Besuch des Vaters im Reservelazarett Himmerod 1942

Kindheitserinnerungen aus der Kriegszeit in der Eifel

von Manfred Schmitz, Flußbach

Es war im Kriegsjahr 1942. Hitler-Deutschland hatte bereits ganz Europa überrannt und stand im zweiten Kriegsjahr gegen Russland (Sowjetunion). Mein Vater Peter - Oberfeldwebel der Wehrmacht - 30 Jahre alt und ein schon hoch dekorierter, Kriegs erfahrener Zugführer - war im Juli 1942, als er seinen Infanteriezug beim Angriff auf das Dorf Satansgoi (Raum Charkow, Ukraine) anführte, schwer verwundet worden: Kniedurchschuss mit einem Infanteriegeschoss und mehrfacher „Schussbruch" des rechten Arms durch Granatsplitter!

Mit einer „Ju 52" (Flugzeugtyp „Junkers 52") wurde er — buchstäblich in letzter Minute vor einer Einkesselung durch die Truppen des russischen Feldmarschalls Timoschenko — in ein rückwärtiges Feldlazarett geflogen. Nach Aufenthalten in den Lazaretten Krakau und Wien ging es mit einem Lazarettzug nach Deutschland, wo er im August 1942 in das im Hauptgebäude des Klosters Himmerod eingerichtete heimatnahe „Reservelazarett Himmerod" (s. Anmerkung 1), eingewiesen wurde. Ab Januar 1943 folgte ein weiterer Lazarett-Aufenthalt im „Teillazarett St. Paul", im „Missionshaus der Steyler Missionare" in Wengerohr (Ableger des „Reservelazaretts Bernkastel"). Beide Häuser sind — abgesehen von ihrer historischen, architektonischen und spirituellen Ausstrahlung — seither für mich magische Orte, die mit unauslöschlichen Erinnerungen an meine liebevollen verstorbenen Eltern verbunden sind. Und jedes Mal, wenn ich die Fassaden der Klöster erblicke, kämpfe ich mit den Tränen.

Meine Mutter, „Änni", damals 24 Jahre alt, mein jüngerer, 1941 geborener Bruder und ich, lebten zur Zeit des zweiten Weltkriegs (1939 - 1945) im Heimatdorf meines Vaters, in Schalkenmehren bei Daun. Ich war im Juli 1942 fünf Jahre alt geworden. Die Geburt drei meiner jüngeren Geschwister geht ausnahmslos auf Fronturlaube meines Vaters zurück und immer, wenn Mutter schwanger war, hieß es im Dorf: „Ah, de Pitter woar weer ob Urlaub (Ah, der Peter war wieder auf Urlaub)!" Mutter muss bei unserem Lazarettbesuch im August 1942 mit meiner Ende Februar 1943 geborenen Schwester schwanger gewesen sein, denn im „Soldbuch" des Vaters, steht „schwarz auf weiß", dass er im Juni 1942 auf Heimaturlaub war. Die Geburt einer weiteren Schwester, die im Januar 1945 im Babyalter starb, geht auf einen Lazarett-Urlaub des Vaters vom 06. bis 26.10.42 zurück (s. Soldbucheinträge) Ich erinnere mich noch an die tragischen Umstände ihrer Beerdigung und wie ich mit meinem Großvater aus Brockscheid (dem Vater meiner Mutter) an ihrem kleinen Totenbettchen stand: Zu dieser Zeit verfügten die Luftwaffen der Alliierten bereits über die Lufthoheit. Bomberverbände konnten ohne wesentliche Abwehr ihre „Bombenteppiche" auf die Städte Deutschlands — auch auf Daun — abwerfen und ständig terrorisierten „Lightnings" — wendige Doppelrumpf-Jagdbomber vom Typ Lockheed P-38 — den Himmel über Stadt und Land. Sie schossen mit ihren 4 Maschinengewehren (12,7 mm) und ihrer Bordkanone (37 mm) auf alles, was sich bewegte, auf Bauern mit ihren Viehgespannen auf den Feldern, einzelne Personen, ja sogar spielende Kinder. Auch die Männer aus unserer Nachbarschaft, die den kleinen weißen Sarg meiner Schwester durch hohen Schnee hinauf zu unserem Friedhof nach Weinfeld trugen, mussten sich mehrfach ins Gebüsch zurückziehen, weil sie von „Jabos" (Jagdbombern) beschossen wurden.

Der Lazarettbesuch: Endlich konnten wir Vater im „Reservelazarett Himmerod" besuchen: An einem sonnigen Augusttag ging es mit dem von einer Dampflock gezogenen Eisenbahnzug auf der Bahnlinie der „Deutschen Reichsbahn" Daun — Wengerohr bis zum Bahnhof Wittlich. Auf dem in unmittelbarer Nähe liegenden Vorhof des ehemaligen Postamts Wittlich ( s. Anmerkung 2) stiegen wir in den Postbus in Richtung Kyllburg ein und kamen am späten Nachmittag an der Haltestelle vor dem Kloster Himmerod an, wo Vater uns schon erwartete.

Unsere Freude, als wir ihn sahen — besonders die meiner lieben Mutter — ist mit Worten nicht zu beschreiben. Vater stand da in seiner grünen Wehrmachtsuniform — die Jacke mit den hoch geschlossenen Kragenspiegeln und den vielen Kriegs- und Ehrenauszeichnungen auf der Brust stand offen, der rechte Ärmel hing schlapp herunter, denn der dazu gehörige, auf einer Schiene fixierte Arm ragte aus einem Gipskorpus — wie zum „Hitlergruß" steil aufgerichtet — empor. Es folgten ein paar schöne Stunden des Beisammenseins im Lazarettsaal, in denen wir uns viel zu erzählen hatten. Vater berichtete von gruseligen Kampfhandlungen, seiner Verwundung und einer wahren Odyssee danach. Gegen Abend führe er uns dann zu einem der wenigen Privathäuser der kleinen Siedlung Himmerod, wo er für Mutter und mich ein Zimmer zur Übernachtung besorgt hatte. Ich erinnere mich noch genau und mit allen Sinnen an die Eindrücke, als wir das Haus betraten. Eine ältere, einsilbige Frau in bunter „Kittelschürze" öffnete uns und schon im Hausflur duftete es nach dem, was ich für mein Leben gerne aß, und was es bei uns nur an Weihnachten, Ostern, Pfingsten und an der Kirmes gab: „Runnerbroaden" (Rinderbraten)! Beim Eintritt in die karge Wohnküche sahen wir den Hausherrn, der gerade von der Arbeit zurückgekehrt war in Arbeitskleidung am Esstisch vor seiner Abendmahlzeit sitzen. Er wirkte müde und mürrisch und sah kaum auf, als wir grüßten. Vor sich auf seinem Teller lagen „deck Scheijwen" (dicke Scheiben) vom „Runnerbroaden" und „jekoacht Krumperen" (gekochte Kartoffeln), dick übergossen mit dunkler, steifer, aromatischer „Soaß" (Bratensoße), und dazu „Rude Kaapes" (roter Kohl bzw. Rotkraut). Ich konnte nicht davon wegschauen und mir lief so viel Wasser im Mund zusammen, das ich dauernd schlucken musste.

Bei uns, in den Bauerndörfern der Vulkanei-fel war es üblich und selbstverständlich, dass fremde Leute an den Tisch gebeten wurden, wenn gegessen wurde, und so erwartete ich jeden Moment, dass auch wir aufgefordert würden, uns anzusetzen. Doch die heiß ersehnte Einladung blieb aus. Ich war maßlos enttäuscht. Die Frau bemerkte — etwas verlegen — wohl meine hungrigen Augen, forderte uns aber resolut auf, ihr zu folgen. Über die Holztreppe zum oberen Stockwerk führte sie uns in ein schlecht erleuchtetes, feuchtkaltes, unfreundliches Zimmer mit Doppelbett. Auf einer Anrichte stand ein runder, mit Wasser gefüllter, bunt glasierter Steingut-Bottich, daneben zwei dünne weiße Handtücher und zwei Waschlappen. Es war der damalige Standard; WC mit Bad kam in den Eifeldör-fern erst Ende der sechziger Jahre so langsam auf. Als die Frau gegangen war fragte ich Mutter „worim honn die Leijt oos daan net on de Desch jehollt (warum haben die Leute uns denn nicht an den Tisch geholt?". Mutter hatte Tränen in den Augen und bemühte sich sanft, die Enttäuschung ihres hungrigen Jungen „weg zu reden." Schließlich gab ich Ruhe, gab mich mit den mitgebrachten Butterbroten mit selbst geräucherten Eifeler Rauchschinken von Oma drauf zufrieden und wir fielen bald müde ins Bett. Nirgendwo fühlte ich mich so geborgen wie in der innigen Zweisamkeit mit meiner Mutter.

Am nächsten Morgen — nach einer „Katzenwäsche" (nur Gesicht und Hände) am Bottich gingen wir runter in die Wohnküche, wo die Frau für Mutter eine Tasse Malzkaffee und für mich eine Tasse warmer Milch bereitgestellt hatte. Wir aßen dazu unsere mitgebrachten Butterbrote und waren froh, als wir diesem ungastlichen Haus den Rücken kehren und den kurzen Weg rüber zur Abtei ins Lazarett zum Vater gehen konnten. Die kostbare Zeit bis zur Abfahrt des Postbusses nach Wittlich in der Mitte des Vormittags verging allzu schnell. Vater und ein junger Offizier, mit dem er sich im Lazarett angefreundet hatte, brachten uns zur Postbushaltestelle. Der Bus kam an, und wir sahen die Fahrgäste schon bis nach vorne im Flur des Busses stehen. - Die Busse von damals waren um die Hälfte kleiner als die späteren modernen Reisebusse mit 53 Sitzen - Zwei Fahrgäste ließ der Busfahrer noch rein, dann hieß es: „der Bus ist voll!" Interventionen meines Vaters und seines Kriegskameraden halfen nichts, wir blieben mit noch einigen Reisenden draußen, der Bus fuhr ab und wir machten uns mit einer Gruppe von ca. 5 Leuten in der Sommerhitze zu Fuß auf den 14 km langen Weg nach Wittlich. Man mag sich vorstellen, dass diese lange Strecke für einen Fünfjährigen eine Folter war. Ich jammerte und weinte und meine gute Mutter trug mich zwischendurch so viel sie konnte auf dem Arm. Eine kurze Strecke durften wir auf einem mit Milchkannen beladenen Pferdegespann (s. Anmerkung 3) aufsitzen, das aber bald abbog (vermutlich nach Musweiler). Am Bahnhof Wittlich angekommen, war die ganze Gruppe am Ende ihrer Kräfte. Doch als wir dann im Zug Richtung Daun saßen und die Dampflok sich — dicke Rauch-und Dampfschwaden ausstoßend - den Anstieg nach Plein keuchend hoch quälte, löste sich das Elend in Freude auf, wieder heim zu kommen Für einen kleinen Jungen war die Fahrt ein Abenteuer. Besonders spannend waren die Tunneldurchfahrten und die spektakulären Fahrten über die beiden Viadukte vor Plein ( s. Anmerkung 4) Vor jeder Einfahrt in einen Tunnel musste man flugs die Fensterscheiben hochziehen, sonst wären Dampfschwaden und schwarzer Kohlenqualm in den Waggon eingedrungen. Jeden Bahnhof erwartete ich mit Spannung, stellte Mutter neugierige Fragen und die Qualen des Fußwegs von Himmerod nach Wittlich waren vergessen. Froh darüber, dass wir Vater nun bald wieder in Himmerod besuchen würden, oder dass er gar nach hause könnte, kamen wir auf dem Schalkenmehrener Bahnhof an. Unsere kleine Welt war in Ordnung.

Das Leben führt Regie wie es will und fügt zusammen, was wir „Zufall" nennen: Der fünfjährige Junge von damals wurde Mitte der sechziger Jahre als junger Postinspektor beim damaligen Postamt Wittlich mit der Leitung des so genannten Postreisdienstes in der Region Wittlich beauftragt. Der Busfahrer, der Mutter und mich damals pflichtgemäß an der Haltestelle Himmerod nicht mehr in den Bus hineinlassen durfte, weil der Bus sonst überfüllt gewesen wäre — Franz Borsch aus Kyllburg — war immer noch im Dienst und immer noch auf der Postbuslinie Kyllburg — Wittlich eingesetzt. Natürlich kam meine Anekdote zwischen uns zum Gespräch. Sein Kommentar: „Oh, daat deet ma ewwa leed (Oh, das tut mir aber leid)!"

Beim Aufschreiben dieser Erzählung kamen mir zuweilen die Tränen, weil sie mir meine gute Mutter und meinen treu sorgenden Vater, der als Soldat mein absolutes Idol war, nochmals so nahe gebracht hat, als sei das Erlebte erst gestern gewesen. Mutter und Vater waren sehr glücklich miteinander. Sie liegen schon viele Jahre beisammen auf dem historischen Friedhof „Weinfeld" überm „Totenmaar" (Weinfelder Maar bei Schalkenmehren). Vater, der nach seiner Genesung 1943 wieder an die „Ostfront" nach Russland zurück musste, floh bei Kriegsende aus einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager in Österreich und kam - nach 1000 km Fußmarsch - im Juni 1945 zusammen mit zwei aus Jünkerath stammenden Kriegskameraden in Schalkenmehren an. Ich erinnere mich noch genau an diesen sonnigen Junitag: Die Drei führten einen kleinen, von einem kleinen Esel gezogenen zweirädrigen Karren mit. .— Wie sie dazu gekommen sind „weis der Teufel", denn späteren Fragen danach wich Vater immer aus.- Nachdem sie sich ausgiebig gestärkt hatten, zogen die beiden Kameraden mit Karren und Esel weiter in Richtung Jünkerath.

Die meisten Daten dieser Erzählung habe ich aus Vaters Soldbuch, einer kostbaren Reliquie, der noch die Spuren vertrocknetei Blutes von seiner Verwundung anhaften (s. Abbildung). - Im Juli 2021 wird der fünfjährige Junge von damals — wenn man ihn lässt — 84. - Kindheit endet im Herzen nie, so alt man auch wird und das ganze Leben ist man auf der Suche nach ihr, nach kindlicher Geborgenheit und Vertrautheit. Meir (gefühlte) Suche endet auf dem Friedhof überm Totenmaar mit der 500 Jahre alten Kapelle, wo das Grab meiner Eltern unter den uralten Bäumen ist und wo im Glockenturm die zwei von meinem Großvater August Mark in seiner Glockengießerei in Brockscheid gegossenen Bronzeglocken mit ihrem warmen Klang die Toten grüßen und die noch Lebenden trösten.

Anmerkung 1:


Zitat Prof. Dr. E. Schaaf: Die Nazis planten, im Kloster Himmerod einen „Lebensborn" einzurichten, also eine Art Zuchtanstalt arischen Nachwuchses, in der sich ausgewählte Frauen zur Verfügung stellten, begattet durch stramme SS-Leute „dem Führer ein Kind zu schenken." Das zu verhindern gelang es dem Abt Vitus Recke, mit Unterstützung des Landrats Middendorf (Bernkastel), der den Naazis erfolgreich Himmerod als Lazarett anpries. In der Ardennenschlacht (1944/45) erwies sich Himmerod dann als Segen. Überfüllt mit Verwundeten, erlitten viele dort leider auch den „Heldentod", wovon heute der dortige Soldatenfriedhof kündet. Zum Dank für die Hilfe versteckte der Abt 1945 den Landrat für mehrere Jahre in seinem Kloster und rettete ihn so vor der Verhaftung.


Anmerkung 2:


Der Vorhof des ehemaligen Postamts Wittlich war zentrale Haltestelle der Linienbusse der „Deutschen Reichspost" (später „Deutschen Bundespost") Ab etwa 1960 war Ankunft und Abfahrt gegenüber auf dem„Schlossplatz") Am Postamtsgebäude gab es eine posteigene Tankstelle, an der die Busse und anderen Kraftfahrzeuge der Post mit Handpumpe betankt wurden (ab etwa 1960 Betankung am neuen Kfz-technischen Stützpunkt im Brautweg). Bis zum Übergang des „Postreisedienstes" auf die „Deutsche Bundesbahn" im Jahre 1980 war fast der gesamte, sternförmig aufWittlich zuorientierte öffentliche Buslinienverkehr in der Regie des ehemaligen Postamts Wittlich. Den ehemaligen Postvorhof nimmt seit 2009 die Schlossgalerie ein, der Ende der sechziger Jahre die an das Postamtsgebäude angebaute moderne Schalterhalle der Post weichen musste. Das Postamtsgebäude von 1932 steht — baulich fast unverändert — noch an gleicher Stelle.


Anmerkung 3:


Zur damaligen Zeit existierte in Großlittgen noch die 1897gegründete Molkereigenossenschaft. Das genannte Pferdegespann war wohl mit leeren Milchkannen auf dem Rückweg von der Molkerei Großlitten in Richtung Wittlich.


Anmerkung 4:

Die ehemalige Bahntrasse zwischen Daun und Wittlich ist seit 1998 ein beliebter Fahrradweg. Eines der beiden Viadukte zwischen Wittlich und Plein, das „Pleiner Viadukt", wurde im auslaufenden zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen gesprengt. Bis zum Wiederaufbau im Jahre 1953 war die Bahnstrecke an dieser Stelle unterbrochen. Die Fahrgäste mussten auf der jeweiligen Seite aussteigen, den tiefen Graben zu Fuß umgehen (ca. 200 m Fußweg), um in den auf der gegenüber liegenden Seite wartenden Zug wieder ein zu steigen.