von Peter Scheid, Bodenbach
Mein Name ist Mc Cormick 423 ich bin ein Ackerschlepper und ich lebe seit 52 Jahren in der Eifel. Eigentlich bin ich ein gebürtiger Städter, einer mit Migrationshintergrund, wenn man so will, doch ich fühle mich sehr wohl in der Eifel und möchte auch nie mehr weg von hier.
Das Licht der Welt erblickte ich im April des Jahres 1969 in Neuss am Rhein. In den Fabrikationshallen der Firma International Harvester Company wurde ich aus unzähligen Einzelteilen sehr sorgfältig zusammengeschraubt. Unter der Fabriknummer 1012909 bekam ich meine Identität zusammen mit 27802 weiteren baugleichen Traktoren. Also habe ich, wenn man so will, eine stattliche Zahl an Brüdern. Auf einem Prüfstand wurde ich noch einmal auf Herz und Nieren überprüft, bevor mich der Prüfingenieur mit einer Abnahmebescheinigung versehen auf dem Lagerplatz am Rheinufer abstellte. Doch hier brauchte ich nicht lange zu warten. Schon nach wenigen Tagen wurde ich auf einen Lkw verladen. Ich war sehr gespannt, wohin die Reise wohl gehen sollte. Nach ca. 2,5-stündiger Fahrt kam ich in einem Städtchen in der Eifel namens Hillesheim an. Bei dem Vertragshändler für IHC - wie man meinen langen Namen gern abkürzt - war erst mal Endstation. Ein Landwirt aus Schwirzheim, wo immer das liegen mochte, hegte recht bald reges Interesse an mir, welches er bekundete, indem er mich von allen Seiten musterte und prüfend an mir herumwerkelte. Der Händler hatte sogleich einen Verkäufer zu mir und meinem vermeintlich neuen Besitzer geschickt, der seinerseits keine Sekunde ausließ, mich in höchsten Tönen zu loben und mich als Meisterwerk der Traktorbaukunst darzustellen, was allerdings auch stimmte. War es nun der Überzeugungskunst des Verkäufers zu verdanken oder war es mein Preis von nur 9.800 DM oder gar einzig und allein meine geballte Kraft und Schönheit, wie auch immer, ich hatte einen stolzen Besitzer in Schwirzheim im Kreis Prüm gefunden.
Als ich in Schwirzheim ankam, lief das halbe Dorf zusammen, um mich zu sehen. Alles Landwirte, die Ahnung von Traktoren hatten, wenigstens taten sie so. Einer meinte sogar, er müsse sich auf mich setzen, und so bekam ich auch gleich die erste Erfahrung mit Kuhmist, der eben noch an seinen Schuhen und jetzt an meinem Gas und Kupplungspedalen klebte. Na ja, dass konnte ja heiter werden. Anfangs war es eine schöne Zeit bei meinem Besitzer. Ich wurde regelmäßig abgeschmiert und geputzt und wenn ich etwas Schweres ziehen musste wie zum Beispiel eine Dreschmaschine, dann wurde ich auch gelobt. Meine Arbeit machte mir Spaß. Immer in frischer gesunder Luft und bei Regen ein Dach über dem Kopf - was wollte ich mehr. Einen Pflug ziehen oder einen Wagen Heu nach Hause bringen war für mich eine Leichtigkeit. Nur mit dem Putzen und Abschmieren wurde es über die Jahre immer weniger und hier und da bekam ich auch schon mal eine Beule ab. Das beschwerdefreie Dasein endete für mich, als mein Besitzer sich eine Heupresse kaufte. Dieses Mistding wurde über meine Zapfwelle angetrieben. Das unwuchtige Schlagen, welches die Presse verursachte, machte meinem Motor und besonders meinem Getriebe mächtig zu schaffen. Dies sah auch mein Besitzer ein und er kaufte sich einen stärkeren Traktor. Mich brauchte er nun nicht mehr. Ich wurde in einen Ort namens Lissendorf verkauft.
Da die Gerätschaften in der Landwirtschaft mit den Jahren immer schwerer wurden, bekam ich auch hier nichts geschenkt. Was man mir zumutete, ging oft über mein Leistungsvermögen. Mein Motor hatte bereits 7000 Betriebsstunden auf der Uhr. Auch verfügte ich nicht mehr über meine ursprüngliche Motorkraft von 40 PS. So kam es, dass mein damaliger Dienstherr auch nicht mehr mit mir zufrieden war. Er verkaufte mich an einen Landmaschinenhändler aus Roth bei Gerolstein.
Mein Aufenthalt in Roth war nur von kurzer Dauer. Man schrieb das Jahr 1997. Im April stand schon mein neuer Besitzer auf der Matte. Aus Bodenbach war Peter Scheid gekommen, um sich von meinen Qualitäten zu überzeugen. Über meinen Preis war man sich schnell handelseinig geworden. Wenige Tage später trat ich nun die Reise in meine neue Heimat an. In Bodenbach angekommen, fiel mir gleich auf, dass hier recht viele Traktoren der Marke Mc Cor-mick zuhause waren, welches sich gleich bei mir in einer Art Sympathie für diesen Ort widerspiegelte. Auch sonst unterschied sich Bodenbach von meinen vorherigen Standorten. All sonntags morgens konnte ich nun der Chormusik vom MGV Concordia lauschen, die im Gasthaus „ZUR POST" ihre Probe abhielten. Freitags erklang Blasmusik vom Musikverein und hin und wieder erklangen sogar Alphörner vom Dorfplatz. Ein nie da gewesenes Glücksgefühl machte sich in meinem Zylinderkopf bemerkbar. Was meine Arbeit angeht, so hatte ich es hier gut angetroffen. Ein bisschen Landschaftspflege, im Sommer Heu rein holen oder bei der Holzernte helfen - viel mehr brauchte ich nicht zu tun. Ach ja, manchmal musste ich auch im Winter raus, um jemanden bei Schnee und Eisglätte aus dem Graben zu ziehen. Viel Spaß machte mir übrigens auch das Ziehen des Mottowagens der Bodenbacher Möhnen bei den Karnevalsumzügen in Kelberg und Müllenbach. Ansonsten hatte ich ein schönes Leben. Mein Besitzer fuhr mit mir zu vielen Traktortreffen im ganzen Kreisgebiet und darüber hinaus. Er hatte sich extra für diesen Zweck einen Planwagen gebaut. Und so wurde ich in der Traktorszene bald bekannt wie ein bunter Hund.
Ein Ereignis was nicht unerwähnt bleiben soll, ist das Traktortreffen 2006 am Nürburgring. Ich war mit meinem Besitzer und den Traktorfreunden aus Gelenberg angereist. Wir hatten gerade unseren Platz auf dem Ausstellungsgelände eingenommen, da stand plötzlich einer meiner 27802 Brüder neben mir. Er wohnt in Hessen, genauer gesagt in Gießen.
Während sich unsere Besitzer bei einer oder auch einigen Flaschen Bier unterhielten, erzählte mir mein Bruder von einer Reise nach Norwegen zum Nordkap, die er schon unternommen hatte. In sechs Wochen hatte er fast 6000 km zurückgelegt. Das beeindruckte mich mächtig und es dauerte am Abend lange, bis unter meiner Kühlerhaube wieder Ruhe einkehrte. Irgendwie hatte mich das Fernweh gepackt. Als es hieß, Abschied nehmen, versprach ich meinem Bruder aus Gießen, ihn einmal zu besuchen.
So gingen zwei Jahre ins Land. Anfang 2009 erhielten mein Besitzer und ich eine Einladung zum Traktortreffen in Gießen. Dieses sollte im Juli 2009 stattfinden. Ich war außer mir vor Freude. Endlich konnte ich meinen Bruder in Hessen wiedersehen. Wie war es ihm in den letzten 2 1/2 Jahren ergangen? Hatte er viel arbeiten müssen ? War er noch dicht oder verlor er schon Öl und Wasser? Hatte der Rost ihm schon stark zugesetzt? Na ja, bald sollte ich es erfahren. Am 18. Juli war es nun so weit. Der Planwagen wurde angehängt. Die Koffer verladen, mein Besitzer nahm auf dem Fahrersitz Platz. Sein Frau Brigitte und Töchterchen Katharina fanden auf dem Kutschbock des Anhängers ihren Platz. So ging es in der Nacht um 5:00 Uhr los Richtung Gießen in Mittelhessen. Mir gefiel dieses Reisen gut. Das Wetter war schön, es gab viel zu sehen und der Anhänger war keine schwere Belastung für mich. Im Hessenland waren schon die Kirschen reif. Wo man auch hinsah, überall lachten einem pralle dunkelrote Süßkirschen von den Bäumen entgegen. Mein Besitzer war von diesem Überfluss an Gottesgaben so überwältigt , dass er bald das Lenken vergaß und mich beinahe in den Straßengraben steuerte.
In Gießen am Ausstellungsgelände wartete mein Bruder bereits auf mich. Schön geputzt stand er da und hatte gleich neben sich einen Platz für mich freigehalten. Ich erlebte ein schönes Wochenende an dem viele Festbesucher mich von allen Seiten musterten und fotografierten. Die meist gestellte Frage war: Wo kommt der denn her ? Mein Dauner Kennzeichen gab vielen Leuten ein Rätsel auf. Am frühen Sonntagnachmittag packten Brigitte und Peter ihre Sachen zusammen und ich dachte: Aha, jetzt geht es wieder Richtung Heimat. Doch da hatte ich mich schwer geirrt. Anstatt nach Westen steuerte mein Fahrer mich genau entgegengesetzt Richtung Osten. In Erfurt bin ich dann auch gleich in Ungnade gefallen. Mitten in der Landeshauptstadt Thüringens riss mich ein schrilles Bimmeln aus meinen Gedanken. Die Straßenbahn hätte gerne ihren Weg fortgesetzt, doch da stand ein Traktor aus der Eifel mitten auf den Schienen. Unsere ungewöhnliche Reise hatte sich wohl in Sachsen rumgesprochen.. Auch die Presse war gekommen. Und so fand ich mich am nächsten Morgen in der sächsischen Zeitung gleich vorne auf der 1. Seite wieder. Es waren nur noch wenige Kilometer nach Bodenbach. Das gleichnamige Dorf in Sachsen, welches zu meiner Heimatgemeinde eine Gemeindepartnerschaft verbindet, veranstaltete extra für uns ein Begrüßungsfest auf dem Hof der Familie Hennig. Fast alle Dorfbewohner waren gekommen. Jeder brachte uns ein Willkommmensgeschenk mit. So war unser Bedarf an selbstgemachter Marmelade und Hausmacherwurst für lange Zeit gedeckt. Auf dem Hof der Fam. Hennig war auch ein Mc Cormick aus der D-Serie zuhause. Mit ihm gemeinsam fuhr ich am darauffolgenden Tag nach Dresden, dem Ziel meiner Reise. Während ich vor der Semperoper dem Blitzgewitter unzähliger Japaner, (oder waren es Chinesen) ausgesetzt war, saßen meine Besitzer im Sophienkeller und verspeisten genüsslich Rührei mit Pfifferlingen. Nach 3-tägigem Aufenthalt in Sachsen machten wir uns wieder auf den Heimweg. Die Heimreise verlief ohne Komplikationen. Nach neun Reisetagen brachte ich meine Besitzer wieder wohlbehütet in die Eifel zurück. Dieser Reise folgten noch viele weitere, unter anderem nach Italien und zum Kap Arkona. Außer Schleswig-Holstein habe ich mittlerweile alle Flächenbundesländer in Deutschland kennen lernen dürfen.
Auch wenn ich in der heutigen Landwirtschaft keine nennenswerte Rolle mehr spiele und viele meiner Brüder bestimmt schon auf dem Schrottplatz gelandet sind, so bin ich dennoch nicht nutzlos für meinen Besitzer.
Trotz meinem recht hohen Alter bin ich immer noch ein zuverlässiger Wegbegleiter. Wenn ich heutzutage aus meiner Garage so auf die Felder meiner Heimatgemeinde schaue, werde ich doch manchmal recht nachdenklich. In den 60er und frühen 70er Jahren konnte ein Landwirt sich glücklich schätzen, wenn er einen 40 PS starken Ackerschlepper sein Eigen nannte. Die meisten Traktoren dieser Zeit mussten mit 14 oder höchstens 20 PS auskommen. Sehe ich mir die Traktoren oder sage ich besser Stahlkolosse der heutigen Zeit an, da stellt sich mir die Frage: Wie haben wir die viele Arbeit früher nur geschafft?
Ihr Mc Cormick 423