der Maschine wunderbare Muster in Bett- und Tischwäsche, in Schürzen und Blusen einsticken.) Wir fertigten also mit der Nähmaschine, natürlich mit Fußtretantrieb, etliche Kleidungsstücke für uns an.
Das war ja viel preiswerter, als sie im Laden zu kaufen! Immerhin konnte ich mein Hochzeitskleid, das war 1971, selbst nähen, auch, aber nicht nur, weil es billiger war. Ich wollte damals unbedingt ein Unikat und auf keinen Fall einen Schleier... In den 80er Jahren, unsere Töchter waren schon im Teenager-Alter, kam die oben bereits erwähnte „Handarbeits-Tante", damals schon über 80 Jahre alt, aber an ihre Grenzen: Bei uns im Badezimmer, immer auf der Suche, ob sie etwas flicken könnte, fand sie die Jeans unserer Töchter mit riesigen Löchern — das war damals gerade modern geworden. Da beklagte sie sich in entsetztem Ton: „Das kann ich aber nicht mehr stopfen!"
Heute sitze ich ab und zu mit unserer Enkeltochter, 8 Jahre alt, zusammen und versuche ihr das Häkeln und ein paar Stiche beizubringen. Sie soll wenigstens ein bisschen von diesen derzeit wenig angesagten Fertigkeiten lernen, denn Smartphones können keine Knöpfe annähen oder Nähte reparieren.