Die Wiese -ein Fall für die Rote Liste?

von Marieluise Bungartz, Trier


Hitzeperioden mit Temperaturen bis zu 40 Grad, Bäche, deren Fluten innerhalb von Minuten kleine Dörfer unter Wasser setzen, Tornados, die Schneisen der Verwüstung hinterlassen: Lange Zeit glaubte man, in unseren Breiten von Unwettern dieser Art verschont zu bleiben. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben uns jedoch gezeigt, dass auch wir in Zukunft vielleicht vermehrt mit wetterbedingten Katastrophen zu rechnen haben. Tornados, Überschwemmungen oder heftige Hagelschläge, die ganze Ernten vernichten können, sind Erscheinungen, die in der Regel jedoch nur in kleinen, begrenzten Räumen auftreten, den Menschen dort aber erhebliche Probleme bereiten.


Herbstzeitlose auf einer Eifelwiese


Zunächst kaum wahrgenommen, ist inzwischen eine Entwicklung zu erkennen, deren Tragweite den meisten von uns erst jetzt ins Bewusstsein rückt: Das Vorkommen von Insekten ist in den letzten 30 Jahren in einem erheblichen Ausmaß zurückgegangen. Jeder ältere Autofahrer hat schon festgestellt, dass nach sommerlichen Autofahrten Motorhaube und Windschutzscheibe nicht mehr wie früher übersät sind von Insekten, die gegen das Auto geflogen waren. Manche Studien (durchgeführt zum Beispiel vom entomologischen Verein in Krefeld) legen dar, dass die Bestände inzwischen zum Teil nur noch ein Viertel der Menge betragen, die es noch um 1980 gab. Laut NABU soll zwischen 1989 und 2014 die Biomasse bei Fluginsekten um 80 Prozent geringer geworden sein. Nicht allein Europa ist davon betroffen; ein Bericht des Weltbio-diversitätsrats spricht von dramatischen Verlusten bei Bienen, Schmetterlingen und anderen bestäubenden Insekten. Bedenkt man, dass bei weit mehr als der Hälfte der wichtigsten landwirtschaftlichen Nutzpflanzen Qualität und Erntemengen von der Bestäubung abhängen, dann wird deutlich, vor welchem Problem wir stehen. Insekten sind darüber hinaus auch in anderer Hinsicht unverzichtbar in der Natur. Pflanzenmaterial, das sie fressen, verdauen und ausscheiden, wird im Boden mit Hilfe von Mikroorganismen umgewandelt, und damit entstehen wieder neue Nährstoffe für Pflanzen. Fleischfressende Insekten verwerten Kadaver, man könnte sie fast als „Gesundheitspolizei" der Natur bezeichnen. Viele Insektenarten fressen jedoch auch andere Insekten und verhindern damit die massenhafte Verbreitung von Schädlingen. Und schließlich dienen sie ihrerseits als Nahrung für Kleintiere wie Mäuse, Eidechsen oder Frösche, nicht zuletzt auch für viele Vögel, die ohne ein entsprechendes Nahrungsangebot nicht überleben können.


Paradies für Schmetterlinge, Bienen und Kiebitze: Die Wiese

Beste Voraussetzungen für das Vorkommen von Insekten und bestimmter Vogelarten bieten Wiesen und Weiden mit einer außerordentlich großen Vielfalt an Pflanzen; vor fünfzig Jahren waren sie noch fast überall üblich. Ein Drittel unserer heimischen Gräser und Blütenpflanzen — mehr als tausend Arten - kommen auf solchen Wiesen und Weiden vor. Sie bieten Nahrung, Schutz vor Feinden sowie die unterschiedlichsten Brutplätze und sind damit ein entscheidender Faktor für das Überleben. Dabei ist Wiese nicht gleich Wiese. Bodenbeschaffenheit, die Lage in sonnigem oder schattigem Gelände, eine größere oder geringere Jahresniederschlagsmenge schaffen unterschiedliche Biotope. Wiese und Weide bieten so unterschiedliche Pflanzengesellschaften Heimat. Befinden sich dort oder in der Nähe noch ein paar Hecken, Bäume oder Altgrasstreifen, erhöht sich das Angebot an Nahrung und Schutz für Insekten und andere Tiere.

Bunte Wiesen mit den verschiedensten Gräsern und Blumen, Schmetterlinge, die über den Blüten schweben, Bienen auf der Suche nach Nektar, an Grashalmen krabbelnde Käfer, Weiden, auf denen ein paar Kühe vor der Mittagssonne Schatten in der Nähe eines kleinen Gebüschs gesucht haben: So sieht unsere Vorstellung einer sommerlichen Wiese wohl immer noch aus. Und bis Anfang der siebziger Jahre waren solche Wiesen und Weiden weit verbreitet — bei uns in der Eifel, aber auch in anderen Regionen.



Vom Flugzeug aus hätte man im Frühsommer auf eine Landschaft geblickt, die wie ein klein-teiliges Mosaik aus vielen grünen, hellgrünen, gelben, gelbgrünen, hellbraunen Teilen wirkte, an den Rändern durchzogen von großen, dunkelgrünen Stücken, den Waldflächen. Damals, noch vor etwas mehr als fünfzig Jahren, waren die Felder und Wiesen in der Eifel wie in fast allen Gebieten mit Realteilung kleine Parzellen, bewirtschaftet von zahlreichen meist kleinen Bauernbetrieben, die in jedem Dorf beheimatet waren. Die Landwirtschaft betraf die Menschen auf dem Land, in den Städten nahm man kaum Notiz davon. Wurden die Bauern früher kaum zur Kenntnis genommen, finden sie sich zur Zeit vor allem angeprangert als Verursacher vieler Umweltschäden, verantwortlich unter anderem auch für das massive Insekten- und Vogelsterben.


Veränderungen in der Landwirtschaft

Die ländliche Idylle, zu der so mancher zurückkehren mag, gab es gar nicht, zumindest nicht für die Bauern. Auf dem Bauernhof war die ganze Familie eingespannt, um Getreide oder Milch zu erzeugen, selbst die Kinder waren gefordert. Das Einkommen der kleineren Betriebe war trotzdem sehr bescheiden. Mit der Flurbereinigung um 1970 wurde der landwirtschaftliche Grundbesitz neu geordnet. Die ehemals sehr kleinen Parzellen wurden zu größeren zusammengelegt und waren dank des Einsatzes von Landmaschinen nun effizienter zu bewirtschaften. Dafür waren zahlreiche Hecken gerodet und Ackerrandstreifen vernichtet worden, die vorher vielen Kleintieren Lebensraum geboten hatten. Mit der Mechanisierung seit Mitte der fünfziger Jahre wurden schließlich nicht mehr so viele Arbeitskräfte in der Landwirtschaft gebraucht. Doch der Kauf eines Traktors, einer Landmaschine oder einer Melkanlage bedeutete eine beträchtliche finanzielle Investition, die sich nicht jeder Betrieb leisten konnte. Zunächst waren es die Kleinbauern, die ihr Land verpachteten oder sogar verkauften und ihren Lebensunterhalt in anderen Wirtschaftsbereichen suchten. Im Lauf der Zeit folgten ihnen immer mehr Bauern, die ihren Betrieb nicht mehr rentabel betreiben konnten, weil die Preise für Milch und Getreide immer weiter sanken.

Folge dieser Entwicklung war vor allem in den alten Bundesländern eine fortschreitende Konzentration auf immer weniger landwirtschaftliche Betriebe. Gab es um 1970 noch über eine Million landwirtschaftliche Betriebe, gibt es heute nur noch ein Viertel davon. Ein wesentlicher Grund für diesen Schrumpfungsprozess ist auch die Subventionspolitik der EU, die die Gelder überwiegend nach Fläche verteilt: Je größer der Betrieb, desto mehr Geld gibt es, je kleiner der Betrieb, desto weniger Geld gibt es. Und in diesem Zusammenhang ist ein großer Unterschied zwischen der ehemaligen Bundesrepublik und den neuen Bundesländern festzustellen, wie die Beispiele des untenstehenden Schaubilds zeigen.


Quelle: Zahlenmaterial bei www.statista.com >Wirtschaft & Politik > Arbeit und Beruf; 10.10.19


Entsprechend klein sind die Beihilfen der EU, die ein hiesiger Betrieb bei immer weiter sinkenden Milch- und Getreidepreisen erhält. Zwar wird den konventionell arbeitenden Bauern gern geraten, auf Biolandwirtschaft umzusteigen, die Biobauern haben trotzdem das gleiche Problem, denn die Nachfrage der Verbraucher nach Bioprodukten ist nicht so groß wie erhofft.

Angesichts des Rationalisierungsdrucks, der vor allem auf kleineren Betrieben lastet, ist es nicht verwunderlich, dass die Landwirte sich gezwungen sahen, insbesondere die Bewirtschaftung des Grünlands umzustellen.


Viehhaltung von gestern — Vorbild für morgen?

Noch um 1960 hatte ein Bauernhof in Nordrhein-Westfalen im Durchschnitt nicht einmal zwölf Kühe. Mit einer solchen Anzahl von Kühen konnte ein Bauer seine Wiesen und Weiden so nutzen, wie es wohl schon seit Jahrhunderten getan wurde. Morgens wurden die Kühe nach dem Melken auf die Weide getrieben, und am späten Nachmittag ging es wieder zurück. Diese Arbeit übernahmen in der Regel die Kinder. Die Stallarbeit dauerte bei zwölf Kühen jeden Tag vier bis fünf Stunden. 365 Tage im Jahr waren Bauer oder Bäuerin so an den Hof gebunden. Im Sommer musste das Viehfutter für den Winter eingebracht werden. Neben Rüben und Getreide war das vor allem Heu. Mitte Juni begann die Heuernte, und für jede der damals kleinen Wiesen benötigte der Bauer drei bis vier Tage. Die Wiesen waren klein, meist nur etwa 35 Ar groß; das war genau die Fläche, die man ohne Maschinen an einem Tag bewirtschaften konnte. Das Flächenmaß „Morgen" trägt noch die Erinnerung an eine Arbeitszeit in sich. In süddeutschen Regionen gab es das Maß „Tagwerk"; das entsprach etwa 30 bis 35 Ar.


Quelle: Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft: Statistik und Berichte d.BMEL


n der Eifel werden viele Wiesen inzwischen bis zu viermal im Jahr gemäht.


Die Wiesen waren nicht nur klein, sie lagen oft auch weit auseinander an ganz verschiedenen Stellen in der Gemarkung, und das bedeutete, dass jedes Mal auch eine erhebliche Zeit für den Weg anfiel. Unter diesen Bedingungen dauerte die erste Heuernte drei bis vier Wochen. Im September, nach der Getreideernte, erfolgte dann der zweite Schnitt. Und wie im Frühsommer entstand für die zweite Heuernte im Jahr der gleiche Arbeitsaufwand - und selbstverständlich haben auch diesmal wieder die älteren Kinder dabei geholfen. Es war also sehr aufwendig, den Wintervorrat für das Vieh zu ernten. Die Menge an Heu, die ein Bauer so erntete, reichte damals aus, um sein Vieh durch den Winter zu bringen.

Dieser immerwährende, gleichmäßige Rhythmus von nur zwei Mahdterminen im Jahr war jedoch für den Erhalt der vielfältigen Pflanzen- und Tierwelt von großer Bedeutung. Ein Drittel aller heimischen Farn- und Blütenpflanzen kommen auf Wiesen und Weiden vor und bieten ihrerseits die Grundlage für das Vorkommen von Käfern, Schmetterlingen, Bienen und anderen Insekten. Die erste Mahd fand nicht vor Mitte Juni statt. Die Wiesenpflanzen hatten so also genug Zeit, zur vollen Blüte zu kommen und konnten auf diese Weise genügend Insekten anlocken. Hier fanden Insekten und andere Kleintiere nicht nur Nahrung, sondern auch Unterschlupf, um ihren Entwicklungszyklus vom Ei bis zum „fertigen" Insekt vollständig zu durchlaufen. Ebenfalls die Vögel, die ihre Jungen in Wiesen ausbrüten, benötigen die Zeit bis Mitte Juni für die Aufzucht der Jungtiere. Da nicht alle benachbarten Wiesen gleichzeitig gemäht wurden, blieb immer noch genug Futter, auch wenn ein oder zwei Wiesen schon gemäht waren. Nach dem Schnitt entwickelten die Wiesenpflanzen sich wieder aus ihrer Basis heraus und regenerierten sich, weil man ihnen genug Zeit ließ und nicht zusätzlich düngte. So war der Septembertermin für den zweiten Schnitt ausreichend, damit die Wiese sich wieder zu einem funktionierenden Ökosystem erneuern konnte.

Dieses zweimalige Mähen, aber auch die Beweidung durch Kühe, Schafe oder Ziegen führt dazu, dass schnell und höher wachsende Pflanzen die kleineren Pflanzen nicht überwuchern, denn diese benötigen zum Gedeihen Helligkeit und Sonne. Auch viele Insekten sind auf die lichten Verhältnisse einer Wiese mit unterschiedlich hohen Gräsern und Blumen als Lebensraum angewiesen, die auch bodenbrütenden Vögeln Schutz bietet. Es genügen wenige Jahre, und aus einer aufgelassenen Wiese mit großer Pflanzenvielfalt entsteht eine Fläche, die zunächst von Gebüsch, später von Wald bestanden ist, damit jedoch deutlich artenärmer wird.


Das Verschwinden der alten Wiesen

War diese alte Art, Wiesen zu bewirtschaften, ökologisch sinnvoll, wurde sie dennoch im Lauf der letzten Jahrzehnte abgelöst von einer ökonomisch ertragreicheren Bewirtschaftung. Um schnelleres, vor allem ergiebigeres Pflanzenwachstum zu erzeugen, begann man, die Wiesen zu düngen. Das hatte aber den Effekt, dass auch hier der Artenreichtum geringer wurde, weil den kleineren oder schwächeren Pflanzen nun Raum und Licht zum Wachsen fehlte. Das Aufbringen von Dünger machte schließlich ein mehrfaches Mähen der Wiesen im Jahr möglich. In der Eifel wird inzwischen meist viermal im Jahr gemäht, in klimatisch günstigeren Regionen sogar fünf- oder sechsmal. Das ist aber nur möglich, da bereits ab Mitte Mai gemäht wird, bevor die Pflanzen zum Blühen kommen, bevor die Jungvögel der Wiesenbrüter flügge sind und bevor Raupen sich zu Schmetterlingen oder anderen Insekten entwickelt haben; sie alle verlieren damit ihre schützende Umgebung. Das gemähte Gras wird in der Regel nicht mehr mühsam und zeitaufwendig zu Heu verarbeitet, sondern zu Silage. Brauchte ein Bauer vor nicht einmal 60 Jahren insgesamt etwa einen Monat, um die Heuernte für ein ganzes Jahr einzubringen, so kann er die entsprechende Fläche heute oft an einem einzigen Tag mähen und das Gras am Tag darauf einfahren. Nun wird in viel kürzerer Zeit viel mehr Viehfutter erzeugt.


Höfesterben

Wollte ein Bauer heute noch wie damals Viehwirtschaft betreiben, also etwa zehn bis zwölf Kühe halten, würde er bei den derzeitigen Erzeugerpreisen für Milch (11 Kühe/ im Jahr durchschnittlich 5000 Liter Milch je Kuh/Literpreis von 0,36 Euro ) im Jahr etwa 19800 Euro erzielen. Im Monat entspricht das einem Lohn von 1650 Euro für die Arbeit von Bauer und Bäuerin sowie teilweise auch für die Mithilfe der Kinder. Von diesem Betrag von 1650 Euro müssten jeden Monat die Beiträge für die Krankenkasse sowie die Rentenversicherung von insgesamt rund 600 Euro oder mehr abgeführt werden. Neben solchen Kosten, die ein Angestellter in der Verwaltung oder in einem Industriebetrieb ebenfalls hätte, fallen Versicherungsprämien an, die für einen landwirtschaftlichen Betrieb deutlich höher sind als für einen normalen Haushalt. Darüber hinaus sind Rücklagen für Investitionen in Haus und Stall sowie für Landmaschinen erforderlich. (Beispiel: Ein Traktor für einen mittleren Betrieb kostet leicht 100 000 Euro). Weiterhin entstehen erheblich höhere Energiekosten für Melkmaschinen und Milchkühlung; schließlich muss auch noch Geld für den Tierarzt da sein. Wie viel bliebe nach Abzug all dieser Kosten noch für den Lebensunterhalt der Familie? Bliebe überhaupt etwas dafür übrig? Ist es angesichts dieser Situation noch verwunderlich, dass in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Bauern ihren Hof aufgegeben haben? Gab es 1970 noch über eine Million Bauernhöfe, so ist inzwischen nur noch ein Viertel davon übriggeblieben, und die Tendenz setzt sich fort. Die verbleibenden Betriebe wurden dagegen größer, erreichen aber trotzdem so gut wie nie die Fläche der ostdeutschen Großbetriebe. Diese sind hervorgegangen aus den landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften der ehemaligen DDR und sind um ein Vielfaches größer als die Bauernhöfe im Westen.


Quelle: Zahlenmaterial des Statistischen Landesamtes Rheinland-Pfalz


Rückgang des Grünlands

Um überhaupt rentabel wirtschaften zu können, musste die Zahl des Viehs deutlich erhöht werden; das war aber schon aus zeitlichen Gründen mit der alten ökologisch wertvollen Wiesen- und Weidewirtschaft nicht mehr möglich. Wo es möglich war, verwandelte man Grünland in Ackerland. Auf dem Grünland wird Silage erzeugt, und schon seit einiger Zeit werden auf ehemaligen Wiesen Energiepflanzen wie Mais angebaut, die den Grundstoff unter anderem für Benzin liefern. Wie viele Bauern geben auch immer mehr Schäfer die Schafhaltung auf. Dazu schreibt das Bundesamt für Naturschutz: „Eine aus Naturschutzsicht besonders besorgniserregende Entwicklung ist zudem in vielen Teilen Deutschlands die Aufgabe der Schaf- und Ziegenhaltung, da vielerorts die Erhaltung von wertvollem Grünland nur durch extensive Schaf- undZiegenbeweidungmöglich ist."1 Wenn sich erst einmal Wölfe angesiedelt haben, dürfte auch die Schafhaltung noch weiter zurückgehen. Zwar werden zunächst die Schutzzäune bezahlt, nicht aber die zusätzliche Arbeit, die mit dem Aufstellen und Abbauen verbunden ist. Und für Schäfer wie Bauern dürfte es sicherlich deprimierend sein, morgens gerissene Tiere auf der Weide vorzufinden, müssen sie doch ohnehin die sehr niedrige Bezahlung ihrer Erzeugnisse als einen deutlichen Mangel an Wertschätzung ihrer Arbeit erfahren.

Ein weiterer Grund für den Rückgang des Grünlands ist die zunehmende Versiegelung des Bodens, vor allem für Siedlungen und Verkehr. Laut Bundesamt für Naturschutz ist die Grünlandfläche in Deutschland von 1991 bis 2017 um rund 8750 Quadratkilometer zurückgegangen. Dies entspricht einer Fläche, die mehr als doppelt so groß ist wie die Kreise Euskirchen, Bitburg-Prüm und Vulkaneifel zusammen - oder 482mal so groß wie die ganze Gemarkung Dollendorf.


Andere Gründe für das Insekten- und Vogelsterben

Inzwischen wird im Zusammenhang mit dem Insekten- und Vogelsterben das Augenmerk auch auf die negativen Auswirkungen der Windräder gerichtet. Dachte man lange, die Flughöhe der Insekten reiche nicht an die Höhe der Rotorblätter heran, erregte eine Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt zu Beginn des Jahres Aufsehen. Sie zeigt, dass die Rotorblätter nicht nur für viele Vögel eine Gefahr darstellen, sondern auch für Insekten, besonders solche, die in großen Schwärmen weite Entfernungen zurücklegen und sich dabei vom Wind treiben lassen und so Höhen von bis zu 1000 m erreichen. Die Rotorblätter, die eine Geschwindigkeit von mehreren hundert Stundenkilometern erreichen, werden auch ihnen zum Verhängnis. Mehr noch dürften die Kleintiere betroffen sein, die am Boden leben. Viele von ihnen haben erheblich feinere Sinnesorgane als wir Menschen und können Infraschall, Luftzug und Vibrationen sehr viel intensiver wahrnehmen und werden dadurch nicht nur bei Nahrungssuche auf Dauer in ihren Lebensmöglichkeiten möglicherweise stark beeinträchtigt. Nur sehr zögerlich wendet man sich Untersuchungen über ökologische Nachteile der Windkraft zu. Eine andere gutgemeinte Maßnahme war der Schutz von Nesträubern wie Elstern und Krähen. Angesichts der Tatsache, dass der Bestand mancher heimischer Vogelarten wie Feldlerchen oder Kiebitze drastisch gesunken ist, sind diese selten gewordenen Wiesenvögel auf besonderen Schutz angewiesen. Nicht angeleinte, frei laufende Hunde, die während der Brutzeit der Vögel deren bodennahe Nester zerstören, können den Bestand noch weiter dezimieren. Inzwischen sind manche Städte schon dazu übergegangen, in Naturschutzgebieten eine Anleinpflicht zu verhängen, um die wenigen verbliebenen Brutpaare zu schützen. Auch in der Dollendorfer Feldflur sind Feldlerchen und Kiebitze nur noch selten zu sehen. Das Rebhuhn, das früher häufig anzutreffen war, ist so gut wie verschwunden. Der Gesang von Feldlerchen und vielen anderen heimischen Vögeln ist auf folgender Internetseite zu hören: https://deutsche-vogelstimmen.de


Wildbiene


Anteil der Ausgaben der privaten Haushalte in Deutschland für Nahrungsmittel, Getränke und Tabakwaren Quelle: Statistik in: www.statista.com/statistik/daten/studie/75719 14.10.19


Nahrungsmittel im Überfluss

Problem erkannt - Problem gebannt? Ein Teil des Problems scheint darin zu liegen, dass eine allzeit verfugbare große Menge und Auswahl an Lebensmitteln das Bewusstsein bei sehr vielen Menschen verdrängt hat, dass diese auch erzeugt werden müssen. Und das Land vermehrt sich nicht, wenn immer mehr Nahrungsmittel gekauft (und verschwendet) werden. Die Bedingungen, unter denen Getreide oder Milch erzeugt werden, interessieren nicht, solange man nur möglichst billig Milch, Brot, Fleisch kaufen kann. Seit der Industrialisierung ist der Anteil der Kosten, die man für Lebensmittel ausgibt, stetig gesunken. Das obige Schaubild zeigt es deutlich: Musste um 1900 noch mehr als die Hälfte (57 Prozent) des Nettoeinkommens für Lebensmittel ausgegeben werden, war der Anteil von 38 Prozent im Jahr 1960 schon erheblich weniger. Heute hingegen gibt man in Deutschland durchschnittlich nur noch 14 Prozent des Nettoeinkommens für Lebensmittel aus (inbegriffen Tabak und Getränke), also nur noch den siebten Teil. Das heißt: inzwischen bleiben durchschnittlich 86 Prozent des Einkommens übrig, von denen man sich gern den zweiten Urlaub, das größere Auto, das Abo für das Fitness-Studio leistet. Wer fragt sich, wie es möglich ist, dass so billige Lebensmittel zu kaufen sind? Möchte man das überhaupt wissen? Schließlich ist es bequem, einfach einen Schuldigen zu benennen für Insektensterben oder Grundwasserverschmutzung usw. statt über Zusammenhänge nachzudenken und dann das eigene Kaufverhalten ändern zu müssen. Vielleicht sind aber auch zu viele Menschen zu weit entfernt von der Natur und von den Bauern, die in und mit der Natur arbeiten. So kann es dann eben kommen, dass es Kinder gibt, die glauben, Kühe seien lila.

Seit jetzt fast sieben Jahrzehnten kennen die Menschen bei uns keine wirkliche Not mehr wie während des Krieges und der Nachkriegszeit. Sie haben sich daran gewöhnt, dass jederzeit ein breites und üppiges Angebot an Lebensmittelsmitteln zur Verfügung steht. Das ist für die meisten so sehr zur Selbstverständlichkeit geworden, dass sie über die wirklichen Bedingungen für die Produktion von Nahrungsmitteln kaum nachzudenken scheinen. Ebenso selbstverständlich nehmen sie unsere immer noch abwechslungsreiche Kulturlandschaft mit Feldern, Wiesen und Wäldern als naturgegeben hin. Das ist sie jedoch keineswegs. Sie ist erst so entstanden, seit vor ein paar Jahrtausenden der Mensch begonnen hat, Landwirtschaft zu betreiben. Vorher war das Land nahezu vollständig von Wald bedeckt. Da Licht und Sonne die Baumkronen oft kaum durchdringen konnten, war dessen Artenvorkommen viel geringer. Viele Pflanzen und Tiere benötigen zum Gedeihen jedoch Licht, Sonne und Wärme. Die aber finden sie in offenen Landschaften. Wollen wir diese Kulturlandschaften und besonders die Wiesen mit ihrer ganzen Vielfalt erhalten oder auch wiederbeleben, weil sie uns Nahrung liefern, aber auch Erholung und Augenweide bieten, müssen wir sie schützen. Das ist eine Aufgabe für uns alle, in die wir investieren müssen, wenn wir unsere Lebensgrundlagen nicht zerstören wollen. Die Bauern haben mit ihrer Arbeit seit Menschengedenken die Kulturlandschaften gepflegt, und die ganze Gesellschaft genoss dadurch den Vorteil eines ökologisch intakten Umfeldes. Wenn die Landwirte das naturschonend wie früher tun sollen, dürfen sie nicht allein diejenigen sein, die die Rechnung dafür zahlen müssen. Wollen wir uns weiterhin an blühenden Wiesen, summenden Bienen, singenden Vögeln, bunten Schmetterlingen und reichen Obsternten erfreuen, müssen auch wir unseren Beitrag dazu leisten, indem wir die Bauern, die mit ihrer Arbeit für deren Erhalt sorgen können, angemessen entlohnen.