Kapitel der Eifler Konsumgeschichte

von Franziska Kaiser, Kelberg

franzi_k

Von Oma und Opa lernen - Nachhaltiges Konsumverhalten liegt wieder im #Trend: Nachhaltigkeit und Konsum sind zwei Begriffe, die in der gegenwärtigen Gesellschaft auf den ersten Blick kaum vereinbar scheinen oder zumindest in einem wenn nicht paradoxen, dann zumindest ambivalenten Verhältnis zueinander stehen. Im Alltag konsumieren wir stetig, wir verbrauchen selbst dann Ressourcen, wenn es uns nicht wirklich bewusst ist (so ich beispielsweise durch meine Googlerecherche zum Thema). Doch was bedeutet Konsum eigentlich, welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang zeitliche und finanzielle Ressourcen und was charakterisiert Konsum innerhalb einer Konsumgesellschaft? Auf diese Fragen soll im Folgenden anhand bestimmter Quellen aus den 1920er- bis 1970er-Jahren, die alle aus Privatbesitz aus der Eifel stammen, exemplarisch eingegangen werden. Hierbei werden die ausgewählten Fotos oder Dokumente mit Zeitzeug:innenaussagen (m_r_ (auf Wunsch anonymisiert) *1942 und christine_d *1952) kommentiert und durch geschichtswissenschaftliche Analysen des Quellenmaterials (franzi_k) in den historischen Hintergrund eingebettet. Das gewählte Format erinnert an Instagram-Posts und versucht so, die einzelnen Themen in kompakter Form zugänglich zu machen.

Konsum bedeutet im Ursprung den „Gebrauch von Dingen" und ist dementsprechend ein Phänomen, das die Menschheitsgeschichte und die Gesellschaften in den verschiedenen Epochen seit jeher begleitete und mit den menschlichen Kulturbedürfnissen in engem Zusammenhang steht. Nichtsdestotrotz meint „Konsumgesellschaft" in der Regel nicht jegliche Art von Gemeinschaft, die zu unterschiedlichen Zeiten Dinge produziert, distribuiert und konsumiert hat, sondern ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Dass der Begriff im Hinblick auf die Bundesrepublik Deutschland teils synonym mit der „Wiederaufbaugesellschaft" verwendet wird, verdeutlicht, dass Konsum hierzulande nach dem Ende des zweiten Weltkriegs mit dem beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung zu der gesellschaftsprägenden, alle Lebensbereiche tangierenden und massenmobilisierenden Kraft wird. Dies impliziert auch ein Konsumverhalten, das über die Deckung des Grundbedarfs hinaus Güteranschaffung und Genuss beinhaltet und für die Menschen sowohl eine ökonomische als auch eine wesentliche soziale Dimension hatte. Im Wesentlichen ist Konsum durch die Faktoren Zeit und Geld begrenzt und gestaltet sich in Abhängigkeit von ebenderen Verfügbarkeiten. Was das für die gesamtgesellschaftliche Entwicklung, aber auch für die individuellen Lebensentwürfe und Gestaltungsmöglichkeiten bedeutet, soll in den folgenden Posts immer wieder aufgegriffen werden. Dabei werden - unter anderem durch die Betrachtung von Konsumverstärkern wie Werbematerialien - Einblicke in einige typische Konsumfelder gegeben. Zu diesen gehören beispielsweise Ernährung, Bekleidung und Mode, Wohnen, Sexualität, Mobilität und Tourismus sowie Mediennutzung. Etwas intensiver sollen in diesem Zusammenhang auch Frauen und ihre Rollen im Bezug auf Konsumangebote und -wünsche von den 1930er-Jahren bis in die 1970er-Jahre untersucht werden.


Sparen, sparen, sparen


franzi_k

Werbung aus dem Jahr 1967: Zu diesem Zeitpunkt hat das Wirtschaftswachstum in der BRD einen Hochpunkt erreicht - günstige Werbebedingungen für Geldinstitute, da die Bevölkerung im Schnitt über mehr finanzielle Mittel verfügt.

10. Mai 2021


m_r_

Ich hab auch immer geguckt, dass ich von dem bisschen Geld immer was sparen konnte.

franzi_k

Während für die westdeutsche Gesellschaft zu Beginn der fünfziger Jahre bedingt durch die wirtschaftlichen Kriegsfolgen noch eher der Verzicht als der Konsum charakteristisch war, lässt sich ab der zweiten Hälfte der Fünfziger mit zunehmendem Wohlstand ein intensiveres Konsumverhalten beobachten. Dieses wurde wesentlich durch ein diszipliniertes Sparverhalten ermöglicht. Neben dem Eigenheim als zentralem „Wunschobjekt" waren vor allem langlebige Konsumgüter erstrebenswert. Demzufolge fehlte es schlicht an finanziellen Mitteln, die den Kauf von Genussmitteln, die den Grundbedarf überstiegen, ermöglicht hätten. Auch die frei disponible Zeit stellte einen limitierenden Faktor dar - die Fünfziger waren durch eine frühe Erwerbstätigkeit der Jugend sowie im Allgemeinen lange Arbeitstage geprägt, sodass eher wenig Freizeit blieb, die zudem überwiegend häuslich verbracht wurde.

christine_d

Wir waren ja auch mit 8, 9, 10 Jahren schon halbe Erwachsene, da mussten wir ganz andere Sachen machen. Da hat man überall helfen müssen.

franzi_k

Durch steigende Einkommen, die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen und den Übergang zur 5-Tage-Arbeitswoche erweiterten sich sowohl die finanziellen Budgets für Jugendliche wie Erwachsene als auch die zeitlichen Verfügbarkeiten, das Konsumverhalten der Bürgerinnen verbreiterte sich zunehmend. In ländlichen Gegenden ging dieser Prozess jedoch merklich langsamer vonstatten, was im Wesentlichen damit zusammenhängt, dass die Landwirtschaft nach wie vor maßgeblich den finanziellen wie auch den zeitlichen Rahmen beanspruchte. Das von Jugendlichen oder jungen Erwachsenen selbst erwirtschaftete Geld stand ihnen meist nur im überschaubaren Rahmen zur eigenen Verfügung.

christine_d

Ja anfangs wurde das Geld ja noch alles zuhause abgegeben. Das war eigentlich so üblich. Auch nicht irgendwo, dass man sagt, man macht davon was auf ein Konto, wie man das heute macht. Ich hatte dann doch noch ein bisschen was gespart gehabt und durfte dann nachher auch ein bisschen was davon behalten.


Jugend, Freizeit und Konsum


christine_d

Kirmes in Mürlenbach Ende 1960/Anfang 1970 10. Mai 2021

franzi_k

Ende der 1960er Jahre verfügten Jugendliche Forschungsergebnissen zufolge zunehmend über eigenes Geld, weshalb sie in der Ausgestaltung ihres Freizeitverhaltens eine relevante Konsumentengruppe darstellten. Zeitzeug:innengespräche zeigen, dass diese Relevanz in der Eifel kein signifikantes Ausmaß annahm. Hier war es auch in den 1960er-Jahren noch durchaus gängig, das selbst erwirtschaftete Geld an den Familienhaushalt abzugeben, wobei hier auch sicherlich Geschlechterdifferenzen zu betrachten sind.

christine_d

Wie wir kleiner waren hatten wir ja noch kein eigenes Geld, das fing ja eigentlich erst an, wie wir schon 14, 15 waren, wo ich dann auch erstmal eine Mark bekam, Sonntagsgeld und wenn dann so Kirmes war, das war dann das Höchste, fünf Mark. Wenn dann Besuch da war, dann bekam man vielleicht vom Besuch noch ein bisschen zusätzlich und damals ging man dann nachher schon aus, dann wurd' das halt dann eben für zwei Getränke oder drei, je nachdem wie der Eintritt war und dann hatte man den Rest dann noch zum Ausgeben zum Trinken. Mehr war da nicht drin. Ja und das war einmal im Jahr, das war nicht wie jetzt jedes Wochenende.


Jugend, Freizeit und Konsum

franzi_k

Radio mit integriertem Plattenspieler - 1950er-Jahre 10. Mai 2021

franzi_k

Obwohl diese Befunde zeigen, dass gerade in ländlichen Gegenden die Moderni-sierungsaspekte - abgesehen von landwirtschaftlichen Belangen - eher schleichend Einzug hielten, so lässt sich dennoch im Bezug auf Jugendliche feststellen, dass es Interesse an kultureller Abgrenzung von der Erwachsenengeneration gab.

christine_d

Und dann war ja die große Beatles Zeit und eigentlich hab ich das ja immer so gerne gehört, aber meine Mutter war dann immer so ärgerlich, dann kam die rein und hat das Radio ausgemacht, wenn sie raus war, haben wir es wieder angemacht. Doch, die (Beatles) kamen schon an. Aber eigentlich alles erst so ein bisschen später, mehr so in den siebziger Jahren.

franzi_k

Trotz dieser zeitlichen Verschiebung deckten sich dennoch die gängigen Konsumwünsche der Jugendlichen mit den gesamtdeutschen Befunden. m_r_ Das Radio und der Plattenspieler, da weiß ich, dass wir ganz lange gespart haben, weil Mutti so gern Musik gehört hat.


Kinder, Kleidung, Spielsachen

franzi_k

Puppenstube - Nachkriegszeit


m_r_

Und da war das mit der Puppenküche, da war eine Künstlergruppe. Und die haben damals für alle Kinder, die Halbwaisen waren, nach dem Krieg für Weihnachten ein Geschenk gemacht, die Jungen bekamen so ein holzgeschnitztes Pferdchen oder eine Kasperlepuppe und die Mädchen bekamen eine Puppenküche. Ich hab noch Kindermäntelchen von mir was nachher Puppensachen wurden, was Mutter für mich genäht hat, wo mein Papa den Stoff von Frankreich aus dem Krieg geschickt hat. Aus jedem Schnippelchen Stoff hat Mutti für sich und mich genäht.

christine_d

Ja was hast du zu Weihnachten bekommen, Paar Strümpfe oder Stoff bekam man, da wurd' dann das Jahr über ein Kleid von genäht, wir hatten eine Schneiderin im Dorf, da bekamen wir dann immer für Ostern ein neues Kleid genäht. Süßigkeiten bekam man, wir haben schon mal ein Spiel bekommen, so Mensch ärgere Dich nicht oder so Gesellschaftsspiele.

m_r_

Ja, alle Geschenke für Weihnachten waren immer nützliche Geschenke.

franzi_k

Die offensichtliche Stadt-Land-Differenz, die in den 60er-Jahren fortzubestehen scheint, zeigt sich nicht nur in der Konsummenge, sondern auch in der Art des Konsumverhaltens. Kleidung wurde über Generationen aufgetragen und weitergegeben und entweder in Eigenproduktion oder von örtlichen Schneiderinnen hergestellt. Zunehmend wurde auch in zeitlich größeren Abständen in (Klein-)städten eingekauft, dennoch wurde auch Ende der 60er-Jahre in der Eifel ein Großteil der Gebrauchsgegenstände selbst hergestellt, wenn auch hier individuelle Differenzen hinsichtlich der jeweiligen wirtschaftlichen Situation der Haushalte und des Eigenkapitals der Jugendlichen zu berücksichtigen sind.

christine_d

Da gibt es Bilder, da sieht man schon, dass wir da weiter zurück waren. Wir hatten Kleider, wir hatten teilweise auch abgetragene Kleider, die wir dann von anderen bekamen, eh man sich da was gekauft hat und dann wurde viel selber genäht. Ich hab mir mit 17 Jahren dann auch ne Nähmaschine gekauft und mir danach dann was ich so wollte auch selber genäht.

Kinder, Kleidung, Spielsachen

christine_d

Was man fürs Kind so braucht... Foto links - 1972, rechts: Tipps von Galeria Kaufhof (1969)

10. Mai 2021


franzi_k

In den 70er-Jahren wird dann deutlich, dass sich auch das ländliche Konsumverhalten zunehmend dem städtischen angleicht. Dies lässt sich zum einen durch die steigende Mobilität und mediale Einflüsse erklären - Werbeblättchen und Versandhauskataloge hielten auch auf dem Dorf Einzug. Zum anderen stellt insbesondere der Rückgang der Landwirtschaft einen signifikanten Faktor dar. Viele Familien betrieben - wenn überhaupt - die Landwirtschaft im Nebenerwerb, da sich die Haupterwerbstätigkeit zunehmend in den industriellen Sektor, wo höhere Löhne erzielt wurden, verschob. Auch durch die häufige Nebenerwerbstätigkeit von Frauen hatten viele Familien ein zusätzliches Einkommen, das Konsum erlaubte. Weiterhin verlor die Landwirtschaft an Bedeutung, da viele Haushalte finanziell nicht mehr zwangsläufig an die Eigenversorgung gebunden waren und somit auch in Supermärkten einkauften, die sich nach und nach im Dorfbild festigten und die kleineren Dorfläden verdrängten.

franzi_k

Dass Konsumartikel für Babys und Kinder um 1970 geradezu boomten, zeigt das Buch „Schöner Leben - 1000 gute Tips, ausprobiert und dargeboten von Ihrem Kaufhof" aus dem Jahre 1969, welches die verschiedensten Konsumartikel am Puls der Zeit bewirbt. In der Rubrik „Alles für das Kind" werden verschiedene Güter, die entweder unverzichtbar oder aber zumindest en vogue waren, aufgelistet: „Zum Schlafen gibt es eine Menge Stubenwagen, Kinderbettchen und gemütliche Wiegen. Manche Bettchen wachsen sogar mit. Spazieren fährt man in schicken Kinderwagen oder Sportkarren. Es gibt auch Kombinationen von beiden. Spielzeug findet sich für jede Entwicklungsphase. Zum Anschauen, zum Hören, zum Hantieren. Babykosmetik ist kein Luxus. [...] Ein Baby braucht Garderobe. Sie ist nicht so umfassend, wie die von Vater oder Mutter. Aber weil sie ganz neu angeschafft werden muss, ist ihr Preis doch höher als das letzte Jackett des stolzen Vaters. [...] Für die Ernährung Ihres Kindes kamen Sie noch mit einigen wenigen Anschaffungen aus - die Körperpflege aber erfordert etwas umfangreichere Einkäufe. Trotzdem sollten Sie nicht erschrecken; es ist alles gar nicht so teuer (und was Sie anschaffen, reicht oft auch noch für die Geschwister Ihres Erstgeborenen!)."

franzi_k

Im 20. Jahrhundert kommt Frauen als Konsumentinnen eine bedeutende Rolle zu -vor allem in den Konsumfeldern Ernährung und Bekleidung und Mode eine geradezu herausragende. In diesem Zusammenhang soll zunächst kurz Konsum in der NS-Zeit betrachtet werden, um dann Kontinuitäten im Konsumentenbild der Frau im Hinblick auf die 50er- und 60er-Jahre zu skizzieren. Das NS-Regime propagierte eine Konsumpolitik, die denen, die zur „Volksgemeinschaft" dazugehörten, durch die „Volksprodukte" (z.B. Volkswagen, Volksempfänger) und Freizeit- und Unterhaltungsangebote ein adäquates Wohlstandsniveau ermöglichen sollte. Tatsächlich hielt sich das Warenangebot aber in Grenzen, auch viele Freizeitangebote blieben Verheißungen, da das Regime die Rüstungsindustrie der Konsumgüterproduktion vorzog. Nichtsdestotrotz kommt Frauen in diesem Kontext eine übergeordnete Relevanz zu, nicht zuletzt, weil sie mit etwa 51,5% im Juni 1933 die Mehrheit in der nationalsozialistischen Gesellschaft bildeten. Vor allen Dingen nahmen sie in dieser Hinsicht eine Doppelfunktion ein - eine Konsumentinnengruppe, die sich zwischen konservativem, nationalsozialistischem Familienbild („Deutsche Frau, sei zuerst Mutter und nichts anderes.") und progressiver NS-Geschlechter-politik bewegte. Die NS-Frauenorganisationen wie die NS-Frauenschaft und das Deutsche Frauenwerk waren als angeschlossene Verbände der NSDAP ähnlich strukturiert und unterteilt in Gau, Kreis, Ortsgruppe, Zelle und Block bzw. Haushaltungsgruppe. Das linke Foto zeigt ein Rezeptheft, herausgegeben von der Gaustelle Moselland, das durch die appellierende Überschrift „Wir machen ein" Frauen in ihrer Funktion für Hauswirtschaft, Einkauf und Ernährung ansprach. Ziel war es, „die deutsche Frau wieder zu dem zu machen, was sie von Natur aus ist: Die Mutter und Erzieherin ihrer Kinder, die treu fürsorgende Gattin ihres Mannes." In Mode und Werbung kommt Nacktheit nicht zu kurz, der bauchfreie Zweiteiler war angesagte Bademode und auch die Werbung für Kosmetikprodukte spiegelte diesen Trend wider. Das ambivalente Bild zum Thema Nacktheit spiegelt sich in zeitgenössischen Dokumenten wider. Im Kelberger Verbandsgemeindearchiv findet sich die Abschrift eines Funkspruches vom 19. Juli 1933: „Seit Kurzem werden in Rheinprovinz an zahlreichen Plakatsäulen Reklameplakate der Leowerke [...] für deren Sonnenschutzsalbe „Leokrem" angeschlagen. Plakat zeigt liegendes Mädchen in Badeanzug, Kopf nach unten, Beine nach oben gestreckt. [...] Das auffallende Reklamebild stellt wegen seines geschlechtlich anreizenden Charakters Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung dar und leistet wegen seiner jüdischen Geilheit und zusetzenden Wirkung dem Kulturbolschewismus Vorschub."


Frauen und Konsum (-angebote)

franzi_k

„Für Frauen, die mit Liebe kochen" und „Was backt Renate im Herbst?" (1950er-Jahre)

10. Mai 2021


franzi_k

In den Fünfzigern, viel mehr aber in den Sechzigern erweiterten sich insbesondere durch die Bildungsexpansion die Chancen für Mädchen und Frauen. Typische, etablierte Frauenbiographien (Hauswirtschaft, Heirat, Haushalt) waren nicht mehr der einzig denkbare Werdegang. Nichtsdestotrotz zeigen vor allem die Werbemittel aus der Zeit, dass Frauen in ihrer Konsumentinnenrolle überwiegend im häuslichen, familiären Bereich gesehen wurden. Davon entband sie auch die zunehmende Erwerbstätigkeit keinesfalls - im Gegenteil. Die Werbeindustrie nutzte diese „Doppelfunktion" der Frau, die nun immer öfter erwerbstätig war, aber dennoch ihre Familie und insbesondere ihren Mann adäquat versorgen sollte, vor allem, um ihr Haushaltsgeräte und -helfer schmackhaft zu machen, die Zeitersparnis versprachen. Das zeigt das Beispiel von Renate sehr passend: „Renate ist eine der Millionen Frauen, die jeden Morgen zur Arbeit gehen und abends noch ihren Haushalt zu versorgen haben. Und trotz ihrer anstrengenden Berufstätigkeit versteht es Renate, ihren Mann zu verwöhnen und Zeit für ihn zu haben."

christine_d

Und was noch wichtig war für uns, das fing ja dann Ende der 60er-Jahre an, da war ich dann so 16, 17, 18, da musste Aussteuer gekauft werden. Man musste mindestens zwölf Betttücher haben, zwanzig Handtücher, Geschirr. Ja das hatte ich eigentlich schon gekauft, bevor ich dann geheiratet habe.


Frauen und Konsum (-angebot)

christine_d


Die Hosen kamen so zwischen 74 und 75 bis zum Ende der siebziger Jahre. Aber die hat man dann wirklich auch mehr oder weniger nur angezogen, wenn du zuhause warst, aber wenn du fein ausgegangen bist, wenn du dich ordentlich angezogen hast, in die Kirche gegangen bist, bist du nicht mit ner Hose gegangen, dann hast du nen Rock angezogen.

franzi_k

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat sich das Rollenbild der Frau sicherlich massiv gewandelt, in vielen Bereichen erfuhren Frauen ab den sechziger Jahren mehr Gleichberechtigung. Dennoch lässt sich insbesondere anhand von Ratgebern oder Mediendarstellungen zeigen, dass Konsumangebote für Frauen eher Scheinfreiheiten darstellen. Konsum reproduziert oftmals eine Geschlechterordnung, in der die Frau auf das Begierdeobjekt des Mannes reduziert wird. Auch das zeigen Passagen aus „Schöner leben" (1969) sehr eindrücklich: „Ein hübsches Dekollete begeistert jeden Mann. Tragen Sie es oft - wenn Sie es sich leisten können. [...] Es gibt Männer, die lächeln über Mode und ihre vermeintlichen ,Sklavinnen'. [...] Aber: Zeigen Sie uns den Mann, den eine schick angezogene Frau nicht unruhig macht, und sei es die eigene? [...] Es geht um Ihr Make-up: Wenn ein Mann Ihre Augen schön findet, sich von ihnen einfangen lässt, haben Sie sein Herz erobert. [...] ,Er' mag längst vergessen haben, welches Kostüm Sie bei der ersten Begegnung trugen - der Duft des zarten Parfüms [...] wird ihm noch nach Tagen in Erinnerung sein. [...] Kosmetik im Sommer: Männern sei's gegönnt, leichte Verwitterungserscheinungen machen ihre Mienen nur männlicher. Frauen aber möchten wir warnen: Sonne macht nicht nur braun, sondern auch faltig."


Essen und Trinken - Zwischen Zweck und Genuss

m_r_

Wir hatten ja nix, wir hatten unser Essen selbst, wir hatten einen Riesengarten. Jeder hat versucht möglichst alles selbst zu haben und wir haben dann ganz viel eingekocht.

franzi_k

Anfang 1950 wurden die letzten Lebensmittelmarken in der BRD abgeschafft, Großteile der Bevölkerung konnten sich fortan mehr leisten. Nichtsdestotrotz war die Küche oftmals eher „karg bestückt" (15), Kartoffeln waren vor allem im ländlichen Raum ein verbreitetes Grundnahrungsmittel, dass durchaus manchmal zu allen Mahlzeiten auf den Tisch kam. Viele Zeitzeug:innen berichten, dass sie keinen Hunger litten, da fast alle Dorfbewohnerinnen den Eigenbedarf durch Landwirtschaft decken konnten, es wurden kaum Lebensmittel gekauft. In der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre verbreiterte sich das Konsumverhalten in der BRD, in der Eifel scheint auch dieser Prozess zeitlich verschoben, obgleich es auch hier individuelle Unterschiede zwischen Dörfern und/oder Familien gibt.

christine_d

Dann wurd schonmal, das war aber auch schon Ende der 60er-Jahre, dass wir schonmal am Wochenende auch mal ein bisschen frische Wurst gekauft haben.

franzi_k

Für die Mehrheit kann man eher von einem bescheidenen, an der „schlechten" vorangegangenen Zeit gemessenen, Wohlstand ausgehen. In der zweiten Hälfte der 1960er kann man eine Ausdifferenzierung der Geschmäcker betrachten, der Verbrauch von Mehl, Nudeln und Hülsenfrüchten ging zurück, während sich der Konsum von Produkten wie Schinken, Bohnenkaffee, Käse und Bier vervielfachte. Die Läden boten mehr Waren an und verschwanden in den Folgejahren durch den Erfolg großer Supermärkte überwiegend aus dem Dorfbild. Der Konsum von Alkoholika spielte insbesondere im geselligen Kontext eine Rolle.

christine_d

Früher war das dann auch so, dass die Älteren gerne sonntags abends in die Gaststätte gingen und da wurd dann auch Bier getrunken. Da sind wir auch mitgegangen, da waren wir schon so 15, 16. Und dann liefen die Musikboxen und dann hatte man immer paar Groschen für die Musikbox anzumachen und dann wurde auch schon getanzt.


Essen und Trinken - Zwischen Zweck und Genuss


Schöner wohnen - Einrichtung

christine_d

Eigentlich nur Gebrauchsgegenstände, paar Kopfkissen bekam man, Handtücher, das waren so die Sachen, die man zur Hochzeit geschenkt bekam. christine_d In den 60ern wurde eine neue Couch gekauft, da haben wir umgebaut, da wurde auch ein Badezimmer gemacht, aber sonst wurde an Einrichtung nicht so viel gekauft. Eigentlich wurde mehr Geld ausgegeben für die Landwirtschaft würde ich mal sagen, also das war so wichtiger wie für im Haus.

franzi_k

Hinsichtlich der Wohnungseinrichtung lässt sich ab Ende der 1950er-Jahre eine zunehmende Modernisierung und Technisierung und damit oftmals einhergehende Komforterhöhung beobachten. Zu technischen Unterhaltungsgeräten wie Radio, Tonbandgerät oder Plattenspieler kommt das Fernsehgerät hinzu, immer mehr Familien besitzen zudem ein Telefon. Auch im Haushalt boomen die technischen Neuerungen.

christine_d

Ja erstmal wurden dann mehr so technische Geräte gekauft, da wurde mal ein Rührgerät gekauft für den Haushalt, ne Kaffeemaschine kam nachher, ne Brotmaschine, Elektroherd.

franzi_k

Auch „Schöner leben" gibt 1969 Tipps für „Wohlbehagen in der Wohnung": „Jeder soll sein Reich für sich haben: die Hausfrau, der Vater, die Kinder. Es gibt tausend Kniffe, Licht und Luft, Farbe und Raum in die Wohnung zu zaubern. Und bei allem sollten Sie nie vergessen, dass die Wohnung auch ein Spiegel Ihrer Persönlichkeit ist!" christine_d Ich weiß einmal, da hatten wir keine Lampe im Wohnzimmer, aber dann haben wir uns irgendwie ein Aquarium gekauft, was man als Eltern überhaupt nicht versteht, dass man sich so nen Blödsinn kauft, wo vielleicht ne Lampe wesentlich wichtiger gewesen wäre. Da hat man schon auch einfach geguckt, dass man dann so einige Dinge auch bekam.


Ab in den Urlaub - Reisen und Motorisierung

Ab in den Urlaub - Reisen und Motorisierung

franzi_k

In den fünfziger und vor allem in den sechziger Jahren erweiterte sich der Radius der Landbevölkerung. Jugendliche bekamen ihre ersten Mopeds und viele Familien legten sich -sofern finanziell möglich - einen PKW zu. Damit waren sowohl Fahrten ins regionale Umfeld als auch in weiter entfernte Städte oder Gegenden möglich. Reisen und Familienurlaube stellten dennoch zunächst eine Ausnahme dar, dies steigerte sich aber ab Anfang der 1970er durch die stabileren finanziellen Verhältnisse sukzessive. Beliebt waren zuvor vor allem Ausflüge und Kurzreisen, die von der Pfarrei, Vereinen oder anderen Gemeinschaften angeboten wurden oder auch Klassenfahrten. So verließen viele Jugendliche und auch Erwachsene erstmals die Heimatregion.

christine_d

Wir sind dann als wir geheiratet haben am gleichen Tag dann auch noch weggefahren. Und dann wollten wir eigentlich in den Schwarzwald fahren, aber man hatte früher auch noch nicht so das Kartenmaterial. Und dann sind wir einfach mal drauf losgefahren und sind dann im Odenwald gelandet. franzi_k Der Familienurlaub wird schließlich zu erstrebenswerten „Quality-Time" mit der ganzen Familie - die sich längst nicht jeder so leisten kann. „Schöner leben" gibt auch hierzu passende Tipps: „Sprechen wir schließlich von all dem, was das Leben lebenswert macht: vom Reisen und Wandern und den unvergeßlichen Eindrücken [...] vom großen Atemholen und Verschnaufen. Es sind die Tage und Stunden im Jahr, in denen der Vater der Familie gehört." Kapitelüberschriften wie Was gehört zum Camping-Glück?, Das 1x1 der Wanderlust, Das Frühstück im Grünen, Mit dem Boot hinaus oder Auf zwei Rädern ins Grüne machen deutlich, auf welcher Art von Urlaub der Fokus liegt.