Das Totenmaar

Wie Clara Viebig und Fritz von Wille es sahen.

von Werner Schönhofen, Leutesdorf

Clara Viebig

Der Lebensweg der Schriftstellerin Clara Viebig (1860-1952) führte u.a. in drei Regionen, die ihr schriftstellerisches Schaffen nachhaltig geprägt haben: Der Osten, Berlin und vor allem auch die Eifel. Sie kannte die Eifel aus ihrer Kindheit und Jugend und ihren Aufenthalten in Bad Bertrich und war empfänglich für die Geschichten der Bewohner. Ihren großen Erfolg hatte Clara Viebig mit ihrem Roman „Das Weiberdorf'(1900), den sie einem kleinen Dorf in der Eifel ansiedelt. In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts arbeiten alle arbeitsfähigen Männer des Ortes in den Stahlwerken im Ruhrgebiet. Sie sehen ihre Heimat und ihre Familien nur noch zweimal im Jahr. Dann versuchen sie, das versäumte Leben nachzuholen, bis sie wieder abreisen müssen. Zurück bleibt ein Dorf ohne Männer, das Weiberdorf.

Der Vorabdruck in der Frankfurter Zeitung führte zu einem Skandal. Im Dorf Eifel-schmitt des Romans erkannten sich die Menschen aus Eisenschmitt, dem Eifeldorf bei Manderscheid. Clara Viebig war eine Vertreterin des Naturalismus, entsprechend derb war auch die Darstellung der Menschen und ihrer Leidenschaften. Die katholische Kirche fand sich ebenfalls in vorderster Linie der Kritiker und setzte das Buch auf den Index. Doch heute genießt das Werk der Schriftstellerin breite Anerkennung. Clara Viebigs Wirken wurde 1992 durch die Gründung der Clara-Viebig-Gesellschaft in Bad Bertrich und die Einrichtung des Clara-Viebig-Pavillons gewürdigt. In Eisenschmitt wurde 2005 das Clara-Viebig-Zentrum eingerichtet, wo sich eine umfangreiche Sammlung Ihrer Werke und Briefe befinden. In den letzten Jahren hat es einige Neuauflagen ihrer Werke gegeben.


Clara Viebig: „Kinder der Eifel"— Das Totenmaar

Clara Viebigs Romane und Erzählungen sind vielfach in der Eifel angesiedelt, so auch die Erzählungen im Sammelband „Kinder der Eifel" (1896). In „Am Totenmaar" lernen wir die unverständlich harte Haltung eines Menschen kennen: Nicht ein mögliches uneheliches Kind wäre für den Vater seiner Tochter ein Makel. Wegen eines Diebstahls verstößt er seine Tochter, die daraufhin den Tod am Totenmaar sucht. Möglicherweise geht diese Bezeichnung des Weinfelder Maares auf Clara Viebig zurück!

Clara Viebig hat den Charakter des Maares zu Anfang der Geschichte folgendermaßen dargestellt:

„Hoch oben in den Eifelbergen liegt ein See, dunkel, tief, kreisrund, unheimlich, wie ein Kraterschlund. Einst tobten unterirdische Gewalten da unten, Feuer und Lavamassen wurden emporgeschleudert; jetzt füllt eine glatte Flut das Becken, wie Tränen eine Schale. Es geht hinunter in bodenlose Tiefe. Keine Bäume, keine Blumen. Nackte vulkanische Höhen, gleich riesigen Maulwurfshügeln, stehen im Kranz, zu nichts gut als zu armseliger Viehweide. Mageres Strandgras weht, blasses Heidekorn duckt sich unter Brombeergestrüpp. Kein Vogel singt, kein Schmetterling gaukelt. Einsam ist's, zum Sterben öde. Das ist das Weinfelder Maar, das Totenmaar, wies die Leute heißen. Es hat keinen Abfluss, keinen Zufluss anders als die Tränen, die der Himmel drein weint. Es liegt und träumt und ist todestraurig, wie alles rings umher.

Wenn Herbstwinde über die Eifelgehen und kalte Nebel in den Tälern hocken, ist's hier oben noch kälter. Hui, pfeift das! Wind, wilder Gesell, stöhne nicht so laut! Zerre nicht die letzten braunen Blätter von den dornigen Ranken, stürze nicht die morschen Holzkreuze um, die dort um das Kirchlein stehen, das grau und düster am Seeufer trauert! Es ist das einzige Werk der Menschenhand hier oben, viel hundert Jahre alt, nicht schön, nicht hässlich, doch voll schwermütiger Poesie.

Einst lag hier das Dorf Weinfelden, seine Hütten scharten sich um das Gotteshaus wie Küchlein unter die Flügel der Glucke. Es ist lang her, das Dorf ist verschwunden — zerstört, versunken? Wer weiß! Am sichersten verhungert. Einzig das Kirchlein ist übriggeblieben und reckt seinen schwärzlichen Turm gen Himmel. Gottesdienst wird nicht viel mehr darin gehalten, die Lebenden kommen nur herauf, ihre Toten zu begraben.

Auf dem schmalen Rain hinter der bröckligen Mauer reiht sich Kreuz an Kreuz; hier hängt ein Perlenkranz, dort eine verwitterte Schleife, der Wind zaust daran, der Regen verwäscht die Farben — es ist der Friedhof von Schalkenmehren. Der Weg herauf ist beschwerlich. Man weiß nicht, warum behalten die Schalkenmehrener ihre Toten nicht bei sich unten im Dorf, Raum hätten die auch noch da. Brauchen die Lebenden denn allen Platz am hellen freundlichen Schalkenmehrener Maar, dran Obstbäume wachsen, drin Fische schwimmen?

Ei was, tot gehört zu tot; da kraxelt man lieber den steilen Berg hinan, die Ochsen oder der Ackergaul ziehen den Karren, drauf die Lade zwischen Strohschütten schwankt. Der Geistliche keucht hinterdrein und die Leittragenden auch; man weint, man schluchzt, und über ein Kleines [wenig später] kommt man ledig wieder herunter. Die Tränen sind getrocknet, die Leidtragenden schwatzen laut und kehren vergnügt ins Trauerhaus ein zum Leichenmahl." *1


Fritz von Wille (1860-1941)

Um das Maar ranken sich zahlreiche Sagen und Legenden wie die vom versunkenen Ort Weinfeld und einem Schloss. Auch der Landschaftsmaler Fritz von Wille war vom Weinfelder Maar so fasziniert, dass er es immer wieder in seinen Bildern verewigte. Der Ankauf des Gemäldes „Die blaue Blume", eine Ansicht vom Weinfelder Maar und der Kapelle, durch Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1908 war geradezu spektakulär und trug entscheidend zu seiner Bekanntheit bei. Seine Gemälde trugen maßgeblich dazu bei, das Ansehen der Eifel sowohl im Kaiserreich als auch bei den Eifelbewohnern selbst positiv zu verändern. Als Fritz von Wille am 16. Februar 1941, im Alter von 80 Jahren in seiner Düsseldorfer Wohnung starb, soll er an einem weiteren „Totenmaar-Bild" gearbeitet haben, so ist es zumindest überliefert.

Fritz von Willes besondere Bedeutung für die Eifel bestand darin, dass er erstmals topographisch bestimmbare Landschaftsbilder schuf und die geologischen Besonderheiten der Eifel in seinen Bildern erfasste. Er lebte in der Eifel, beobachtete den Wechsel der Stimmungen dieser Landschaft im Tagesablauf und im Wechsel der Jahreszeiten, hielt sie in präzisen Studien fest und ließ im Atelier seine großen Eifelgemälde entstehen. Viele seiner Bilder sind heute im Haus Beda in Bitburg, dem Kunstkabinett der Dr. Axe-Stiftung auf dem Hasenberghof in Kronenburg und auch in der Kreisverwaltung in Daun zu sehen.


Das Totenmaar-Gemälde

Hier befindet sich auch ein Bild des Totenmaares. Es zeigt die karge, baumlose Landschaft um das Totenmaar mit einem Baumstumpf im Vordergrund vor dem dunklen, graublauen Wasser des Maares, die graue Kapelle mit gedrungenem Glockenturm, deren dunkles Mauerwerk sich im Wasser spiegelt, den grau-verhangenen Himmel. Die leuchtend gold-gelben Farbtupfer des Ginsters, dem Eifelgold, der sich in der Wasseroberfläche des Maares spiegelt, sind die einzigen Lichtblicke. Eine geradezu melancholische Atmosphäre umgibt das Maar. Das Bild entspricht somit in etwa der Atmosphäre des Totenmaares, die Clara Viebig in ihren Dichterworten beschreibt.

Der einst kahlen Landschaft um das Maar entspricht nicht das heutige Bild des hecken- und baumreichen Geländes, das Besucher heute erwartet. Nach umfangreichen Rodungen werden heute Esel und Burenziegen gegen ein völliges Zuwachsen eingesetzt und halten somit den Blick auf das Maar offen, über dem die Kapelle mit ihrem weißen Mauerwerk die Besucher freudig begrüßt.

Gemälde von Fritz von Wille: Das Totenmaar