Das rätselhafte Gringbötschel von der Bertradaburg

von Ernst Becker, Mürlenbach

Das von der Bevölkerung so genannte „Gringbötschel" ist ein 116 cm breites und 81 cm hohes Steinbildnis, das in das Mauerwerk der Torburg über der Torfahrt der Bertradaburg in Mürlenbach eingemauert ist. Es ist ein in roten Sandstein gemeißeltes Relief mit mysteriösen Darstellungen. Dieses seltsame Steinbild gibt viele Rätsel bezüglich seiner Herkunft und Bedeutung auf, zu denen es keine eindeutigen Antworten gibt.

Das Relief stellt den Oberkörper eines kräftigen Mannes mit großen, drohend dreinbli-ckenden Augen dar. Zwei Fabelwesen sitzen links und rechts seiner kräftigen Oberarme. Zwischen den Händen des Furcht einflößenden Mannes ist eine 10 cm messende Öffnung, die zur Aufnahme eines Lichtträgers, beispielsweise einer Fackel, gedient haben könnte. Bei Dunkelheit hätte diese mit ihrem flackernden Licht jedenfalls das Gringbötschel umso gespenstischer aussehen lassen, zum Schrecken der damals ausgeprägt geisterfürchtigen, abergläubischen Menschen.

Die Literatur beschreibt die abgebildeten Fabelwesen unterschiedlich, mal als Hunde, Vogelgestalten oder Fledermäuse, überwiegend aber als die beiden Raben Hugin und Munin des germanischen Göttervaters Wodan. Bei näherem Hinsehen sind es zwei aus der Phantasie des Menschen geprägte Mischwesen, die sich aus Teilen von verschiedenen Tieren zusammensetzen.

Stellt das Gringbötschel also Wodan, den Hauptgott der germanischen Götterwelt mit seinen beiden Raben dar? Nach der Göttersage sitzen die Raben Hugin und Munin auf Wodans Schultern und sagen ihm alles ins Ohr, was sie sehen und hören. Bei Sonnenaufgang entsendet Wodan die Raben, um über die ganze Welt zu fliegen. Wenn sie zurückkehren, berichten sie Wodan alles, was sie gesehen und erfahren haben.

Im Jahre 1892 erschien in Herrigs Archiv eine archäologisch-philologische Studie von Adalbert Rudolf über den seltsamen Stein an der Bertradaburg, in der dieser zu dem Schlusse kommt, das Gring-bötsehel sei ein altheidnisehes Wodansbild und dass Mürlenbach eine ehrwürdige heidnische Götterstätte in der Eifel sei. „Zweifellos" sei dieses steinerne Relief beim Bau der christlichen Bertradaburg als Altertum mit eingemauert worden.

Worauf gründet Adalbert Rudolf diese feste Überzeugung, das Gringbötsehel stamme aus einer altgermanischen Götterstätte? Waren zur Bauzeit der Burg im Volk noch Reste heidnischer Mythologie verwurzelt? Es wäre allerdings nicht ungewöhnlich, wenn ein heidnisches Steinbild - als ein merkwürdiges, erhaltenswertes Altertum - an derart prädestinierter Stelle einer christlichen Burg eingemauert wurde! Denn es gibt auch eine Reihe von mittelalterlichen Kirchen mit heidnischen Wächterfiguren, die eine abwehrende Funktion haben und nicht in einem christlichen Zusammenhang stehen.

Erwerb der Burgruine Mürlenbach durch das preußische Königreich


Dr. Michael Losse, ein ausgewiesener Burgen- und Festungsforscher, nennt die Mürlenbacher Burg eine der architektonisch anspruchsvollsten ihrer Zeit in der Eifel. Diese stolze Burg - nach der Überlieferung auf den Fundamenten eines römischen Kastells erbaut, nach Bertrada der Älteren benannt und wahrscheinlicher Geburtsort Karls des Großen - war 1683 bereits in großen Teilen verfallen. Aber es sollte noch schlimmer kommen: 1794 wurde unser Gebiet von französischen Truppen besetzt und 1801 erhielt Frankreich im Frieden von Lu-neville die staatsrechtliche Anerkennung der besetzten linksrheinischen Gebiete, wobei Mürlenbach Teil der Französischen Republik wurde. Die im Besitz des Erzbischofs und Kurfürsten von Trier befindliche Burg war infolge der Säkularisation von den Franzosen als Nationaleigentum erklärt worden und wurde am 15. Germinal XII (5. April 1804) für 6.150 Fr. (das sind umgerechnet 1.640 Taler) versteigert. Nach der Versteigerung schlachteten die neuen, privaten Besitzer die Burg aus und entnahmen alles Verwertbare. Dann erlaubten sie der Bevölkerung, für 5 Silbergroschen einen Wagen voll des vorhandenen besten Steinmaterials zu entnehmen. Der preußische Staat hat um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Reihe von Baudenkmälern in der Rheinprovinz erworben, um sie zu erhalten und diese damit vor dem völligen Verfall gerettet. 1869 (oft irrtümlich mit 1889 angegeben) erwarb das Königreich Preußen auch die Ruinen eines Teiles der ehemals so festen, dann aber zunehmend verfallenden Bertradaburg. Damit gingen die historisch bedeutendsten Teile der Burg - im Wesentlichen die markante DoppelturmTorburg mit der angrenzenden Befestigungsmauer und dem Nordturm - in fiskalischen Besitz über.

Des Gringbötschels kulturgeschichtliche Bedeutung wird erkannt


1883 erregte ein Zeitungsartikel über das Gringbötschel das Interesse der höchsten Staatsstellen in Berlin. Das Preußische Innenministerium („Ministerium der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Ange-legenheiten") sowie die General-Verwaltung der Königlichen Museen wurden auf das einzigartige Relief aufmerksam. Die Königliche Regierung zu Trier erhielt den Auftrag „betreffend ein Steinbild in der Nähe des Dorfes Mürlenbach im Eifellande, das fragliche Steinbild baldmöglichst durch den Direktor des dortigen Provinzialmuseums prüfen und, falls das Relief sich als erheblich herausstellen sollte, den hiesigen Königlichen Museen einen Gipsabguss zukommen zu lassen."

Auch das größte kulturgeschichtliche Museum des deutschsprachigen Raumes, das Germanische Nationalmuseum zu Nürnberg, meldete sein Interesse an dem Steinbild an und schlug die Unterbringung des Gringbötschels im Museum vor.

Die Königliche Regierung beauftragte Dr. Felix Hettner, den Direktor des Trierer Provinzialmuseums, mit der Untersuchung und einer Beschreibung des Reliefbildes über dem Torbogen der Burgruine Mürlenbach und ersuchte, alsbald seine Ansicht über das Relief mitzuteilen.


Der Bericht des Dr. Hettner, betreffend die Besichtigung des Gringbötschels, vom 28. September 1883 lautet:


„Der Königlichen Regierung, Abteilung des Innern, beehre ich mich gehorsamst zu berichten, dass ich am 17. September das über dem ehemaligen Torweg der Burg in Mürlenbach befindliche Bildwerk mir angesehen habe.

Dasselbe ist ein Hochrelief aus rotem Sandstein von 1,20 m Breite und 0,80 m Höhe, seine Tiefe mag ca. 0,40 Meter betragen. Eine nackte männliche Figur ist im Brustbild dargestellt, über den Schultern sitzen zwei vogelartige, phantastische Gestalten. Ein Loch, welches sich zwischen den beiden Händen des Mannes befindet, ist neuen Ursprungs. Das Bild ist im Ganzen wohl erhalten und wenig verwittert; nur die unterste Partie des Gesichtes und ebenso einige Teile der Vögel, sind - und wie ich höre, erst in den letzten Jahren - abgestoßen worden.

Das Bild gehört keinesfalls der vorrömischen oder römischen Periode an, sondern ist frühestens im 10. Jahrhundert entstanden. Es gehört der romanischen Epoche an. Ich halte es nicht für unmöglich, dass das Relieferst gleichzeitig mit der jetzigen Burg entstanden ist. Von einer altheidnischen Darstellung des Wuotan (Anmerkung: Hauptgottheit der alten Germanen - auch „Wodan", „Wotan", „Odin"u. a. genannt), wie sie der Verfasser des Zeitungsausschnittes annimmt, kann also nicht die Rede sein. In wie weit sich aber in die Darstellungen des 9. - 13. Jahrhunderts noch altgermanisch-heidnische Götterbildungen hinübergeflüchtet haben, wage ich ohne Untersuchungen, die ich in Trier bei dem Mangel der nötigen Literatur nicht führen kann, nicht zu entscheiden. Die phantastische Umbildung der Vögel würde zum mindesten darauf hinweisen, dass die ehemalige Bedeutung der Darstellung zur Zeit der Herstellung des Reliefs abhanden gekommen war.

Unzweifelhaft gehört aber das Relief zu den merkwürdigsten mittelalterlichen Skulpturen unserer Gegend. Für seine Erhaltung muss unbedingt gesorgt werden; und da neuerdings in Folge der mehrfachen Nachfragen die Aufmerksamkeit des Dorfes auf dieses Bild gerichtet ist und dieses hierdurch besonderen Gefahren ausgesetzt ist, so habe ich mit Genehmigung des Herrn Regierungs- und Bau rats Seyjfarth, welcher mit mir das Bild besichtigte, Vorkehrung zur Herausnahme desselben und Untersuchung in dem Provinzialmuseum in Trier getroffen".


Ein Aktenvermerk vom 10. Oktober 1883 besagt, das Bild sei bereits in das Provinzialmuseum zu Trier gebracht worden. Dort hat es der aus Berlin angereiste Königliche Staatsminister Herr von Gohsler, Excellenz, „bei Hochdero Anwesenheit in Augenschein genommen".

Für die Verwaltung der Königlichen Museen in Berlin wurde ein Gipsabdruck gefertigt und ihr per Eisenbahn übersandt.


Die Kosten betrugen:


Für die Anfertigung des Gipsabgusses 48,00 M.
Für die Anfertigung der Kiste 10,02 M
Zusammen 58,02 M.

Das ins Museum verbannte Gringbötschel

Im Jahre 1883 wurde also das einmalige Gringbötschel, dieses rätselhafte Wahrzeichen, aus dem Mauerwerk der Torburg herausgebrochen und, um es vor dem Verfall zu bewahren, in das Provinzialmuseum zu Trier gebracht. Das merkwürdige Bildwerk wurde nach der - in der Wahrnehmung der Einwohnerschaft frevelhaften - Wegnahme in die Kellerräume des Landesmuseums verbannt.

Der Eifelfreund Johannes Reuter hat diesem Schicksal des Gringbötschels das folgende Gedicht gewidmet. Es erschien erstmals im Eifelvereinsblatt 8.1907 (7) S. 88-89 (Der Text variiert in späteren Veröffentlichungen):


Gringbötschel

In Mürlenbach auf der Bertradaburg,

Da starren uralte Türme;

Geraumer denn tausend Jahre hindurch

Bestehen Sie Wetter und Stürme.


Geborsten sind sie, von Alter ergraut,

Durchwurzelt von Birke und Esche,

Und über dem Tore, aus Quadern erbaut,

Da klafft eine heilige Bresche.


Das war des Heidentums letzter Hort;

Ein hehres Mal sonder Zweifel,

Wo Wodans Bildnis am festen Ort

Erhalten blieb für die Eifel.


Nun kamen die losen Herren von Trier,

Erbrachen die heilige Klause,

Sie schafften des Gringbötschels würdige Zier,

Ins Dämmerverlies nach Hause.


So kauert Wode im Schummerlicht,

Vergeblich harrend auf Gaben,

Ob auch ihm fehlen die Boten nicht,

So Hugin wie Munin, die Raben.


Doch wenn im Winter der Forst erkracht,

Im Kyllwald brausen die Eichen,

Da sieht man in dunkeler Weihenacht

Zwei Raben um Mürlenbach streichen.


Und in der Bresche am Quadertor

Ist Gringbötschel wieder zu schauen;

Es schweben die Manen der Alten davor

Und opfern im düsteren Grauen.


Der Wald erkracht im Sturmgebraus,

Es seufzen die frostigen Tannen,

Der Gau ist erfüllt mit Wintergraus:

Das Wodesheer zieht von dannen.


Und kaum verkündet das Dämmerlicht

Die Wende der nächtlichen Stunden,

So findet man Wodans Bildnis nicht,

Und Gringbötschel ist verschwunden.


Der Kyllwald klagt stille im Winterkleid,

Es starren die Buchen und Eichen;

Die heilige Bresche klafft öde und weit,

Der Neuzeit nüchternes Zeichen.


Zu Trier, ins Schummergewölbe gebannt,

Ist Gringbötschel festgemauert,

Verzerrt das Antlitz, von allen verkannt,

Gedrückt, zusammengekauert.


Das Gringbötschel kehrt zurück -Ende gut, alles gut?

Der vormalige Besitzer des privaten Teils der Bertradaburg, Prof. Dr. Tiepelmann, bemühte sich jahrelang um die Rückkehr des Gringbötschels. Als der Musikverein „Bertrada" 1987 das von ihm begründete traditionelle Burgfest feierte, wurde eine Unterschriftenliste ausgelegt, in der überwältigend viele Besucher das Anliegen unterstützten. Erst danach fand das Begehren Gehör und wurde die behördliche Zusage erreicht, einen Abguss des Steinreliefs zu fertigen. Dessen Ankunft feierte die Dorfgemeinschaft, musikalisch umrahmt durch den Musikverein, am Ostersonntag 1989. Die dem Original getreue Kopie des Mürlenbacher Gringbötschels wurde danach an dessen seit Jahrhunderten angestammten Platz über der Torfahrt eingefügt und gilt seither als Wahrzeichen der Bertradaburg.