Lebendiger Kreuzgarten

von Lydia Schend, Daun

Es gibt sie noch, die alten Bauerngärten –. zum Glück - und es werden wieder mehr. In ihnen wächst und gedeiht es, es duftet und blüht, dass einem das Herz aufgeht. Ein solcher Garten liegt Im Kreuzgarten von Dockweiler, mit Aussicht zum Döhm hin mit seinem Naturschutzgebiet im Westen und zum Abbaugebiet Radersberg bei Dreis-Brück. Zwischen den Gemüsebeetenleuchten Ringelblumen, Sonnenblumen, Löwenmäulchen, Fingerhut, Kappuzinerkresse, Bartnelken und Bienenfreunde aller Art, darunter riesige Königskerzen, die im Krautwisch zu Maria Himmelfahrt am 15. August nicht fehlen dürfen. Das wissen die Großmütter noch. Und, dass der Mond wichtig ist.

Möhren, Zwiebeln, Lauch und Bohnen, Erdbeeren und Himbeeren, eine Weide und ein stattlicher Pflaumenbaum mit Nistkasten und Schaukel, Heidelbeeren, Mangold, Kürbisse, Tomaten, Rote Beete, Erbsen, Radieschen, Kohl - üppige Ernten sind garantiert, sodass es bis über den Winter reicht, nicht nur zur Selbstversorgung, sondern auch für reichliche Gaben umher. Es wird viel geteilt in diesem Gemeinschaftsgarten von Christel Utters, inzwischen mehrfache Großmutter, und Nadine Conrad und deren fünfjährigen Tochter Marie, die inzwischen mit viel Freude ein eigenes Beet betreut und gerne mit ihre Freundinnen im Garten spielt. Drei Generationen sind hier also präsent, dazu kommen Gäste, Verwandte und Helferinnen aus dem Kreis der Wirkstatt, die mit der Transition-Inititative der Verbandsgemeinde Daun verbunden ist.1 Alle sind eingeladen, mit der Erde den Garten zu gestalten, zu sähen und zu ernten, „Wach sein und wachsen“, in der Stille, und in der Begegnung, das ist der Ansatz.

Durch Transition ist ein Netzwerk zu anderen Gartenfreunden entstanden, die sich bei anfallenden Arbeiten gegenseitig helfen, die Samen und Pflanzen tauschen oder gemeinsam Pflaumen oder Kirschen ernten und es sich dabei gut gehen lassen. Es ist ein Geben und Nehmen, gekauft wird wenig, Austausch wird groß geschrieben, oft über den Gartenzaun, denn immer mehr Parzellen werden Im Kreuzgarten wieder bewirtschaftet, nachdem sie lange brach lagen. Samen hier, Äpfel dort. Aber auch vieles andere wird getauscht und weiter gegeben. Was die einen nicht brauchen, nehmen andere gerne, seien es Bücher, Möbel oder Kleidung. Wildkräuter besiedeln ein ganzes Beet wie Giersch, Gundelrebe, Brennessel, Löwenzahn, allesamt sehr gesunde, inhaltsvolle Heilpflanzen, die hier im Salat oder Gemüse gegessen werden. Alles wird verwendet, nichts verschwendet, nichts vernichtet. Aller Rest geht in den Kompost, damit neue Erde entsteht. Gegärtnert wird nach dem Mond und natürlich ohne Chemie. Dünger werden aus Pflanzensud gewonnen z.B. aus Brennesseljauche, und im Winter bedecken Laub und verdorrende, abgestorbene Pflanzenteile die Erde, schützen sie, zersetzen sich, geben ihre Inhaltsstoffe ab. Gemäht wird mit der Sense, das Gras bekommen Ziegen in der Nachbarschaft frei Haus. Aber nicht alle alten Methoden werden beibehalten. So wird im Kreuzgarten nicht mehr umgegraben, die Erde wird nur gelockert und gestärkt mit neuen Methoden wie effektiven Mikroorganismen oder mit selbst gewonnener schwarze Erde, bekannt als Terra Preta.

Im Kreuzgarten wächst natürlich alter Holunder - der gehört in jeden Bauerngarten. Er kommt meistens von alleine, man muss ihn nur lassen, den Schutzbaum der Holle, die „Hausapotheke der armen Leute und Bauern“. „Rinde, Beere, Blatt und Blüte, jeder Teil ist Kraft und Güte, jeder segensvoll“, so ein alter Spruch. Aus den dunklen Beeren wird Saft gewonnen und Marmelade gekocht, andere empfehlen Mus oder den herrlichen Likör, „dä Ruude“, der mit hochprozentigem, bestem Rum angesetzt wird. Auch der Sirup aus dem duftenden Blütenmeer ist eine wohltuende Köstlichkeit, zusammen mit dem Saft und Wasser vermischt eine erfrischende, stärkende Medizin für das gesamte Immunsystem. Das haben Forschungen inzwischen bestätigt. Und natürlich werden die Blüten getrocknet für den altbewährten Winter- und Erkältungstee, zusammen mit den Blüten der Königskerzen und der Dorflinden.

Zur Sommersonnenwende um Johanni ist nicht nur eine gute Zeit zum Sammeln von vielen Heilpflanzen auf den Wiesen ringsum. Seit ein paar Jahren wird jetzt auch zwischen Kreuzgarten und Wirkstatt das Erdfest gefeiert - genauso wie an sehr vielen weiteren Orten, die in diesen Tagen alle miteinander verbunden sind durch die Erdfest-Initiative. Deren Ziel ist eine neue kulturelle Allmende, ein Gemeingut für nachhaltige Entwicklung und für den Schutz biologischer Vielfalt. 2019 haben sich 180 Projekte beteiligt. Jede Initiative stellt sich dabei eigene Themen. So standen in Dockweiler an einem Tag die Vulkanberge um Dockweiler im Mittelpunkt, der schöne, geschützte Ernstberg, aber auch der Eselsberg oder Hangelberg, die abgebaut und verwüstet werden. Ein anderes Mal ging es um die Bienen, ihr Sterben, ihre Nöte, Wohltaten und Bedürfnisse. Der Höhepunkt des Jahres ist schließlich das eigentliche Fest, mit einem Feuer und reichlich leckerem Essen und Trinken, mit Musik, Gesang und Tanz

Eine Allmende…In Dockweiler gab es mal eine. Irgendwann wurde sie zum Industriegebiet erklärt. Zuletzt war dort ein Asphaltmischwerk geplant, aber das wird von den meisten Menschen in Dockweiler abgelehnt. Was wohl aus dieser Allmende wird? Noch ist alles offen.