Heute ist vieles überholt

von Irene Maria Klöppel, Köln

„Was Großmutter noch wusste", „Wissen vom Landleben", „Wieder selbst einkochen" und so weiter. Es gibt bereits viele Bücher dieser Art. Das alte Wissen ist wieder gefragt; und vieles davon wird ausgegraben, neu aufgeschrieben und den Menschen wieder zugänglich gemacht. Man besinnt sich auf frühere Zeiten. Es ist ein Erkennen, dass manches von damals nicht grundsätzlich überholt ist. Und mitunter gesellt sich ein Gefühl hinzu, dass da noch etwas ist, noch irgendetwas, das vielleicht nicht nur nützlich ist - sondern irgendwie anders, irgendwie nicht klar zu fassen.

Bei der Frage nach der Nützlichkeit sind wir nämlich genau da, wo wir das finden, was in Büchern steht. All das ist explizites Wissen. Es ist das Wissen, das wir mit unserem Verstand begreifen können, eben, was man niederschreiben kann. Und es gibt daneben noch ein implizites Wissen, was man demgemäß nicht aufschreiben kann. Was man auch nicht messen oder berechnen kann. Teilweise versucht man es zwar, z. B. wenn man ansetzt zu berechnen, was eine Kohlmeise wert ist. Da berechnet man, wie viele Insekten und Schädlinge sie täglich vertilgt, wie viele aufs Jahr und in ihrem kleinen Vogelleben. Aber erfassen wir damit ihren Wert? Beispielsweise, die Freude, die man an ihrem Gezwitscher haben kann? Oder an dem von Finken, usw.? Die Freude beim Anblick des kleinen Vogels. Freude? Oder kennen wir vielleicht doch nur noch das Vergnügen, das uns als Freude verkauft wird, das uns hingegen nur kurzfristig „satt" macht wie das von Junkfood?

Zum impliziten Wissen gehören persönliche Erlebnisse, Erfahrungen, also was in uns eine Spur hinterlassen hat. Nehmen wir einen alten Werksmeister, der durch die Halle mit etlichen laufenden Maschinen geht und bei einer stehen bleibt und in all dem Lärm hört, dass diese nicht mehr ganz sauber läuft, dass da einmal einer nachsehen sollte, bevor sie ausfällt. Im Wirtschaftsleben ist dieses Phänomen noch eher bekannt, obwohl andererseits auch manche Unternehmensleitung dort per Wegrationalisieren der „Alten" auch deren Wissen wegwirft.

Was also ist es, dass uns noch heute etwas sagen kann, aber eben nicht in Büchern zu finden ist? Ich will dazu eine kleine Geschichte erzählen. Im Grunde ist es nur ein seltsames Ding, das sie mir erzählt hatte. Ich fand es im Büro meines Vaters, als er schon längst gestorben war. Irgendwie hatte es überlebt. Es ist aus lackiertem Holz und sieht unten herum aus wie ein zu dicker Bleistift. Doch am oberen Ende ist er anders. Dort ist in der Verlängerung ein Metallrohr befestigt. Eigentlich sind ein zwei Rohre, die eng übereinander liegen, das eine mit einem Außengewinde, das zweite darüber mit einem Innengewinde, so dass man das äußere Rohr beim Schraubvorgang nach unten bzw. nach oben drehen kann. Das innere Rohr ist an drei Stellen gespalten. Wenn man nun das äußere Rohr nach oben dreht, verjüngt sich die Öffnung. Man kann also etwas in dieses seltsame Teil hineinschieben und dann durch Drehen des äußeren Metallteils feststellen. Doch wozu sollte das dienen? Ganz einfach: Um Bleistifte, die zu kurz geworden sind und die man deshalb nicht mehr so gut in der Hand halten kann, noch eine Weile weiter zu benutzen. Man befestigte das zu kurze Bleistiftteil in diesem Stift und konnte ihn so bequem weiter nutzen. Aber ist das nicht irgendwie lächerlich? Was kostet ein Bleistift heute? Niemand heute würde auf die Idee kommen, wegen eines Bleistifts solch einen Teil zu kaufen oder gar zu nutzen. Wenn der Bleistift zu kurz ist, wirft man ihn weg. Er kostet doch fast nichts! Wo ist da das Problem?

So spricht der Verstand. Ein Verstand, der auch ältere Mitarbeiter entlässt. Mitarbeiter sind Kostenfaktoren. Will man Kosten reduzieren, entlässt man sie; das ist gang und gäbe. Ebenso wie man auch Vögel nach ihrem Nutzen berechnet. Aber erst dann, wenn sie knapp werden. So lange ausreichend viele von ihren da sind, muss man das nicht machen. Wie eben auch bei vor allem ungelernten Mitarbeitern - eben, so lange genug von ihnen da sind.

Und schon bei diesem Vergleich spüren wir, dass da noch etwas ganz anderes dahinter liegen kann, hinter diesem alten Bleistift-verlängerer. Was ist es? In jedem Fall hat es etwas mit Wertschätzung zu tun. Damals war ein Bleistift noch kostbar. Man wollte ihn möglichst lange nutzen. Und heute? Man käme sich wohl lächerlich vor, so ein Gerät noch heute nutzen zu wollen. Aber was ist heute was wert? Was bestimmt den Wert? Der Preis? Also Geld? Also ein Geldwert? Ja, so sagt der Verstand. So wird in unserem wirtschaftsdominierten Denken bestimmt. Und bereits mit dieser Aussage wird klar, wie eingeschränkt diese Sichtweise ist. Tunnelblick. Er lässt das weite Feld rechts und links daneben außer Acht. Kinder sind noch anders; sie sind neugierig auf die Welt, heben kleinste Steinchen auf, wenn diese für sie besonders schön sind. Es ist ein anderes sehen: Was ist wertvoll? Was hat Wert? Wir können den Dingen ihren Wert geben. So können wir beispielsweise einen Dachstuhl als technisches Gebilde aus Holz sehen. Wir können aber auch Arbeit darin sehen. Das Holz, das einst Bäume waren, die einen Wald zum Erlebnis machen können und die wir jetzt zu uns holen. Aber natürlich können es auch ganz kleine Dinge sein, beispielsweise der erste ausgefallene Milchzahn unseres Kindes - oder was auch immer. Es geht nicht um eine bestimmte Sache. Es geht um den Blick darauf.

Unsere Alten hatten meist noch diesen Blick. Doch hätte man sie gefragt, sie hätten wohl auf so eine Frage nicht antworten können. So wie wohl ein Fisch nicht auf die Frage nach Wasser antworten könnte. Es ist einfach da. Und heute? Was die Alten noch wussten. Den Wert werden wir erfahren, wenn wir uns auf Spurensuche begeben, nicht mit dem Verstand allein, sondern die Spuren zu spüren - wie wir sehen, gehören diese Dinge zusammen. Übrigens, die Liebe zum Detail ist das erste, was jemand verliert, wenn er ins Burnout entgleitet. Das Sinnhafte im Leben erschließt sich uns nicht allein über den Verstand. Wir müssen den Mut haben, uns diesem Neuen/Alten zu öffnen, unser Herz dafür zu öffnen, damit wir eintauchen können in eine Fülle, die uns wirklich „satt" machen kann.