von Brigitta Westhäusler, Hillesheim
Am 21. Mai 2021 veröffentlichte der Trierische Volksfreund einen Artikel über Monique Levi-Strauss, deren Erinnerungen auf Deutsch erschienen sind. *1 Ausgerechnet in der Nazizeit kam sie als gebürtige Belgierin und Halbjüdin nach Deutschland und verbrachte die Kriegsjahre 1942 bis 1944 in Gerolstein und schloss in Prüm 1944 ihre Schulzeit mit dem Abitur ab. Die ersten Wochen ihres Aufenthaltes in Gerolstein verbrachte sie mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder im Hotel Dolomit. Der Vater hatte eine Arbeitsstelle im Ruhrgebiet. Die weiteren Ereignisse und Erfahrungen von Frau Levi-Strauss kann man in ihrem spannenden Buch nachlesen. *2
Aber dieses Hotel Dolomit ist es, das mein Interesse geweckt hat. Über seine spätere Zeit als Internat Albertinum gibt es viele Schrift- und Bildzeugnisse, aber über das Hotel fand ich zunächst kaum Hinweise, wurde aber dann doch im Internet fündig. Betrachtet man eine alte Postkarte (Ende de 20er Jahre des letzten Jahrhunderts), so sieht man ein spitzgiebeliges Gebäude, das an der Vorderfront von zwei runden Erkern mit kegelförmigem Dach verschönt wird, an die sich rechts und links je ein eingeschossiger Seitenflügel mit Dachterrasse anschließen. Unter dem obersten Giebelfenster erkennt man das große Schild: „Hotel Dolomit", sowie jeweils an den Seitenflügeln. Zwischen den beiden Erkern befand sich der ursprüngliche Eingang, zu dem man über einen langen Zufahrtsweg und über zahlreiche Stufen durch einen gepflegten Hanggarten und Stützmauern gelangte.
Viele neu gepflanzte Bäume sind zu erkennen. Das Grundstück liegt malerisch am Fuße der Dolomit-Felsen, und nur wenige Nachbarhäuser sind zu erkennen. Man könnte sich auch in der Schweiz oder in Österreich wähnen! Auch am Anfang des Zufahrtsweges steht ein Schild mit dem Namen. Es ist torförmig gebogen und wird abends durch zwei Kugelleuchten erhellt. Das ganze Ensemble strahlt Vornehmheit und Gediegenheit aus. Und der heutige Betrachter denkt: Schade, dass es das Hotel nicht mehr gibt. Durch glückliche Fügung wurde das Gebäude von dem schrecklichen Bombardement an Weihnachten 1944 verschont. War Gerolstein zu 70% zerstört, überlebte das Hotel glücklicherweise.
Aber seine Zeit als Gästehaus war vorüber. Das Bistum Trier interessierte sich für das Gebäude und wandelte es zu einem Internat um. Es wurde erweitert, um genügend Platz für Schüler und Personal zu schaffen. Eine Kapelle wurde angebaut. Das Gymnasium entstand, das Krankenhaus wurde gebaut, der ganze Hang wurde Wohngebiet. Was für ein Unterschied zwischen heute und der Zeit von vor über 80 Jahren! Aber die Zeit der Schüler ist auch vorbei, und nun ist das Haus fast ganz verschwunden hinter hohen Bäumen und Unkraut. Vieles ist zerstört, nur die besondere Vorderfront ist noch zu erkennen.
Das Hotel Dolomit vor den namengebenden Gerolsteiner Dolomitfelsen in den 1930er Jahren.
Durch glückliche Familienbande konnte ich Kontakt zu Stephan Ehses (wohnhaft in Kaisersesch) aufnehmen, der sich auf den Artikel im TV vom 21. Mai 2021 als Zeitzeuge gemeldet hatte. Seine Eltern hatten 1927 das Hotel Dolomit gekauft. Stephan Ehses hat die Familie von Monique Levi-Strauss persönlich gekannt. Und er konnte mir einiges über den Hotelbetrieb erzählen, denn er war von Anfang an mit besonderen Aufgaben betraut worden, bevor er 1943 in den Krieg ziehen musste. Das Hotel war von dem Drogisten Max Hopmann gebaut worden, der sich einen Namen durch den Verkauf von Petrefakten (=Fossilien), Eifeler Mineralien und Gesteinen erworben hatte. Es war komplett eingerichtet mit Eichenmobiliar, Vorhängen und Teppichen. Beim Kauf gab es 17 Fremdenzimmer. Vater Ehses ließ später im hinteren Teil noch einen Stock aufbauen, so dass sie über 28 Fremdenzimmer, meist Doppelzimmer, und einige Dreibettzimmer verfügten. Im Spitzdach waren Zimmer für das Personal. Das Hotel bot viele Arbeitsplätze, weil die Küche z. B. eine Ausbildungsküche war. Herr Ehses erinnert sich auch an einen Oberkellner namens Schwarz, der perfekt Französisch sprach und Bedienungspersonal ausbildete. Das Hotel war immer gut ausgebucht, überwiegend reiche holländische Kaufleute pflegten hier abzusteigen. Höhepunkt im Jahresablauf waren meist die Sylvesterbälle. Betuchte Geschäftsleute aus Nordrhein-Westfalen buchten über die Feiertage.
Die Küche im Internat 1947 mit Waldbreitbacher Franziskanerinnen und Küchenmädchen.
„An Champagner, Hummer und anderen Delikatessen wurde nicht gespart", erzählt Herr Ehses. Ebenfalls unvergessen sind prämierte Kostümbälle. Die besten Masken erhielten z. B. einen üppigen Präsentkorb.
In der Eifel wurde schon immer gerne Karneval gefeiert, so auch im Hotel Dolomit. „Hierzu", berichtet Herr Ehses, „wurden im 1. Stock die Zimmer 10-12 ausgeräumt und als Separees hergerichtet. Diskret konnte man sich dorthin zurückziehen. Und Zimmer 9 wurde zur Garderobe, da man sich meist erst vor Ort verkleidete." „Und Zimmer 1 bis 3", erzählt Herr Ehses weiter, „wurden von Gerolsteiner Geschäftsleuten gebucht, die dort Waren wie Kaffee oder Spirituosen anboten." Es gab eine kleine und eine große Weindiele. Alte Aufnahmen zeigen ein unglaublich elegantes Interieur mit geschnitzten Möbeln und gepolsterten Stühlen. Schimmernde Schabracken mit Quasten hängen von der Decke und an den Fenstern.
Eine andere Aufnahme zeigt den Speisesaal mit Damast-Tischdecken, Kristallgläsern und Silberbesteck. Wein und Essen wurden per Aufzug ins Restaurant transportiert. Das Dolomit war für die damalige Zeit ein Hotel mit hohem Standard. Die Gäste schätzten besonders das Ambiente. Der linke Erker beherbergte das Büro und ein Wohnzimmer, das Restaurant befand sich auf der linken Seite. Am Ende gab es auch ein Podium mit Klavier, und eine Kapelle konnte bei Festen dort Platz nehmen. Der Erker auf der rechten Seite beherbergte zusätzliches Mobiliar und wurde als kleine Weindiele eingerichtet, an die sich die große Weindiele anschloss. „Vor dem Krieg gab es auch ein Freilichttheater", erinnert sich Herr Ehses. Die Stücke wurden unterhalb der Dolomiten aufgeführt. Es waren Ritterspiele und hießen auch ,Elmar-Spiele', weil es um einen Ritter namens Elmar ging. Diese Spiele wurden von der katholischen Kirche gefördert. Von der Theatergemeinde wurde jährlich ein Bühnenball im Dolomit organisiert. Unter Hitler wurden diese Spiele verboten. Ein halbes Jahr vor Kriegsbeginn wurden die Zimmer 18 und 19 von zwei Generälen der Artillerie und deren Burschen belegt. (Generaloberst von Haase und Generaloberst von Brauchitsch) 1939 - 1940 wurde das gesamte Hotel durch den Generalstab „West" besetzt. Mit dem Feldzug gegen Frankreich 1940 wurde der Generalstab wieder abgezogen und weiter westwärts verlegt. Auch der Gauleiter von Koblenz-Trier logierte mehrmals im Hotel zur Kreisleiterversammlung. 1941 wurde der „normale" Hotelbetrieb wieder aufgenommen, konnte jedoch nicht mehr an die Zeit vor 1939 anknüpfen. Als dann 1945 das Bistum Raum für ein Schülerheim suchte, fand man in dem ehemaligen Hotel die idealen Räumlichkeiten. Mit einfachsten Mitteln wie alten Militärbetten und Kisten wurde die Einrichtung der Zimmer vorgenommen. 1945 hatte Familie Ehses das Hotel zunächst an die Stadt Gerolstein vermietet, dann an das Bistum verkauft. Es ging am 1. Dezember 1946 in den Besitz des Bischöflichen Stuhles in Trier über. Es wurde zu einem Internat umgebaut und erhielt den Namen „Albertinum" *3.
Mich stimmt es nur unendlich traurig, dass von der stolzen Vergangenheit nichts mehr zu finden ist. Ich könnte mir vorstellen, dass ein Investor Raum für ein Museum schaffen könnte. *4 Die schöne Vorderfront würde bestimmt viele Leute anziehen. Einige haben es liebevoll „Sanssouci" genannt, andere spöttisch „Busen-Villa".
Egal — aber für „Dornröschen-Schlaf' wirklich zu schade!