Garten-Gene und Eichhörnchen-Prinzip

von Anita Adams, Kirchweiler

Wir haben einen Nutzgarten und darin gibt es so einiges zu ernten, unter anderem auch Himbeeren — frisch vom Strauch ein besonderer Genuss! Der Überschuss wandert in die Gefriertruhe: die schönen Exemplare werden einzeln vorgefrostet, anschließend in Dosen verpackt und später als Kuchenbelag verwendet. Der Rest wird gesammelt und am Ende der Saison zu Saft und Gelee weiterverarbeitet.

Und wenn dafür dann der Dampfentsafter auf dem Herd steht, versetzt mich der Geruch nach heißem Himbeersaft jedes Mal in eine andere Zeit.

Vor über 50 Jahren stand in Omas Küche in Essingen der Entsafter auf dem Kohleherd, davor ein Schemel mit einem Topf, um den heißen Fruchtsaft aufzufangen. Oma hatte keine Klemme am Schlauch, daher tropfte es beständig. Tropfen für Tropfen blutrot - ein nachhaltiges Erlebnis für Augen und Nase. Die Früchte hatten wir vorher auf einer Lichtung im Wald gepflückt. Oma wusste, wo Himbeeren wuchsen. Aber zu Fuß war es weit bis dahin; es ging bergauf, Richtung Zilsdorf. Ob der Größe der Waldhimbeeren verging mir ziemlich flott die Lust am Pflücken - die Dinger waren ja so klein! Kein Vergleich zu denen, die ich heute an meinen Kulturhimbeerpflanzen ernten darf. Aber die Aussicht auf das Gelee, das es zu Hause nicht gab, und auf den Himbeersaft, der mit Wasser verdünnt toll schmeckt (Fruchtsäfte und Limonade waren in meiner Kindheit ein seltenes Vergnügen), ließen mich ausharren. Außerdem gab es da noch etwas ganz Spezielles, wofür sich der Saft eignete: selbstgemachte Bonbons, in der Eifel „Kamelle" genannt. Für die „harte" Variante wurden Butter und Zucker in einer Pfanne geschmolzen bis die Masse eine schöne braune Färbung hatte und dann zum Abkühlen auf Pergamentpapier gegossen. In Stücke gebrochen schmeckte das viel besser als gekaufte Bonbons. Ließ man die Mischung aber nicht zu dunkel werden und fügte noch etwas Sahne und einen Schuss Himbeersaft hinzu, dann hatte man Rahmkamellen mit Fruchtgeschmack — die gab es nur in Essingen bei Oma.

Wie gerne würde ich meiner Großmutter heute zeigen, was außer den erwähnten roten Früchten alles in meinem Garten wächst! Neben den früher schon üblichen Gemüse-und Obstsorten wie Erbsen, Möhren, Bohnen, Salat, Kohl und Erdbeeren gibt es bei mir auch Feigen und grünen Spargel, und im Gewächshaus reifen im Herbst Tomaten in verschiedenen Größen, Formen und Farben. Oma würde staunen! Ihr Garten-Gen hat sie erfolgreich an meine Mutter weitergegeben und die wiederum an mich. Die Saison für Gemüse und frisches Beerenobst währt vom späten Frühjahr bis zum Ende des Herbstes. Immer gibt es irgendetwas im Garten zu ernten, diverse Obstbäume ergänzen das Angebot.

Vor einigen Jahren wurde ich gelegentlich gefragt: „Lohnt sich das denn?" Meine Antwort lautete dann immer: „Oh ja! Ihr dürft nicht die Preise vom Supermarkt ansetzen, sondern die aus dem Bio-Laden!" Und in puncto Geschmack „lohnt" sich die Arbeit im Garten allemal. Heute ist öfter die Rede vom ökologischen Fußabdruck, auch in Bezug auf Lebensmittel. Da punktet meine „Ware" aus dem Gartenbeet dann mit ultrakurzen Wegen: der Salatkopf, der mittags gegessen wird, wurde morgens erst geerntet. Alles ist unverpackt, mit Kompost gedüngt und mit Regenwasser gegossen. Ich liege mit meinem Garten mittlerweile also voll im Trend. Obwohl heute das Angebot im Supermarktregal riesig ist, fülle ich mein Regal im Spind jedes Jahr mit selbstgemachter Marmelade und komme mir manchmal vor wie ein Eichhörnchen, das Vorräte für den Winter sammelt. In den letzten Jahren habe ich neben dem Einfrieren auch das Einkochen ä la Mama & Oma schätzen gelernt: mein Tomaten-Zucchini-Mix oder die Möhren im Glas sind „Fast Food" ohne Farb- und Konservierungsstoffe.

Ein großer Garten macht Arbeit - ja. Aber wie Mama und Oma gehe ich gerne in den Garten. Weder ungünstiges Wetter, noch Unkraut oder Schädlinge tun der Liebe zum Grünzeug Abbruch. Ich staune immer wieder darüber, wie aus einem winzigen Samenkorn eine Pflanze wächst. Und wenn ich im Sommer abends, wenn die Temperaturen endlich angenehm sind, einfach nicht ins Haus gehen kann, weil hier noch etwas zu rupfen und da noch ein Pflänzchen zu gießen ist, dann klingt mir die Stimme meines Essinger Opas im Ohr, der mich in den Ferien manchmal in der Dämmerung in den Garten schickte mit den Worten: „Jank froch es deng Oma, ob de hir et Henkelsmännche brenge solls!"