von Prof. Dr. Uli Klein, Grafschaft
Der Andromedanebel, eine ca. 2,5 Millionen Lichtjahre entfernte Galaxie.
Als Dr. Hans Schmidt am 17. Oktober 1949 mit einem kleinen Lastkraftwagen, beladen mit Instrumenten, Büchern und persönlichen Gebrauchsgegenständen von Bonn an der Altburg eintraf, wusste der damalige Assistent von Prof. Friedrich Becker noch nicht, welche Hindernisse überwunden werden mussten, bis auf dem gegenüber (auf der anderen Seite der sogenannten Maarstraße) gelegenen Hügel namens „Hoher List" einmal die Außensternwarte des Observatoriums der Universität Bonn errichtet sein würde. Die Lage der alten Bonner Sternwarte, 1845 von Friedrich Wilhelm August Argelander gegründet, ließ aufgrund der Entwicklung der Stadt Bonn nach dem Zweiten Weltkrieg und der damit verbundenen zunehmenden Lichtverschmutzung astronomische Beobachtungen nicht mehr zu, und so musste ein neuer Standort gefunden werden. Lag die Sternwarte in Poppelsdorf ursprünglich noch gut außerhalb vor den Toren Bonns, so war sie mittlerweile von der expandierenden Stadt ,verschluckt' worden. Die Wahl dieses neuen Standorts war eher zufällig aufgrund eines Gesprächs mit einem Botaniker, der als Assistent am Institut für Landwirtschaftliche Botanik in Bonn in dieser Region Pollenanalysen durchführte, zustande gekommen.
Bevor die nötigen Gelder beim Land beantragt werden konnten, mussten zunächst einmal umfangreiche Messungen der Wettersituation sowie astronomische Beobachtungen auf der Kuppe des Hohen List durchgeführt werden. Dazu hatte sich Hans Schmidt ganz bescheiden in der Altburg einquartiert, von wo aus er über viele Wochen täglich den Weg zu Fuß dorthin nahm. In einem einfachen Handkarren beförderte er die wichtigsten Beobachtungsinstrumente immer von der Altburg hinüber zum Hohen List. Auch die Reise zwischen Bonn und dem Hohen List nahm zu jener Zeit recht viel Zeit in Anspruch. Sie führte per Eisenbahn von Bonn nach Andernach, und von dort über Mayen nach Daun oder Schalkenmehren, je nach Fahrplan. Und von Schalkenmehren mussten dann Koffer, Aktentasche und andere Utensilien zur Altburg gebracht werden. Oftmals war auch ein 6 km langer Fußmarsch von Daun angesagt, wenn der Zug nicht am Bahnhof von Schalkenmehren hielt. Manchmal hatte der spätere Direktor und Lehrstuhlinhaber der Sternwarte auch Glück und wurde vom Landratsamt in Daun mit dem Dienstwagen zur Altburg gebracht.
Die Untersuchungen der Sichtbedingungen am Hohen List betrafen einerseits die Witterungsverhältnisse (Bewölkung, Wind, Luftfeuchtigkeit, Temperatur), mit besonderem Augenmerk auf die jahreszeitliche Bildung von Nebelfeldern in den benachbarten Tälern und über den Maaren. In astronomischer Hinsicht war die Durchsichtigkeit der Atmosphäre und die Luftunruhe von großer Bedeutung. Ein Problem war dabei im herannahenden Winter, dass es keinen wirksamen Windschutz gab. Auch der Transport der Instrumententeile von der Altburg hinauf zum Hohen List bei Sturm und Schnee wurde schwierig. In dieser misslichen Lage bot der Gasthof Schmitz-Schneider in Schalkenmehren eine zerlegbare Wachhütte an, die die amerikanische Armee 1945 zurückgelassen hatte. Sie bot dem Beobachter zeitweiligen Schutz und in ihr konnten einige Geräte (bis auf die Optik) über Tage gelagert werden.
Im Juli 1950 lag dann Hans Schmidts Bericht zu den Sichtuntersuchungen vor. Für kurze Zeit gab es noch Bedenken seitens des Kulturministeriums Nordrhein-Westfalen, diese Einrichtung außerhalb der Landesgrenze zu errichten. Im November 1950 setzten sich die Kultusministerien der Länder Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz miteinander in Verbindung, um das Projekt zu besprechen. Es setzte sich dann vor allem Frau Staatssekretär Dr. Gantenberg in Mainz für diese Pläne ein und machte das Angebot, für den nötigen Grunderwerb, den Straßenbau und die Wasser- und Stromversorgung am Hohen List einen Betrag von 30000 DM zur Verfügung zu stellen. Ein Gespräch zwischen Friedrich Becker, dem Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz Altmeier und Frau Gantenberg am 25. Februar, sowie eine Ortsbesichtigung am folgenden Tage schlossen diese Übereinkunft ab. Der Bau eines Observatoriums auf dem Hohen List war zunächst gesichert.
Dr. Hans Schmidt (links); 1953 (Bildarchiv Schmidt)
In der zweiten Julihälfte 1951 gab es dann noch eine unliebsame Überraschung: eine Nachricht besagte, dass am Hohen List in großem Umfang Lavasand abgebaut werde. Man war dabei, in Tag- und Nachtarbeit den West- und Südwesthang des Hohen List an der Maarstraße abzubaggern (von der Maarstraße aus sichtbar). Unter dem Einsatz von nicht weniger als 86 Lastzügen wurde der Lavasand zu einem in Bau befindlichen Flugplatz gebracht und dort für die Errichtung der Rollbahnen verwendet. Was folgte, war ein mehrmonatiger Schriftverkehr unter Einschaltung der beiden Landesregierungen sowie der Bezirksregierung in Trier. Ende September 1951 teilte dann Ministerialrat Quehl unerwartet mit, dass der Regierungspräsident in Trier um die Erhaltung des Hohen List bemüht sei. Am 2. Oktober 1951 erhielt dann Prof. Friedrich Becker die Nachricht des Landrats in Daun, dass das abschließende Gerichtsurteil positiv ausgefallen und der Hohe List unter Schutz gestellt sei. Natur- und Landschaftsschutz hatten vor Gericht obsiegt, und dem Bau des Observatoriums stand nun nichts mehr im Wege! Vor den Astronomen lagen allerdings noch viele Hindernisse und Verhandlungen, insbesondere was die Wasser- und Stromversorgung anbelangte. Hans Schmidt und Friedrich Becker mussten ihr ganzes diplomatisches Geschick einbringen, auch beim Erwerb weiterer Grundstücke (im Jahre 1964 erfolgte eine Erweiterung des Observatoriums).
Blick von der Altburg auf den Hohen List; 1950 (Bildarchiv Christoph Schmidt)
Nachdem die Bauleitung dem Architekten H. Zschäbitz vom Staatshochbauamt übertragen worden war, wurde der Bauunternehmer A. Deblon aus Daun mit der Ausführung beauftragt. Für ein Bauunternehmen war solch ein ungewöhnliches Bauwerk mit seinen runden Kuppeln und den dazwischen liegenden Wohn- und Arbeitsbereichen eine Herausforderung, wobei auch ständig kleinere Änderungen oder Korrekturen erforderlich waren. Im Rahmen einer Besichtigung der Sternwarte auf dem Schauinsland bei Freiburg wurde Hans Schmidt auf die Firma J. Heringer in Rosenheim aufmerksam, die dort die Kuppeln errichtet hatte. Friedrich Becker fand dann heraus, dass es diese Firma noch gab — ein glücklicher Umstand! Übrigens besuchte einer der Söhne des Kuppelerbauers, Dr. Josef Heringer, die Astronomische Vereinigung Vulkaneifel e.V. im Frühjahr 2019 mit seiner Frau im Rahmen einer Rundreise durch Deutschland. Dabei konnte er viel Interessantes über seinen Vater erzählen, der ursprünglich Wagenbauer war und (als Experte für gekrümmte Hölzer) auch Ski herstellte. Heutzutage kann man dessen Werkstatt in Rosenheim als kleines Museum besichtigen.
Im Jahre 1954 konnten dann erste astronomischen Arbeiten am Observatorium Hoher List durchgeführt werden. Im Jahre 1964 wurde die Sternwarte erweitert, wobei das Cassegrain-Nasmyth-Teleskop mit einem Spiegeldurchmesser von 106 cm installiert wurde. Das Observatorium ermöglichte so als Außenstelle der Sternwarte Bonn (später: Abteilung Sternwarte des Argelander-In-stituts für Astronomie der Universität Bonn) zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten im Bereich der Astrometrie und Photometrie in unserer Milchstraße, wobei auch eine ganze Reihe von Diplomarbeiten und Dissertationen am Lehrstuhl von Prof. Hans Schmidt (im Jahre 1966 wurde er zum ordentlichen Professor ernannt) an der Universität Bonn und anderswo entstanden.
Eine nette Begebenheit bleibt dem Autor dieses Aufsatzes in sehr schöner Erinnerung. Er fuhr im Spätsommer 1972 nach Bonn, um sich zum Studium der Astronomie einzuschreiben und eine Studentenbude zu suchen. Vom Bonner Bahnhof ging es schnurstracks zum Astronomischen Institut, welches damals noch in der alten Sternwarte in Poppelsdorf angesiedelt war. Ehrfürchtig hatte er den schönen, holzverkleideten Hörsaal betreten, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter verspürte und eine Stimme vernahm, die ihn von hinten ansprach: „Na junger Mann, wie kann ich Ihnen denn helfen?". Prof. Hans Schmidt stand hinter ihm und sagte ihm dann, dass er zunächst einmal das Studium der Physik starten müsse; nach zwei Semestern könne er dann in das Nebenfach Astronomie einsteigen. Als es dann 1973 so weit war, war das Astronomische Institut inzwischen in einen profanen Betonneubau nach Endenich umgezogen. Wie schade für den jungen Studiosus!
Kuppelbau am Hohen List; 1953 (Bildarchiv Christoph Schmidt)
Im Laufe der Zeit verlor das Observatorium auf dem Hohen List, wie so viele andere kleinen Observatorien auch, seine einstige wissenschaftliche Bedeutung; denn vor allem durch die Europäische Südsternwarte (ESO) wurden ab Ende der 1960er Jahre große Observatorien in den chilenischen Anden auf La Silla und später auf dem Paranal errichtet, wo es hervorragende Wetterbedingungen gibt. Die Instrumente auf dem Hohen List waren nicht mehr konkurrenzfähig, und so beschloss das Argelan-der-Institut für Astronomie, den Betrieb am Hohen List einzustellen; die Universität Bonn schloss die Sternwarte zum Juli 2012, die wissenschaftlichen Geräte inklusive der Teleskope sollten daraufhin verkauft werden. Im September 2013 wurde die gesamte Anlage des Observatoriums durch die Landesdenkmalpflege Rheinland-Pfalz allerdings unter Denkmalschutz gestellt und so die Demontage verhindert. Einen Monat früher benannte sich der ehemalige Förderverein des Observatoriums Hoher List in die Astronomische Vereinigung Vulkaneifel am Hohen List e.V. (AVV) um. Die AVV nutzt seitdem das Observatorium für eine rege Öffentlichkeitsarbeit in Form regelmäßiger Führungen, Vorträge und astronomischen Beobachtungsveranstaltungen.
Die regelmäßigen Veranstaltungen bestehen in Führungen in Verbindung mit einem Vortrag zur Thematik der Astronomie vom 1. April bis 31. Oktober jeweils samstags um 15:00 Uhr, Vereinstreffen mit Diskussionen und Beobachtungen jeweils dienstags ab 19:00 Uhr sowie bei entsprechendem Wetter von Ende November bis Ende März jede Woche samstags ab 20:00 Uhr Beobachtungen mit den Teleskopen des Observatoriums Hoher List. An jedem dritten Mittwoch des Monats von Februar bis November finden um 19:00 Uhr Vorträge zu diversen astronomischen Themen statt, gehalten von erfahrenen Amateurastronomen und Dozenten der Astronomie, mit anschließenden Beobachtungen bei gutem Wetter.
Drohnenaufnahme des Observatoriums Hoher List.
Anfang Februar 2020 wurde die Liegenschaft samt Inventar an Dr. Bruno Nelles verkauft, am 25. Februar wurde sie an den neuen Eigentümer übergeben. Er hatte seinerzeit im Rahmen seiner Diplomarbeit und Promotion am Observatorium Hoher List wissenschaftlich gearbeitet. Seit dem Kauf hat sich nun die Palette der Beobachtungsmöglichkeiten erheblich erweitert, da die AVV nun in Kooperation mit Dr. Nelles auch wieder Zugang zu den anderen Kuppeln und Instrumenten des Observatoriums hat. Der Hingucker schlechthin ist auf jeden Fall das älteste Instrument, der Doppelrefraktor, Baujahr 1889. Auch ein Blick in die Webseiten der AVV (http://www.hoher-list. de) lohnt sich, denen man das Veranstaltungsprogramm entnehmen kann und wo man darüber hinaus weitergehende Informationen über das Forum erhält (http:// avvamhl.xobor.de); hier ist insbesondere die Bildergalerie kurzweilig und sehenswert.
Natürlich bedürfen die Teleskope am Hohen List auch der Pflege und Wartung. Eine größere Aktion war die Neuverspiegelung des 1-m-Spiegels im Zeitraum Mai und Juni 2020. Der Spiegel war über die Jahre ein wenig ,erblindet' und war vielleicht gerade noch ,für eine Rasur tauglich', nicht jedoch für astronomische Beobachtungen. Und so wurde er in einer wirklich großen Aktion aus dem Teleskop montiert, aus der Kuppel geholt und an die Sternwarte Hamburg Bergedorf transportiert, wo die neue Verspiegelung vorgenommen wurde. Das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen. Der Spiegel hat wieder seine volle Reflektivität erhalten, und so wird es den Besuchern nun wieder möglich sein, Himmelsobjekte mit den eigenen Augen durch das Riesenteleskop zu betrachten.
Das 1-m-Teleskop; 2019.
Und so steht den Astronomen der AVV und vor allem den interessierten Besuchern eine kleine Armada hochwertiger astronomischer Beobachtungsinstrumente zur Verfügung. Mit dem 1-m-Teleskop können auch sehr lichtschwache Objekte (zum Beispiel Galaxien, Kugelsternhaufen, planetarische Nebel, Emissions- und Reflexionsnebel) gesehen werden. Angeflanscht am 1-m-Teleskop sind zwei große Refraktoren, mit denen man sehr detailreich Planeten (Jupiter, Saturn, Mars, Venus) und den Mond beobachten kann. Dies geht ebenso mit einem kleineren Außenteleskop unterhalb der großen Kuppel des 1-m-Spiegels. Abschließend sei gesagt, dass die Mitglieder der AVV, so wie viele andere auch, ein Ende der Corona-Pandemie herbeisehnen, damit am Observatorium Hoher List wieder das volle Programm gefahren werden kann, wozu auch die Fachvorträge an jedem Mittwoch im Monat gehören, zu denen auch regelmäßig Dozenten verschiedener deutscher Universitäten eingeladen werden. Gegenüber städtischen Volkssternwarten hat das Observatorium hoher List den Nachteil, dass es nicht einfach mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen ist. Aber der Besucherstrom außerhalb der Corona Pandemie zeigt, dass sowohl Einheimische als auch Touristen sehr an dieser Einrichtung und den dort durchgeführten Veranstaltungen interessiert sind. Und manch ein Wanderer auf dem Eifelsteig, der ja ganz nah am Observatoriumsgelände vorbei verläuft, sieht die Hinweisschilder und biegt ab, um der AVV einen Besuch abzustatten. Das rundet dann den Erholungs- und Bildungsurlaub ab: unter den Füßen die Geologie und über den Köpfen die Astronomie!