von Beate Busch-Schirm, Neuwied
Gelegentlich müssen die Verfasser von Kirchenbüchern, das waren in früheren Zeiten die Pfarrer selbst, auch über äußerst tragische Ereignisse berichten, die sich in Familien ihrer Pfarrei zugetragen haben.
So notiert Pastor Rauch, Pfarrer von Rockeskyll, in seinem Kirchenbuch *1 im Juli 1722 den Tod eines ertrunkenen Mädchens. Als Notabene fügt er dieser Notiz folgenden Nachsatz hinzu:
alius Casus hic status 1722 sub finem mensis Juli anno proxime elapso Adolescentilus propu quotuor annorum nomine Joes Korsten prope pagum Ablatus et seviratus a lupo cuius pars quidem inventa pro toto christiano more in coemiterio nostro sepultua est. Die katholischen Kirchenbücher wurden immer in lateinischer Sprache (Kirchenlatein) geführt
Übersetzt ergibt sich folgender Inhalt:
Ein anderer Fall gehört zum Ende Juli des letztvergangenen Jahres 1722: Ein Junge von etwa vier Jahren mit Namen Johannes Korsten ist beim Dorf von einem Wolf weggetragen und zerrissen worden. Ein Teil des Körpers konnte gefunden werden und wurde dann stellvertretendfür den ganzen Körper nach christlichem Brauch auf unserem Friedhof begraben. *2
Johann Korsten war demnach um ca. 1718 geboren. Weitere Informationen über seine Geburt, seine Eltern, seine Ursprungsfamilie oder über eventuelle Geschwister liefert uns das Kirchenbuch Rockeskyll leider nicht. Wie hatte es zu diesem Angriff kommen können? Der erst 4-jährige Junge wurde möglicherweise beim Spielen in der Nähe seiner Wohnung überrascht. Möglicherweise stammte die Familie des Kindes nicht aus Rockeskyll, sondern gehörte den fahrenden Leuten an, die vorübergehend am Ortsrand lebten. Möglicherweise arbeiteten seine Eltern aber auch auf den Feldern am Ortsrand des Dorfes. Und möglicherweise handelte es sich auch um einen tollwütigen Wolf. Fragen, auf die wir heute keine Antwort mehr finden.
So kann es uns nicht verwundern, dass der Wolf in früheren Zeiten als der „böse" Wolf gesehen wurde. Genau wie in Rotkäppchen, dem Kindermärchen der Brüder Grimm. Auch im Märchen nimmt die Geschichte kein gutes Ende, die Großmutter und das Rotkäppchen werden vom Wolf gefressen, ohne von irgendjemandem gerettet zu werden. Der Bund für Naturschutz in Bayern e. V. spricht auf seiner Seite gar vom Rot-käppchen-Syndrom. *3
Erst fast hundert Jahre später, im Jahre 1811, ernannte König Friedrich Wilhelm III den aus dem hessischen Gladenbach stammenden Forstwissenschaftler Georg Ludwig Hartig zum preußischen Ober-Landesforstmeister. Hartig kümmerte sich intensiv um die Bekämpfung der Wölfe.
In dem von ihm heraus gegebenen „Forst-und Jagdarchiv von und für Preußen" berichtet er in den Jahren 1816 bis 1826 immer wieder über Wolfsfänge als sicheres Mittel zur Vertilgung und Ausrottung der Wölfe. *4 Ziel der Verfolgung des Wolfs in West- und Mitteleuropa, vor allem durch große Treibjagden, war die völlige Ausrottung.
Heute wird die erneute Ansiedelung des Wolfes in unseren heimischen Wäldern immer mehr zum Problem. Seit der Rückkehr der Wölfe hat es hier Deutschland zwar keine tödlichen Angriffe und auch keine aggressiven Annäherungen von Wölfen an Menschen gegeben. Aber immer häufiger lesen wir Berichte von Wölfen, die den Wald verlassen und in der Nähe von Dörfern und Höfen gesehen werden.
Der Wolf hat sich offensichtlich bereits daran gewöhnt, dass vom Menschen keine Gefahr für ihn ausgeht, dass im Gegenteil in der Nähe des Menschen Nahrung zu finden ist. Wolfsgegner und Wolfsbefürworter stehen sich hier unversöhnlich gegenüber. Da der Wolf sich rasend schnell vermehrt, werden auch die Wolfsbefürworter eine Antwort auf die Frage finden müssen, wie in Zukunft die Wolfspopulation zahlenmäßig stabil gehalten werden kann, angesichts der Tatsache, dass der Wolf, vom Autoverkehr abgesehen, keine natürlichen Feinde hat.