Zwei, die auszogen, die Vulkaneifel zu lieben

von Michael Spaniol, Wallenborn

Erst wenige Wochen wohnten wir in der Vulkaneifel. Er schnitt die Hecke des Nachbarhauses und sah mich still an. „Vastähste Platt?", fragte der rüstige 70er ohne vorherigen Gruß. Oh ja, ich verstehe und verstand. Da kamen wir uns näher. Er wurde ein väterlicher Freund für mich, den ich in allen Lebenslagen um Rat fragen durfte. „Dau blaifst imma en Dahergeloofenen", sagte er zu mir, da wohnten wir noch nicht lange in der Eifel. Dabei lächelte er verschmitzt und spielte auf unsere saarländische Herkunft an. Er selbst stammt aus dem Nachbardorf, kam als junger Kerl nach Wallenborn „freien", heiratete seine Auserwählte, zeugte mit ihr drei Kinder, blieb lebenslang ihr treuer Ehemann, baute ein Haus, engagierte sich in mehreren Vereinen, war immer und stets hilfsbereit. Dieser alte Jupp half uns in den ersten Jahren, wo immer wir Hilfe brauchten. Ich bin sicher, der liebe Gott hat uns damals diesen handwerklich begabten, aufrechten Eifelmann zur Seite gestellt. „Dau blaifst imma en Dahergeloofenen": Was er in scherzhafter Ironie vortrug, birgt eine tiefere Wahrheit in sich. Die Menschen in der Vulkaneifel sind eine eingeschworene Gemeinschaft. Schon immer gewesen und bis heute geblieben. Du wirst als Zugezogener nicht direkt mit offenen Armen empfangen, du musst dich bewähren. In der Vulkaneifel dauern zwischenmenschliche Annäherungen etwas länger als andernorts, doch wenn dich ein Eifeler ins Herz geschlossen hat, lässt er dich nicht mehr leichtfertig frei. Das sind stolze, treue, oft wortkarge und zurückhaltende Menschen, die hier im Mittelgebirge der Vulkaneifel verwurzelt sind. Auf sie kann man sich verlassen. Vor fast genau 19 Jahren verschlug es meine Frau und mich in die Eifelberge. Berufliche Veränderung und komplette Verlagerung unseres Lebensumfeldes. Der Plan sah so aus: Wir kaufen uns ein bezahlbares Haus, bleiben die zwölfJahre bis zu meinem Ruhestand in der Eifel, verkaufen das Haus wieder und gehen zurück in die Heimat an der Saar. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Ich nehme es vorweg, als die genannte Zeit abgelaufen, mein Ruhestand erreicht war, fragte ich meine Frau, was wir jetzt vorhaben. Darauf lächelte sie spitzbübisch und antwortete: „Ich weiß nicht, wo Du hin willst. Ich bleibe jedenfalls hier in der Eifel." Nun denken Sie bitte nicht, wir hätten uns auseinandergelebt. Ganz im Gegenteil, die Jahre in der Eifel schweißten uns erst richtig zusammen. Unsere Ehe ist intakt, wir sind ein eingespieltes Team, respektieren und lieben uns. Mit all unseren Macken. „Wenn Du hier bleibst, bleibe ich natürlich auch." Wo sollte ich ohne sie auch hin? Der Weg, uns heimisch zu fühlen, war kein Sonntagsspaziergang. Verwöhnt vom milden Klima an der unteren Saar, lernten wir schnell, dass es hier im Mittelgebirge durchschnittlich drei Grad kälter ist als in Merzig. Die Winter sind härter und dauern länger. Der Frühling kommt später und ist kürzer. Weil das nicht schon genug ist, färben sich die Blätter an den Bäumen im Herbst früher als im warmen Saarbecken. Prächtige Farben sind das, doch sie künden den Winter früh an. Wir legten einen kleinen Nutzgarten an und erhielten von alten Nachbarn wertvolle Ratschläge für den Gemüse- und Salatanbau. Wobei Salat hier Schloht heißt. Ebenfalls im ersten Jahr bestellte ich bei der Ortsgemeinde Brennholz für unseren Kachelofen. Mit einer kleinen Baumarktsäge und einem alten PKW-Anhänger wollte ich mich an den langen Buchenstämmen im Wald versuchen. Nun meldeten sich erneut lebenserfahrene Eifelmän-ner zu Wort. Man erklärte dem unerfahrenen Grillholzmann aus dem Saargebiet, dass zehn Festmeter Holz nur mit entsprechendem Sachverstand und anständigem Werkzeug aufgearbeitet werden können und dürfen. Da mir beides fehlte, boten sie mir Hilfe an. Wie dankbar ich den Männern noch heute dafür bin! Uns fehlte sowohl vernünftiges Werkzeug wie auch Erfahrung und Sachverstand. Bereitwillig lieh man uns in den ersten beiden Jahren Werkzeuge und vermittelte mir Wissen. So konnten wir uns in Ruhe ausstatten. Im Gegenzug gaben wir zurück, was wir mit unseren beruflichen und lebensfrohen Fähigkeiten aufzubieten hatten. Schnell spürten wir: Das Leben in den Eifelbergen ist ein Geben und Nehmen. Bis wir mit unserem Haus, dem Garten und allem Drumherum in Einklang waren, gingen ein paar Jahre ins Land. In dieser Zeit entwickelten sich erste Freundschaften und gute Nachbarschaftsverhältnisse. Natürlich umwanderten wir die Maare, radelten auf den bekanntesten Radwegen, dem Maare-Mosel-Radweg und dem Kylltal-Radweg. Doch zu behaupten, wir kennen die Eifel, wäre gelogen gewesen. Noch längst fühlten wir uns hier nicht daheim. Häufig reisten wir an den Wochenenden in die alte Heimat, trafen uns mit früheren Freunden. Jedes Jahr unternahmen wir eine Urlaubsreise ans Meer oder ins ferne Ostdeutschland. Heim- und Fernweh waren unsere Themen im Eifelalltag, der uns oftmals beschwerlich erschien. Der Blick auf das Naheliegende war noch unscharf. Alles braucht seine Zeit.



Einige Jahre vor meinem Ruhestand veränderte sich etwas in uns. Das Heimweh ins Saarland ließ nach. Wir erkannten: Unser kleines Dorf Wallenborn liegt eben nicht „am Ende der Welt", sondern strategisch deutlich günstiger auf der europäischen Landkarte platziert als unsere Heimatstadt. Köln, Bonn, Koblenz, Maastricht und Trier sind auf kurzen Wegen erreichbar. Wer will, ist in wenigen Stunden an der Nordsee. Wir eroberten für uns diese wunderschönen Städte um uns herum, radelten am Rhein, an der Mosel und an der Maas. Picknickten am Rheinufer, sonnten uns in den schönen Parks, lasen in den Stadtgeschichten, futterten Kibbeling auf bunten Marktplätzen, fuhren übers Wochenende ans Meer, bestiegen den Dom, forschten auf Melaten, wanderten auf dem Rotweinwanderweg. Zaghaft erkundeten wir die nahen Ardennen und erlebten die ostbelgische Freundlichkeit in der noch raueren Berglandschaft. Bei einer geführten Wanderung durchs Hohe Venn verliebten wir uns unsterblich ins Hochmoor und vergaßen unsere Reisepläne nach Schottland. Dann lasen wir von der Fertigstellung des Radweges der alten "Venn-Querbahn. In Kronenburg startend, fuhren wir hoch zur Wasserscheide Rhein-Maas und weiter bis Bütgenbach. Sobald die ersten Höhenmeter erklommen sind, empfängt einen ausgedehntes Weideland und ein wunderbar weiter Himmel. Fast wie im Allgäu. Saftige Wiesen, lange, Wind brechende Hecken und Knicks, gesunde Wälder, grasendes Vieh. Eine spürbare Ruhe liegt über diesem Hochland. Immer wieder kleine Liebenswürdigkeiten am Wegrand. Von Liebenden aufgehängte Herzen aus Metall und buntem Glas blinken an den ehemaligen Telegrafenmasten in der Sonne. Wasserbüffel pflegen die Landschaft. In Bütgenbach umrundeten wir den See. Früher zog es mich oft nach Schweden. Plötzlich standen wir in einem kleinen Seitenarm des belgischen Sees und fühlten uns wie am Öjarn, diesem riesigen See nahe dem Polarkreis. Schwedische Naturlandschaft vor unserer Haustür. Im nächsten Frühjahr radelten wir durch Zufall in die Toskana der Eifel. Wirklich zufällig. Die Räder lenkten wir von Hillesheim nach Wiesbaum. Kurz vor dem Dorf fuhren wir aus dem Wald und fühlten uns von diesem unbeschreiblich hohen Himmel überwältigt. Wir fanden die alte Kirche mit der riesigen Linde nebst einer uralten Kirchhofmauer und die Gräber von Tante Hedwig und Mama Else (so steht es auf den Grabkreuzen), zündeten eine Kerze in der Marienkapelle am Ortsrand an und fuhren auf gut Glück nach Nordosten. Was für ein Glück! Kurz vor Alendorf stiegen wir ein in die Toskana der Eifel, bestaunten die Wacholderheiden und hügeligen Weidewiesen. Fanden Orchideen und später im Jahr an gleicher Stelle blühenden Enzian. Besuchten die mittelalterliche Dorfkirche Alendorfs (Annol494) und den Kalvarienberg mit seiner unglaublichen Aussicht. Aßen Fritten in Ripsdorf, durchfuhren das Schafbachtal, querten Nonnenbach, winkten dem Trojanischen Pferd zu und rasteten an der Süntelbuche, dem wohl meist fotografierten Baum der Eifel. Sitzt du unter dem Blätterdach dieses Hexenbaumes, passiert etwas in dir. Wirklich. Was für eine atemberaubend schöne Landschaft. Zurück ging es durch die bezaubernd mittelalterliche Altstadt von Blankenheim. In der Antoniuskapelle bei Schloßthal läuteten wir die Glocke und küssten uns in den hellen Klängen unterm Glockenseil, das bringt Glück. Schlendernd radelten wir durchs schöne Dollendorf und weiter nach Mirbach. Goldener Glanz umfing uns in der Erlöserkapelle, wir zündeten Kerzen an, dankten und beteten für diesen geschenkten Lebenstag. Früher bereiste ich mehrmals die Toskana in Italien. Diesen weiten Weg können wir uns jetzt sparen, denn die Toskana der Eifel ist ebenso liebreizend und liegt direkt vor unserer Haustür. Es folgten Touren auf dem Kalkradweg zu den Nohner Wasserfällen bis ins Ahrtal. In Loogh streichelten wir den Bison, lächelten mit den Wollschweinen und aßen leckeren Eifelcamem-bert. Glückliche Eier aus Kerpen passten gut in unsere Radtaschen und Gedankenreisen mit Fritz von Wille an der Wehrkirche in Berndorf sind herzaufwühlend. Zwischen den Touren gestalten wir unseren Garten zu einer Mischung aus Wohlfühloase und gemüsereichem Bauerngarten. Vom Frühjahr bis in den späten Herbst leuchten bunte Blumen auf unserem Grundstück. Es ist schön geworden, rund um unser altes Eifelhaus. Bereits seit mehreren Jahren sind wir zum Großteil Selbstversorger. Reines Biogemüse. Seit eineinhalb Jahren backen wir unser Brot selbst. Das sind arbeits- und erlebnisreiche Tage voller Erfüllung für unsere Seelen. Ganzjährig füttern wir die Wildvögel im Garten.



Ein Rotkehlchen freundete sich mit meiner Frau an und fraß ihr aus der Hand. In jedem Jahr entdecken wir weitere zauberhafte Orte in unserer neuen Heimat. Der Laacher See ist meine neue Saarschleife geworden. Am Kloster Buchholz lasse ich den Blick in die Ferne schweifen und grüße gedanklich das Saarland am Horizont. Da darf es bleiben, denn wir sind jetzt hier daheim. Angekommen, verwurzelt, zufrieden. Der alte Mann, der mir vor etlichen Jahren prophezeite, ich bliebe immer ein „Dahergeloo-fener", lebt noch. Fast 90 Jahre ist er alt, und wir sehen uns regelmäßig. Kommende Woche pflügen sein Sohn und ich ein Stück Garten auf seinem Grundstück um, damit er noch ein wenig „Schloht" pflanzen kann. An Sommerabenden und im frühen Herbst sitzen wir gerne abends auf unserer Terrasse und blicken, mit einem Glas Wein in der Hand, hinunter ins Dorf auf den Kirchturm. Ein Bild wie ein Gemälde. Gut hier zu leben. Wir haben es gefunden, das Glück in der Vulkaneifel. Unser Fernweh ist vom Eifelwind verweht, wir bereisen nur noch die Eifel, deren angrenzende Landschaften und Städte. Heimweh? Das bekämen wir, müssten wir hier weggehen.