von Martha Thewes, Birresborn
Als ich etwa 9 oder 10 Jahr alt war, ungefähr im Jahr 1950, hieß es mittags gegen zwei Uhr zuhause: Du musst mit den Kühen rausfahren! Fahren war gut! Womit denn? Natürlich musste ich zu Fuß gehen. Bis zur Wiese dauerte es eine Weile. Darum war es sinnvoll, dass ich bei ihnen blieb, um die Strecke nicht doppelt laufen zu müssen.
Ich „fuhr" also mit unseren zwei Kühen ca. 2 km das Dorf raus auf den Schattenberg. Mutter gab mir eine alte Jacke mit, der mir bei Regen Schutz bieten sollte. In der Jackentasche war ein Butterbrot mit unserer selbstgemachten Butter beschmiert und mit Zucker betreut. Die Zuckerschmier war eingewickelt in Zeitungspapier. Das war meine Wegzehrung. Begleitet wurde ich von meiner Cousine. Auch sie musste mit ihren Kühen „rausfahren". Also „fuhren" wir zusammen.
Brav gingen die Kühe den ihnen bekannten Weg, wir hinterher. Wir durchquerten den Bach, wo das Vieh sich erst mal satt trank. Dann ging es bergauf, immer Richtung Wiese. Oben angekommen verteilten sich die Kühe auf der großen Wiese, die provisorisch eingezäunt war.
An einer Stelle grenzte ein Kartoffel- oder Rübenfeld. Da konnte es schon mal passieren, dass die Kühe dort naschen wollten. Später wurde gestritten und sich gegenseitig beschuldigt, wessen Kühe da verbotenerweise gefressen hatten. Doch ich bin mir ganz sicher: Unsere zwei Kühe waren es auf keinen Fall!
Wir Mädchen setzten uns etwas höher in Waldnähe auf die alte Jacke. Manchmal sammelten wir Moos und legten es darunter. Oder wir bauten uns aus Reisig ein Häuschen. Irgendwie wussten wir uns immer zu beschäftigen während die Kühe weideten. Wenn wir im Sommer so herumtobten, legten wir schon mal unsere Schürzen ab, weil es uns zu heiß war. Eine Kuh jedoch war ein „Lumpenfresser". So haben wir einmal zu spät gemerkt, dass meine Schürze der Kuh zum Opfer fiel. Es hing nur noch der Bändel aus ihrem Maul. Meine schöne selbstgemachte Schürze!
Manchmal nahmen wir auch unsere Lesebücher mit, um für die Schule zu lernen. Die Bücher waren eine Leihgabe der Schule. Wieder einmal lag das neue Lesebuch auf der Wiese als wir spielten und gerade noch rechtzeitig bemerkten wir, dass der Lumpenfresser sich darüber her machte. Mir graute schon vor dem Schimpfen der Mutter und dem Ärger in der Schule und mir war bange, nach Hause zu gehen. Zum Glück ließ die Kuh das Buch sofort fallen, als wir näher kamen und es war nur etwas zerknüllt.
Auf der Wiese über uns hütete mein Vetter die Kühe und wir Mädchen spielten schon mal zusammen mit ihm. Seine Lieblingsbeschäftigung bestand darin, Kaninchen oder junge Hasen zu fangen, die er dann mit nach Hause nahm.
Dann wurde uns zuhause gesagt: Wenn das Postauto den Büscheicher Berg runterkommt, könnt ihr euch wieder auf den Rückweg machen. Oft schauten wir sehnsüchtig auf den Berg, ob das Auto nicht endlich käme, weil wir gern nach Hause wollten. Wir hatten ja keine Uhr. Das Postauto war dann für uns das Zeichen, den Heimweg anzutreten. Der Postbus kam auch jeden Morgen und brachte die Post. Wer etwas in Gerolstein zu besorgen hatte, konnte sich damit transportieren lassen. Er war oft das einzige Transportmittel, sonst gab es kein Auto im Dorf. Dann kam er später gegen 15 Uhr nochmal und um 18 Uhr fuhr der gelbe Postbus von Gerolstein nach Manderscheid und brachte die Arbeiter von Gerolstein mit zurück. Wenn wir ihn also dann gegen Abend von Büscheich herkommen sahen, konnten wir die Kühe wieder zurück ins Dorf in den Stall treiben.
Sie kannten ihren Weg und trabten artig nach Michelbach zurück. Am Bach blieben sie wieder stehen und tranken sich zum letzten Mal satt. Doch erst musste sich einer von uns vergewissern, ob der Bach frei war, denn es waren ja mehrere Kuhhirten mit ihren Herden auf dem Heimweg. Und da die Kühe sich an dieser Stelle gerne die Hörner wetzten und sich dabei verletzen konnten, war diese Absicherung nötig.
Im Stall angekommen wusste jede Kuh, wo sie sich hinzustellen hatte. Es waren also keine „dummen Kühe"!