von Hubert Pitzen, Stadtkyll
Wir sind uns einig: Die Corona-Pandemie hat fast schlagartig unser Leben verändert. Das Herunterfahren des öffentlichen Lebens im Frühjahr 2020 betraf alle Bevölkerungsgruppen massiv.
Nach ersten Medienberichten aus Wuhan (China) über die Ausbreitung eines bisher unbekannten Virus, gerieten einige Wochen später zwei Hotspots in den Fokus: Die Aprés-Ski-Aktivitäten im Tiroler Skiort Ischgl und eine Karnevalssitzung am 27. Februar im niederrheinischen Gangelt (Kreis Heinsberg). Während man Ischgl zum Ursprungsort der Cornona-Pandemie für ganz Europa deklarierte, entwickelte sich Gangelt mit dem Kreis Heinsberg zur „Erstregion" und zum „Epizentrum" für unseren Raum. Das Corona-Virus war nicht mehr aufzuhalten. Harte administrative Maßnahmen (Lockdown) konnten den befürchteten Zusammenbruch des Gesundheitswesens verhindern.
Nach dem Abebben der ersten Corona-Welle im Sommer begann die prognostizierte zweite Welle mit Beginn der kalten Jahreszeit. Jetzt, als diese Zeilen entstehen, wurde der zweite Lockdown in Angriff genommen, nachdem die Fallzahlen (Infektionen/Todesfälle) neue „Rekorde" erreicht hatten. Schon früh hatten die Karnevalshochburgen alle herkömmlichen Veranstaltungen der Session 2020/21 abgesagt und über alternative Formen des Karnevalstreibens nachgedacht. So fiel die „5. Jahreszeit" praktisch dem Virus zum Opfer.
Wer nun glaubt, die Absage von Karnevalsaktivitäten sei ein aktuelles und einmaliges Ereignis, der irrt. Eine Archivalie vom 23. Februar 1691 verrät, dass alle Fastnachtsfeierlichkeiten in der Grafschaft Gerolstein komplett abgesagt werden mussten, angeordnet vom Grafen Karl Ferdinand persönlich. So mancher Leser mag sich nun wundern, dass Karnevalsveranstaltungen schon damals zum Eifeler Kulturgut gehörten.
Bereits von 1220 finden sich schriftliche Quellen, die darüber berichten, dass sich am Vortag des Beginns der österlichen Fastenzeit in Köln ein „ausschweifendes Treiben" abspielte. Man speiste und trank ausgiebig, veranstaltete Verkleidungsspiele und organisierte Umzüge. Erst später erfand man weitere Karnevalevents wie der Auftakt der 5. Jahreszeit (11. November), den Weiberdonnerstag oder den Rosenmontagszug. *1
Kommen wir zurück zur gräflichen Verordnung von 1691. Der Gerolsteiner Graf Karl Ferdinand (reg. 1671-1697) verhängt über seine gesamte Grafschaft einen karnevalistischen Lockdown. Wegen der „gegenwärtigen so betrübt als [auch] bedrängten Zeithen"werden die sonst üblichen „Fastnachtsspiel-Mas-ceraden", öffentliche Tänze und spätnächtliche Versammlungen untersagt, wodurch der „erzürnte, gerechte Gott und Herr noch ferners beleidiget und erzürnt werden könne". Sollten Zuwiderhandlungen geschehen, drohten empfindliche Geldstrafen. Diesen hochgräflichen Befehl hatten die Pfarrer von den Kanzeln zu publizieren, auf dass sich alle Untertanen daran halten.
Graf Karl Ferdinand lässt uns bei der Begründung seines Schrittes, das Karnevalstreiben zu verbieten, im Unklaren. Was steckt hinter der Formulierung „betrübte und bedrängte Zeithen"?
Offenbar hat nach damaliger Denkart der „liebe, erzürnte, gerechte Gott" den Menschen diese „schlechte Zeiten" als Strafe für ihre Sünden geschickt. Nun ist der strafende Gott ein immer wieder auftretendes Phänomen, welches bei der Erklärung von Notzeiten von der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaft herangezogen wurde. Die sündigen Menschen sollten durch gottgesandte Strafen zur Umkehr gezwungen werden. Seuchen (wie die Pest) und Wetteranomalien (wie z.B. Stürme, Hagelschlag, Dürren) und in ihrem Gefolge Hungersnöte gehörten zur Palette des göttlichen Strafgerichtes. Auch vereinzelt auftretende Erdbeben gehörten dazu. Endeten die Misslichkeiten nach Askese, Gebeten, Bußgängen, Wallfahrten und weiteren religiösen Aktionen, war der ansonsten gütige Gott besänftigt. Doch die „betrüblichen Zeiten" im obigen Fall hatten eine konkrete Ursache: Kriegsereignisse.
Nach dem Abebben der vielen Kriegshandlungen im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) folgten auch in unserem Raum Nachfolgekriege, hauptsächlich verursacht durch den Expansionsdrang des französischen Königs Ludwigs XIV. (Sonnenkönig). Seine Kriegsaktionen wurden als „Raubkriege" bezeichnet, da der „Sonnenkönig" die Schwäche des nur noch auf dem Papier existierenden Deutschen Reiches ausnutzte, um selbst Kapital in Form von Annexionen daraus zu schlagen.
Vor allem die Grafschaft Manderscheid-Gerolstein und mit ihr das Gerolsteiner Schloss („Löwenburg") erlebten eine Reihe kriegerischer Aktionen. Aber auch Unglücksfälle und ein unaufgeklärter Todesfall belasteten die Herrschaft der Gerolsteiner Grafen. Am 29. April 1665 verheerte ein Brand große Teile der „Löwenburg". Fünf Jahre später suchte ein heftiges Gewitter das Gerolsteiner Land heim und setzte durch einen Blitzstrahl das in einem Burgturm lagernde Schießpulver in Brand. Die nachfolgende Explosion vernichtete große Areale des Bauwerks. Durch das Feuerinferno gingen auch wichtige Archivalien und andere Dokumente unwiederbringlich verloren.
Peter Horsch, Gerolsteiner Heimatkundler, beschreibt den Zustand der Dörfer in der Grafschaft Gerolstein folgendermaßen: „Seit Beginn des 30jährigen Krieges war die Eifeler Bevölkerung kaum noch zur Ruhe gekommen. Eine Anzahl von Eifelburgen waren schon der Zerstörung anheimgefallen. Auch die Grafschaft Gerolstein war derart zerstört, dass kaum noch ein unbeschädigtes Haus stand. Ein geregeltes Leben gab es nicht mehr. Um die Notlage der Untertanen zu erleichtern, bemühte sich der Graf beim Kaiser um Gewährung eines Schutzbriefes," *2 den er auch erhielt.
Nur eine Neutralität, so die Meinung des Grafen, konnte die weitere Existenz des Gerolsteiner Schlosses erhalten. Zu allem Unglück kam 1688 der langjährige Schlosskommandant Franz Simon Moll auf bisher ungeklärte Weise ums Leben. *3 Der etwa zeitgleich ausgebrochene „3. Raubkrieg" (1688-1697) war wohl maßgeblich für das Herunterfahren des Karnevalstreibens verantwortlich.
Im Jahre 1689 verließen etwa 200 Brandenburger Dragoner nach mehrwöchiger Besatzung das Gerolsteiner Grafendomizil. Dieses Vakuum versuchten französische Soldaten zu nutzen und verlangten unter Führung ihres Generals Bouffiers, die Festungswerke des Schlosses zu schleifen. Innerhalb nur einer Woche erledigte man dieses Vorhaben. Nun war die Schlossanlage trotz einer 19 Mann starken Verteidigungsmannschaft schutzlos französischen Angriffen ausgeliefert.
1690 nutzte man eine relativ ruhige Zeit, um die Befestigungsanlage wieder herzurichten. Doch die Ruhe währte nicht lange. Peter Horsch beschreibt die Zerstörung des Schlosses:
„Am 6. Juli 1691 sollte aber die endgültige Zerstörung der Burg und der Residenz erfolgen. General Bouffiers ließ durch einen schnellen Handstreich das Schloss überrumpeln und mit 180 Mann Soldaten unter einem Hauptmann besetzen [...]. Erfolglos suchte der Graf durch Verhandlungen den Abzug der Truppen zu erreichen. Am 3. August 1691 kam Obrist Graf von Vehlens mit 2 000 bis 3 000 Mann Reichstruppen und quartierte sich in Gerolstein ein. Am 4. August belagerte er die Burg und machte Versuche, diese einzunehmen. Am 5. August kam die Hauptmacht unter General von Eltern mit Jülicher Truppen. Da der französische Kommandant sich weigerte, die Burg zu übergeben, ließ er noch am gleichen Tag vom Heidkopf aus mit Bomben und Feuerkugeln Schloss und Stadt in einen Trümmerhaufen verwandeln [...]. *4
Ein halbes Jahr nach dem verhängten Lock-down erfolgte also letztlich doch die Eroberung und Zerstörung der gräflichen Residenz. Auch andere Regionen des heutigen Vulkanei-felkreises wurden in jenen Jahren von Kriegsaktivitäten stark in Mitleidenschaft gezogen. Die Niedereher Klosterchronik berichtet von jenen Jahren 1689/90:
„[1689] brannten die Franzosen die Burg und den Ort Kerpen völlig nieder. Nur 19 Häuser blieben stehen. Bald [am 3. September] kehrten sie zurück und steckten die restlichen Häuser [.] an. Dabei blieben nur vier Häuser übrig. Die bedauernswerten Bewohner flohen nach allen Seiten und in alle Richtungen. Im selben Jahr, am 5. September, erschien in Kerpen ein Heer, das aus Holländern und Brandenburgern bestand. Es waren etwa 28.000 Soldaten. Durch unseren Schutzbrief blieb dem Kloster und dem Dorf Niederehe die Ausplünderung und weitere Brandschatzung erspart. Für Wein, Bier, Brot, Fleischwaren und Bargeld musste der Prior 30 Reichstaler aufwenden. [1690]: Im selben Jahr sah sich der Prior gezwungen, 60 Reichstaler zu leihen und zu bezahlen, um sechs Pferde und einen Lastwagen mit Wein, der weggenommen worden war, wiederzubekommen. Am 31. August plünderte Militär aus Jülich das Dorf Niederehe völlig aus, unser Kloster musste für einen Schutzbrief zweimal drei Reichstaler bezahlen. [1691]: Im September und Oktober des Jahres 1691 hielt sich das Jüliche Militär [...] hier in Gerolstein und Lommersdorf auf und richtete alles zugrunde. Den armen Leuten in den Dörfern blieb keine einzige Garbe Getreide. Unser Kloster hingegen blieb ohne Schäden. Im Jahre 1692 hielt sich ein französisches Heer hier in Kerpen und Hillesheim auf. In der ganzen Region und in allen Dörfern raubten die Soldaten alle Winterfrüchte, den Weizen und den Spelt, sodass außer dem Hafer, der noch nicht reif war, den Leuten nichts blieb. Hingegen konnte der Prior alle Futtermittel des Klosters und des Dorfes Niederehe mit Hilfe des Schutzbriefes retten. Dafür musste er allerdings täglich 5 Reichstaler und Wein, Bier usw. in großen Mengen liefern." Nebenbei sei noch erwähnt, dass am 17. September 1692 zwei starke Erdbeben den Eifelraum erschütterten. Ein weiteres Beben folgte am 20. September 1692.
Insgesamt 21 Pestepidemien hatten jahrhundertelang die Eifelbevölkerung bedroht und horrende Todesopfer gefordert. *5 War für den Karneval-Lockdown 1691 neben den Kriegsereignissen auch eine Pestepidemie verantwortlich? Während es sich bei Covid-19 um ein neuartiges Corona-Virus handelt, ist für eine Pestinfektion ein Bakterium der Auslöser. Unzweifelhaft bedrohen Bakterien und insbesondere Viren unser gewohntes Leben. Wissenschaftler befürchten ein Fortschreiten von Viruspandemien durch das immer weitere Vordringen und Eingreifen des Menschen in bisher unberührte Naturräume. Die Initialzündung der todbringenden Pest-pandemien für den europäischen Kontinent war der Transfer des Pestbakteriums vom Schwarzmeergebiet auf genuesischen und venezianischen Handelsschiffen im Jahre 1347. *6 In Wellen erfasste der „Schwarze Tod" *7 immer wieder die Eifel. Gegen die unbekannte Erkrankung war „kein Kraut gewachsen". Nur eine Isolation vermochte eine Wirkung zu erzielen. Hohe Todesfälle entvölkerten ganze Landstriche; Wüstungen *8 entstanden. Als Krankheitsüberträger fungierten - wie bei Covid-19 -Tiere *9.
Um die Pestepidemien, deren Ursache erst Ende des 19. Jahrhunderts geklärt wurde, zu bekämpfen, zog man unter anderem in größter Hilflosigkeit und Not das Anflehen der Gottesmutter, der 14 Nothelfer und spezieller Heiliger *10 ins Kalkül.
Eine Kirchenordnung verzeichnet Folgendes:
„[...] sobald man die betrübte Nachricht erhalten [hat], dass in der Nachbarschaft oder gar in unseren Landen die pestientzalische Säuche eingerissen und einige Personen davon ergriffen seyen, sollten unsere Geistliche daher Anlass nehmen, ihren Pfarrkindern solch Exempel des göttlichen Zorns über die Sünde beweglich *11 vorzustellen, dabey aber auch zeigen, wie die Buße das alleinige Mittel sey, dadurch [...] die Linderung solcher Plage von Gott möge erlanget werden." *12
Noch 1681, als die Pest in unserem Raum den „Rückzug" begonnen hatte, verfügte der Trierer Erzbischof Johann Hugo: „Bei den am Firmamente des Himmels sich her-vorthuenden schröcklichen Zeichen, welche als Vorboten der Wirkungen des göttlichen Zorns über die Sünden der Menschen um so mehr anzusehen sind, als bereits viele andre Länder mit pestilenzialischer Seuche und anderen Plagen heimgesucht werden, sollen in allen Städten, Flecken und Dörfern an allen Sonn- und Feiertagen und auch an allen Mittwochen, die Pfarrer und Seelsorger einen feierlichen Gottesdienst — mittelst Aussetzung des höchstwürdigsten Sakramentes des Altares, Haltung des Amtes der heil. Messe, Ermahnung des Volkes, zu aufrichtiger Bußfertigkeit, und mittelst öffentlicher inbrünstiger Vortragung beigefügter Gebete und bezeichneter Litaneyen — veranstalten, um zu erflehen, so wie durch Bereuung der Sünden und wirkliche Lebensbesserung die göttliche Gnade zu erringen." *13 Das vom Gerolsteiner Grafen verordnete Verbot des Karnevalstreibens hatte wohl keinen direkten Bezug zu einer vorausgegangenen Pestplage. Evident wird jedoch, dass die Motivation, einen solchen Lockdown zu verhängen, im klerikalen Umfeld jener Zeit zu suchen ist. Den Zorn Gottes zu besänftigen, war immer noch angesagt, lief aber in diesem speziellen Fall ins Leere. Wie bereits oben erwähnt, vermochte der Gerolsteiner Grafensitz der Zerstörung nicht zu entgehen und weitere kriegsbedingte Drangsal folgte.
Der Spuk des „Schwarzen Todes" endete nach einer Spur des Schreckens fast genauso schnell, wie er über eine verunsicherte Gesellschaft gekommen war. Nach 1720 sind in der Eifel keine Pestausbrüche mehr überliefert. Gut 170 Jahre später entdeckte der Schweizer Arzt Alexandre Yersin das Pestbakterium (Yersinia pestis). Doch eine Frage bleibt bis heute unbeantwortet: Warum traten europaweit nach 1720 keine Pestfälle mehr auf? Nach Meinung von Medizinalhistorikern ist diese Tatsache eines der größten Mysterien der Medizingeschichte.
Die Aufklärung hatte dazu beigetragen, dass religiöse Erklärungen für das Verschwinden von tödlichen Krankheiten kaum mehr herangezogen wurden. Zum Verschwinden der Pest existieren verschiedene Theorien, also keine endgültigen Beweise. Höhere Hygienestandards können praktisch ausgeschlossen werden, denn diese waren nicht höher als im 17. Jahrhundert. Wahrscheinlich kommen mehrere Umstände zusammen. Möglicherweise hat eine Mutation des Pesterregers stattgefunden. Interessant ist auch die Tatsache, dass die schwarze Hausratte als Überträgerin kaum noch in Erscheinung trat. Sicherlich fand über die Jahrhunderte eine flächendeckende Durchseuchung der Gesellschaft statt.
Mit Hilfe der Entdeckung des Penicillins (Antibiotikum) durch den Bakteriologen Alexander Fleming im Jahre 1928 hat die Pest weltweit ihre Gefährlichkeit eingebüßt. Heute hofft man durch die AHA+L-Re-gel und eine Impfung die gegenwärtige Covid-19-Pandemie so einzudämmen, dass Lockdowns der Vergangenheit angehören. Doch Meldungen im Dezember 2020 über eine Mutation des Covid-19-Virus ließen aufhorchen.