Das Weinfelder Geläut


von Peter Hartogh, Schalkenmehren


„Gegrüßet seist Du Maria, voll der Gnade,

der Herr ist mit Dir, Du bist gebenedeit unter den Frauen."

„Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum. Benedicta tu in mulieribus."


In lateinischer Aufschrift befand sich der Anfang des Marien Gebetes auf der Weinfelder Glocke von 1432. Nachdem die Weinfelder Kapelle, nach Aufgabe und Vernichtung des gleichnamigen Dorfes, Anfang des 19. Jahrhunderts immer mehr verfiel und baufällig wurde, brachte man die Gebetsruferin 1830 ins Tal nach Schalkenmehren.Es war der Deutsch-französische Krieg von 1870 bis 1871, der zur Waffenproduktion Bronzemetall in ungeheuren Mengen benötigte und man vergriff sich an der historischen

Marienglocke, indem man diese einschmolz. Bereits ein Jahr später, inzwischen war die Weinfelder Kapelle von Pastor Konter zu neuem Leben erweckt, stiftete Kaiser Wilhelm I. Geschütz-Bronze von einer eroberten Kanone, 15 Zentner, die zum Guss zwei neuer Bronzeglocken verwandt wurden. Über diese beiden Glocken ist wenig bekannt, erreichten sie doch das gleiche Schicksal wie ihre Vorgängerin, indem sie 1917 zu Rüstungszwecken wieder in den Krieg zogen, statt zum Gebet zu rufen.

Still und leer war es jetzt im Glockenturm von St. Martin. Die Toten des Ersten Weltkrieges gingen ihren letzten Weg ohne Geläut. Für Besucher und Schalkenmehrener eine schmerzhafte Zeit. Die Erlösung kam 1931 durch Paul Rauen, einem treuen Mitarbeiter der Brockscheider Glockengießerei. August Mark, Glockengießermeister und Freund, erfüllte anlässlich des 50-jährigen Berufsjubiläums seines Mitarbeiters und eines von Paul Rauen erfolgten Gelübdes den Wunsch, eine neue Glocke für Weinfeld zu stiften.


Der Weinfelder Friedhof um 1915.


In Erinnerung an das erlittene Schicksal der bisherigen Glocken könnte eine geniale erfundene Geschichte, dem am 08.09.1931 erfolgten Glockenguss zugrunde liegen. Man erzählte sich, dass die Glocke unter anderem aus dem Metall des ehemaligen Kriegsschiffes „Emden" gegossen worden sei. Ein ehemaliger Marineoffizier soll die Glocke auf einem Materialplatz einer Nordseewerft entdeckt und mit einem Freund diese nach Brockscheid gebracht haben. Nun es gab und es gibt viele Schiffe mit dem Namen „Emden". Sollte es wirklich die Glocke des legendären Kriegsschiffes „Emden" sein, welches im Ersten Weltkrieg mehr als erfolgreich war? Die SMS Emden war ein kleiner Kreuzer der deutschen kaiserlichen Marine. Sie war nach der Stadt Emden benannt und das zweite Schiff der Dresden Klasse. Ihr Einsatzgebiet lag überwiegend im Fernen Osten. Mit Beginn des 1. Weltkrieges wurde die Emden zum selbstständigen Handelskrieg in den Indischen Ozean entsandt. Dort versenkte sie innerhalb von zwei Monaten 23 feindliche Handelsschiffe und zwei Kriegsschiffe oder brachte sie auf. Am 9. November 1914 unterlag sie in einem Gefecht mit dem australischen Kreuzer Sydney nahe den Kokosinseln. Die Emden war der erfolgreichste deutsche Kreuzer in überseeischen Gewässern und gehörte zu den bekanntesten Kriegsschiffen der kaiserlichen Marine. Soweit die Historie der Emden.

Der Zweite Weltkrieg kam und die Glocken wurden wieder zu Kriegsmaterial vergewaltigt. Nicht so die Weinfelder Glocke mit der Inschrift: "Maria mit dem Kinde lieb, uns allen einen Segen gib", mit Darstellung der Mutter Gottes mit dem Kind. Es war nicht die Mariendarstellung, die die Nazis von der Einschmelzung abhielt, sondern der Respekt des Bronzeinhaltes der Schiffsglocke des Kreuzers „Emden". In einer Stellungnahme des Oberpräsidenten der Rheinprovinz vom 25.07.1940 heißt es unter anderem: "Ich halte es für dringend erwünscht, dass Stücke, die wie die Glocke, an hervorragende, mit dem Empfinden des ganzen Volkes verbundene Kriegsschiffe erinnern, erhalten werden." Die Glocke war gerettet. Dank einer erfundenen Geschichte?

Tatsache ist, dass die echte Glocke des Kreuzers Emden zerschossen und arg mitgenommen im australischen Kriegsmuseum in Canberra seit 40 Jahren zu besichtigen ist (Foto). Sie war mehrmals verschwunden und gestohlen, eine aufregende Geschichte, deren Ausführungen hier zu umfangreich wären. Ihre Echtheit wurde einwandfrei nachgewiesen. So bleibt zu rätseln. Ob es sich um eine imaginäre „Emden Bronze" oder des Glockenmaterials eines Zivilschiffes gleichnamigen Namens handelt. Möge die Zweite 1946 nach glücklicher Kriegsheimkehr von Schmiedemeister Jakob Rauen, Sohn des Paul Rauen, gestiftete Glocke mit der „Emden" Glocke nur friedlichen Zwecken dienen.

Ohne Ermahnungen werden Menschen ebenso wenig tugendhaft sein wie eine Glocke, ohne geschlagen zu werden, läuten wird! Läuten Sie die Glocken beim Eintritt in die Weinfelder Kapelle! Nie wieder Krieg!