von Andrea Götten, Udersdorf
Wenn ich an das Haus meiner Oma in Udersdorf zurückdenke, fällt mir neben der heimeligen Küche immer ihre „Stellage" ein, die im Gang hinter einem Vorhang verborgen war. Ein Türausschnitt wurde zum Regal umfunktioniert und von oben bis unten mit gefüllten Einmachgläsern bestückt. Neben Bohnen und geschnippelten Möhren gab es Mirabellen, Kirschen und Zwetschgen, alle aus dem eigenen Garten. Wenn Mehlknödel zum Mittagessen serviert wurden, öffnete meine Oma feierlich eines dieser Gläser. Die Stellage hat meine Oma eine Weile überlebt - so viel zum Thema Nachhaltigkeit.
Einfach leben, als Selbstversorger mit eigenem Garten und Hühnern, vielleicht sogar ganz minimal im Tiny House - in den letzten Jahren ist das Interesse daran immer mehr gewachsen. Im Internet kann sich ein jeder über Permakultur informieren oder lernen, veganen Käse herzustellen. Im Gruppenchat tauschen sich moderne Eltern und weitgereiste Abenteurer über die beste Methode zum Fermentieren aus. Mit den Kindern entdecken wir die Freude daran, Schafswolle zu filzen oder Mützen zu nähen. Unser modernes Leben schenkt uns Sushi im Supermarkt oder per Lieferando und doch schlagen wir im Kochbuch begeistert Großmutters alte Rezepte nach. Selbst Kinderspielzeug aus Holz lässt Herzen höherschlagen. Vielleicht erkennen und schätzen wir heute wieder, was viele Jahre lang fast vergessen und manchmal sogar verpönt war: Das wertvolle Wissen unserer Großeltern und Urahnen. Natürlich waren die Zeiten hart, da gibt es wenig zu verklären oder gar zu romantisieren. Aber ganz sicher musste sich damals niemand Gedanken machen, wie er seinen Alltag entschleunigen könnte oder wie der Müll getrennt wird. Die Menschen lebten in einfachen Verhältnissen mit den Gegebenheiten vor Ort, die raue Eifel war dafür bekannt, dass sie niemanden verwöhnte. Sie forderte heraus - den Zusammenhalt in den Dörfern, die Bescheidenheit und die Stärke in jedem Einzelnen.
Zalando, Amazon und Shoppingtouren lagen vor wenigen Jahrzehnten noch in weiter Ferne. Neue Kleider nähte man meist selbst, dazu wurden zum Teil alte Sachen aufgetrennt und neu verarbeitet. In den großen Familien wurde die Kleidung von den älteren Kindern an die nachfolgenden weitergegeben. Wenn es etwas Neues gab, war die Freude groß. Oma strickte fleißig für die ganze Familie Strümpfe, Handschuhe und die Pullover. Einkaufstouren für neue Kleidung waren eine Seltenheit und es wurden nur wenig Pakete verschickt. Die Bilanz der Treibhausemissionen war dementsprechend sehr positiv und außerdem brauchte niemand eine Tonne für das viele Altpapier. Apropos Papier: Trotz moderner Technik benötigen wir heute Unmengen von Papier: Zum Drucken und Kopieren, für Hygienepapier und eben zum Verpacken und Versenden unserer Konsumgüter. Fast 250 kg Papier pro Kopf werden in Deutschland jährlich verbraucht und damit liegen wir weltweit vorne. Das entspricht für jeden Bundesbürger jährlich einem DIN A4 Stapel Papier von der Erde bis zum Mond. Der Papierbedarf hat sich seit 1960 vervierfacht! Für die Umwelt bedeutet dies eine große Belastung, denn Bäume müssen gefällt werden, Chemikalien kommen zum Einsatz und es ist ein sehr hoher Einsatz von Wasser und Energie notwendig.
Heute gibt es für Haushalte extra eine Mülltonne für Windeln. Den Luxus der Wegwerfwindeln kannten die vorherigen Generationen nicht. Die Windeln waren aus Stoff, wurden gewaschen, getrocknet und wieder angezogen. Zum Schluss noch ein Gummihöschen darüber - fertig!
Ich weiß noch, wie ich als Kind meiner Oma geholfen habe, die Birnen auf ihrer Streuobstwiese am Ortsrand aufzulesen. Von den getrockneten Birnen wurde zur Kirmes „Birrebunnes" gebacken. Beerenobst wurde zu Marmelade gekocht oder entsaftet und als Saft oder Gelee weiterverarbeitet. Der selbstgemachte Himbeersirup meiner Oma war legendär und tatsächlich gibt es einen ähnlichen heute noch nicht einmal im Supermarktregal. Limonade in PET-Flaschen gab es dafür noch kaum und die Glasflaschen wurden im nächsten Jahr wieder mit leuchtend-roten Sirup gefüllt. Wenn die Erdbeeren im Garten rot glänzten, wussten wir: „Jetzt ist Sommer" und aßen sie ungewaschen gleich vom Strauch. Damit der Boden möglichst feucht blieb, wurde Stroh unter den Erdbeeren eingemulcht. Später im Sommer folgten die schwarzen Johannisbeeren, die zu Marmelade verarbeitet wurden, aber auch roh direkt aus der Hand so lecker schmeckten. Die Sehnsucht nach dem Geschmack der Früchte aus Omas Garten holte mich Jahre später wieder ein, als das Supermarkt-Obst immer wässriger und fader schmeckte. Das Wissen, wie ein Garten ohne High-Tech Geräte und Superdünger ertragreich ist, haben Generationen vor uns sinnvoll genutzt. Heute können wir uns manchmal gar nicht mehr vorstellen, dass es für unsere Großeltern oder unsere Uroma selbstverständlich und überlebenswichtig war. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, vielleicht 50, 60 oder 70 Jahre....
Die eigene Saatgutgewinnung war für unsere Vorfahren wichtig. Durch Auffangen des Samens der Pflanze passten sich die Sorten besser an die Gegebenheiten vor Ort an. Der Samen wurde untereinander ausgetauscht, das war billig und der Erfolg garantiert. Natürlich waren auch Erfahrungswerte und gute Ratschläge wertvoll. Beispielsweise werden Kohlpflanzen nicht von Mäusen gefressen, wenn sie mit Wermut umlegt werden. Gemüse wurde zum Teil eingekocht, fermentiert, Gurken u.ä. in Essig eingelegt, Weißkohl zu Sauerkraut geschnitten und mit Salz im Steintopf eingeschichtet. Dies machte viel Arbeit und forderte viel Zeit, machte jedoch weniger Plastikmüll und alles konnte wieder dem natürlichen Kreislauf zugefügt werden. Im Keller lagen Kartoffeln, Schinken und Speck hingen in Säckchen an der Decke. Im Winter, wenn es kalt genug war, wurden die Schweine geschlachtet und Wurst gemacht, eingesalzen und geräuchert. Das Fleisch wurde angebraten und eingeweckt. Aus dem Fett und dem Flomen stellte man Schmalz her. Dazukaufen musste man nur die Gewürze und Zucker war auch etwas Besonderes, das sorgsam verwendet wurde.
Massentierhaltung mit den daraus resultierenden Folgen für Umwelt und Gesundheit gab es nicht. Zu den meisten Haushalten gehörte ein kleiner Tierbestand - zur Selbstversorgung und um ein wenig Geld zu verdienen. Mein Opa hegte und pflegte neben seiner normalen Arbeit noch einen kleinen Stall mit einer Kuh, einem Rind, zwei Schweinen und 13 Hühnern. Die Milch wurde in Milchkannen gefüllt und auf den Milchbock im Dorf gestellt, wo das Milchauto alle Kannen einsammelte. Zum Eigenbedarf wurde ein Teil der Milch behalten - zum Trinken, für Milchsuppe, Pudding, für Quark, Sahne, Butter und Dickmilch. Um Sahne und Butter herzustellen, wurde die Milch zentrifugiert. Meine Mutter hasste es, die 27 kleinen Tellerchen der Zentrifuge zu spülen. Die Kühe bekamen kein Fertigfutter, sondern mochten frisches Gras, Heu und Runkelrüben, die Schweine bekamen Kartoffeln und Abfälle. Meine Mutter erinnert sich, dass ihr Opa abends nach Feierabend mit Bollerwagen und Sense los ging, um Feld- und Straßenränder zu mähen. Blühstreifen auf Feldern und an den Straßen waren selbstverständlich, Pestizide kamen erst in den 50er Jahren zum Einsatz. Ein auffälliges Insektensterben gab es in vergangenen Zeiten nicht, denn jahrhundertelang trug die Landwirtschaft zur Artenvielfalt bei.
Es war selbstverständlich, dass Kinder nach der Schule auf dem Feld halfen, sobald sie älter wurden. Rüben und Kartoffeln ausmachen gehörten dazu, aber auch bei der Heuernte wurde jede Hand gebraucht. Heuschnupfen kannte niemand oder wurde nicht ernst genommen. Traktoren kamen erst in späteren Jahren, somit wurde das Heu mit der Sense gemäht, oder mit dem Mähbalken. Das Getreide wurde ebenso geerntet und zum Trocknen auf Kästen gestellt, bis die Dreschmaschine kam. Die Dreschmaschine fuhr von Ort zu Ort, von Bauer zu Bauer und dann war die ganze Familie im Einsatz. Später wurden die ollen Dreschmaschinen durch fortschrittliche Mähdrescher ersetzt. Nachdem das Getreide auf dem Speicher getrocknet war, wurde es vom Müller abgeholt, in der Mühle gemahlen und an die Bäckereien weitergegeben. Dort bekam man Brot dafür und musste lediglich den Backlohn (50 Pfennig pro Brot) zahlen. In einem Brotbuch wurde das dokumentiert. Einen Sack Mehl behielt man selbst zum Eigenbedarf. Zum Brotbacken nutzten Privatpersonen die holzbetriebenen Gemeindebackhäuser, von denen heute noch einige in Ehren gehalten werden. Meist hatten mehrere Familien zusammen ein solches Backhaus.
Als die ersten Bauern im Dorf über einen Kartoffelroder verfügten, war diese kleine Sensation auch bei den meisten anderen Bauern im Einsatz. Das war eine enorme Erleichterung, weil man die Kartoffeln nicht mehr von Hand ausgraben, sondern nur noch aufsammeln und sortieren musste. Generell war ein Tausch- und Leihsystem im Dorf stets sehr hilfreich.
Strom brauchte man nicht allzu viel. Elektroherde gab es nur vereinzelt und Kühlschränke noch weniger. Dort, wo schon ein Fernseher vorhanden war, versammelten sich Nachbarn, Freunde und Familie im Wohnzimmer, um gemeinsam einen Film zu schauen. Radio hörte man gezielt und ein Telefon gab es erstmal nicht. Zum Telefonieren ging man zur Post, dringende Angelegenheiten wurden per Telegramm mitgeteilt. Natürlich waren auch Autos damals die Ausnahme. Da kaum jemand ein Auto besaß, gab es auch kein Elterntaxi, in die Schule gingen die Kinder zu Fuß. Der einzige Luxus war ein altes Fahrrad, ein Roller und später ein Moped. Am Nachhaltigsten sind einfach die Dinge, die gar nicht erst verbraucht werden, keinen Müll machen oder gemeinsam genutzt werden. Wie beispielsweise das Badewasser...
Einmal in der Woche war Badetag. Zum Baden wurde im Kessel Wasser warm gemacht, eine Bütt davorgestellt und die Kinder wurden je nach Größe einzeln oder doppelt hineingesetzt. Mit Kernseife schrubbte man sich selbst beim Baden und auch die Wäsche. Diese wurde im gleichen Kessel im Wasser gewaschen oder gekocht, über dem Waschbrett geschrubbt, im kalten Wasser ausgewaschen und ausgewrungen und stellte eine extrem harte Arbeit für die Hausfrau dar. Was ist das heute einfach! Gebügelt wurde mit einem Eisen-Bügeleisen, das man zum Heißwerden auf den Kohlen- oder Holzherd stellte.
Mit viel Arbeit und wenig Industrie war das Leben unserer vorherigen Generationen etwas mühsamer, aber deutlich umweltfreundlicher und somit nachhaltiger. Es war weniger vielfältig, aber stressfreier und klimafreundlicher. Heute ist das Thema Nachhaltigkeit viel diskutiert und oft komplex. Vielleicht benötigt es für den Anfang einige einfache Grundlagen, die in jedem Einzelnen vorhanden sind, etwa Bescheidenheit, Besonnenheit, Wertschätzung und Zusammenhalt.