von Brigitta Westhäusler, Hillesheim
Das Foto im braunen Holzrahmen hängt neben dem als „Umbau" bezeichneten Möbelstück, das einst in ihrem Wohnzimmer gestanden hat: eine Holzwand mit geschliffenem Spiegel und zwei kleinen Vitrinen links und rechts vom Spiegel. Darunter war zu ihren Zeiten ein breites Sofa. Bei mir stehen zwei Sessel. Das Foto entstand Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts in Dresden, denn meine Großeltern waren nach dem Ersten Weltkrieg in die sächsische Schweiz evakuiert.
Zu diesem Zeitpunkt waren sie etwa Mitte 30 Jahre alt - Opa wurde 1886 und Oma 1887 geboren. Beide blicken ernst, lächeln nicht, folgen wohl den Anweisungen des Fotografen. Fein gemacht haben sie sich! Oma trägt Schmuck und eine elegante Bluse. Opa hat einen Anzug an und einen Schlips umgebunden. Sie sitzen an einem runden Tisch mit einer gemusterten Decke aus Brokat. Oma hat ihre Hände in den Schoß gelegt, Opa legt zärtlich seinen rechten Arm um ihren linken. Man merkt, sie mögen sich, sie verstehen sich, dennoch ist da schon Schrecken und Aufregung des Erlebten in ihren Gesichtern zu spüren. Zum Glück war Opa nicht als Soldat im Krieg. Ein lahmer Fuß befreite ihn vom Kriegsdienst.
Und dann bauen sie sich eine neue Existenz auf, bauen sogar ein Haus in ihrer Heimatstadt Trier. Opa ist handwerklich geschickt und kann unglaublich viel selber machen an Schreinerarbeiten, Malerarbeiten und anderem. Dann kommt der Zweite Weltkrieg, und wieder werden sie vertrieben, diesmal nicht so weit. Bei dem schrecklichen Angriff an Weihnachten 1944 war das Haus beschädigt, aber zum Glück nicht zerstört worden. Und wieder fängt Opa von vorne an. Sieht man jetzt Fotos aus dieser Zeit, so sieht man zwei dünne Gestalten in schlotternden Kleidern und mit verhärmten Gesichtern. Ich, Jahrgang 1946, liebte diese Großeltern über alles. Sie sind die Eltern meiner Mutter. Die Eltern meines Vaters waren entfernter, und es entstand nie die gleiche Herzlichkeit. Meine Haupterinnerungen stammen aus den 1950er Jahren. Mittelpunkt des Lebens war die große gemütliche Küche. Ein großer Küchentisch, an dem nicht nur Essen vorbereitet und gegessen wurde, sondern auch erzählt, gespielt, Hausaufgaben erledigt, gebügelt, gemalt, Zeitung gelesen, Kreuzworträtsel gelöst. Auf dem Küchenschrank stand ein Vogelkäfig mit einem Kanarienvogel, der meist fröhlich sang; in der Ecke war eine Kommode, auf der das Radio stand mit dem grünen Auge und das von morgens bis abends eingeschaltet war. Ein rotes Kanapee stand lange an der Stirnwand, auf dem Opa seinen Mittagsschlaf hielt trotz laufendem Radio. In der Ecke gegenüber war ein echter Spülstein, wie man früher sagte, ein großes Becken aus richtigem Stein. Eines von Opas Hobbys war Fischen. Er fuhr mit der Bahn an die Kyll und blieb dort fast den ganzen Tag. Am Abend leerte er den Behälter in das Becken, und dann zappelten und sprangen manchmal die Fische herum. Ich erschrak jedes Mal, wenn ich das sah. Nicht zu vergessen: der große Herd, der mit seinem Feuer außer in den Sommermonaten die Küche wohlig erwärmte. Es gab auch schon einen Gasherd daneben, aber Suppen wurden immer noch auf dem großen Herd gekocht. Und lustig: Oma machte Bandnudeln selber, und dann trockneten die „Teiglappen" an der Ofenstange, bis Oma sie in schmale Streifen schnitt und kochte. Unbeschreiblich gut waren Omas Bandnudeln! Meine Großeltern hatten einen großen Garten, die Beete wie mit einem Lineal gezogen! Dieser Garten war wie ein Eldorado für mich. Nicht nur, dass man reichlich Beeren direkt vom Strauch naschen konnte, es gab auch ein Gartenhäuschen, das für mich etwas Geheimnisvolles hatte. Seine ursprünglich blaue Farbe war verwittert. Statt Fenstern gab es ein Holzgitter aus Rauten, und wenn die Sonne schien, ergaben sich besondere Licht- und Schattenspiele, die mich faszinierten und meine Fantasie beflügelten. Ein Tisch, ein paar Regalbretter und eine alte Bank bildeten die Möblierung. In der Ecke standen Gartengeräte und die metallene Gießkanne. Angerostete Dosen mit Samen oder anderen geheimnisvollen Tüten standen auf den Brettern. „Nicht anfassen!", hieß es immer. Aber mir genügte es, dazusitzen und den Lichtspielen zuzuschauen oder Opa zu beobachten, wie er Linien zog und vorsichtig Samen in die Erde legte. Spannend war es auch, wenn die Bohnenstangen aufgestellt wurden oder an die Reiser für die Erbsen Silberpapier gehängt wurde, um Vögel zu vertreiben.
Zu Erntezeiten war Hochbetrieb, da kamen auch die anderen, um zu helfen. Es gab alles! Kohl und Möhren, Erbsen und Bohnen und Schwarzwurzeln. Und natürlich Erdbeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren, Birnen. Und einen Apfelbaum, der ein bisschen verkümmert war.
Und wie sah dann die Küche aus! Auch unbeschreiblich die Düfte, die aus den Marmeladentöpfen aufstiegen. Stachelbeermarmelade mochte ich als einzige nicht, weil mir die Kerne nicht angenehm waren. Oma hatte einen interessanten „Helfer" für die Bohnen: einen Zwillingsschneider, der an den Tisch geschraubt wurde. Ich durfte die „gefädelten" Bohnen in die Röhrchen stecken und drehen. Dann kamen auf der Rückseite ganz dünne Scheibchen heraus. Die füllte Oma in Flaschen und goss Salzwasser darüber. Die Flaschen wurden verschlossen, im Topf sterilisiert wie das andere Eingeweckte, und dann gab es im Winter „Schnippelchen-Bohnensuppe". Mir läuft jetzt noch das Wasser im Mund zusammen, wenn ich daran denke.
Und ihre Schwarzwurzeln mochte ich! Die Wurzeln zu säubern war meistens Opas Aufgabe. Der Spülstein war dann schwarz, entsetzlich diese Brühe aus Erde und Schalen! Opas Hände schabten und spülten, und wie durch ein Wunder kamen die weißen Stangen zum Vorschein. Oma kochte sie mit einer weißen Soße. Ich liebte den Geschmack und quetschte die Salzkartoffeln in der Soße. Die schwarze Brühe kam als Dünger in den Garten.
Außer Fischen und Garten- und Ausbesserungsarbeiten hatte Opa noch andere Interessen. Er war ein Vielleser, der sich regelmäßig Bücher auslieh. Es gab ja noch kein Fernsehen, und so beschäftigte er sich mit Vorliebe mit historischen Romanen oder Dokumentationen. Als ich zwölf Jahre alt war, nahm er mich mit in die Bücherei und besorgte mir auch einen Leseausweis. Wie stolz war ich! Bis heute ist Lesen mein wichtigstes Hobby.
Als junger Mann hat Opa für zwei Semester die Kunsthochschule besucht. Er erhielt sogar eine Auszeichnung und eine Urkunde, die noch in Familienbesitz sind. Doch dann musste er abbrechen. In den 1950er Jahren entdeckte er seine Liebe zur Malerei wieder. Er malte hauptsächlich Reproduktionen, die von solcher Feinheit waren, dass sie sein Können unter Beweis stellten. Alle Familienmitglieder besitzen mindestens eins seiner Bilder.
Auch das Malen geschah am Küchentisch. Er hatte eine Tisch-Staffelei und baute seine Utensilien auf. Er liebte das Licht, das durch das Küchenfenster kam. Ich schaute oft zu, wie er eine Skizze anfertigte und dann die Ölfarben auf der Palette mischte. Er benutzte immer nur dünne Pinsel, und darum war der Farbauftrag so fein, auch wenn mehrere Schichten nötig waren. Sein alter Ölfarbenkasten ist noch heute in meinem Besitz. Aber auch für andere Künste interessierte man sich. Opa war mal im Theaterchor, seine Schwester Gewandmeisterin am Theater. Oma liebte es, Geschichten aus dieser Zeit zu erzählen, über Pannen und besonders
Gelungenes, besondere Aufführungen und bedeutende Besuche von Prominenten. Sie verfolgte die Berichte aus der Welt der Oper. 1957 feierten sie Goldene Hochzeit. Das Foto zeigt ein altes Ehepaar, gezeichnet von einem arbeitsreichen Leben und den Schrecken zweier Weltkriege. Oma ist ziemlich füllig, aber dieses Mal zeigt sie ein scheues Lächeln. Stolz trägt sie ein zierliches goldenes Diadem im grauen Haar. Opa steht daneben mit einem Stock. Er ist hager, noch immer aufrecht und schaut mit offenem Blick. Am Tag zuvor hatte die UDSSR den ersten Sputnik ins Weltall geschickt. Eine neue Zeit war angebrochen! Omas Leben war nur Liebe und Fürsorge für die Ihren. Eine Berufstätigkeit wäre für sie nie in Frage gekommen, dennoch hatte sie ein erfülltes Leben und fühlte sich keineswegs benachteiligt. Alle trafen sich in ihrer Küche, und sie wusste immer Rat bei einem starken Kaffee oder einem Gläschen Tokajer, ihr Lebenselixier in schwierigen Fällen. Opa war offen, neugierig, kontaktfreudig und an neuen Entwicklungen interessiert. Wie haben ihn das Sputnik-Projekt fasziniert und dann die weitere Entwicklung der Weltraumfahrt.
Oma starb 1962, Opa 1969. Ihr seid unvergessen!