Wanderungen zum Eifelvulkanismus

Harmen Jan van der Wyck (1769 - 1847) um 1820

von Leonhard Janta, Bad Breisig

Die Literatur über die Eifel in Geschichte und Gegenwart ist kaum noch überschaubar. Sie füllt längst Bibliotheken1, wobei der Geologie2 breiter Raum zukommt. Viele ältere Darstellungen sind heute allerdings hauptsächlich von wissenschaftsgeschichtlichem Interesse. Sie enthalten dennoch lesenswerte Beschreibungen und Beobachtungen, darunter auch Kurioses. Das gilt ebenfalls für das Bändchen von Harmen Jan van der Wyck zur Geologie, das 1826 unter dem Titel veröffentlicht wurde: „Uebersicht der Rheinischen und Eifeler erloschenen Vulkane und der Erhebungs-Gebilde, welche damit in geognostischer Verbindung stehen, nebst Bemerkungen über den technischen Gebrauch ihrer Produkte, von H. J. Freiherrn van der Wyck, Mitglied der Ritterschaft der Niederländischen Provinz Ober-Yssel, correspondierendes Mitglied der IV. Classe des Königl. Niederländischen Instituts der Wissenschaften zu Amsterdam. Bonn bei Eduard Weber. 1826". Zehn Jahre später erschien 1836 eine unveränderte 2. Ausgabe in Mannheim. Van der Wyck verwendet noch den älteren Begriff Geognosie/geognostisch anstelle der heutigen Bezeichnung Geologie/ geologisch.


Harmen Jan van der Wyck

Harmen Jan van der Wyck wurde am 7. November 1769 in Deventer/Niederlande Provinz geboren.3 Als Adliger gehörte er der Ritterschaft der Provinz Ober-Yssel an. Er schlug die Militärlaufbahn ein, avancierte zum Offizier in der niederländischen Genie-Truppe, in der unter seiner Leitung topographisch exakte Karten für Militärzwecke verfertigt wurden. 1815 wurde er als Generalmajor pensioniert. Sein Ausscheiden aus dem Militärdienst wurde durch Vorwürfe gegen ihn überschattet. Van der Wyck verließ die Niederlande und ließ sich zunächst mit seiner Ehefrau und zwei Kindern in Kleve nieder, 1817 in Neuwied am Rhein. 1822 zog die Familie nach Mannheim, wo van der Wyck am 18. Januar 1847 starb. Als Privatgelehrter erwarb er sich mit naturwissenschaftlichen und hydrotechnischen Schriften hohes Ansehen und war in Mannheim Mitglied des Vereins für Naturkunde.


Portrait Harmen Jan van der Wyck (1769 -1847), um 1820.


Heilsame Wanderungen

In seiner Neuwieder Zeit unternahm van der Wyck in Begleitung seiner Familie ausgedehnte Wanderungen am Mittelrhein, an die Mosel, in die Eifel und an die Ahr. Hierbei entstanden zahlreiche detaillierte Skizzen mit Landschafts-, Orts- und Burgansichten, aus denen er zu Hause größere Landschaftsbilder schuf.4 Auf seinen Wanderungen stellte er zudem unermüdlich geognostische/ geologische Beobachtungen an. Er erfasste, analysierte, zeichnete und beschrieb systematisch, was ihm auf seinen Wanderungen als des Merkens würdig begegnete. Seine Erkundungen durch die Eifel zeitigten durchaus therapeutische Wirkung. Nach eigenem Bekunden waren sie ihm „Heilmittel für tief geschlagene Wunden."5 Damit spielt er auf seinen von Verbitterung getrübten Abschied aus dem Militärdienst an. Bewegung und zielgerichtete Beschäftigungen taten ihm gut. Sie waren ihm auch empfohlen worden: „Zur Wiederherstellung einer seit vielen Jahren zerrütteten Gesundheit, wurde mir die Bewegung im Freien empfohlen. Geistlos herum zu irren war niemals meine Neigung. Die erloschenen Vulkane, welche ich in der Ferne aus meiner Wohnung (in Neuwied) erblickte, sprachen mich an. Bei meinen Wanderungen wählte ich sie zum Gegenstand meiner Untersuchungen. Auf den Gipfeln des Gebirges wurde es mir leicht, die Thorheiten dieser Welt und ihre Ungerechtigkeiten zu vergessen, und mich, mit einem zuversichtlichen Selbstgefühl, an keine weltliche Macht gebunden, über das Schicksal zu erheben. — Hierzu erfuhr ich, wie auch in solcher Beziehung etwas Geognosie nützlich sein kann."6

Rüstzeug für die Betrachtungen van der Wycks waren die damaligen Theorien und Erklärungsversuche des Vulkanismus, die der Autor rezipiert hatte. Er verließ sich aber auf seine eigene Anschauung. Aufschlüsse, Ausgrabungen, Gruben, Steinbrüche, alte Hohlwege waren ihm hilfreich bei seinen Untersuchungen und Streifzügen vom Laacher See-Gebiet bis in die Hocheifel über die Hohe Acht und die Dauner Maare, aber auch linksrheinische vom Fornicher Kopf bis zum Rodderberg und rechtsrheinisch bis zum Siebengebirge. Er nahm eine Verkettung vulkanischer Ausbrüche an, musste aber konstatieren, dass viele Fragen noch im Dunkeln bleiben mussten. Von einer künftigen Aufdeckung verborgener Lavaströme erhoffte er sich neue Erkenntnisse.

Van der Wyck ging davon aus, dass viele Vulkanausbrüche in der Eifel unter einer Wasserbedeckung, also submarinisch, stattfanden.7 Allenthalben stellt der Autor die große Verschiedenheit der vulkanischen Steine und vulkanischen Auswürfe fest.


Titelseite des Werks, das in der Eifelbibliothek in Mayen archiviert ist.


Das vulkanische Erbe

Zu den in fast jedem Dorf der vulkanischen Gegend anzutreffenden Sauerquellen bemerkt der Autor: „Sie sind den Bewohnern höchst wohlthätig." 8 Aufgezählt werden u. a. die Sauerbrunnen in Rheinnähe, aber auch im gesamten Brohltal, an der Ahr sowie bei Daun, Gerolstein und Birresborn. Im Gegensatz zu heute wurde Mineralwasser damals allerdings nur an wenigen Stellen und in geringen Mengen abgefüllt. Eine Ausnahme bildete „das Tönnisteiner Wasser, das selbst in beide Indien versendet wird; (...) das Birresborner wird sehr viel in Krügen nach Trier verschickt."

Bei den im Umfeld der Säuerlinge in der Eifel austretenden Gasen (Kohlendioxyd) der Quellkohlensäure wies van der Wyck auch auf ihre schädlichen Wirkungen hin, die sie „ausathmen": „Einige dieser Säuerlinge sind dem Leben der Vögel, Mäuse, Frösche und Insekten gefährlich, und betäuben diejenigen, welche die sich mitentwickelnde Luft einathmen."

Bemerkenswert erscheinen ihm physikalische Eigenschaften der „basaltischen Gebilde" im Hinblick auf Elektrizität, Leitfähigkeit von Wärme und Temperaturausgleich. Immer wieder beobachtete van der Wyck, dass Schnee auf Basaltbergen der Eifelhö-hen später schmolz als auf gleich hohen Schieferbergen. Eis hielt sich in Mühlsteinbrüchen länger und in Basalthöhlen sogar den Sommer hindurch. Physikalisch erklärt er dies mit der geringeren Leitfähigkeit der Basalte und dem Temperaturausgleich durch Verdunstungskälte.

Unter den besonderen „Merkwürdigkeiten" erscheint die Beobachtung, dass Fische und Krebse aus dem von steilen Felsen umgebenen Weinfelder Maar im Gegensatz zum Schalkenmehrener Maar mit seinem flachen Ufer nicht gut zu genießen sind, was wahrscheinlich auf den größeren Mangel an Wasserpflanzen und Würmern zurückgeführt wird, die ihnen nur ein „sieches Leben" beschert. Bei der großen Vielfalt der basaltischen Formen geht der Autor davon aus, dass erst künftige Forscher die Rätsel ihrer Entstehung zu lösen vermögen.

Von der Fülle der Naturerscheinungen der Gegend ist van der Wyck begeistert und staunt immer wieder über die Kräfte, die sie hervorgebracht haben. Eifrig sammelt und bestimmt er Mineralien. In einer alphabetischen Übersicht führt er mit eigenen Anmerkungen hier auffindbare Mineralien mit ihren Fundorten zwischen Rhein und Hocheifel an. Zur weiteren Untersuchung und Betrachtung empfehlen sie sich zu einer systematischen Sammlung für „Mineralien-Cabinette".


„Nutzbarkeit" des vulkanischen Erbes

Bis heute wird das vulkanische Erbe vielfach genutzt. Riesige Steinbrüche haben zum Verschwinden ganzer Berge geführt. Jüngst hat das noch Ute Bales in ihrem neuesten Roman „Vom letzten Tag ein Stück" beklagt. Van der Wyck geht ausführlich auf die „nützliche Anwendung" vulkanischer Gesteine „im gemeinen Leben" ein.

Basalt bot sich als ideal für den „ChausseeBau" an, „wozu er mit langgestielten Hämmern in kleine Stücke zerschlagen wird." Aufgrund seiner großen Härte war er prädestiniert für Pflastersteine, die jedoch bei Nässe nicht rutschfest sind: „Beim Regen wird jedoch das Basalt-Pflaster sehr glatt, welches, zumal bei nicht horizontaler Lage der Straßen, seine Unannehmlichkeit hat, da alsdann bei schweren Lasten die Pferde weniger sicher gehen." Zum Einsatz kamen Säulen-Basalte als „Abweis-Pfähle", um Fuß- von Fahrwegen zu trennen, als Geländerpfosten, bei Grenzbezeichnungen, bei Umzäunungen und im Wasserbau, vor allem bei steinernen Buhnen am Rhein. Basaltsteine wurden schon als Baustoffe beim Burgenbau und bei Stadtmauern verwendet. Auch beim Brückenbau war Basaltlava als unverwüstliches Baumaterial begehrt. Beim Brückenbau in Mainz, Koblenz und Trier sowie für Kanalbauten in Neuß fand Basaltlava in französischer Zeit ebenfalls Verwendung. Van der Wyck kommt zu dem Schluss, dass die Vorteile der Vulkanität ihre Nachteile, vor allem ihre zerstörerische Kraft, bei weitem überwiegen und zudem langfristig wirken. Bis heute profitiert die Eifel nachhaltig von ihrem vulkanischen Erbe, wobei er die viel spätere touristische Inwertsetzung der Eifellandschaft noch nicht in Betracht zog.


Seitenhieb auf „Kurörter"

Neben den vulkanischen Steinen betont er generell den hohen Wert der zahlreichen Mineralwässer und Heilquellen. Ihren Nutzen sieht der Autor aber geschmälert durch die Vergnügungen in den Kurorten. Welche Bäder er meinte, wird nicht gesagt. Mit erhobenem Zeigefinger merkt der Autor an: „Den Nutzen, welche diese (Heilquellen) zur Wiederherstellung einer untergrabenen oder verlorenen Gesundheit stiften, wodurch Tausende einem fröhlichen Genuß des Lebens wieder zurückgegeben werden, ist bekannt. Daß man in den Badeörtern diese heilsamen Wirkungen schmälert, durch verderbliche, die Menschen entehrende Spiel-Anstalten -Folgen eines verschmitzten Wuchergeistes; daß der Nervenschwache, die Ermüdeten an Leib und Seele, bei dem Genuß von unordentlich oder schlecht zubereiteten Speisen, eine tobende und manchmal höchst widerliche Musik verschmerzen müssen, daß die Kurörter durch die Verschwendung von reichen Müßiggängern in üppige Lustanstalten sich verwandeln, wodurch dem Kranken bange gemacht und er genöthigt wird, den Ort zu fliehen, der sonst geeignet seyn würde, ihm die verlorene Gesundheit wiederzugeben; daß die wenig Bemittelten von den Quellen der Heilung an manchem Badort durch den von Jahr zu Jahr erhöhten Kostenaufwand, welchen sie nicht bestreiten können, zurück gescheucht werden: - dieses alles liegt in den Menschen, - aber nicht in der Natur."). Für die Eifel trifft dies nicht zu. Hier gab es zu dieser Zeit keine Kurorte, auf die solche Aussagen anwendbar sind.


Zur „Sittlichkeit" der Eifelbewohner

Der Autor hat in der Eifel auch die andernorts „gemachte Beobachtung bestätigt gefunden, daß seine (des Menschen) Sitten am einfachsten und unverdorbensten sind, je mehr er von den Gewässern, welche Handel und Verkehr befördern, entfernt ist." Vor allem fand er das in der hohen Eifel vor. Auf deren Bewohner singt er ein hohes Lied: „Entfernt man sich weiter vom Rheine und dringt in die hohe Eifel, so findet man ein ehrliches gutmüthiges Volk, kämpfend mit einem rauhen Klima, zufrieden mit seiner Lage, welche durch eine erhöhte Cultur, vorzüglich durch Vermehrung von Holzanpflanzungen, womit schon der Anfang gemacht ist, einiger Verbesserung empfänglich seyn würde; und gewiß wird auch auf diesem Wege eine größere Reife der Cultur hier erzielt werden." Der preußische Staat betrieb zu diesem Zweck nach Besitzergreifung der Rheinlande 1816 u. a. eine Aufforstung der kahlen Eifelhöhen, um einer Verkarstung des Mittelgebirges entgegenzuwirken.

Mit Vergnügen und Gewinn liest sich das kleine Werk van der Wycks über die vielfältigen Erscheinungsformen des Vulkanismus und dessen nachhaltige Nutzung. Und das nicht zuletzt wegen seiner vielen Beobachtungen und originellen Randbemerkungen. Aus ihnen spricht seine große Freude am Erfassen von Details auf seinen ausgedehnten Eifelwanderungen. Darin sind die Beschreibungen auch mit seinen reizvollen Landschaftsbildern vergleichbar.


Verweise

  1. Die Eifelbibliothek in der Genovevaburg in Mayen umfasst eine große Sammlung der einschlägigen Literatur. Zum Bestand gehört auch der kleine Band von Harmen Jan van der Wyck. Frau Katrin Heyken danke ich für die stets freundliche und kompetente Beratung.
  2. Siehe dazu v.a. das Standardwerk von Wilhelm Meyer: Geologie der Eifel. Stuttgart 2013. (4. völlig neu bearbeitete Auflage)
  3. Biographische Angaben: Wikipedia (Stand: 2.2.2021) sowie Henri van der Wyck: Ein Holländer am Rhein. Harmen van der Wycks Rheinische Landschaften. In: Leopold Decloedt und Peter Delvaux (Hrsg.): Wessen Strom? Ansichten vom Rhein. Amsterdam - New York 2001. S. 151 - 156.; siehe auch Dietrich Schabow: Hermann Johann van der Wijk: In: Heimatjahrbuch Kreis Neuwied 1975, S. 98 - 100.
  4. Originale befinden sich u. a. in der Sammlung Rheinromantik („sammlung-rheinromantik.de"),
  5. Rheinische Vierteljahrsblätter, Jahrgang 8,1938, S. 8, Anmerkung 39,
  6. Ebenda S. III f.
  7. Der wissenschaftliche Wert des Werks im Kontext der zeitgenössischen Diskussion und vor dem Hintergrund der heutigen Erkenntnisse wird hier nicht untersucht und bewertet.
  8. van der Wyck, S. 62; 9) Ebenda S. 64; 10) Ebenda; 11) Ebenda S. 70; 12) Ebenda S. 77; 13) Vgl. Ute Bales: Vom letzten Tag ein Stück. Zell a. d. Mosel 2021. 14) van der Wyck S. 87; 15) Ebenda; 16) Ebenda S. 111f.; 17) Ebenda S. 113f.; 18) Ebenda S. 115; 19) Vgl. Henri van der Wyck (Anm.3): In seinen „Pinselzeichnungen erkennt man die Akkuratesse und Sorgfalt, aus der der Kartograph spricht, der Geograph-Ingenieur, der uns Nachgeborenen kein romantisches Bild, doch die genaue und festumrissene Vorstellung der landschaftlichen Eigenart bietet." S. 156