von Werner Grasdiek, Steffeln
In der Weihnachtszeit gehören neben festlich geschmückten Weihnachtsbäumen die Krippen zum festen Bestandteil des weihnachtlichen Brauchtums. Es gibt sie in vielfältigen Formen: Von der großformatigen Landschaftskrippe, der naturnahen Wurzelkrippe, der Ruinenkrippe, der Höhlenkrippe bis zur überlieferungstreuen Stallkrippe. Eines haben diese verschiedenen Darstellungen gemeinsam: Sie stellen die Ereignisse um die Geburt Jesu in der Nähe des Städtchens Bethlehem dar. Als sie dort (in Bethlehem) waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war, so berichtet es der Evangelist Lukas (2, 6-7). Der Evangelist Matthäus berichtet nur knapp von der Geburt Jesu in Betlehem, jedoch ausführlich von der Huldigung durch die Sterndeuter (Mt 1,182,12). Bei den meisten Weihnachtskrippen sind beide Versionen kombiniert: Die Verkündung der Geburt Jesu durch einen Engel an die Hirten auf dem Felde (wie es Lukas schildert; 2,8-18) und die Anbetung durch die Könige - oder Sterndeuter aus dem Morgenland (nach Matthäus). Nur Lukas nennt ausdrücklich die Krippe, also den Futtertrog, in den Maria das neugeborene Jesuskind legt. Krippe bezeichnet im übertragenen Sinn die Darstellung des gesamten Weihnachtsgeschehens.
Obwohl das Ereignis der Geburt Jesu über zweitausend Jahre zurückliegt, gibt es Weihnachtskrippen in der uns bekannten Form erst seit rund fünfhundert Jahren. Maßgeblich an der Verbreitung der Krippen im europäischen Raum beteiligt waren die Jesuiten: Die ersten Krippen stellten die Jesuiten 1560 im portugiesischen Coimbra auf, 1563 in Prag, 1568 in der Kölner Jesuitenkirche und 1578 in Mainz. Krippen in den Kirchen, dazu Krippenspiele und Krippenlieder wurden als Elemente der Katechese, als Mittel der Volksmission eingesetzt: Um mit diesen Darstellungen des Weihnachtsgeschehens alle Sinne anzusprechen - zur Vertiefung des katholischen Glaubens. Die biblische Geschichte wurde somit für jeden anschaulich gemacht.
Von dem Jesuitenpater Philipp de Berlay-mont stammt eine der frühesten Beschreibungen der Weihnachtskrippe (1618): Es ist bekannt, dass die Jesuiten die fromme Einrichtung der Vorfahren befolgen, zu Weihnachten kleine Krippen als Nachbildung des Stalles von Betlehem aufzustellen. Eine Hausruine, an deren Strohdach ein hinaufragender Stern befestigt ist. Zwischen Maria und Josef die Krippe mit dem Kind; Hirten und Engel sind anwesend. Sie (das Volk) glauben, dem wunderbaren Ereignis selber beizuwohnen. (Philippus de Berlaymont 1618. Deutsche Übersetzung nach Berliner 1955, S. 18; vgl. Döring, S.101).
Die heutige Weihnachtskrippe in der Steffelner Pfarrkirche St. Michael geht maßgeblich auf den damaligen Steffeler Pfarrer Franz Brühl zurück. Auch bei ihm darf man als dahinterstehendes Anliegen annehmen, dass er nach den ideologischen Verfehlungen der nationalsozialistischen Irrlehre den christlich-katholischen Glauben stärken wollte. In Steffeln, seiner ersten Pfarrstelle, die er 1940 angetreten hatte, versuchte er in der kirchen-und glaubensfeindlichen Zeit der nationalsozialistischen Diktatur in vielfältiger Weise als guter Hirte und Bewahrer des christlichen Glaubens zu wirken.
Mit den jungen Männern, die als Soldaten an den Fronten des Zweiten Weltkrieges eingesetzt waren, hielt er engen brieflichen Kontakt. Mitten im Zweiten Weltkrieg, im März 1943, weihte er einen neuen Kreuzweg ein, dessen 13 Stationen heute noch den Weg von der Pfarrkirche St. Michael hin zum Kapellchen auf der Anhöhe Wahlhausen säumen. Den Anstoß zur Errichtung dieses weithin sichtbaren Votivkapellchens gab er am 2. Juli 1944 angesichts der bedrohlich immer näher rückenden Front und der stetig zunehmenden Luftangriffe. Er nahm den Pfarrangehörigen das Gelübde ab, nach glücklich über-standenem Krieg eine Kapelle zu Ehren der Gottesmutter Maria („unter Deinem Schutz und Schirm") zu errichten. Und die Steffelner hielten Wort: Bereits am 2. Juli 1947 konnte Franz Brühl die Kapelle einweihen.
In das gleiche Jahr fällt auch die Entstehung der Weihnachtskrippe. Pfarrer Brühl kaufte nicht einfach eine Krippe. Auch die neue Krippe sollte ein Gemeinschaftswerk der Dorfgemeinschaft werden: So gewann er für die Arbeit an der neuen Krippe Handwerker aus dem Dorf: Schreiner, einen Holzschnitzer und Frauen und Mädchen, die die Kleider der Krippenfiguren nähten. Entstanden ist so eine einfache, dennoch sehr eindrucksvolle eifeltypische Szenerie des Weihnachtsgeschehens. Die Krippe wird seit nunmehr über siebzig Jahren zur Weihnachtszeit auf der rechten Seite des Chors, unmittelbar vor dem Altarraum, aufgebaut.
Ein einfacher strohgedeckter Stall, eher ein Schuppen in der Art, wie sie vielfach auf den Eifeler Fluren stehen, nur mit einer Rückwand und einer Seitenwand, auf der Vorderseite offen. Darin die bekannte Szene: Das Jesuskind in der Krippe, umgeben von Maria und Josef; der eine Laterne in der rechten Hand hält. Hirten stehen staunend davor, Ochs und Esel recken ihre Köpfe vom rechten Seitenfenster in die Krippe hinein. Auf der Wiese vor der Krippe stehen und liegen vier weiße Schafe, behütet von vier Schäfern. Einer der mit den typischen Eifeler Bauernkitteln bekleideten Schäfer spielt mit einer Flöte an der Krippe, ein weiterer hält Ausschau nach dem Stern, der die Ankunft des Messias ankündigt, ein dritter bringt dem Jesuskind Blumen. Die Heiligen Drei Könige bringen dem Jesuskind Weihrauch, Gold und Myrrhe. Besonders auffällig: Schon auf dem Kirchenfußboden steht ein im Verhältnis zu den übrigen Figuren (ca. 70 cm) bemerkenswert großes Kamel, eigentlich ein Dromedar (110 cm), an einer Leine gehalten von einem dunkelhäutigen Führer, sein Kopf bedeckt mit einem roten Fez. Über dem Stall leuchtet ein vielzackiger Stern, drei Zacken zeigen auf die Krippe; von der rechten Wandseite über der Krippe zeigt ein weißgekleideter Engel mit ausgestrecktem Arm auf das Heilsgeschehen in der Krippe. Sparsame Landschaftselemente, ein angedeutetes Lagerfeuer, eine Wasserstelle, Steinblöcke. Ungewöhnlich ist, dass neben der Krippe ein römischer Soldat steht, ein Pferd am Halfter haltend — ein Hinweis auf den gewaltsamen Tod des Messias.
Die ursprüngliche Krippe war noch größer dimensioniert: Sie bestand aus zwei getrennten Teilen, die auf den damals noch vorhandenen Seitenaltären rechts und links vor dem Chor der Kirche aufgebaut wurden; den Hintergrund bildete eine Maschendraht-Holzrahmen, der mit Tannenzweigen ausgeschmückt war. Der linke Seitenaltar zeigte die Verkündigungsszene an die Hirten durch den Engel. Auf dem rechten Seitenaltar war die Anbetung der Hirten mit Maria, Josef und dem Jesuskind, Ochs und Esel zu sehen. Zwischen den beiden Seitenaltären spannte sich über den Mittelgang ein großer Maschendraht-Holzrahmen mit Tannenzweigen, der in Holzbuchstaben die Inschrift Gloria in Excelsis Deo trug. Seitdem die Seitenaltäre 1957 entfernt wurden, wird die Krippe in der heutigen, vereinfachten Form auf der rechten Seite vor dem Chor aufgestellt.
Die Holzköpfe der Figuren und die Gestelle der Figuren, ebenso den Aufbau der Krippe, fertigte der Holzschnitzer Pfannenstiel an; er war aus dem kriegszerstörten Köln in die Eifel evakuiert worden; in Lehnerath hatte er bei Familie Hoffmann für seine Familie eine Wohnung gemietet und im Haus „Heel-jisch" eine kleine Werkstatt eingerichtet. Mit Holzschnitzarbeiten wie der Herstellung von Lampen aus Holzgestellen und anderen
kleineren Schnitzarbeiten verdiente er sich seinen Lebensunterhalt. Bei der Herstellung der Krippe wurde er unterstützt von Hubert Mies, Willi Blameuser, Johann Schroden sowie dem kriegsevakuierten Walter Koltarski. Alle Krippenfiguren, ca. 70 cm groß, sind aus Holz geschnitzt. Voll ausgearbeitet sind allerdings nur die Köpfe, Hände und Füße. Marias blaues Kleid, die prächtigen Gewänder der heiligen drei Könige, Hosen, Strümpfe, Kittel der Hirten verdecken die hölzernen Untergestelle der Figuren. Die Kleidung der Figuren nähte aus Stoffresten Frl. Hildegard Brühl, die Schwester des Pfarrers, die bei ihm im Steffeler Pfarrhaus wohnte. Bei den Näharbeiten halfen ihr einige Mädchen aus Steffeln. Der Stoff war von vielen Leuten gestiftet worden, besonders von Baronin von Oppenheim und Gräfin Matuschka-Greiffenklau, die im Jagdhaus Waldfrieden wohnten, wie Brühl hervorhebt. Die Krippe selbst, also der Stall und die übrigen Aufbauten, wurden in der Steffeler Schreinerwerkstatt von Michael Juchems hergestellt. Michael Juchems kam erst im August 1946 aus Kriegsgefangenschaft nach Hause; bis dahin hatte sein Bruder Vinzenz die Werkstatt geführt. Michel hat mit seinem Bruder Vinzenz oft über die Entwürfe der Krippe diskutiert, besonders über den für das Kamel.
Als dann die Krippe fertiggestellt und zu Weihnachten 1947 erstmals aufgebaut war, führte Pfarrer Brühl am Heiligen Abend vor der Christmette ein Krippenspiel auf. Schulkinder aus Steffeln stellten die biblischen Personen dar: Das hochheilige Paar waren Hubert Mies als Josef und Cilla Finken (verh. Lüttkenhorst) als Maria. Paula Ju-chems (verh. Billen) verkündete als Engel die frohe Botschaft. Verkleidet als Hirten waren die Messdiener; einer der Hirten, Alois Meis, führte sogar ein lebendes Schaf mit. Die Kommunionkinder - in weißen Nachthemden - stellten die himmlischen Heerscharen dar. Durch das Krippenspiel und Opfergänge zum Opferstock an der Krippe kam das Geld für den Bau der Krippe zusammen, wie Franz Brühl am Schluss seiner Notiz schreibt. Diese neue Krippe ersetzte eine vorhandene alte Krippe. Die Gipsfiguren dieser Krippe wurden nach Olzheim gegeben, wo im Krieg die Kirche zerstört und alles Inventar verloren gegangen war.
Die dankenswerte Aufgabe, Jahr für Jahr die Krippe auf- und wieder abzubauen, haben die jeweiligen Küster übernommen - rund vierzig Jahre machte dies Peter Juchems, dann sein Enkel Karl; seit 2001 die jetzige Küsterin Bärbel Igelmund mit Hilfe ihrer Söhne Franz und Stephan. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass der vielzackige Stern, der über der Krippe leuchtet und mit seiner längsten Spitze auf das Heilsgeschehen im Stall zeigt, von Andreas und Roland Schlösser im Jahr 2013 als Ersatz für den lädierten ursprünglichen Stern angefertigt wurde. ■
Quellen und Literatur
Berliner, Rudolf: Die Weihnachtskrippe. München 195;
Brühl, Franz: Hdschr. Notiz im Urkunden- und Chronikbuch der Pfarrei Steffeln (angefangen 1943), S. 112
Döring, Alois: Die Weihnachtsbotschaft szenisch vermitteln...Krippe und Krippenpflege zwischen Tradition und Modere. In: Alltag im Rheinland. Mitteilun gen der Abt. Alltagskultur und Sprache des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte (ILR). 2020, S.95-111.
https://de.wikipedia.org/wiki/Weihnachtskrippe. (letzter Zugriff 30.11.2020)
Gedankt sei vor allem Karl Harings, der die Anregung für diese Darstellung gab und Zeitzeugen befragte, sowie für wertvolle Auskünfte und Hinweise Bärbel Igelmund, Katharina Meis, Maria-Agnes Pinn, Matthias Hoffmann, Gustav Hilgers (*) und Willi Juchems. Für die Überlassung der Fotografien ist Willi Schro-den zu danken.