Perspektiven auf „Heimat" in der Eifel

vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute

von Franziska Maria Kaiser, Kelberg


„Leben und arbeiten, wo andere Urlaub machen" — lautet das Schwerpunktthema der diesjährigen Ausgabe des Heimatjahrbuches anlässlich seines 50-jährigen Jubiläums. Hierbei handelt es sich nicht lediglich um ein Thema, eine Buchrubrik, sondern um ein Narrativ, das unterschiedliche Kollektive, Einzelpersonen, Eifler*innen, Unternehmen etc. gebrauchen, um die empfundene Attraktivität der Vulkaneifel als Region zum Ausdruck zu bringen. In der Formulierung wird deutlich, um welche Dimensionen und Perspektiven es dabei geht: Lebensbedingungen und Kultur, wirtschaftliche Faktoren, Arbeitsbedingungen, Tourismus, Mobilität. Der Begriff, der hinter dieser Überschrift steht und zentral im Namen des „Heimatjahrbuches" verankert ist, ist die „Heimat". Heimat ist ein facettenreicher Begriff, der sowohl aus wissenschaftlicher Perspektive, z. B. historisch, soziologisch oder kulturwissenschaftlich als auch persönlich zu greifen ist und kontroverse Denkrichtungen in sich vereint. Heimatdefinitionen sind individuell und verschieden und lassen sich dennoch in kulturhistorische Grundperspektiven und zentrale Begriffsdimensionen einordnen. Einzelne dieser Perspektiven, sowie historische Entwicklungen sollen im Folgenden schlaglichtartig und mit Bezug zur (Vulkan-) eifel beleuchtet werden. Es sei angemerkt, dass die Vielschichtigkeit des Heimatbegriffes keinesfalls umfassend dargestellt werden kann, dennoch sollen einige historische wie gegenwärtige Heimatverständnisse vorgestellt werden, um Kontinuitäten, Wandel und ebendiesen Bedeutungsreichtum des Heimatbegriffs zu veranschaulichen. Der Fokus liegt hierbei auf der Zeit des Nationalsozialismus, die übrigen Betrachtungen sind eher überblickshaft anzusehen.


Blicke auf die „Eifelheimat" vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Zeit des Nationalsozialismus

„Heimat" kann seit dem 19. Jahrhundert als ein gesellschaftlicher Grundbegriff betrachtet werden, der in erster Linie identitätsstiftend verstanden wird. In diese Zeit fällt vor allem die Ästhetisierung und Emotionalisierung der Heimat — Grundmerkmale des Begriffs, die bis in die Gegenwart fortbestehen. Im Zuge dieser Ästhetisierung, der „Heimatliebe", dem daraus resultierenden lokalhistorischen Interesse sowie Naturschutzbestrebungen beginnt die Geschichte der Heimat- und Geschichtsvereine, die sich mit der Bewahrung der „Heimatkultur" und der Repräsentation des als „Heimat" verstandenen Raums nach außen hin auseinandersetzen.

Die Gründung des Eifelvereins 1888 fällt in ebendiese Zeit und der Gründer Adolf Dronke betont die Relevanz der „Erschließung der landschaftlichen Reize des Landes für den Fremdenverkehr [und] für den Besuch der Wanderer" (zit. Nach Fehn, Genese, S.47). Während die Eifel in Bezug auf das 19. Jahrhundert als „Sibirien der Rheinprovinz" galt und zeitgenössische Quellen oftmals die Armut der Bevölkerung und die Kargheit der Landschaft hervorheben, gibt es gleichermaßen Stimmen, die Landschaft und Bewohner*innen der Eifel positiv akzentuieren. Letztere werden in den Folgejahrzehnten gern genutzt, um die Attraktivität der Eifel als Wander- und Kulturlandschaft zu betonen. Im Eifelheimatbuch 1924/25 findet sich beispielsweise ein Artikel, der zusammenfasst „[w]ie ein englischer Tourist die Eifel um 1860 geschildert hat" (Zender, Bonn, S. 343). Wer die Schilderungen des Engländers übersetzt und (gegebenenfalls mit Auslassungen oder Ergänzungen) zusammengefasst hat, ist nicht klar, auch über die Art der Quelle gibt es keine Auskunft. Vermutlich handelt es sich um einen Reisebericht, Tagebucheinträge o. ä. Der mehrseitige Artikel, der eine Reise von Trier über Bernkastel, Wittlich Manderscheid und Mayen sowie die Kontakte zur Lokalbevölkerung beschreibt, schließt mit der Feststellung: „In ähnlicher, oft drastischer Weise schildert nun der Engländer die Weiterreise über Maria-Laach, Adenau und zum Ahrtal und empfiehlt am Schlusse die Eifel als köstliches Wanderland" (Zender, Bonn, S. 343). Das lässt sich lückenlos in die Öffentlichkeitsarbeit des Eifelvereins einordnen, die insbesondere in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre vorangetrieben wurde. Das Wandern wurde immer mehr zum zentralen Betätigungsfeld für die touristische Erschließung der Eifel und zum Ausdruck von „Heimatliebe".

Ein ebenfalls im Eifelheimatbuch 1924/25 publiziertes Gedicht von Jakob Leo Jung (Chicago), das den Titel „Grüße aus Amerika" trägt, veranschaulicht die Funktion von „Heimat" als Sehnsuchtsort, „Heimat" wird hier als Gegenstück zur Fremde gesehen. Für den Autor, der Heimweh empfindet, scheint die Eifel als Heimat identitätsstiftend zu sein:

„Undso wandre ich im Westen, Denke, teure Heimat, dein! Denke dein am frühen Morgen, denke dein in Träumerein! Fort gen Osten! Fort zur Eifel! Zu dir, trautes Heimatland! Wo im Schatten mächtger Eichen Meiner Mutter Hüttchen stand."

(Zender, 1924, S. 349)

Die emotionalisierte Komponente des HeimatbegrifFs wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend politisiert und trägt häufig nationale und auch ideologische Züge. Besonders in der Kriegs- und Zwischenkriegszeit kommt der „Heimat" eine besondere Bedeutung zu, da die „Heimat" als Zufluchtsort eine zentrale Kompensationsfunktion in Krisensituationen übernimmt. Der Heimat-begriff7 erfährt politische Aufladung. Dazu tragen auch die Auseinandersetzungen um nach dem Ersten Weltkrieg im Rahmen des Versailler Vertrags abgetretene Gebiete bei. Immer mehr zeigt sich, dass der Heimatbegriff" nicht nur für regionale Verbundenheit und die damit assoziierte kollektive Sinnstiftung steht, sondern auch im Kontext national konnotierter Begriffe wie Volk oder Vaterland verwendet wird. Diese Entwicklung zeigt, dass der Heimatbegriff" der NS-Bewegung und der NS-Politik keine vollkommen neue Deutungsweise darstellt, die den Menschen aufoktroyiert wurde. Vielmehr wird deutlich, dass das nationalsozialistische Heimatverständnis an bestehende Denkweisen anknüpfen kann und durch (regional verstärkte) Fremdenfeindlichkeit, zum Beispiel durch die Rheinlandbesetzung, auch vielfach auf fruchtbaren Boden fällt. Offensichtlich sind daher auch die Brücken zwischen nationalsozialistischer Ideologie und Heimatvereinen: Die Verwurzelung in der Heimat bedeutet gleichermaßen die Teilhabe an einem Kollektiv, das sich nach außen abgrenzt, und die Pflege seiner (volkstümlichen) Bräuche und Traditionen durch fremde Einflüsse gefährdet sieht. Krisenzeiten befördern auf besondere Weise „wir-die-Unterscheidungen", durch die sich Gruppen abgrenzen und die sich auch in Zeitzeug*in-nenaussagen häufig finden lassen. Während das „wir" das Kollektiv, z. B. einen Verein, einen Familienverband, eine Dorfgemeinschaft oder eine als gemeinsam verstandene politische Denkrichtung meint, wird durch das „die" eine — in der Regel negativ konnotierte — Unterscheidung vollzogen: „die" Franzosen, „die" Juden, „die" Nazis. „Heimat" kann also durchaus ein exkludierendes Identitätskonstrukt darstellen. Ausschnitte aus der Zeitung des Eifelvereins zeigen, wie die nationalsozialistische Heimatvorstellung in dieser regionalen Zeitung rezipiert wird. Bei Betrachtung dieser Quellen muss der historische Kontext des Vereins und der Zeitung berücksichtigt werden.



Geheimrat Kaufmann hält seine Anklagerede (Die Eifel, 1933, S.105)


1933 „wird" der Eifelverein gleichgeschaltet, wie man häufig in historischen Betrachtungen liest. Zweifellos blieb durch die Gleichschaltungsgesetzgebung keine Möglichkeit einer Vereinsexistenz jenseits der nationalsozialistischen Vorgaben. Nichtsdestotrotz verdeckt die Formulierung, dass die neue politische Richtung von vielen Eifelvereins-mitgliedern befürwortet wurde. Man könnte also eher davon sprechen, dass der Eifelverein im Jahre 1933 die Gleichschaltung vollzieht. Mit regimekritischen Stimmen ist in den Publikationen des Eifelvereins zwischen 1933 und dem kriegsbedingten Einstellen des Zeitungsdrucks 1943 folgerichtig nicht zu rechnen, die Artikel sind propagandistisch aufgeladen. Dennoch sollte nicht von „den Nazis" gesprochen werden, die das Vereinsgeschehen lenkten und „den Vereinsmitgliedern", die sich fügen mussten, nichts wussten oder manipuliert wurden. Vielmehr muss deutlich werden, dass die individuelle Einbindung der Eifler*innen in das NS-Re-gime, Zustimmung oder Ablehnung weitaus vielschichtiger gefasst werden müssen — auch im Hinblick auf Vereinsengagement und partizipation. „Heimat" findet sich in beinahe jedem Artikel der Eifelvereinszeitschrift, häufig als Heimatliebe, Heimatschutz, Heimatkunde, Heimatgut, Heimatarbeit, Heimattreue, Eifelheimat, Heimatlieder, Heimatgedanken u. v. m.

Ein Artikel aus der Zeitung des Eifelvereins aus dem Jahr 1933 zeigt sehr anschaulich den Zugriff0 der Politik auf heimatrelevante Themen und den Inszenierungscharakter, der durch NS-Symbolik und -rhetorik hervorgehoben wird. Am 23. Juli 1933 versammeln sich Bürgerinnen am Weinfelder Maar, um gegen die „Verschandelung" des Totenmaares durch die Errichtung einer Schankstätte zu protestieren. Neben dem Rednerpodest prangt eine große Hakenkreuzfahne. Karl Kaufmann, Vorsitzender des Eifelvereins und nationalsozialistisch gesinnt, hält dort seine Anklagerede. Urheber des Artikels ist der gebürtige Beinhausener Dr. Peter Blum, der von 1926 bis 1945 Amtsbürgermeister in Bausendorf und Parteimitglied war. Er gibt Auskunft über den Ablauf und die Hintergründe der Zusammenkunft und ordnet sie mit nationalsozialistischer Begeisterung in den Kontext des Dritten Reichs ein, auch an Heimatbegriffen und wortgewaltigen Ausschmückungen mangelt es nicht. Im Folgenden einige Auszüge:


„Der Heimatschwur der Eifel am 23. Juli 1933. [...]

So war auch dieser Weckruf Eifeler Heimattreue würdig, ernst und eindrucksvoll. Es war mehr als äußerer Anklang an Schillers Teil, wie die Scharen, auch vom Arbeitslager Gillenfeld, über die Höhen geschritten kamen und sich sammelten am Heiligtum unter deutschen Bäumen, um germanisches Volksgericht zu halten über die Entweihung dieser gottgeschaffenen angestammten Eifelerde. Die neuen Fahnen deutscher Erhebung standen sinnvollst wie je vor der alten Kirche Weinfeld als Banner dieser einzigartigen Wallfahrt Eifeler und deutscher Treue. [...] Den großen Einspruch der Bevölkerung und des Eifelvereins formte Herr Geheimrat Kaufmann in Sätzen vulkanischer Härte und Kraft. [...] [Wir] dürfen und wollen [...] hoffen, dass unser Kampf um die Erhaltung unserer schönen Heimat hier zu unsern Gunsten entschieden wird. Der arme bescheidene Eifelbauer als ein in seinem einfachen Empfindungsleben noch ungebrochener Teil unsers Volkes verlangt Schutz dieses Gottesgartens. Der verflossenen Gleichmacherei des Marxismus, die Heimat, Volkstum und Besonderheit in Sitte und Brauch bedrohte, um dafür Vaterlandslosigkeit großzuziehen —, diesem Mahnbild hat die nationale Erhebung unserer Tage ein Ende gemacht. Allerorten, nicht zum wenigsten in der Eifel, findet unser Volk wieder zu sich selbst zurück, zu Heimat und Vaterland. Dieses schwungvolle Gelöbnis zum Reichspräsidenten und Volkskanzler klang aus im Deutschlandlied." Weiterhin resümiert er die Worte der Landesverwaltungsrates Dr. Busley und beschließt den Artikel siegessicher: „Deswegen ist es recht, wenn deutsche Männer und Frauen sich auflehnen gegen die Hand, die an dieses Gotteswerk rührt. Das ist der Rütli-Schwur zur Heimat. Er muss auch die übrigen heimischen Volksgüter umfassen: für das schöne Dorfbild, gegen Reklame-Verschandelung. Er soll aus dem Herzen erwachsen und Gemeingut aller Schichten werden. Das ist Denkmalpflege und Heimatschutz nach dem hehren Wort des Führers in Potsdam! Das Horst-Wessel-Lied klang siegesbewusst ums stille Eifelmaar, und zuversichtlich wanderte die Eifelschar heimwärts."


Überblick über die Protestversammlung (Die Eifel, 1933, S.105)


Sowohl der Verfasser des Artikels als auch die Redner der Veranstaltung waren augenscheinlich nationalsozialistisch eingestellt und die Ausführungen enthalten dementsprechend propagandistische Elemente. Ebenso sollten auch die Fotografien betrachtet werden, die viele Zuschauer*innen unterschiedlichen Alters zeigen, die der parteinahen Versammlung — ob in stiller oder lauter Zustimmung oder Ablehnung — beiwohnten. Sinnbildlich der Mann vorne im Bild, der den Hitlergruß zeigt. Es ist offensichtlich geworden, dass es den Eifler*innen praktisch nicht möglich gewesen ist, sich in dieser Zeit nationalsozialistischer Ideologie zu entziehen und dass ein Großteil der Bevölkerung diese Absicht auch sicherlich nicht hatte. Inwieweit dieses nationalsozialistische Heimatverständnis und dessen exklusive und zunehmend radikale Anteile von den Eifler*innen geteilt oder befürwortet wurde, variiert sicherlich stark. Sicherlich ist das individuelle „Heimatgefühl" nicht zwangsläufig politisch oder ideologisch aufgeladen gewesen. Es kann auch vermutet werden, dass die Nation für manche Eifler*innen bei der Ausbildung ihres „Heimatgefühls" keine Rolle gespielt hatte. Die Überlappungen zwischen individuellem Verständnis, kollektiven Bezugsnormen, politischen Faktoren und sozialer Dynamik sind deutlich geworden. Das zeigt sich auch, wenn man einen Gesamtblick auf die Ausgaben der Zeitung „Die Eifel" und des zugehörigen „Eifelkalenders" wirft. Beide sind keine schillernden Propagandablätter, es überwiegen „unpolitische" Inhalte, Gedichte, Fotografien, die sich auf Natur, Geschichte, Bräuche und Traditionen beziehen. Beide Zeitschriften bekennen sich aber auch eindeutig zu Führer und Nationalsozialismus, was sich wiederum durch Zitate, Artikel und ebenso Fotografien belegen lässt. So stellt der Eifelkalender aus dem Jahr 1943 beispielsweise auf jedem Kalenderblatt ein anderes HJ-Heim aus der Eifel vor, darunter u. a. Adenau, Birresborn, Gillenfeld und Lammersdorf. Georg Schlitt, Schriftführer der Ortsgruppe Mayen und Urheber mehrerer ideologieträchtiger Artikel, führt im Jahre 1934 in einem umfassenden Text aus, warum „der Eifel-Verein [...] Pflegestätte wahrer Volksgemeinschaft" (Die Eifel, 1934, S. 165) sei. Einige Auszüge:


„Nur so und nicht anders ist ihre wuchtige und überzeugende Kraft [der NS-Bewegung] zu erklären, die, weil sie aus der Natur, aus dem Boden der deutschen Heimat geschöpft ist, einzig und allein imstande war, alles Unnatürliche wie hauptsächlich das Nichtvölkische und das Undeutsche sowie das Unsoziale und alles Trennende im Volke mit einem Schlage zu beseitigen und an Stelle dessen die geschlossene deutsche Nation, die Volksgemeinschafi, aufzurichten. [...] Wenn ich nun den Eifelverein herausgreife, so deshalb, weil gerade er als der die ganze Eifel umfassende Heimatverein besonders dazu berufen ist, an der Erreichung der von unserem Volkskanzler Adolf Hitler gesteckten Ziele tatkräftig mitzuhelfen. [...] Der Eifelverein war von jeher das Sammelbecken heimatliebender und damit national gesinnter Menschen. Sein Ziel war immer, Heimatsinn und Heimatstolz zu wecken und zu pflegen, und besonders in der Grenzmark das bedrohte Deutschtum zu wahren und zu schützen. [...] Nicht zuletzt aber wird hierdurch [durch das Wandern] dem großen Ziel der nationalen Bewegung, das deutsche Volk nach den Jahren innerer Zerklüftung und Zerrissenheit wieder zur Gemeinschaft zu führen, ein umso größerer Erfolg beschieden sein."(DieEifel, 1934, S. 165-167)


In diesem Absatz wird weiterhin deutlich, wie die gemeinsamen Unternehmungen, z. B. Wanderungen, aber auch die massenwirksamen Veranstaltungen, wie Volksfeste, Wandertage oder aber auch Versammlungen wie im eben vorgestellten Artikel gemeinschafts- und identitätsstiftend wirken sollten - sowohl ideologieunabhängig als auch für die von den Nationalsozialist*innen propagierte Volksgemeinschaft. In der Kriegszeit bleibt die „Heimat" politische Kampfvokabel und ist auch in der Militärsprache präsent — so zum Beispiel die Heimatfront. Auch auf individueller Ebene, z. B. für Soldaten oder „Heimatvertriebene" spielen „Heimat" oder „Heimkehr" eine wichtige Rolle, die lückenlos in die Nachkriegszeit reicht.


Eifelheimat und Eifeltourismus nach 1945 bis heute

„Heimat" bleibt nach dem Krieg ein zentrales Thema, das sich zum Beispiel im Genre des Heimatfilms widerspiegelt. Mit dem zunehmenden wirtschaftlichen Aufschwung rückt der Diskurs jedoch zunächst in den Hintergrund. Ebenso fällt auf, dass sich „Heimat" wieder vom Nationalen ins Regionale verlagert, wobei hier einzuwenden wäre, dass in ländlichen Regionen wie der Eifel auch vorher ein stark regional geprägtes Heimatverständnis zentral war.

In den 1970ern erstarkt die Heimatbewegung wieder, insbesondere im Zuge der Kritik an der zunehmenden Modernisierung und Technisierung des gesamten Lebens. Diese Entwicklungen wurden auch in der Eifel nicht ausschließlich positiv gesehen. Auch wenn der Strukturwandel zunächst die Arbeit in der Landwirtschaft zusehend erleichterte, hatte er tiefgreifende Auswirkungen auf Beschäftigungsstruktur und Dorfbild. Die landwirtschaftliche Betätigung ging zurück, das Dorf öffnete sich durch die zunehmende Motorisierung — wenn auch langsam — für überregionale Einflüsse. Auch die Bedeutung der neuen Medien wie Fernsehen oder Telefon wurden von manchen Dorfbewohner*innen als Negativtrend für die dörfliche Kommunikation wahrgenommen. Die Sehnsucht nach der „Heimat" als vom Wandel unberührtem Ort der Geborgenheit ist eine Reaktion auf die gesamtgesellschaftliche Beschleunigung. Gleichermaßen bieten die neugewonnene Motorisierung und Anbindung der Eifel infrastrukturelles Potential, um den Fremdenverkehr in der Eifel zu fördern. So wie immer mehr Eifler*innen zu überregionalen Urlaubsreisen aufbrechen, wird auch die Eifel als Tourismusregion selbst attraktiver. Insbesondere der Geotourismus wegen des Eifelvulkanismus boomt in den Folgejahrzehnten. Die „Heimat" wird also zum zentralen Ort von Regionalentwicklung und Tourismus — eine Entwicklung, die in der Gegenwart immer noch fortschreitet und stetig optimiert wird. Und heute? „Heimat hat Konjunktur" (Hänel, 2020, S.69), wie die Ethnologin Dagmar Hänel zutreffend feststellt. Heimat-narrative sind feste kulturelle Bestandteile und zeigen sich in Form von Heimatmuseen oder Heimatpreisen, in der regionalen Werbung oder in Form des Heimatjahrbuches, das jährlich Themen mit „Heimatbezug" aufarbeitet und vorstellt. „Heimat" und regionale Verwurzelung sind im Trend und sind Teil einer spezifischen, sicherlich auch diskussionswürdigen Erinnerungskultur. Weiterhin haben diese „Heimatvorstellungen" eine hohe wirtschaftliche Bedeutung, so wirbt auch der Vulkaneifelkreis insbesondere mit der Attraktivität des Raumes als Lebensort, was der Slogan „Leben, wo andere Urlaub machen" zum Ausdruck bringt. Auch hier lässt sich ein Trend zur Idealisierung und Stilisierung von „Heimat" erkennen. Während Vielseitigkeit und unzählige Möglichkeiten der Region oftmals hervorgehoben werden, muss gleichermaßen beobachtet werden, dass „Heimat" auch heute noch anschlussfähig für rechtspopulistische und rechtsextremistische Strömungen und parteiliche Gruppierungen ist. Insbesondere in Bezug auf politische Integrationsbestrebungen ergibt sich hieraus ein gesellschaftliches Spannungsfeld — auch in der Eifel. Darüber hinaus finden sich nach wie vor historische Relikte in einigen Orten (z. B. KarlKaufmann-Straße), bei denen zumindest über eine Kontextualisierung nachgedacht werden könnte, um so auch einen Beitrag zur historischen Aufarbeitung (der NS-Zeit), die aus oben genannten Gründen für die Gegenwart äußerst relevant ist, zu leisten. Abschließend — Heimatbegriffe wandeln sich. So kann „Heimat" auch weniger statisch und räumlich angesehen werden, sondern mehr als fluide Größe, kulturelle Imagination und von Pluralität geprägter sozialer Prozess. Ein Heimatverständnis, das Offenheit und Diversität fordert und fördert und sich vor allem in der Denkweise der jüngeren Generation wiederfindet: „Es ist sehr wichtig, was du für Leute um dich herum hast, das ist Heimat und Nach-hausekommen." (C.S. 2022)


Quellen:


Literatur